Whoa, whoa!

Aus dem Weißen Rauschen, mit dem die Massenmedien uns Tag für Tag taub machen für die wirklich wichtigen Nachrichten, habe ich auf weitläufigen Umwegen eine schwache Andeutung auf das herausgefiltert, was uns binnen Kurzem bevorstehen könnte. Als sich Mitte Oktober abzuzeichnen begann, dass sich der demokratische US-Präsidentschaftsbewerber Barack Obama gegen seinen Widersacher John McCain bei der Wahl am 4. November durchsetzen würde, hielt sein designierter Vize Joe Biden – im Schatten der spektakulären Blamagen seines republikanischen Pendants Sarah Palin – vor einem exklusiven Kreis renommierter Zuhörer in Seattle anlässlich einer Spenden-Gala eine aufschlussreiche Rede. Biden, dessen bekanntermaßen „loses Mundwerk” ihn schon früher gelegentlich in arge Bedrängnis gebracht hatte, erkannte auch an jenem 19. Oktober zu spät, dass die Intimität dieser Veranstaltung durch die Anwesenheit einiger Pressevertreter in dem kleinen Versammlungsraum verletzt wurde: “I probably shouldn’t have said all this because it dawned on me that the press is here.”

Tags drauf konnte man bei ABC News den Bericht von Matthew Jaffe über Bidens prophetische Brandrede nachlesen, gespickt mit Originalzitaten: „Merken Sie sich meine Worte. In nicht einmal sechs Monaten wird die Welt Barack Obama auf eine harte Probe stellen, genauso wie damals John Kennedy. […] Seien Sie auf der Hut, wir werden eine internationale Krise erleben, eine künstlich geschaffene Krise, in der getestet wird, was in diesem Kerl steckt. Ich kann Ihnen mindestens vier oder fünf Szenarios nennen, wo diese Krise ihren Anfang nehmen könnte. […] Gürtet Eure Lenden! Wir werden mit Eurer Hilfe gewinnen, so Gott will, wir werden gewinnen – aber es wird nicht leicht. Dieser Präsident, der nächste Präsident, wird vor der wichtigsten Aufgabe stehen. Mann, das ist wie das Ausmisten des Augiasstalls. Dies ist mehr als nur, dies ist mehr als – denken Sie darüber nach, wirklich, denken Sie darüber nach – dies ist mehr als nur eine Finanzkrise, es geht um mehr als nur um Märkte. Es ist ein systemisches Problem, das wir hier mit unserer Wirtschaft haben. […] Aber dieser Kerl [Obama] hat’s in sich. Doch er wird Ihre Hilfe brauchen. Denn ich verspreche Ihnen, Sie alle werden in einem Jahr dasitzen und sich fragen: ,O Gott, warum steht die Regierung in den Umfragen so weit unten? Warum steht sie so schlecht da? Warum ist das alles so schwer?‘ Wir werden in den ersten zwei Jahren einige unglaublich harte Entscheidungen fällen müssen. Also bitte ich Sie schon jetzt – ich bitte sie schon jetzt: Halten Sie zu uns! Vergessen Sie nicht, dass Sie jetzt an uns geglaubt haben, denn Sie werden uns stärken müssen. Viele von Ihnen werden dann nämlich eher geneigt sein zu sagen: ,Hey Mann, halt mal die Luft an, hey, hey, also diese Entscheidung – ich weiß nicht.‘ [Im Original: ‘Whoa, wait a minute, yo, whoa, whoa, I don’t know about that decision.’] Denn wenn Sie denken, die Entscheidungen seien fundiert, wenn sie gefällt werden – und davon gehe ich aus, dass Sie so denken, wenn diese Entscheidungen getroffen werden -, dann sind sie wahrscheinlich nicht so populär, wie sie vernünftig sind. Denn wenn sie populär sind, dann sind sie wahrscheinlich nicht vernünftig.” [Kursivsetzungen von mir.]

Wie „damals John F. Kennedy”? Wer dächte da nicht an die Kuba-Krise von 1962, als die Welt 13 Tage lang am Rande des atomaren Overkills schwebte und um ein Haar noch einmal davongekommen ist? Und so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Hans Rühle in einem Essay in der Welt spekuliert, mit diesen orakelnden Worten des Senators von Delaware könne eigentlich nur ein militärisches Eingreifen gegen die schon sehr weit gediehenen Vorbereitungen des Iran gemeint sein, als zweiter islamischer Staat (nach Pakistan) in die Liga der Atommächte vorzustoßen. Wie weit der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, als Satrap des Mullah-Regimes unter Seyyed Ali Chamenei, bereits gelangt ist, trotz der hilflosen Bemühungen der IAEA unter Mohammed el-Baradei, das kann man in Rühles glaubwürdigem Essay nachlesen. Insofern ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die schlimmsten Prophezeiungen des endzeitlichen Philosophen Günther Anders Wirklichkeit werden.

Ende September fand in Irans Hauptstadt Teheran zur Erinnerung an den Krieg gegen den benachbarten Irak (1980 bis 1988) eine Militärparade statt, bei der eine Shihab-3-Rakete mit dem Schlachtruf bemalt war: “Israel must be wiped off the map.” Whoa, whoa! Auf solch große Sprüche folgen nach aller historischen Erfahrung schreckliche Taten. Beim Lesen von Bidens Rede musste ich unwillkürlich an die bekannten Churchill-Worte in seiner ebenso knappen wie prägnanten „Blood, toil, tears and sweat”-Ansprache aus dem Kriegsjahr 1940 denken – in deren Folge ein zivilisiertes, aber ideologisch verblendetes Land, mein Vaterland, durch die „fliegenden Festungen” von „Bomber” Arthur Harris in Schutt und Asche gelegt wurde.

Der Stall des Augias wird also demnächst, spätestens in einem halben Jahr, mit allen zur Verfügung stehenden Kräften modernster Waffentechnik ausgefegt? Dann können wir nur noch hoffen, dass immerhin ein paar Insekten dieses Großreinemachen überstehen – und in geschätzten zwanzig Millionen Jahren eine Kultur begründen, die größere Ergebnisse hervorbringt als die Musik von Bach, die Philosophie von Platon, die Kunst von Leonardo, Akiba Rubinsteins beste Schachpartien und die Geistesblitze eines Lichtenberg.

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