Was nun?

Die Arbeitswoche lässt sich nicht gut an. Nachdem ich gegen Mitternacht noch in Raymond Martins Ich bin gut gelesen habe und dabei feststellen musste, dass mein Eccentrics-Beitrag nicht nur vor sachlichen Fehlern strotzt, sondern vermutlich auch in seinem Fazit ungerecht ist, schlief ich mit dem unerträglichen Gefühl ein, mich als Verräter geriert zu haben.

In einem Albtraum, aus dem ich gegen drei Uhr nachts schweißgebadet erwachte, hatte ich an Händen und Füßen gefesselt und nackt auf einem Thron gesessen, an dem die lange Reihe meiner Feinde vorbeidefilierte, um mir durch einen Metalltrichter allerlei eklige, giftige und unverdauliche Scheußlichkeiten einzuflößen. (Vermutlich verdankte ich diese unerträgliche Reminiszenz dem Auburtin-Feuilleton Gold, das ich gestern zum zweiten Mal las und in dem es heißt: „Der zweite Grad war jener berühmte Schwedentrunk. Zwei Soldaten gossen dem Liegenden durch einen Schlauch die Mistjauche in den Mund und drückten dann auf den Magen, daß die ekle Brühe hoch herausspritzte. Dreimal taten sie es, und nach jedem Mal fragten sie nach seinem Gold […].”) Diese Foltermethode erinnerte mich selbst im Traum noch vermutlich an den Film Cartouche, der Bandit, mit Jean-Paul Belmondo und Claudia Cardinale in den Hauptrollen, den ich im Vormittagsprogramm des ZDF sah, zerlegt in einen Zwei- oder Dreiteiler, Anfang der 1970er Jahre bei einem Freund aus dem Süthers Garten, dessen Mutter sich erfreulicherweise alltäglich zum Mittagsschlaf zurückzog und uns die Herrschaft über die Traumfabrik aus der Flimmerkiste überließ. Auch in diesem Film von Philippe de Broca (1962) wurde einem gefesselten Kampfgefährten des französischen Schinderhannes-Pendants ein solcher Trunk eingeflößt, was meine masochistischen Pubertätsphantasien heftig stimulierte.

Kein ganz unpassender Eintritt in einen Tag, an dem man Edgar Allan Poe zu seinem runden Geburtstag gratulieren möchte. In „irgendeiner kleinen Pension in der Haskins[-] oder Hollis Street im südlichen Teil von Boston” (Frank T. Zumbach: E. A. Poe. Eine Biographie. München: Winkler Verlag, 1986, S. 22) erblickte, heute auf den Tag genau vor zweihundert Jahren, der Sohn eines nicht gerade überaus erfolgreichen Schauspieler-Ehepaares das Licht dieser immerzu untergehenden Menschenwelt – Grund genug, diesem Großmeister des schwarzen Humors erneut meine Reverenz zu erweisen, nachdem ich seiner unbezweifelbaren Genialität ja schon mit meiner XXVII. Literarischen Soiree am 1. August 1991 den nötigen Respekt gezollt habe.

Allein, ich konnte in meinem Bücherdurcheinander weder die Poe’sche Werkausgabe aus dem Walter-Verlag in Olten und Freiburg im Breisgau finden, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger, noch die Sammlung seiner Meistererzählungen im Manesse-Verlag. Ich konnte noch nicht einmal den Schlüssel zu meinen Bücherkatakomben finden, wo sich vielleicht diese beiden Preziosen versteckt halten. Erfolgloses Suchen – das hätte vielleicht auch noch ein traumatisches Thema für eine weitere „Short Story” des vermutlich im Delirium tremens verendeten Dichters abgeben können. Oder starb er, wie andere meinen, an einem tollwütigen Katzenbiss? Gar an der Cholera?

Ursprünglich wollte ich heute über Raymond Roussels geniales Patentrezept für das Matt mit Läufer und Springer berichten. Auch das ist ja eine Art Albtraum: wenn es im Endspiel nicht gelingt, innerhalb der vorgeschriebenen Höchstzahl von 50 Zügen mit zwei Leichtfiguren und dem König den Sieg zu erzwingen! Roussel wird warten müssen. Alles geht nun mal nicht, an einem solchen trüben Tag – und nach solch finsterer Nacht.

[Titelbild: Alfred Kubins Schlussvignette zu Poes Novelle Lebendig begraben, zuerst erschienen in der Sammlung König Pest und andere Novellen. A. d. Am. v. Gisela Etzel. München u. Leipzig: Verlag Georg Müller, 1911, S. 97.]

6 Responses to “Was nun?”

  1. Günter Landsberger Says:

    Edgar Allan Poe zu Ehren habe ich mir heute von Richard Münch den “Untergang des Hauses Usher” vorlesen lassen. Die allererste Bekanntschaft mit Poe hatte ich nämlich tatsächlich akustisch, in der Schule. Unser erster Deutschlehrer, Karl Mihm, las uns da den “Doppelmord in der Rue Morgue” und andere Geschichten von Poe vor (den “Mahlstrom”, den “Goldkäfer” und “Grube und Pendel”). Ich war damals zwölf.

  2. Matta Schimanski Says:

    Den Schwedentrunk, der auch mich in der Vorstellung seiner schier unfassbaren Ekelig- und Grausamkeit faszinierte, lernte ich bei der Lektüre des “Simplizissimus” kennen.

  3. Günter Landsberger Says:

    “Auch das ist ja eine Art Albtraum: wenn es im Endspiel nicht gelingt, innerhalb der vorgeschriebenen Höchstzahl von 50 Zügen mit zwei Leichtfiguren und dem König den Sieg zu erzwingen!”

    Nehmen wir einmal an, in der Endphase eines Schachspiels seien auf der einen Seite nur der König und auf der anderen Seite immerhin noch der König, ein Läufer und ein Springer übriggeblieben. Ein kurzer Versuch mit nur diesen 4 Figuren auf dem Schachbrett zeigt eindeutig, dass es Mattstellungen in verschiedenen Varianten durchaus geben kann. Gemeinsam ist allen diesen Varianten nur, dass der Einzelkönig jeweils an den Rand gedrängt sein muss, möglichst dicht an die anderen 3 gegnerischen und gut gedeckten Figuren heran. Während der eine Spieler genau dies anstrebt, wird der andere alles tun, den König nicht in diese Randlage (mit dem Rücken gleichsam zur Wand stehend) kommen zu lassen. Wird das Eine oder Andere zwingend gelingen? Je nach Ausgangskonstellation dieser 4 Figuren wird dies leichter oder schwerer fallen. Außerdem muss höllisch aufgepasst werden; denn es gilt, die ständig lauernde Pattstellung zu vermeiden. Und: Hätte man nur den König und einen der Läufer – und einen der Springer nicht auch noch, käme man nie über das Patt oder das unter vernünftigen Schachpartnern wohl schnell einander zugebilligte Remis hinaus.

  4. Revierflaneur Says:

    Dass ein Matt mit König und Läufer (bzw. Springer) gegen den einsamen König nicht möglich ist, oder jedenfalls nur gegen einen stark alkoholisierten Gegenspieler, ist klar.

    Ebenso klar ist aber, dass ein Matt innerhalb der vorgeschriebenen 50 Züge mit König, Läufer und Springer gegen einen einzelnen König immer gelingen muss, ganz gleich aus welcher Ausgangsposition, wenn man das geniale Rezept Le Mat du Fou et du Cavalier von Raymond Roussel befolgt, nachzulesen in seinem Buch Comment j’ai écrit certains de mes Livres (Montreuil: Jean-Jacques Pauvert Editeurs, 1963, S. 133-148). Die – neben Emanuel Lasker – vermutlich “gebildetsten” Schachspieler aller Zeiten, Marcel Duchamp und Raymond Roussel, sind sich im Café de la Régence begegnet. Und wenn ich mich recht erinnere, hat Samuel Beckett diesem Treffen mit seiner absurden Schachpartie in dem Roman Murphy seine Reverenz erwiesen.

  5. Günter Landsberger Says:

    Dass das Letztere möglich ist, halte ich vor aller Lektüre für wahrscheinlich. Einige wenige Probezüge meinerseits in einer ansatzweisen Partie gegen mich selber haben mir das zwingend nahegelegt.

  6. Revierflaneur Says:

    Interessant ist auch die Frage: Wie müssen die vier Figuren (weißer König, Läufer und Springer sowie schwarzer König) stehen, damit Weiß die größtmögliche Zugzahl benötigt, um Schwarz auf dem kürzesten Weg mattzusetzen? Und wieviele Züge benötigt Weiß in diesem Fall? (Dass es in jedem denkbaren Fall bei richtiger Spielweise weniger als 50 Züge sind, hat Roussel als erster schlüssig bewiesen.)

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