Die Lüneburg-Variante

Den entscheidenden Hinweis auf diesen Schach-Roman erhielt ich auf denkwürdige Weise. Ich kam unter Umständen, die hier nichts zur Sache tun, mit einem mir völlig fremden Berufs-Schachspieler ins Gespräch, der seine Jugend in der DDR verbracht hatte. Er vertrat die interessante Auffassung, die Überlegenheit der Schachspieler aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks rühre daher, dass dieser Denksport dort lange Zeit eines der wenigen politisch unverdächtigen Betätigungsfelder für einen freiheitsdurstigen Geist gewesen sei. In dem Roman des Italieners Paolo Maurensig (* 1943) geht es um genau dieses Thema: das Schachspiel als Freiraum des Denkens in ideologisch verkrusteten Zwangssystemen – und zugleich als Modellfall für den erbarmungslosen Kampf ums Überleben.

Die beiden Antagonisten: Dieter Fritsch, ein ehemaliger SS-Mann und Aufseher im Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide, der nach dem Krieg seiner Bestrafung entging und danach als Unternehmer zu Reichtum und Ansehen gelangte; und der jüdische KZ-Häftling Tabori, der dem Tod im Lager nur mit knapper Not entging. Was diese beiden extrem gegensätzlichen Menschen eint, ist ihre obsessive Liebe zum Schachspiel. Um seinen früheren Foltermeister Fritsch vierzig Jahre nach den infernalischen Ereignissen in Bergen-Belsen seiner gerechten Strafe zuzuführen, bildet Tabori einen begabten Schüler, Hans Mayer, auf den 64 Feldern zum Werkzeug seines Racheplans aus.

Dieses Motiv erinnert auf den ersten Blick vielleicht etwas zu aufdringlich an Stefan Zweigs berühmte Schachnovelle (1942), seine Ausführung auf den zweiten Blick, und mit größerer Berechtigung, an Dürrenmatts Kurzroman Der Verdacht (1951), in dem es freilich nicht ums Schachspiel geht. Dass einige Großmeister des königlichen Spiels, wie Savielly Tartakower und Efim Bogoljubow, in den 1920er-Jahren als Gäste in Taboris Münchener Elternhaus verkehrten und im Roman treffend charakterisiert werden, wird die schachkundigen Leser freuen – und mich persönlich hat das Porträt entzückt, das Maurensig von meinem Lieblingsspieler Akiba Rubinstein zeichnet. Dennoch taugen diese womöglich gut recherchierten Details nicht zur ästhetischen Beurteilung eines solchen Romans.

Was das angeht, muss ich – der Wahrheit die Ehre zu geben – diese Lüneburg-Variante bedauerlicherweise mit einem Doppelschach und anschließendem Damenverlust beantworten. Es hapert dem Roman zugleich an emotionaler Einfühlung in seine Protagonisten und an Glaubwürdigkeit, was den ganz äußerlichen Verlauf des Geschehens angeht. Und dass diese Variante so ganz ohne Damen auskommt, die bekanntlich stärksten Figuren auf dem Brett, macht sie für mich endgültig zu einem eher ephemeren Werk der neueren Romanliteratur mit diesem Sujet.

Einen starken Satz habe ich mir dennoch angestrichen: „Denn auch jenseits dieser Zäune würden wir immer noch in ihrer Gewalt bleiben, und selbst angenommen, wir wären über diese Grenzen gekommen und noch einmal tausend Jahre am Leben geblieben, niemand, weder wir noch unsere Henker, würde sich aus dieser Niedrigkeit, in die das Menschengeschlecht gestürzt war, je wieder erheben können.” (Paolo Maurensig: Die Lüneburg-Variante. A. d. Ital. v. Irmela Arnsperger. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1994, S. 176.)

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