Archiv für September 2009

Hörfunk (II)

Mittwoch, 30. September 2009

Wenn man blindlings, ohne sich zuvor in der Programmvorschau kundig gemacht zu haben, den Knopf drückt und hineinhört in das, was da zufällig gerade aus dem Lautsprecher quillt, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Hirninnereien aufschäumen wie ein Cocktail aus mentalem und emotionalem Allerlei. Was mich betrifft, so bevorzuge ich in der Regel den geplanten Umgang mit diesem Instrument.

(So kann ich mich zum Beispiel nicht genug darüber wundern, wenn ich zu einem meiner motorisierten Freunde als Beifahrer ins Auto steige und beim Anlassen des Wagens prompt zugleich das Autoradio „anspringt“, sodann vom Fahrer keineswegs aus freien Stücken ausgestellt wird, sondern ich dies ausdrücklich erbitten muss. Dann kommt man mir zwar gnädig entgegen, allerdings stets mit spürbarem Befremden, denn diesen Fahrzeuglenkern ist die Musikbegleitung unterwegs offenbar so selbstverständlich geworden wie eine zweite Karosserie aus Klängen, Stimmen und Geräuschen.)

Für mein Leben mit dem Radio gibt es ja erfreulicherweise dieses detaillierte, liebevoll gestaltete, umfangreiche Programmheft der Sendeanstalt aus Köln, das Monat für Monat rechtzeitig in meinem Briefkasten liegt. Im festen Programmschema interessiert mich fallweise die „Lange Nacht“, ein dreistündiger Potpourri zu aktuellen oder zeitlosen Themen, so im bevorstehenden Oktober am 10. der Altweibersommer, eine „Lange Nacht der Wechseljahre“; mehr aber noch am darauffolgenden Wochenende die Sendung über „Leopold Kohr und seine Erben“, unter dem Titel Die Lehre vom rechten Maß. (Dieser allwöchentliche Sendehöhepunkt ist übrigens in beiden Programmen zu hören, im Deutschlandfunk samstags von 23:05 Uhr bis sonntags um 2:00 Uhr, im Deutschlandradio Kultur samstags von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr.)

Sodann schaue ich immer nach, wer am Sonntag zwischen 13:30 Uhr und 15:00 Uhr bei den Zwischentönen zu Gast ist, um Fragen zu seiner Person zu beantworten und in den Verschnaufpausen dieser manchmal sehr erhellenden, bewegenden Interviews seine Lieblingsmusik zu Gehör zu bringen. So könnte das Gespräch mit der streitbaren Lehrerin Sabine Czerny am kommenden Sonntag Wasser auf meine Mühlen liefern, halte ich doch längstens schon unser Schulsystem für eine Begabungs-Vernichtungs-Maschinerie sonder gleichen, gegen die eigentlich der Kinderschutzbund zu Felde ziehen müsste. Es freut mich, bei Gelegenheit meines Programmstudiums zu erfahren, dass „der letzte Kurfürst von Köln“, Franz-Josef Antwerpes, ebenso noch unter den Lebenden weilt wie Alan Bangs, mit dem ich in jungen Jahren auf manchen „Nachtflug“ gegangen bin. Ob sie heute noch was zu sagen haben? Ich bin gespannt. Alan Bangs jedenfalls hatte zu seinen besten Zeiten eine Menge zu sagen, wie z. B. dies hier über sein Selbstverständnis als experimentierender Radiomoderator: „…hier war ich endlich auf etwas gestoßen, was auch ich auf die Beine bringen konnte, auf etwas, was ich vielleicht besser konnte, als irgendjemand vor mir. – Das hört sich vielleicht ziemlich arrogant an, aber wenn man darüber nachdenkt, dann ist solche Arroganz nur der Ausdruck eines unerschütterlichen Glaubens, eines nicht zu leugnenden Selbstbewußtseins auf einer bestimmten Ebene, egal wie trivial diese einem Außenstehenden erscheinen mag. Es gibt Sachen, die sollte man nur anpacken, wenn man fest davon überzeugt ist, dass man sie besser machen kann als jeder andere. Vor allem, wenn man trotz dieser Gewißheit noch an seinem eigenen Verstand zweifeln oder über seine Arroganz lachen kann …“ (Zit. nach der wunderbaren Bangs-Fansite von Cologneshark.)

Und dann gibt es da noch die in kein Schema passenden, außergewöhnlichen Klangsolitäre, die man nie wieder vergisst, wie zuletzt (am 11. August) die verrückte, von Ronald Steckel initiierte Mauer-Lesung des unvergesslingen Wolfgang Neuss, die anlässlich des Jubiläumsjahres „Zwanzig Jahre Mauerfall“ noch mal im Deutschlandfunk zu hören war und die es dankenswerterweise in Werner Piepers kleinem Verlag The Grüne Kraft auf CD-Hörbuch zu kaufen gibt.

[Wird fortgesetzt. – Das Titelbild zeigt den Umschlag des Oktober-Programms mit Gerhard Richters Übermalung 8. März 2001.]

Hörfunk (I)

Dienstag, 29. September 2009

Manche mit mir oberflächlich Bekannten verwechseln mein streng selektierendes Verhalten gegenüber den zahlreichen „Segnungen“ moderner Technik mit einem unterschiedslosen Anachronismus, einer undifferenzierten Verweigerungshaltung all dem Gedöns gegenüber, ohne das sie längst nicht mehr leben können und dessen Zweck und Sinn sie deshalb andauernd rechtfertigen müssen.

Es stimmt ja schon, manche dieser vermeintlichen essentials zeitgemäßen Alltagslebens, wie das Auto, das Handy oder das Fernsehgerät, habe ich nicht, entbehre ich nicht und würde es im Gegenteil als eine Einschränkung meiner Freiheit empfinden, müsste ich sie in meinem Wirkungsraum beherbergen und über sie „verfügen“. Nach allem, was ich selbst erfahren habe und an meinen Mitmenschen alle Tage beobachte, ist es nämlich geradezu umgekehrt, dass vielmehr diese Apparate über ihre Besitzer verfügen und sich ihrer bedienen wie omnipotente Tyrannen, die ihre ohnmächtigen Sklaven am Nasenring durch die Manege ziehen.

Aber! Wenngleich ich erstens kein Auto besitze, ja nicht einmal Führerschein und Fahrerlaubnis, so nutze ich doch den öffentlichen Personennahverkehr; den Fernverkehr allerdings nur äußerst selten und nie zu reinen Vergnügungszwecken (Tourismus). Wenn ich zweitens auch kein Handy habe, so verfüge ich doch über einen komfortablen Festnetzanschluss, mit schnurlosem Endgerät, Telefax, Anrufbeantworter usw. Und schließlich, womit wir beim eigentlichen Thema dieses Beitrags wären, verzichte ich zwar dankend auf ein Fernsehgerät – aber keineswegs aufs Radio!

So gehöre ich mit meinen Nächsten zu jener kleinen Gruppe von Haushalten, die bei der Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (GEZ) lediglich als Nutzer eines Rundfunkgeräts, nicht jedoch eines Fernsehers gemeldet sind. Die monatliche Gebühr hierfür beträgt zurzeit 5,76 €. Allerdings schließt diese auch die Nutzungserlaubnis für ein sogenanntes „neuartiges Rundfunkgerät“ mit ein. Gemeint ist damit der Empfang von Rundfunkbeiträgen via Internet und mittels PC oder Laptop. Ursprünglich war ja geplant, bei allen privaten PC-Nutzern mit Internetzugang gleich die Gebühr für Radio und Fernsehen zu erheben, das wären dann monatlich 17,98 € gewesen, also mehr als das Dreifache. Diese Geldschneiderei zu Lasten von uns Fernsehabstinenzlern konnte aber zumindest vorläufig abgewendet werden, weil wohl der TV-Empfang auf dem Rechner qualitativ noch sehr mangelhaft ist, wie ich mir habe sagen lassen, und zudem die Mehrzahl der Sender gar nicht empfangen werden kann.

Die einzigen Radiosender, die ich höre, sind der Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. In unserer vorigen Wohnung, die in einer Senke lag und von hohen Häusern umstanden war, konnte ich beide Programme nur online per Live-Stream von der Website des Senders empfangen. Dann hatte meine Soundkarte einen Knacks und ich musste für längere Zeit ganz ohne Radio auskommen. Jetzt wohne ich vergleichsweise auf einem Berg und habe mir sofort ein schickes kleines Radio (s. Titelbild) zugelegt, auf dem ich immerhin den Deutschlandfunk „reinbekomme“. Nach einem gründlichen Viren-Check ist nun auch meine Soundkarte wieder geheilt und ich kann auf der Website des Senders nach Lust und Laune zwischen beiden Programmen wählen. Aber wie lange noch? Gerade heute entnehme ich dem (übrigens ganz wunderbaren) Programmheft, das mir monatlich zugeschickt wird, dass ab 2010 Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur aus Kostengründen nicht mehr über das digitale Verbreitungsnetz Digital Audio Broadcasting (DAB) gesendet werden können. Wieder mal mache ich die Erfahrung, dass mein spezieller Geschmack offenbar von zu wenigen Zeitgenossen geteilt wird, als dass er zukünftig noch aus öffentlichen Mitteln finanziert werden könnte. Es sollte mich nicht wundern, wenn auf längere Sicht beide Programme ganz dran glauben müssen.

(Wird fortgesetzt.)

Wechselwahl

Montag, 28. September 2009

Je älter ich werde, desto unangenehmer, lästiger wird mir der Urnengang. Ich tu’s bloß noch, dies Kreuzchensetzen, weil’s bekanntlich eine Versündigung an den Vorvätern wäre, die mit Blut, Schweiß und Tränen dies demokratische Recht erstritten haben.

Aber die Wahl kommt mich sauer an, der Wahlzettel liest sich wie die Speisekarte in einem hundsmiserablen Restaurant, wo man zwischen halbgaren Gemüsen, versalzenem Kartoffelbrei und madigem Fleisch zu wählen hat, nach dem Motto: Friss und stirb!

Dass für mich persönlich und die Meinigen vom Ausgang etwas abhängt; dass sich für unser schlichtes Dasein was zum Bessren oder Schlechteren wenden könnte, ob nun Schwarz-Gelb in Berlin regiert oder Rot-Rot-Grün – ich kann daran längst schon nicht mehr glauben.

(Vielleicht, wenn ich noch ein Bildfunkgerät hätte und dort regelmäßig hineinschaute, dann wär’s mir nicht egal, ob ich nun alle Nasen lang den Guido Westerwelle ertragen müsste, oder ob ich dann nicht doch lieber den Franz Müntefering erduldete.)

Die Fragen, die mich beschäftigen, stehen nicht auf der Agenda und schon gar nicht im Programm, keiner dieser Parteien. Wenn doch wenigstens diese Piraten … Ach, es ist ein Elend. Ich hab nicht mal die Wahl zwischen Pest oder Cholera – bloß zwischen eingeschlafenen Füßen und Achselzucken.

[Titelbild: Chaval © Diogenes Verlag, Zürich 1969.]

Orgelkonzert

Montag, 28. September 2009

Nun kenne ich die Evangelische Kirche Rellinghausen auch von innen. Heute gab der international bekannt Organist und Orgelkomponist Gerd Zacher, der seit vielen Jahren in Essen lebt, ein Konzert aus Anlass seines 80. Geburtstags am 6. Juli. Er spielte zum Beginn und zum Abschluss zwei Ricercari aus dem Musicalischen Opfer von Johann Sebastian Bach, sodann drei eigene Kompositionen: Szmaty (1968), Trapez (1993) und Vocalise (1971).

Der Kircheninnenraum ist völlig unbedeutend, seine Schlichtheit bloß gewöhnlich, frei von jedem „negativen Pathos“. Vielleicht fünfzig Personen meist älteren Jahrgangs hatten sich eingefunden. Sie applaudierten der stellenweise geradezu schmerzhaft schrillen und unberechenbaren Musik, vermutlich aber wohl eher ihrem Interpreten, der hier viele seiner Werke uraufgeführt hat, mit Anstand und Ausdauer.

Die viermanualige Orgel der Firma Karl Schuke (Berlin), die hier im Jahr 1968 in Betrieb genommen worden ist, bietet nach den Worten von Sabine Rosenboom, der Kantorin der Evangelischen Kirche Rellinghausen, „reiche Möglichkeiten der klanglichen Kombination der Register (Klangfarben), da die vier verschiedenen Werke – das Hauptwerk, Rückpositiv, Brustwerk und Schwellwerk – eine für diese Größenordnung erstaunliche Vielgestaltigkeit im Miteinander und Gegeneinander des Musizierens“ erlauben.

Ebenfalls aus Anlass des Geburtstags von Gerd Zacher erschien ein Werkverzeichnis des Komponisten, Interpreten und Musikschriftstellers, das von Verena Funtenberger, der Leiterin der Musikbibliothek in der Essener Stadtbibliothek, zusammengestellt und am heutigen Abend kostenlos verteilt wurde. Das Heft hat 136 Seiten und enthält auch eine lesenswerte „Biographie mit Koordinaten“ Zachers von seinem langjährigen Weggefährten, dem chilenischen Komponisten Juan Allende-Blin, sowie ein Gespräch, das Matthias Geuting mit Zacher geführt hat, unter der programmatischen Überschrift: „Je zweckfreier die Musik bleibt, um so hilfreicher wird sie“.

Meine Gefährtin freilich, die ein so viel feineres und geschulteres Ohr hat als ich, konnte dieses Klangerlebnis nicht als reines Vergnügen empfinden. Selbst die Stücke von Bach, den sie doch sonst über alles stellt, waren in Zachers Interpretation gar nicht nach ihrem Geschmack. Ich möchte es mit meinem Interesse an Gerd Zacher damit aber dennoch vorläufig nicht bewenden lassen, gibt es doch allerlei, was meine Neugier wach hält; und sei es die bisher nur im Manuskript vorliegende, kleine Schrift Über den Zufall in der Musik „chance operation and discipline“ (John Cage), die auf S. 102 des Werkverzeichnisses genannt wird.

[Titelbild: Gerd Zacher während der Interpretation Nr. 10 No(-)Music © Anita Jakubowski 1987.]

An Land

Montag, 28. September 2009

Jetzt, da ich tatsächlich schneller als gedacht eine angemessene Unterbringungsmöglichkeit für den größten Teil meiner Bibliothek aufgetan habe, bin ich auf eine Weise wunschlos glücklich, die mich schon wieder misstrauisch macht.

Ich dosiere die Aufenthaltszeiten in meinem neuen Refugium streng, als wollte ich dem Risiko vorbeugen, einer Überdosis zum Opfer zu fallen. Immerhin habe ich nun alles ausgepackt, was noch in den „Bücherkatakomben“ der vorigen Wohnung lagerte. Im nächsten Schritt gilt es, die ca. 65 Kisten aus der K.-Anstalt bei Freund R. heranzuschaffen, doch das hat keine Eile. (Obzwar: Ich brenne drauf!)

Noch reichen ja auch glücklicherweise die Geldmittel, billige Regale anzuschaffen usw. So wird es mir gelingen, zum ersten Mal seit unvordenklichen Zeiten tatsächlich all mein Papier geordnet aufzustellen und greifbar zu haben, ohne quälende Sucherei, die dann doch in der Hälfte der Fälle in ein schmerzvolles Nichtfinden mündet.

Fast ist der Gegensatz zu heftig: zwischen einerseits dem noch vor wenigen Wochen durchlittenen Hundeelend, als ich gewärtigen musste, auf Jahre und Jahre vom größten Teil meiner Schätze und Schätzchen getrennt zu sein, sie zudem eher schlecht als recht untergebracht zu wissen, allen Gefahren ausgesetzt, die mit der Zeit aus Büchern Altpapier werden lassen; und andererseits dem Glück, wie oben angedeutet und ansonsten kaum beschreiblich.

Nun klammere ich mich geradezu an die paar vom Umzug noch verbliebenen Pflichtaufgaben, lästige Trivialitäten wie die endgültige Entrümpelung der „Katakomben“, die bis zum Ende des Monats über die Bühne gegangen sein muss. Das ist das trockene Brot, das jemand hinabwürgt, damit ihm der köstliche Wein nicht zu sehr zu Kopfe steigt.

Neun Grenzen

Montag, 28. September 2009

Ein zynischer Freund merkte in seiner unnachahmlich lakonischen Art neulich an, wenn es auch kein Zuckerschlecken sei, dieses menschliche Dasein im aquarianischen Zeitalter angesichts der bevorstehenden Apokalypse, so könnte sich unsere Generation doch immerhin damit trösten, einen nie dagewesenen und nie wieder zu erwartenden Thrill erleben zu dürfen. Denn die bis zuletzt spannende Frage sei ja, woran die Menschheit nun zugrunde gehe: an einem nuklearen Overkill oder an der Schweinegrippe, an der globalen Erwärmung oder im Gegenteil an einer neuen Eiszeit?

Nun hat eine internationale Gruppe von 28 Umwelt- und Klimaforschern am Stockholmer Resilience Centre unter Leitung des Schweden Johan Rockström ganze neun Grenzen globaler Veränderung definiert, die der Mensch nicht überschreiten dürfe, wolle er seinen Fortbestand auf diesem Planeten nicht durch unumkehrbare Prozesse gefährden. Es betrifft dies im einzelnen folgende menschgemachten „Earth System processes“: (1) Climate change, (2) Ocean acidification, (3) Stratospheric ozone depletion, (4) Atmospheric aerosol loading, (5) Biogeochemical flows: interference with Phosphorus and Nitrogen, (6) Global freshwater use, (7) Land system change, (8) Biodiversity loss und (9) Chemical pollution.

Prof. Johan Rockström verbindet mit seinem warnenden Appell zugleich eine frohe Verheißung, denn er hat gelernt, dass Kassandrarufe ohne Hoffnung bei den Zeitgenossen zum einen Ohr rein-, zum anderen wieder rausgehen: „Die Belastung auf das Erdsystem durch den Menschen hat ein Ausmaß erreicht, das eine plötzliche globale Veränderung der Umwelt nicht mehr ausschließen lässt. Um weiterhin sicher leben zu können, muss sich der Mensch von bestimmten kritischen Grenzbereichen der Umwelt fernhalten und die natürlichen klimatischen, geophysikalischen, atmosphärischen und ökologischen Prozesse respektieren. Das Übertreten der planetarischen Grenzen kann sich verheerend für die Menschheit auswirken. Wenn wir die Grenzen jedoch respektieren, haben wir eine lange strahlende Zukunft vor uns.“

Professor Will Steffen, Direktor des ANU Climate Change Institute der Australian National University, stellt die Forschungsergebnisse in einen geohistorischen Rahmen: „Wir betreten nun das Anthropozän, ein neues geologisches Zeitalter, in dem unsere Aktivitäten die Erdkapazität für Selbstregulierung gefährden. Wir sind dabei, den Planeten aus seinem derzeitigen stabilen Holozän zu drängen, der warmen Periode, die vor ca. 10.000 Jahren begonnen hat und während der sich die Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften, einschließlich unserer eigenen, entwickelt und entfaltet haben. Die zunehmenden menschlichen Aktivitäten können die Belastbarkeit des Holozäns untergraben, das ansonsten für Tausende von Jahren fortbestehen würde.“ Professor Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, weist darauf hin, dass das Klimasystem seit Kurzem vom vertrauten Bereich der historischen Erfahrung abweicht. Das Risiko nicht linearer Veränderungen der Umweltbedingungen hat sich außerhalb dieses Bereichs wesentlich erhöht: „Die Beobachtungen eines beginnenden Klimawandels umfassen den rasanten Rückgang des Meereises im Nordpolarmeer im Sommer, das weltweite Schmelzen beinahe aller Gletscher und einen Anstieg des Meeresspiegels in den letzten 10 bis 15 Jahren.“ (Pressemappe des Stockholm Resilience Centre.)

Die Grenzen zu respektieren würde wohl zuallererst bedeuten, die noch immer exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung augenblicklich in eine lineare zu überführen, besser noch eine Stagnation zu erreichen, wenn nicht gar eine Reduzierung unserer Population. Wie aber sollte dies möglich sein, wenn die einflussreichen Weltreligionen unverdrossen die weitere Vermehrung unserer Spezies predigen, als wären wir noch wie zu Abrahams Zeiten vom Aussterben mangels Masse bedroht und nicht vom Aussterben gerade durch Masse. Zudem würde der Respekt vor den Grenzen unserer Ökosphäre unweigerlich dazu führen, das Postulat grenzenlosen Wirtschaftswachstums aufzugeben. Aber das hat, wenn ich mich nicht täusche, schon der Club of Rome vor fast vierzig Jahren erkannt und propagiert – ohne Erfolg, wie wir wissen.

[Titelbild © Daimler AG, Stuttgart.]

Rundgang (XI)

Montag, 28. September 2009

Ich komme erst allmählich dahinter, dass unsere neue Bleibe wirklich ganz ausgezeichnete Anbindungen an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) hat.

Da sind zunächst die Bushaltestellen der Linien 142, 144 und 194, beinahe „direkt vor der Tür“, aber eben doch nicht so nah, dass sie störten (s. Titelbild). Der 142er bringt mich in drei Minuten zum Stadtwaldplatz (von wo ich in acht Minuten den S-Bahnhof Stadtwald zu Fuß erreichen kann), in acht nach Rüttenscheid. Mit dem 194er bin ich in elf Minuten in Bredeney, in entgegengesetzter Richtung bringt er mich in 13 Minuten nach Steele, in 24 Minuten nach Kray und in einer guten halben Stunde nach Gelsenkirchen. Der 144er ist zwar eigentlich ein „Schulbus“ der nur am frühen Morgen und zur Mittagszeit verkehrt. Aber wenn ich meine Schwiegereltern in Überruhr besuchen will, ist auch diese Verbindung sehr nützlich für mich. Die Straßenbahnhaltestelle der Linie 105 am ehemaligen Rathaus Rellinghausen erreiche ich zu Fuß ohne Eile in fünf Minuten. Mit ihr gelange ich in acht Minuten zum Bahnhof Essen-Süd (mit der S-Bahn-Verbindung Richtung Essen-Hauptbahnhof bzw. nach Düsseldorf und Köln), in 15 Minuten zum Essener Hauptbahnhof und in 24 Minuten zum Berliner Platz.

Die Linie 105 verkehrt an Werktagen im Zehn-Minuten Takt, der 142er und der 194er zwanzigminütig; frühmorgens, spätabends, samstags und an Sonn- und Feiertagen natürlich in größeren Abständen. Allerdings ist meine Heimatstadt Essen, wie übrigens die meisten Städte im Ruhrgebiet, nicht unbedingt ein Mekka für Nachteulen. Die letzte U- oder S-Bahn ab Essen-Hauptbahnhof fährt schon um um 23:23 Uhr! Das hat soeben Matthias Stolt in der immer wieder interessanten Deutschlandkarte gezeigt (in: ZEITmagazin Nr. 38 v. 10. September 2009, S. 10). Aber aus dem Alter bin ich schließlich raus, wo man Spaß daran hat, unter der Woche die Nacht zum Tage zu machen.

Wäre für mich wegen meiner Schwerbehinderung die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht ohnehin bis auf einen Jahresbetrag von 60 Euro für die Wertmarke kostenfrei, dann käme ich in den Genuss der Beförderung mit Bus und Bahn am billigsten mit einem Ticket1000 9 Uhr der Preisstufe A1, für das ich gerade mal 36 Euro monatlich berappen müsste.

Es stimmt schon: Manchmal kommt ein Bus mit Verspätung, hin und wieder werden Fahrgäste in der Bahn durch laute Handytelefonate lästig oder verströmen einen säuerlichen Körpergeruch. Solche kleinen Schönheitsfehler des ÖPNV werden von den Autofahrern, also der erdrückenden Mehrheit der Menschen hierzulande, immer wieder als Begründung bemüht, warum sie sich ein Leben ohne ihre Privatkarossen nicht vorstellen können. Aber ich argwöhne, dass dies nur Ausreden sind und der wahre Grund tiefer liegt.