Umzugsreste (I)

Was den grauenvollsten Umzug angeht, den wir je zu absolvieren hatten, so sind wir jetzt wohl, toi-toi-toi, aus dem Gröbsten raus.

Man tut gut daran, die meisten Erinnerungen an Missverständnisse, Zerstörungen, Verletzungen, Anstrengungen, Ängste, Entsagungen, Verluste und Enttäuschungen zu verdrängen und sich einer erholsamen Zukunft in einer Wohnung zuzuwenden, die es immerhin wert war, all diese Schrecknisse auf sich zu nehmen. Etwas und einiges bleibt aber doch zurück. Nehmen wir für heute nur die kaum noch sichtbare Narbe an der Spitze meines linken Zeigefingers.

Ich war gezwungen, zeitweise ohne jede fremde Hilfe in vier Zimmern ein praktisches Klickparkett zu verlegen, nicht zu verwechseln mit billigem Laminat, da es aus Vollholz besteht, die reine Natur. Aber es funktioniert doch ganz ähnlich. Planken von ebensolchen Abmessungen, wie sie bei dem holzimitierenden Kunststoffboden üblich sind, gilt es ineinander zu fügen, wozu mit Schlagholz, Schlageisen und Hammer zu hantieren ist. Die seit Friedrich Theodor Vischer sprichwörtliche Tücke des Objekts tritt hierbei besonders rücksichtslos in ihre Rechte. Und wenn der Dilettant dann noch die mangelnde Routine durch besinnungslose Wut auszugleichen versucht, ist ein Unfall nahezu unvermeidlich. Eines sommerlichen Julimorgens traf ich mit dem Hammer nicht das Holz, sondern besagten Zeigefinger. Da platzte das Fleisch auf, Blut spritze auf das frisch verlegte Birkenholz,  Panik überschwemmte die verbliebene Vernunft, deren letzter Rest immerhin den wackligen Beinen befahl, Hilfe in einer nahe gelegenen Apotheke zu suchen.

Dabei hatte ich noch das Glück, auf eine trostreiche und patente Apothekerin zu treffen, die mir umstands- und gar noch kostenlos einen tadellosen Wundverband anlegte. Der Schmerz traf erst zehn Minuten später ein und ließ mich nach Luft schnappen. Mein Hausarzt besah sich die Verletzung und bereitete mich darauf vor, dass der Nagel vielleicht gezogen werden müsse. War dies nicht eine aus China bekannte Foltermethode? Ach nein, da waren ja Bambusspitzen mit im Spiel. Außerdem versprach mein Arzt mir für diesen Fall eine örtliche Betäubung. Und außerdem wachse der Nagel ja nach.

Der Nagel musste nicht dran glauben, doch sendet die Fingerspitze sechs Wochen nach dem Missgeschick noch immer irritierende Empfindungen ans Hirn. Jede Berührung mit gleich welchem Gegenstand fühlt sich dort an, als träfe er auf rohes Fleisch. Wenn ich mich rasiert habe, spüre ich auf der Wange, die der rechte Zeigefinger als samtigweich registriert, mit dem linken Zeigefinger ein dichtes Borstenfell. Und weil ich diesen Finger aussparen muss, wenn ich Wechselgeld aus meinem Portemonnaie zusammenlese, entgleiten mir die kleineren Münzen immer wieder und ich komme mir vor wie ein alter Tattergreis. Wie kann ein einziger falscher Schlag im Bruchteil einer Sekunde solch weitreichende Folgen haben!

(Wird fortgesetzt.)

4 Responses to “Umzugsreste (I)”

  1. Michaela Says:

    Meine Tochter klemmte sich einst fürchterlich den Finger. Er wurde dick und pochte, und es wurde klar: Da sammelt sich was unterm Nagel, das kann fies enden!

    Ich schaffte Abhilfe mittels einer Kerze und einer Nähnadel (Letztere versehen mit einem Korken als Griff, sonst verbrennt man sich selbst die Finger): Nadelspitze in der Flamme erhitzen und v o r s i c h t i g den Nagel löchern – geht ganz leicht und tut kein bisschen weh, wenn man nicht unsensibel ins Fleisch durchzieht. Sobald die Hornschicht perforiert ist, tritt der Eiter aus, und schon is’s gut. Kein Druckschmerz mehr, kein Pochen mehr. Und der Nagel war auch gerettet.

    Weiß aber nicht, ob diese Methode in jedem Fall zu empfehlen ist. Ich wünsche gute Besserung!

  2. Revierflaneur Says:

    Das hört sich auch ziemlich fies an. Aber von Eiter konnte in meinem Fall ja glücklicherweise nicht die Rede sein. Mein aktuelles Problem ist die Irritation des Tastsinns an einem Glied, das hierauf mehr als mir bewusst war spezialisiert ist. Ich bin gespannt, ob da in absehbarer Zeit eine Besserung eintritt. Momentan fühlt es sich eher nach Stagnation an. Keine erfreuliche Perspektive. – Der Lederfingerling im Titelbild war übrigens sehr hilfreich beim Möbel- und Kistenschleppen, um noch schlimmere Beschädigungen und schmerzvolle Berührungen zu vermeiden. Man bekommt so etwas in verschiedenen Größen in jeder gut sortierten Apotheke.

  3. Michaela Says:

    Du hattest ja auch eine offene Fleischwunde, eine “regelrecht” geplatze Fingerkuppe. Ekelige Vorstellung.

    Aber ich könnte mir vorstellen, dass wie bei einem durch Abnutzung oder Durchlöcherung empfindlich gewordenen Zahn (sofern nicht übermäßig gelöchert o. Ä.) sich der Nerv nach einer Weile zurückziehen bzw. unempfindlicher werden wird.

  4. Michaela Says:

    Wo ist übrigens all der Jammer geblieben? Jammerschade um den Text!

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