Vorschnelligkeit

„Ich hab jetzt einfach eine andere Schnelligkeit. Ich hab auch gemerkt, wie viel Energie andere aufbringen. Wenn ich in ein Café gehe: Die Zeitung wird geblättert, da wird noch Kaffee … dann hier das Winken, vorne der Stuhl, das muss noch vorne sein, man muss hinten sitzen, vorne rechts … Das ist ein Wahnsinn an Energie, die der Mensch besitzt, ja? Und die Hälfte würde wahrscheinlich schon reichen.”

So Christoph Schlingensief morgen im Interview bei Beckmann in DasErste. Nun habe ich zwar weder eine Glotze noch kann ich in die Zukunft schauen, aber ich bin mittlerweile so langsam geworden, dass die Zukunft schon hinter mir liegt.

Und weil ich so schön langsam bin, kann mir naturgemäß nicht entgehen, dass Christoph hier „Schnelligkeit” sagt, wo er doch eigentlich „Langsamkeit” meint. Auffällig auch, dass er rasend schnell spricht, als müsste er in die ihm gewährte Sendezeit so viel wie eben möglich hineinquetschen. Schlingensief klopft sich auf die Schulter, dass er nur zu dieser einen Talkshow geht mit seiner Leidensgeschichte und seinem Buch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Das soll ein Fortschritt sein?

„Die ersten vier Wochen sind entscheidend.” Damit meint er die ersten vier Wochen nach der Krebsdiagnose.

Ich werde wohl immer die letzten für die wichtigeren halten.

3 Responses to “Vorschnelligkeit”

  1. Günter Landsberger Says:

    Merkwürdig, dass es das Wort “Nachschnelligkeit” nicht gibt. (Obwohl man doch “nachschnellen” kann.)

  2. socursu Says:

    Nun, ersetze ich “Schnelligkeit” durch den Begriff “Tempo”, komme ich dem, was CS wohl meinte, doch recht nahe- so zumindest mein Verständnis.

    Nun habe ich zwar weder Dampfplauderer Beckmann gesehen, noch bringe ich Schlingensief Sympathie entgegen – in seiner Wirkung, seinem Habitus war ist und ist er mir eine rechte “Kotzkanne”, Mitgefühl erwächst nur aus der (für mich nachfühlbaren) Geschichte seiner Erkrankung.

    Und aus dieser Empathie heraus – und aus der Krankengeschichte von Frau no. 1 – mag ich Ihren letzten Absatz nur relativiert für richtig halten- denn sowohl Ihre als auch Schlingensiefs Aussage sind solitär gesehen völlig richtig, meinen aber Unvergleichbares.

  3. Matta Schimanski Says:

    Die ersten Wochen nach der Diagnose “Darmkrebs” bestanden für meine Mutter hauptsächlich aus Entsetzen und Angst, gemischt mit ein wenig Hoffnung (die sich nicht bewahrheitete). Die letzten aus Abhängigkeit, Bettlägerigkeit im KH und morphium-induzierten Halluzinationen, die panische Zustände bei ihr bewirkten.

    Die ersten Wochen nach der Diagnose “Speiseröhrenkrebs” bestanden für meinen Stiefvater aus – wie ich heute glaube: gespielter – Hoffnungsfreudigkeit; nach der OP fiel er ins Koma. Daraus und aus immer weiter sich wieder öffnenden OP-Nähten bestanden dann seine letzten Wochen.

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