Grabaufhebung

In wenigen Tagen läuft nach vierzig Jahren die Ruhezeit für dieses Urnengrab ab. Deshalb nutzte ich heute eine günstige Gelegenheit, es mir zum ersten und letzten Mal anzuschauen.

Schön, dass es unter einem alten Ahornbaum liegt. Dass der Vorname in dieser Koseform gewählt wurde, lässt Raum für Spekulationen.

Eine sentimentale Regung, die ich für nicht ganz ausgeschlossen gehalten hatte, stellte sich nicht ein. Wieder machte ich die überraschende Beobachtung an mir, dass mich Friedhöfe keineswegs traurig stimmen oder gar bedrücken. Eher im Gegenteil fühle ich mich beschwingt, frohgemut und durch die Beobachtung des Eifers amüsiert, mit dem wacklige Witwen die Gräber ihrer Vorangegangenen pflegen.

Auch mit dem Tod hat der Gottesacker für mein Empfinden nur von Ferne etwas zu tun. Hier passt einmal das pervers missbrauchte Wort Entsorgung und gewinnt seine ursprüngliche Unschuld zurück.

Als meine Begleiter die Frage aufwerfen, wie ich selbst es denn gern hätte, posthum, betreffs die Verbringung der sterblichen Hülle, die dann wohl nicht mehr meine ist, bleibe ich unentschieden und verweigere eine Antwort. Vorläufig reicht mir für diesen Fall, dass ich meine Organe zur Weiterverwendung freigegeben habe. Was mit dem Rest geschieht, scheint mir völlig belanglos.

2 Responses to “Grabaufhebung”

  1. David Porsch Says:

    Lieber Manuel,

    es hat zwar nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun (welches ja auch schon etwas älter ist, worauf ich aber durch das Stöbern in deinem Blog gestoßen bin), aber mit dem Titelbild. Auf diesem sind auf dem Grabstein Verspiegelungen zu sehen. Diese kannst du, wenn du einen Zirkularen Pol-Filter verwendest, wegbekommen.

    Schöne Grüße

    PS. Mein Vater ist nun auch schon seit fast 20 Jahren verstorben. Allerdings finden meine Besuche an seinem Grab weitaus häufiger statt. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil im selben Urnengrab auch meine Großmutter und mein Großvater beigesetzt wurden.

  2. Revierflaneur Says:

    Lieber David,

    die “Verspiegelungen” fielen mir durch Deinen Kommentar erst auf, jedenfalls habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht. Will ich sie durch digitale Bildbearbeitung entfernen? Nein. Diese Verspiegelungen machen ja den Unterschied zwischen dem realen Grabstein I, den es jetzt vermutlich nicht mehr gibt, und dem fotografierten und in meinem Blog konservierten Grabstein II deutlich. In Stein I hätte ich mich spiegeln können, in Stein II nicht. Eher schon würde ich dazu neigen, einen zweiten Beitrag über das Grab meines Vaters zu schreiben, nachdem ich die Stelle ein weiteres Mal aufgesucht und mich davon überzeugt habe, dass der Stein tatsächlich jetzt auch den Weg alles Vergänglichen gegangen ist. Für diesen Beitrag könnte ich dann das auf die von Dir vorgeschlagene Weise bearbeitete Foto verwenden.

    So long

    PS. Dein Postskiptum lässt mich vermuten, dass Du Dich mit mir vielleicht nicht eigentlich über Bildbearbeitung, sondern eher über Vergangenheitsbewältigung austauschen möchtest. Gern. Allerdings bin ich im Moment, wie vorgestern angedeutet, zu stark mit Gegenwartsbewältigung beschäftigt und mit der Verhinderung neuer Gräber, als dass ich mich mit der Pflege alter befassen könnte. Ich bitte um Verständnis.

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