Was sich an ihrem Leben geändert habe, seit sie wieder in Arbeit ist – das wurde die ehemalige, langjährige Hartz-IV-Empfängerin Andrea Stilper anlässlich eines Radiobeitrags im Rahmen der „Funkhausgespräche” von WDR 5 gefragt.
Sie fühle sich jetzt einfach gut, klar. Ein Unterschied, der ihr zuerst einfiel, betraf ihren Fernsehkonsum. „Ja, also … ich habe als Hartz-IV-Empf… oder in der Zeit, in der das so war, hab ich doch verstärkt Fernsehn gekuckt, wobei tagsüber auch sehr wenig, das mach ich … das liegt mir nicht. Aber ich hab mehr Fernsehn gekuckt … mh, ja, würd ich sagen, weil ich mich so bisschen aus dem Leben so insgesamt ein bisschen zurückgezogen habe, hab ich auch mehr Fernsehn gekuckt. Jetzt ist das so, dass ich zwar immer noch das eine oder andere … die Sendung sehe, oder Nachrichten oder was mich eben interessiert, aber sehr, sehr viel weniger und – ja: Der Tag ist ganz anders ausgefüllt.” (Tagessatz 4,32 €. Leben und Überleben mit Hartz IV. Sendung mit Jürgen Wiebicke v. 22. Januar 2009.)
Dieses ganz individuelle, persönliche Bekenntnis passt gut zu folgender Kurzmeldung in der FAZ: „Die Fernsehnutzung der Deutschen hat im ersten Quartal 2009 um acht auf im Schnitt 235 Minuten täglich zugenommen. Der Werbevermarkter SevenOne Media führt das auf die Wirtschaftskrise zurück. ,Das Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung steigt‘, kommentierte man die aktuellen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung.” (Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 77 v. 1. April 2009, S. 35.)
Ob der zunehmende Fernsehkonsum tatsächlich dem Bedürfnis der TV-Nutzer zuzuschreiben ist, sich aufgrund der Wirtschaftskrise verstärkt im Fernsehen informieren zu wollen, wie 18 Prozent der Befragten der Sonderanalyse von SevenOne Media behaupteten? Oder ist eher die Erklärung plausibel, die Klaus-Peter Schulz, Vorstand Sales & Marketing der ProSiebenSat.1 Group, für dieses auffällige Phänomen findet: „Die Menschen ziehen sich in ihre eigenen vier Wände zurück, das Bedürfnis nach Ablenkung steigt.”
Acht Minuten mehr oder weniger wären ja nicht der Rede wert, böte sich mit ihnen nicht die Chance, grundsätzlicher darüber nachzudenken, wozu Fernsehen eigentlich taugt und wozu es da ist. Ich weiß es ja schon lange: Die Glotze ist der Verelendungsindikator einer spätindustriellen Gesellschaft. Je mehr Zeit und Raum sie im Alltag der Menschen einnimmt, desto verwahrloster ist deren Kultur, ihre Gefühls- und Traumwelt, ihre Ethik und ihr soziales Miteinander.
[Titelbild: Ellen Burstyn in Requiem vor a Dream von Darren Aronofsky.]
