Balthasar

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Da ich mittlerweile auch langsam ins Sachdochmalschnell-Alter hinüberrutsche, also in jene gerade für einen Schreibwerker verstörende Übergangsphase, in der man sich die gelegentlichen Wortfindungsstörungen noch mit allerlei kurzfristigen Irritationen und Ablenkungen plausibel zu machen versucht, interessieren mich alle Arten von Gedächtnisausfällen, sowohl akute wie chronische Amnesien, Verwechslungen, Fehlleistungen, bis hin zu Berichten über katastrophales Totalversagen des Gedächtnisses, sowie die gegen dergleichen aufgebauten Eselsbrücken, Hirntrainingsprogramme und logopädischen Therapien. So ist zu erklären, warum ich in den vergangenen Tagen die Autobiographie eines Autors mit wachsender Anteilnahme gelesen habe, der mich als Dramatiker und Satiriker bisher wenig bis gar nicht interessiert hat: Balthasar von Sławomir Mrożek. (A. d. Poln. v. Marta Kijowska. Zürich: Diogenes Verlag, 2007.)

Der Pole Mrożek (* 1930) erlitt am Vormittag des 15. Mai 2002 an seinem Schreibtisch in Krakau einen Gehirnschlag, der zu einem völligen Verlust seiner Sprache führte. Die Aphasie war so total, dass er sogar seinen eigenen Namen ablegte und sich seither mit Bezug auf einen bedeutsamen Traum Balthasar nennt: „Im Dezember 2003 hielt ich mich kurz in Paris auf. Wir wohnten in einem geräumigen Appartement im vierten Stock eines Hauses an der Rue Guynemer, gegenüber des Jardin du Luxembourg. Diese Umstände können wichtig sein im Hinblick auf den Traum, den ich damals hatte. – Ich träumte, daß mein Vor- und Familienname auf einem amtlichen Schreiben auf polnisch gedruckt waren. Die Buchstaben, an die ich mich sehr genau erinnere, stammten von einem Computerdrucker. Gleichzeitig hörte ich eine Stimme, die quasi aus dem Nichts kam. Die Stimme sagte, daß ich bald eine weite Auslandsreise antreten würde. Das beigefügte Dokument würde ich mitnehmen und nach meiner Ankunft den dortigen Behörden vorlegen. Sie würden daraufhin jede meiner Forderung[en] erfüllen, unter der Bedingung, daß ich nie wieder meinen echten Vor- und Nachnamen benutzte. Mein neuer Name sollte Balthasar lauten. – Als ich aufwachte, stand ich stark unter dem Eindruck dieses Traums. Balthasar… Ich war noch nie ein Enthusiast meines Familiennamens gewesen. Er begleitete mich immer als eine langweilige Notwendigkeit. Später, als ich anfing zu schreiben, behielt ich ihn aus Rücksicht auf meinen Vater. Bis zu dem Moment, in dem ich von der Aphasie heimgesucht wurde.“ (Ebd., S. 363 f.) Mit der Unterstützung seiner Logopädin, Beata Mikołajko, gelang es Mrożek, seine Sprachbeherrschung und damit auch sein verbalisierbares Gedächtnis zurückzuerobern, wenngleich nur in seiner Muttersprache, dem Polnischen. Die Sprachen seiner verschiedenen Exile, in Frankreich und zuletzt in Mexiko, blieben unrettbar verloren.

Die Autobiographie, die mit diesem traurigen Ereignis endet, ist zunächst Teil der Therapie und genügt sich insofern selbst. Erst in zweiter Linie zielt das Buch auf ein Leserinteresse, und ob es ernsthaft eine ästhetische oder politische Relevanz beansprucht, bleibt sogar fraglich. Die wenigen Kritiken, die in Deutschland nach dem Erscheinen von Balthasar zu lesen waren, gehen sehr rücksichtsvoll mit dem Autor um, nennen ihn den auch international erfolgreichsten Dramatiker Polens nach dem Zweiten Weltkrieg und erwähnen, dass auch seine absurden Satiren in Kurzprosa über den Alltag unter einem totalitären Regime zu ihrer Zeit viel besprochen und gepriesen waren. Das klingt stellenweise fast so, als hätte Sławomir Mrożek durchaus Chancen gehabt, den Nobelpreis für Literatur wieder einmal nach Polen zu holen, wären ihm nicht 1980 Czesław Miłosz und 1996 Wisława Szymborska zuvorgekommen. Auch werden Dramatiker bekanntlich selten prämiert, nach Beckett 1969 waren Harold Pinter und Dario Fo die einzigen, die den Nobelpreis zugesprochen bekamen. Aber was folgt daraus? Allenfalls, dass es nicht viel bedeutet hätte, Mrożek in Stockholm im Frack zu sehen.

Nun also hat er im Alter noch einmal etwas ganz anderes versucht. Der Gegenstand seines Spottes, die Wurzel seiner Verbitterung, der Quell seiner Ängste: die stalinistische Diktatur, sie existiert ja schließlich längst nicht mehr. Insofern war sein literarisches Aufbegehren in den vier Jahrzehnten von 1950 bis 1990 längst gegenstandslos geworden. Tatsächlich kam seine literarische Produktivität Anfang der 1990er-Jahre vollständig zum Erliegen. Und dann löscht der Hirnschlag auch die Erinnerung, soweit sie sich im Sprachzentrum abgelagert hatte, vollständig aus, der Speicherinhalt ist gelöscht. Aber Balthasar, wie das Wesen jetzt heißt, gibt nicht auf. In jahrelanger mühseliger Anstrengung erobert es sich immerhin eine verständliche, zusammenhängende, erzählbare Geschichte von der eigenen Person zurück.

Die Erzählung verblüfft durch akribische Schilderungen konkreter Situationen, Begegnungen, Erlebnisse, die wie durch ein Vergrößerungsglas und in Zeitlupe betrachtet werden. Und noch etwas fällt auf: Die frühesten Kindheitserinnerungen erscheinen am deutlichsten vor dem inneren Auge des Lesers, während die Präzision und Ausführlichkeit immer mehr abnimmt, je näher die Gegenwart rückt. Bekanntlich ist das Leben für das subjektive Zeitempfinden ja mit Erreichen des Erwachsenenalters zur Hälfte abgelaufen, ganz gleich, welch biblisches Alter man immer erreicht. Dieser Gesetzmäßigkeit scheint die Darstellungsweise des Buches Rechnung zu tragen, das sich ja ausdrücklich Autobiographie nennt und insofern den Anspruch erhebt, ein ganzes Leben in wohl bedachten Proportionen abzubilden. Eben habe ich ein paar von Mrożeks Satiren gelesen (aus: Striptease. A. d. Poln. v. Ludwig Zimmerer. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1965). Ich sehe auch, dass er eine Schach-Geschichte geschrieben hat, ein Thema, das mich prinzipiell interessiert. Aber ich habe ausreichenden Grund zu der Annahme, dass Balthasar das einzige seiner Werke ist, das in fünfzig Jahren noch verdient, gelesen zu werden. Das Thema Kommunismus hat keine Zukunft mehr, das Thema Aphasie hingegen ist mächtig im Kommen.

[Titelbild aus dem besprochenen Buch:  Der kleine Sławomir Mrożek mit seinem Hund Mars.]

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