Laberfeld

Bei uns zu Hause stand seit den 1950er-Jahren immer die gute Bärenmarke – „Allgäuer Alpenmilch · ungezuckerte Kondensmilch” – auf dem Frühstückstisch. Bemerkenswert, dass die erste Wortmarke, mit der ich nähere Bekanntschaft schloss, das Wort „Marke” expressis verbis mit sich führte. Die Melodie zum Slogan dieser Büchsenmilch, „Nichts geht über BärenmarkeBärenmarke zum Kaffee”, könnte ich noch immer singen, wenn ich denn singen könnte. Der darin behauptete Alleinstellungsanspruch allerdings war, wie meist in solchen Fällen, reichlich verwegen, denn es gab ja auch noch Glücksklee. 1925 gründete der Kaufmann Otto Lagerfeld (1881-1967) in Hamburg die Glücksklee-Milchgesellschaft zum Vetrieb von Dosenmilch, die rasch expandierte und den Milch-Industriellen zu einem reichen Mann machte, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil das Firmenlogo, ein vierblättriges grünes Kleeblatt auf rot-weißem Grund, sich als Bildmarke mit hohem Wiedererkennungswert erwies und ihm jenseits allen Aberglaubens jenes Glück bescherte, das am Ende nur der Tüchtige hat. Aus dem Glückskleeblatt ließen sich bis in die späten 1970er-Jahre manch zugkräftige Werbesprüche ableiten: „Hauptsache Glücksklee: Milch von glücklichen Kühen” (1961), „Ein Schuß Glück” (1971) und „Jeder braucht ein kleines bißchen Glück” (1978).

Glück hatte auch Ottos Sohn Karl (* 1933), wenngleich zunächst nur dank seiner noblen Abstammung. Außer dem komfortablen Portefeuille scheint Karl aber auch Vater Ottos Instinkt für die Durchschlagskraft von Markenzeichen geerbt zu haben: Fächer, Pferdeschwanz und Sonnenbrille machten den weltberühmten Modeschöpfer und seine Kollektionen für Valentino, Krizia, Chloé, Chanel und Fendi zu einer überaus erfolgreichen, unverwechselbaren Marke. Das ist für einen wie mich, der seinen Kaffee seit vielen Jahren schon schwarz trinkt, kein Grund, neidisch zu werden auf des Schlossherrn 300.000 Bücher und ihn gar zu fragen: „Haben Sie die alle gelesen?” Bärbeißig werde ich aber, wenn ein solcher Schnittmustervirtuose, statt bei Nadel und Faden zu bleiben, zu allem Überfluss und meinem Überdruss den Mund aufmacht und meint, er dürfe ungestraft seine Lebensweisheiten zum Besten geben.

Schon im letzten Stern des vergangenen Jahres hatte die Marke KL bekannt: „Solange wir Fleisch essen, können wir uns nicht über Pelze beschweren.” (Nr. 52 v. 17. Dezember 2008, S. 127; dort wohl aber zit. nach dem Daily Telegraph, der wiederum Radio 4 Today zitierte.) Und gestern stellte der Spiegel diesen markigen Satz des Beinahe-Vegetariers („Ich kann es [Tierfleisch] kaum essen, weil es nicht mehr wie das aussieht, was es war, als es lebte.”) in einen markanten Kontext: „Der deutsche Designer verwies auf die Jäger im Norden, ‚die davon leben und sonst nichts gelernt haben außer der Jagd […] und jene Bestien töten, die uns töten würden, wenn sie es könnten.‘” Solange wir uns mit Strom aus der Steckdose rasieren, können wir uns nicht über Atomkraftwerke beschweren. Solange der überwiegende Teil unserer Wohlstandsbevölkerung an Adipositas krepiert, darf die Anorexie meiner Models kein Thema sein. – Mensch Karlchen, du bist mir mal ‘ne Marke!

Übrigens bereitet dem wohlbestallten Kondensmilcherben auch die Weltwirtschaftskrise keinen sonderlichen Kummer. „Das ganze System sei ,ohnehin verrottet‘ gewesen. Die Rezession sei eine Art Großreinemachen.” Und zudem sei seine Branche, die Luxusindustrie, „von der Finanzkrise wenig betroffen: ,Zum Glück gibt es heute Vermögen auf der Welt, die es bei der Weltwirtschaftskrise von 1929 noch nicht gab – chinesische, indische, arabische, russische. Wenn die Krise vorbei ist, werden Europa und Amerika endgültig die schöne alte Welt sein, und die neue Welt wird repräsentiert von Indien, China und den Golfstaaten‘, so Lagerfeld.” Das ist doch mal ein gänzlich unsentimentaler Businessman im sonst oft so nostalgischen Modegeschäft! Wenn er zurückblickt, dann im Zorn. Warum hat er sein Haus an der Hamburger Elbchaussee verkauft? „Ich hatte das Gefühl, die Elbe schneidet mich ab von meinem eigenen Wesen und versetzt mich zurück an meinen Ausgangspunkt, und das will ich nicht.” Geschichtslosigkeit als Lebensprinzip.

Die Bärenmarke hat kürzlich den Bären, der seinen Nachwuchs in sanften Schlummer wiegt [siehe Titelbild], aus seiner gut eingeführten Bildmarke entfernt. Solche marketing-strategischen Anbiederungen an die aktuelle political correctness und an schmusige Massenhysterien à la „Braunbär Bruno” und „Eisbär Knut” sind mir durchaus suspekt. Aber ein labernder Kondensmilcherbe, der uns seine bestialischen Werbesprüche für seine aktuelle Fendi-Kollektion damit schmackhaft machen will, dass doch schließlich jeder lieber einen toten Pelz trägt, als von seinem lebendigen Inhalt gefressen zu werden – der ist einfach nur degoutant.

4 Responses to “Laberfeld”

  1. Matta Schimanski Says:

    “Die Bärenmarke hat kürzlich den Bären, der seinen Nachwuchs in sanften Schlummer wiegt [siehe Titelbild], aus seiner gut eingeführten Bildmarke entfernt.” Und aus welchem Grund? Genau:

    http://rettet-die-baeren.de/

  2. Matta Schimanski Says:

    Und außerdem: Wie sieht ‘s denn eigentlich heute aus in der Kondensmilchlandschaft?

    http://www.gluecksklee.de/index.php

  3. Matta Schimanski Says:

    Also jetzt mal ehrlich: Wenn man sich das hier so ansieht, beschleicht einen doch der Verdacht, der Mann habe als Kind zuviel Kondensmilch eingeflößt bekommen (Ich kann mich übrigens noch gut daran erinnern, dass früher auf dem Logo die Bärenmama dem Bärenbaby das Fläschchen gab. Wahrlich ein Bärendienst!) – was zumindest disproportionales Wachstum (und, aus den von dir zitierten Äußerungen zu schließen, wahrscheinlich noch andere Folgeschäden) zeitigte:

    http://tinyurl.com/874buk

  4. Revierflaneur Says:

    “[…] dass früher auf dem Logo die Bärenmama dem Bärenbaby das Fläschchen gab.” – Sehr interessant! Daran erinnerte ich mich nämlich auch und schrieb ursprünglich: “Die Bärenmarke hat kürzlich den Bären, der seinem Nachwuchs das Fläschchen gibt [siehe Titelbild], aus seiner gut eingeführten Bildmarke entfernt.” Dann sah ich kein Fläschchen, hatte mich im Verdacht, hier einer Erinnerungstäuschung aufgesessen zu sein und änderte den Wortlaut, siehe oben. Wenn Du Dich jetzt aber auch an ein Fläschen auf dem Büchsenetikett erinnerst, dann kann das doch kein Zufall sein. Es wäre interessant zu wissen, wann diese erste Etikett-Änderung erfolgte und warum. Ich vermute, Anfang der 1980er-Jahre und als Reaktion auf die “Stillbewegung” jener Zeit.

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