Minimixa

Papst Benedikt XVI. gibt die Richtung vor und seine Getreuen machen’s nach, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Das festtägliche Ablassen Ärgernis erzeugender Provokationen gehört mittlerweile schon zum postmodernen Ritus der katholischen Kirche. Diesmal war es erneut Bischof Walter Mixa (67), der sich absichtsvoll im Ton vergriff – und prompt sprang die liberale Presse darauf an, und in den Internetforen schäumte der Volkszorn.

Was hat Mixa nun eigentlich gesagt? Die vom Nationalsozialismus und Kommunismus begangenen Massenmorde seien eine unmittelbare Folge des um sich greifenden Atheismus gewesen. Wieder einmal habe ich allen Grund, solch einen offenbar tiefgläubigen Kirchenmann zu beneiden. Wie gemütlich muss er es doch haben, da er sich seine Welt und deren Geschichte mit so schlichten Schwarzweißmalereien zurechtlegen kann.

Leider ist diese neueste Pointierung des klerikalen Standpunkts – nennen wir den Quatsch mal so – kaum zu einer Erwiderung tauglich. Noch wer ihn halbwegs ernst nähme, machte sich so lächerlich wie etwa jene(r) „Tobermory” im Spon-Forum, der/die sich zu dieser Erkenntnis aufschwingt: „Nicht jeder Atheist ist ein potentieller Massenmörder. Umgekehrt ist nicht jeder Katholik ein Widerstandskämpfer.” Wer hätte das gedacht?

In die gleiche unterste Schublade gehört heuer zu Ostern der Protestschrei von Markus Hörwick (52), Sprecher des Fußball-Clubs Bayern München e. V., der etwas gefunden hat. Es war aber kein Osterei, sondern „vielleicht die schlimmste Entgleisung, die es in den deutschen Medien jemals [!] gegeben hat.” Vermutlich kennt Hörwick den Stürmer nicht, sonst müsste ihm die Geschmacklosigkeit seines Superlativs unmittelbar einleuchten.

Mittlerweile sind wir dort angelangt, wo Fußball längst viel mehr als die wichtigste Nebensache und Religion längst viel weniger als die unwichtigste Hauptsache der Welt ist: ganz unten. Schlechte Zeiten für Zeitkritiker.

3 Responses to “Minimixa”

  1. Matta Schimanski Says:

    Paul Verhoeven wurde heute in der WAZ mit folgenden Worten zitiert:
    “Für mich gilt der alte Satz der Atheisten: Gott existiert nicht, aber ich vermisse ihn sehr.” Naja.

  2. Revierflaneur Says:

    Ähnlich dämlich fand ich immer schon Nietzsches “Gott ist tot.” Eher doch wohl so: “Gott lebt. Aber er ist leider verrückt geworden. Sonst hätte er kaum den Menschen erschaffen.”

  3. Günter Landsberger Says:

    Nietzsches “Satz” wird ja auch meistens falsch ohne den erforderlichen Kontext zitiert. Vgl. Friedrich Nietzsches philosophische Parabel “Der tolle Mensch” und darin: “Wir haben ihn getötet, ihr und ich”. An anderer Stelle liefert Nietzsche selber eine Übersetzungsversion des “Satzes”: Gott sei tot, heiße, der christliche Glaube an Gott sei unglaubwürdig geworden in Europa. (Nachzulesen in: “Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat”). Für Nietzsche ist Atheismus nicht in erster Linie eine theoretische Angelegenheit, sondern eine eminent praktische. Die “Praxis der Bekenner” steht in erster Linie auf der Anklagebank. Deswegen ist in Nietzsches Texten in diesem Zusammenhang so viel von Tun, Tätigkeit und Handeln die Rede, parabolisch auch von Untat und Mord.

    Und vorher schon Hegel. Auch da mit anderem Sinn! – liest man (in etwa wörtlich): ” “Gott selbst ist tot”, heißt es schon” – anders als bei Nietzsche auf Karfreitag bezogen (GFL) – “in einem alten Lutherischen Liede.” Und dann Heines Legendenbildung: Kant habe als unerbittlicher Kritiker der “Kritik der reinen Vernunft” den alten Gott Jehova “über die Klinge springen lassen”, dann aber Mitleid mit seinem Kammerdiener Lampe gehabt und Gott durch die Hintertür (als Postulat) wieder eingeführt.

    Übrigens: Den “Monolog des wahnsinnig gewordenen Weltschöpfers” kennen wir alle möglicherweise ja bereits aus den “Nachtwachen des Bonaventura” des frühen 19. Jahrhunderts. Und der dort steht wiederum in einem eigenen und anderen Kontext, auch wenn die verschiedenen dichterischen Gestaltungen des neuzeitlichen Atheismus nationalliteraturenübergreifend, also weltliterarisch und philosophisch relevant, nicht nur zusammengesehen werden könnten, sondern auch sollten.

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