Wintergarten

Die große Zeit des Varietés wird Ende dieses Monats wohl endgültig zu Grabe getragen, wenn im „neuen” Wintergarten in der Potsdamer Straße in Berlin der letzte Vorhang fällt. Schaut man zurück, so war die Renaissance der Varieté-Theater seit den 1980er-Jahren wohl nicht viel mehr als das letzte Aufflackern eines in der ersten Jahrhunderthälfte so überaus erfolgreichen Unterhaltungsangebots in den Großstädten der westlichen Welt. Nostalgie und das atemberaubende Erlebnis unmittelbarer Erfahrung artistischer Glanzleistungen allein erweisen sich spätestens angesichts der aktuellen Weltfinanzkrise für das zahlende Publikum der bürgerlichen Mittelschicht als zu schwache Motive, sich für einen Abend im Varieté aus dem Fernsehsessel hochzuschwingen.

Um 1900 gab es in der Reichshauptstadt Berlin nahezu 80 Varieté-Theater, unter denen der Wintergarten am Bahnhof Friedrichstraße seit 1889, neben dem benachbarten Apollo-Theater, als „erste Adresse” galt. Solche Vergnügungsstätten eröffneten zunächst den Zirkuskünstlern – Clowns, Jongleuren, Zauberern, Pantomimen, Dresseuren und Trapezartisten – die willkommene Gelegenheit, in der kalten Jahreszeit zu überwintern. Bald bot sich diesen Reisenden in Sachen Amüsement hier aber zudem die Chance, sich vor einem anspruchsvolleren Publikum als die jeweils Besten ihres Genres bekannt zu machen und damit den Sprung aus dem Sägemehl der Zeltarena aufs noblere, blitzblank polierte Parkett einer weltstädtischen Bühne zu schaffen. So gelten die Clowns Charlie Rivel und Grock, der Wunderjongleur Enrico Rastelli [s. Titelbild] und der Entfesselungskünstler Harry Houdini, die alle auch im Wintergarten auftraten, selbst heute noch als bekannte Meister ihres Fachs, während ungezählte weniger virtuose Zirkuskünstler jener Zeit längst vergessen sind.

Es ist wohl eine tragische Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet im Berliner Wintergarten am 1. November 1895 eine brandneue Volksbelustigung ihre Premiere feierte, die diesem und allen ähnlichen Etablissements, rückblickend betrachtet,  den Todesstoß versetzen sollte. An jenem denkwürdigen Tag führten die Brüder Max und Emil Skladanowsky dort als „Schlussnummer” zum konventionellen Varieté-Programm mit ihrem „Bioscop”, erstmals in Deutschland und mit großem Erfolg, acht Kurzfilme vor. Die Berliner Filmpioniere blieben in der Konkurrenz zu den Pariser Gebrüdern Lumière und deren „Cinématographe” schon bald auf der Strecke, wohl auch deshalb, weil sich im Deutschen Reich kein gut betuchter Förderer für ihre zukunftsweisende Erfindung fand.

Und jetzt haben wir den Salat. Nachdem im „alten” Wintergarten am 21. Juni 1944 – Stauffenberg, der neue Kinoheld unserer Tage, bereitete gerade sein gescheitertes Attentat vor – das letzte Varieté-Programm über die Bühne gegangen war und bald darauf „Bomber Harris” diesen Kulturtempel in Schutt und Asche gelegt hatte, war es eine Großtat ambitionierter Freunde der Kleinkunst wie André Heller und Bernhard Paul, dass der Wintergarten 1992 an neuer Stelle seine Wiederauferstehung erleben durfte.

Damit ist nun in wenigen Tagen auch wieder Schluss. Achtundsechzig feste Arbeitsplätze bleiben auf der Strecke, von der Platzanweiserin bis zum Impresario. Ein großer Name, der Wintergarten, geht damit wohl endgültig unter. Und Baggesen, der in diesem Etablissement seine größten Triumphe feierte, ein langsamer Leisetreter unter den blitzschnellen Jongleuren seiner Zunft? Der ist ohnehin schon längst vergessen.

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