Gläserne Glotzer?

Wenn ich die Leute frage, wie sie’s so mit dem Fernsehen halten, dann bekomme ich regelmäßig Antworten wie diese: „Ach, ich stelle die Kiste immer seltener an. Das Programm hat ja in letzter Zeit auch sehr nachgelassen. Und die viele Werbung! Die Tagesschau, das schon. Man muss ja schließlich auf dem Laufenden bleiben. Und den Tatort am Sonntag im Ersten, den lasse ich mir selten entgehen. Hin und wieder mal ein schöner alter Hollywood-Film. Aber sonst? – Na ja, manchmal bin ich nach dem Stress im Büro so geschafft, dann lasse ich mich einfach berieseln und zappe von Sender zu Sender. Muss auch mal sein. Aber im Urlaub, da kann ich problemlos drei Wochen ganz auf die Glotze verzichten.”

Offenbar kenne ich nur Leute, deren Konsumverhalten ausgesprochen untypisch für den Durchschnitt der Bevölkerung ist, denn die regelmäßig von Demoskopen ermittelten Zahlen zum Fernsehverhalten der Deutschen zeichnen ein anderes Bild: „Die durchschnittliche Fernsehdauer der Personen ab 14 Jahren ist im Zeitraum von 1988 bis 2002 um eine Stunde gestiegen. So lag sie 1988 noch bei 2,5 Stunden, bis 2002 stieg der tägliche Fernsehkonsum kontinuierlich auf durchschnittlich 3,5 Stunden. […] Ein Drittel der Fernsehzuschauer gehört mit einer durchschnittlichen täglichen Fernsehdauer von 6,5 Stunden zu der Gruppe der Vielseher, die hauptsächlich aus Personen über 50 besteht.” (Informationsdienst Wissenschaft; zit. nach www.uniprotokolle.de v. 21. November 2005.)

Die Umfrageergebnisse legen auch nahe, dass es ein Nord-Süd- und ein Ost-West-Gefälle bei der täglichen Fernsehnutzungsdauer gibt. Je größer der Wohlstand und die Bildung der Menschen ist, desto weniger Zeit verbringen sie vor ihrem Apparat. „In Sachsen-Anhalt, wo die Arbeitslosenquote 2004 im Schnitt bei 20,3 Prozent lag, saßen die Bürger […] 275 Minuten lang vor flimmernden Bildschirmen. 275 Minuten – das bedeutet 1673 Stunden im Jahr oder 70 Tage oder rund 2,3 Monate Fernsehen nonstop.” (Melanie Mühl: Siebzig Tage im Jahr vor dem Schirm; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 16 v. 20. Januar 2005, S. 38.)

Und die willfährigsten Opfer dieser Zeitvernichtungsmaschine sind neben den Arbeitslosen und Alten die Kinder: In Deutschland sitzen um 22:00 Uhr noch 800.000 Kinder im Vorschulalter vor dem Fernseher, um 23:00 Uhr sind es noch immer 200.000. (Vgl. Christian Thiel: Fernsehkonsum bestimmt den späteren Bildungsgrad; in: Die Welt v. 3. November 2005; zit. nach www.geburtskanal.de.) Was will man auch anderes erwarten, wenn selbst die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, Kinder von 0 bis 2 Jahren täglich 20 Minuten vor den Fernseher zu setzen – oder wohl richtiger: bäuchlings davorzulegen.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht, und die ist brandaktuell. Dank dem seit Jahren zunehmenden Internetkonsum „sinkt nach Jahren des Anstiegs erstmals die Zeit, die vor dem Fernseher verbracht wird. Schalteten die Deutschen im Jahr 2006 ihre TV-Geräte jeden Tag für durchschnittlich 212 Minuten an, waren es 2007 nur noch 208 Minuten.” (Presseinformation des Bundesverbandes Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien v. 12. Oktober 2008.) Die Frage bleibt allerdings, was meine Landsleute mit den so gewonnenen vier Minuten anfangen. Meine Vermutung: Rechner runterfahren, Fernseher einschalten!

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