Dingwelt (VII)

Seit frühester Kindheit litt ich unter zwei körperlichen Beeinträchtigungen: unter Migräneanfällen und deformierten Füßen. Ich war sozusagen von Kopf bis Fuß auf Leiden eingestellt. Seit meinem virilen Klimakterium haben sich die Kopfschmerzattacken verabschiedet, die Füße hingegen belästigen mich nach wie vor auf Schritt und Tritt. Weil die Orthopädie in den 1960er-Jahren gegen Hohlfüße kein anderes Mittel als das Messer des Chirurgen kannte, wurde ich im Essener Klinikum zwei wenig erfolgreichen Operationen unterzogen. Seither trage ich orthopädische Maßschuhe, in denen ich mich leidlich schmerzfrei durch die hart gepflasterte Stadtlandschaft meiner Heimat bewegen kann.

Am 20. Februar des nun zu Ende gehenden Jahres erkühnte ich mich, das Foto eines meiner nackten Füße als stummes Merkmal über einen Beitrag zu stellen, den ich damals noch im Kulturblog der WAZ-Mediengruppe, bei Westropolis, veröffentlichte. Shocking! Die empörten Kommentare zu diesem Tabubruch in einer geleckten und geschniegelten Öffentlichkeit, in der die traurige Wahrheit kranker Füße keine Chance hat gegen den falschen Schein adretter Hutmoden – diese Kommentare lassen noch heute mein Herz hüpfen und machen mich stolz, hier offenbar eine Grenze überschritten zu haben.

„Schuster, bleib bei deinen Leisten!” – Im Internet gibt es einen Streit darüber, ob es nun „deinen” oder „deinem” heißen muss. So kann nur fragen, wer nicht weiß, was ein Leisten eigentlich ist. Schusterleisten sind Formstücke aus Holz, Kunststoff oder Metall, die zum Bau eines Schuhpaars verwendet werden, mithin möglichst originalgetreue Nachbildungen der beiden Füße, für die und um die die zwei Schuhe gebaut werden sollen. Da aber gewöhnliche Menschen üblicherweise zwei Füße haben und somit zwei Schuhe benötigen, kann nur der Plural richtig sein. Ich habe meinem orthopädischen Schuhmacher seit nun mehr als fünfunddreißig Jahren die Treue gehalten, weil er „meine” Leisten, die Abbilder meiner verkrüppelten Füße, in seinem Leistenlager aufbewahrt.

Was es für einen Fußkranken wie mich jeweils bedeutet, aus den ausgelatschten Schuhen der vergangenen Jahre, links im Bild, in die neu gebauten zu wechseln, rechts im Bild – diesen überaus schmerzvollen Vorgang kann vermutlich nur ein Leidensgefährte nachvollziehen, so es denn einen solchen hier überhaupt gibt. Und was diese körperliche Beeinträchtigung im Laufe einer jugendlichen Biographie bedeutet, wenn man beim Hundertmeterlauf regelmäßig als Letzter auf der Strecke bleibt, das steht ohnehin in den Sternen. Aber ich will mich ja nicht beklagen.

Meine vermeintlichen Defizite sind schon immer meine tatsächlichen Vorzüge gewesen.

11 Responses to “Dingwelt (VII)”

  1. Günter Landsberger Says:

    Mach Dir bitte nichts vor. – Mit dem damaligen Bild und dem hinführenden ersten Abschnitt dieses Deines jetzigen Beitrages hätte es diese “empörten” Reaktionen auch bei Westropolis nie gegeben. Hier gab die Art der Präsentation den Ausschlag. Und hätte trotz des ersten Abschnittes das Bild noch immer jemand beanstandet oder gar zurückgewiesen, hätte ich Dich ohne Zögern vehement verteidigt.

  2. Matta Schimanski Says:

    Ich bin immer noch der Meinung, dass auch damals die empörten Aufschreie vollkommen überflüssig und auch entlarvend waren. Wer einen Kopf hatte zu denken und ein Herz (mit-) zu fühlen, dem musste einfach klar sein, dass Manuel dieses Bild – zumal mit dem Beitrag – nicht nur aus Spaß an der Provokation eingestellt hatte. Ich kannte ihn zu der Zeit noch gar nicht persönlich, und schon gar nicht wusste ich von seinen deformierten Füßen. Aber ich wusste sofort, dass mehr hinter dem Photo stecken musste. Und so war es dann ja auch. Ich verstehe die Kälte der Menschen nicht.

  3. Günter Landsberger Says:

    Dass etwas dahintersteckte, ahnte ich auch. Aber weil das Bild so unvermittelt kam, konnte ich auch jene verstehen, die das nicht merkten. Man kann natürlich provozieren, um andere zu entlarven. Aber man muss das nicht. (Und wenn man eigentlich nicht provozieren will oder wollte, müsste man damit rechnen, dass andere das so missverstehen können, weil diese von anderen Voraussetzungen ausgehen.)

    Vor allem mag ich mich auch persönlich nicht in eine Haltung hineinbegeben, die, wie ich es für mich selbst empfände, nur scheinbar voll berechtigt die “Kälte” der anderen schmähen darf. Ich bin eben doch ein wenig insoweit biblisch vorgeprägt, um mich selbst zur Ordnung zu rufen, wenn ich etwas zu sehr ins Pharisäerhafte abzugleiten drohe. (Immerhin war die erste, die damals empört reagierte, Ziggy. Und die ist doch wahrhaftig alles andere als bösartig und auch ganz sicher nicht zur Empathie unfähig.)

  4. Revierflaneur Says:

    Na, Provokation war für mich noch nie ein per se negativer Begriff. War nicht Sokrates mit seinen unziemlichen, bohrenden Fragen ein früher Provokateur? Und war nicht das Beste, was die 68er gegen die selbstgefällige Saturiertheit der Wirtschaftswunderwelt vorgebracht haben, gerade Provokation? (Die niederländische Version dieser weltweiten Widerstandsbewegung hieß sogar “Provo”.)

    Ein Streit um zwei andere, verwandte Begriffe beendete ja übrigens mein “Westropolis”-Abenteuer: Ich bekannte mich dazu, hier und da “polarisieren” zu wollen; mir wurde aber im Gegensatz dazu vorgeworfen, dass ich es auf “Konfrontation” abgesehen hätte. Ersteres sei erlaubt und sogar erwünscht, letzteres jedoch nicht länger hinnehmbar. Der Ausgang ist bekannt, es konnte wohl nicht anders kommen.

  5. Günter Landsberger Says:

    Gegen Provokation habe ich literarisch, philosophisch und öffentlich auch gar nichts. Auch den wild gewordenen Sokrates, den Diogenes, mag ich, wie auch den göttlichen Pietro Aretino etc. Nur ist Westropolis so ein Gemisch von Veröffentlichungsmöglichkeit und Geplausch und von was noch sonst. Und man muss wissen, dass man auch die Falschen treffen und verprellen kann.

    Wenn man sich die ganze Zeit über mit jemandem ernsthaft und redlich verständigt und unterhalten hat, ist man auf provokative Überfälle nicht immer gefasst. Außerdem wirkte das auf mich gar nicht so sehr als Provokation, sondern als eine traurige Art der Selbstbemitleidigung und als eine in der Attacke versteckte, uneingestanden flehentliche Bitte, doch gefälligst Mitleid zu zeigen.

    Mit-leid und besser noch Mit-freude sind gut, aber wer ist denn wirklich mitleidig? Doch nur der, der wirklich mit-leidet. Aber wer tut das schon wirklich? Läuft Mitleid (pity) nicht immer Gefahr, zu einer Freistatt des Egoismus zu verkommen? Willst Du wirklich oft nur verbal “mitleidige” Leute der Art haben, die sich ständig dabei auf die Schulter klopfen, wie gut sie doch selber sind und wie schlecht all die anderen alle, die vor lauter unbarmherziger Kälte nicht fähig seien, Mitleid zu zeigen? (Bei Frau Schimanski wird das anders sein, die nehme ich davon ausdrücklich aus.)

    Ich dachte, Wie-auch-immer-Beeinträchtigte wollten kein Mitleid, sondern einzig und allein Anerkennung als das, was sie als ganze Menschen sind? Wenn man das will, muss man mit körperlichen, beklagenswerten Gebrechen nicht provozieren wollen. Ich habe, wie Du siehst, eine von Dir und Matta Schimanski etwas abweichende Ansicht in dieser Angelegenheit. Aber das darf ich doch auch. Unbeschadet anderer vorwiegender Übereinstimmungen. Oder?

  6. Revierflaneur Says:

    Also, Günter! Mitleid war wirklich das Letzte, was ich mit dem Fußfoto erregen wollte. Mir ging es darum, gegen die Diktatur der Jugendlichkeit und Hübschheit in den Medien, auch bei “Westropolis”, ein Bekenntnis zu einem Teil von mir zu setzen, eben zu meinem hässlichen Fuß, zu dem ich stehe, weil ich schließlich auf ihm stehe und er mich immerhin seit über 50 Jahren durchs Leben gehen lässt. Dass ich damit gegen ein Tabu verstieß, war mir freilich klar. Aber die zum Teil dummen, zum Teil verständnislosen, zum Teil gar faschistoiden Reaktionen (es fehlte nur noch das böse Wort vom “lebensunwerten Leben”) haben mir gezeigt, dass dieses kleine Experiment in diesem Rahmen durchaus lohnend war.

    “Ein Gemisch von Veröffentlichungsmöglichkeit und Geplausch und von was noch sonst” – das ist allerdings eine sehr gute Beschreibung von “Westropolis”, die die Beliebigkeit, Indifferenz und schließlich auch Niveaulosigkeit dieses Weblogs treffend charakterisiert. Ich habe lange gebraucht, bis mir klar wurde, dass dies nicht der angemessene Rahmen für mich war, und dann die Konsequenzen gezogen. Der hier zitierte Beitrag lieferte, neben einigen anderen, ein Schlüsselerlebnis zu meinem Abschied.

    Ich werde im kommenden Jahr die Thematik in meinem eigenen Weblog sicher noch mal aufgreifen, dann in einem erweiterten Zusammenhang, zu dem u. a. auch dies gehört:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zeige_deine_Wunde

  7. Matta Schimanski Says:

    Auf mich wirkte der Beitrag samt Fußphoto weder wie ein provokativer Überfall noch wie ein flehentliches Bitten um Mitleid. Ich muss zugeben, dass ich zunächst auch irritiert war – aber nicht, weil mich die “Hässlichkeit” gestört hätte. Mich machte die Kombination mit dem überkandidelten Beitrag stutzig. (Später irritierte mich viel mehr, dass Manuel das Photo tatsächlich ausgetauscht hat.) Niemals wäre ich jedoch auf die Idee gekommen, von überschrittenen “ästhetischen Grenzen” u. Ä. zu sprechen. Wie kalt und seelenlos – beinah möchte ich sagen: pervers! – muss jemand sein, um das zu tun?

    Ich sehe nach wie vor nicht, was provokativ oder gar “nicht redlich” (im Gegensatz zu den vorher geführten Unterhaltungen) gewesen sein soll. Ist die Abbildung eines nicht normgerechten Körperteils provokativ? Wer hätte damit “getroffen” werden können? Kann man damit ernsthaft jemanden verprellen? Wo kommen wir (wieder) hin, wenn das tatsächlich so gesehen wird?

    Lieber Herr Landsberger, ich möchte Ihnen mit diesen Fragen nicht unterstellen, dass Sie so denken. Aber für meine Begriffe zeigen Sie durch Ihre Kommentare einmal mehr zuviel Verständnis für Leute, die dümmlich, oberflächlich und/oder absolut herzlos herumschwadronieren. Diese Leute brauchen kein ewiges Verständnis, sondern ab und zu “klare Ansagen”.

    Es ging mir übrigens mit meinem ersten Kommentar hier überhaupt nicht darum, Mitleid auszudrücken. Manuel braucht mein Mitleid gar nicht. (Und will es mit ziemlicher Sicherheit auch nicht.) Ich wollte mir auch gewiss nicht auf die Schulter klopfen in dem Bewusstsein, was ich doch für ein guter Mensch sei. Ich finde nur die Heuchelei so mancher Mitmenschen schlichtweg zum Kotzen. Und auf Umgangsformen pochen, aber beim Anblick eines deformierten Fußes “Pfui Teufel, weg damit!” schreien – das ist für mich schlimme Heuchelei.

  8. Günter Landsberger Says:

    Die “Hässlichkeit”, die “Ästhetik” war bei mir selber doch nie der Punkt. Allenfalls das Missverhältnis zwischen dem für mein Gefühl zum Teil zu ichbezogen euphorischem Text und dem Bild, vor allem aber der Umstand, dass ich sofort merkte, dass es sich wohl um Manuels eigene Füße handeln müsste, die derart unvermittelt zur Schau gestellt wurden. Das war für mich der entscheidende Punkt: Jedes Plädoyer für das selbstverständliche und entspannte Umgehen mit wie auch immer gearteten Behinderungen seiner selbst und anderer hätte ich als angemessen empfunden, auch die Einbeziehung von Photos anderer Personen, sofern diese das erlaubt hätten, wäre mir nicht anstößig vorgekommen; das übergangslose und unvermittelte Zurschaustellen seiner selbst als Benachteiligten jedoch – zusammen mit einem nicht ganz kongruenten Text – hat mich befremdet, ohne dass ich allerdings dabei meine verständnisvolle Nachsicht der Person Manuel gegenüber auch nur irgendwann verloren hätte. Nur dass ich dadurch (durch die Art der Präsentation) überhaupt in die Rolle versetzt worden bin, zu glauben, so etwas wie “nachsichtig” sein zu müssen, hat mir nicht gefallen. Innerlich wehgetan hat mir der ganze völlig unnötige Vorgang.

    Ich bleibe dabei: ein hinführender erster Abschnitt wie der erste des jetzigen aktuellen Revierflaneurbeitrages hat mir damals persönlich gefehlt.

  9. Matta Schimanski Says:

    “Meine vermeintlichen Defizite sind schon immer meine tatsächlichen Vorzüge gewesen.”

    Auch Christoph Schlingensief kann das bestätigen!

  10. Revierflaneur Says:

    Aber Schlingensief kann das doch unmöglich bestätigen! Er kennt mich ja gar nicht. Oder weißt Du mehr als ich?

  11. Matta Schimanski Says:

    Na, aber hier:
    http://www.revierflaneur.de/2009/04/22/dienstag-21-april-2009-en-pointe/
    hast du deine (un-) heimliche Bekanntschaft mit ihm doch selber öffentlich gemacht!

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