Heizkissen

Am 8. Oktober, einem Donnerstag, um 13:15 Uhr griff ich zum Hörer und rief in meiner Lieblingsbuchhandlung an. Ich wollte mich erkundigen, warum bloß die Buchhändler bei proust wörter + töne in ihrer E-Mail-Einladung zu einer Lesung in der „Heldenbar“ im Essener Grillo-Theater nicht darauf hinwiesen, dass ihr Gast es mittlerweile immerhin auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2009 geschafft hatte. Wenige Minuten vorher war allerdings die Nachricht über den Äther gegangen, dass der gebürtigen „Banat-Schwäbin“ Herta Müller aus Rumänien, seit 1987 wohnhaft in Deutschland, eine ganz andere Würdigung zuteil geworden war.

In den darauffolgenden Tagen stand bei proust alles auf dem Kopf. Die Veranstaltung wurde zunächst in das Astra-Kino, dann in die Lichtburg verlegt, doch auch dort, im größten Kinosaal Deutschlands, waren die verfügbaren 1.250 Plätze im Handumdrehen ausverkauft. Dann folgte die große Enttäuschung: Herta Müller erkrankte auf der gleichzeitig in Frankfurt zu Ende gehenden Buchmesse, wo sie am Montagabend der Verleihung des Deutschen Buchpreises an Kathrin Schmidt noch in bester Stimmung beigewohnt hatte, an einer fiebrigen Infektion. Die Lesung am Dienstag, dem 13. Oktober musste kurzfristig abgesagt werden. (Sie wird nun am 20. Januar 2010 in der Lichtburg nachgeholt.)

Folgendes Gedankenspiel drängte sich mir auf. Was, wenn die Buchpreis-Juroren sich vor der Nobelpreis-Bekanntgabe ebenfalls für sie als Preisträgerin entschieden hatten? Mussten sie dann nicht zwangsweise von dieser Wahl wieder Abstand nehmen und einen anderen der Shortlist-Kandidaten zu ihrem Preisträger küren, weil sonst die Preisvergabe vom Nobelpreis völlig überstrahlt worden wäre? Und wäre nicht zudem eine doppelte Auszeichnung für Herta Müller als ein Zuviel des Guten empfunden worden, und zwar nicht nur vom Publikum, sondern am Ende gar von der Prämierten selbst? Immerhin konnten sich die Buchpreis-Juroren gegenseitig auf die Schultern klopfen, dass sie die nachmalige Nobelpreisträgerin Mitte September nicht ausgemustert hatten, als sie vor der schwierigen Aufgabe standen, die 20-köpfige Longlist auf sechs Namen zu reduzieren.

Immerhin habe ich nun alle Zeit der Welt, mich auf die Lesung in der Lichtburg einzustimmen, für die ich noch zwei Eintrittskarten ergattern konnte. Ich werde Herta Müllers letzten Roman Atemschaukel lesen. Ich werde mich ein wenig mit dem Schicksal der Banater und der übrigen Donau-Schwaben beschäftigen. Ich werde mich auch einmal gründlicher dem verstorbenen Oskar Pastior zuwenden, mit dem gemeinsam Herta Müller eigentlich ihr letztes Buch hatte herausbringen wollen und dessen zu frühen Tod sie in den ersten Interviews in Frankfurt immer wieder beklagte (s. Titelbild). Und schließlich werde ich, wann immer mir sonst etwas über die diesjährige Nobelpreisträgerin zu Ohren kommt, aufhorchen.

Heute zum Beispiel las ich, dass deren Mutter Catarina in einem „schmucklosen Charlottenburger Mehrfamilienhaus“ wohnt. Dort sitzend „in einem grünen Sessel mit Heizkissen und Decke“ hat sie der Berliner Boulevardzeitung B. Z. ein Interview gegeben. Die nun weltberühmte Tochter ist eine starke Raucherin, was ihre Mutter ihr immer wieder vorgehalten hat, zumal Hertas Vater mit 52 an Lungenkrebs starb. Die Antwort der Tochter lautete: „Mutti, das ist mein Leben.“ Dies zitiere ich nicht aus der Originalquelle, sondern aus einer sogenannten Gesellschaftskritik von Jens Jessen im Magazin der ZEIT (Nr. 44 v. 22. Oktober 2009, S. 11.), deren Fazit lautet: „Schmähen wir also nicht die Boulevardpresse. Auch sie produziert Wahrheiten.“ Vielleicht wird uns Jessen demnächst ja noch verraten, welche Wahrheit er meint, die die Boulevardpresse in diesem Zusammenhang produziert hat. Das Naserümpfen allein reicht noch nicht, um den glaubwürdigen Eindruck zu hinterlassen, dass man ein feiner Mann sei. Man muss schon mindestens deutlich machen, worüber man sich eigentlich mokiert.

[Titelbild: Portraitfoto Oskar Pastior von Isolde Ohlbaum; aus Oskar Pastior: sonetburger. Berlin: Rainer Verlag, 1983, Frontispiz.]

Eine Antwort zu “Heizkissen”

  1. [...] Abend fand nun in der Essener Lichtburg die Buchvorstellung mit Herta Müller statt, die ursprünglich für den 13. Oktober vorigen Jahres angekündigt worden war, als noch niemand wusste, dass die [...]

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