Wenn man blindlings, ohne sich zuvor in der Programmvorschau kundig gemacht zu haben, den Knopf drückt und hineinhört in das, was da zufällig gerade aus dem Lautsprecher quillt, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Hirninnereien aufschäumen wie ein Cocktail aus mentalem und emotionalem Allerlei. Was mich betrifft, so bevorzuge ich in der Regel den geplanten Umgang mit diesem Instrument.
(So kann ich mich zum Beispiel nicht genug darüber wundern, wenn ich zu einem meiner motorisierten Freunde als Beifahrer ins Auto steige und beim Anlassen des Wagens prompt zugleich das Autoradio „anspringt“, sodann vom Fahrer keineswegs aus freien Stücken ausgestellt wird, sondern ich dies ausdrücklich erbitten muss. Dann kommt man mir zwar gnädig entgegen, allerdings stets mit spürbarem Befremden, denn diesen Fahrzeuglenkern ist die Musikbegleitung unterwegs offenbar so selbstverständlich geworden wie eine zweite Karosserie aus Klängen, Stimmen und Geräuschen.)
Für mein Leben mit dem Radio gibt es ja erfreulicherweise dieses detaillierte, liebevoll gestaltete, umfangreiche Programmheft der Sendeanstalt aus Köln, das Monat für Monat rechtzeitig in meinem Briefkasten liegt. Im festen Programmschema interessiert mich fallweise die „Lange Nacht“, ein dreistündiger Potpourri zu aktuellen oder zeitlosen Themen, so im bevorstehenden Oktober am 10. der Altweibersommer, eine „Lange Nacht der Wechseljahre“; mehr aber noch am darauffolgenden Wochenende die Sendung über „Leopold Kohr und seine Erben“, unter dem Titel Die Lehre vom rechten Maß. (Dieser allwöchentliche Sendehöhepunkt ist übrigens in beiden Programmen zu hören, im Deutschlandfunk samstags von 23:05 Uhr bis sonntags um 2:00 Uhr, im Deutschlandradio Kultur samstags von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr.)
Sodann schaue ich immer nach, wer am Sonntag zwischen 13:30 Uhr und 15:00 Uhr bei den Zwischentönen zu Gast ist, um Fragen zu seiner Person zu beantworten und in den Verschnaufpausen dieser manchmal sehr erhellenden, bewegenden Interviews seine Lieblingsmusik zu Gehör zu bringen. So könnte das Gespräch mit der streitbaren Lehrerin Sabine Czerny am kommenden Sonntag Wasser auf meine Mühlen liefern, halte ich doch längstens schon unser Schulsystem für eine Begabungs-Vernichtungs-Maschinerie sonder gleichen, gegen die eigentlich der Kinderschutzbund zu Felde ziehen müsste. Es freut mich, bei Gelegenheit meines Programmstudiums zu erfahren, dass „der letzte Kurfürst von Köln“, Franz-Josef Antwerpes, ebenso noch unter den Lebenden weilt wie Alan Bangs, mit dem ich in jungen Jahren auf manchen „Nachtflug“ gegangen bin. Ob sie heute noch was zu sagen haben? Ich bin gespannt. Alan Bangs jedenfalls hatte zu seinen besten Zeiten eine Menge zu sagen, wie z. B. dies hier über sein Selbstverständnis als experimentierender Radiomoderator: „…hier war ich endlich auf etwas gestoßen, was auch ich auf die Beine bringen konnte, auf etwas, was ich vielleicht besser konnte, als irgendjemand vor mir. – Das hört sich vielleicht ziemlich arrogant an, aber wenn man darüber nachdenkt, dann ist solche Arroganz nur der Ausdruck eines unerschütterlichen Glaubens, eines nicht zu leugnenden Selbstbewußtseins auf einer bestimmten Ebene, egal wie trivial diese einem Außenstehenden erscheinen mag. Es gibt Sachen, die sollte man nur anpacken, wenn man fest davon überzeugt ist, dass man sie besser machen kann als jeder andere. Vor allem, wenn man trotz dieser Gewißheit noch an seinem eigenen Verstand zweifeln oder über seine Arroganz lachen kann …“ (Zit. nach der wunderbaren Bangs-Fansite von Cologneshark.)
Und dann gibt es da noch die in kein Schema passenden, außergewöhnlichen Klangsolitäre, die man nie wieder vergisst, wie zuletzt (am 11. August) die verrückte, von Ronald Steckel initiierte Mauer-Lesung des unvergesslingen Wolfgang Neuss, die anlässlich des Jubiläumsjahres „Zwanzig Jahre Mauerfall“ noch mal im Deutschlandfunk zu hören war und die es dankenswerterweise in Werner Piepers kleinem Verlag The Grüne Kraft auf CD-Hörbuch zu kaufen gibt.
[Wird fortgesetzt. – Das Titelbild zeigt den Umschlag des Oktober-Programms mit Gerhard Richters Übermalung 8. März 2001.]






