AtD VI.3

Lew Basnight scheint von Anfang an nicht sehr begeistert zu sein von dem Auftrag, den Kronprinzen Franz Ferdinand bei seinen Ausflügen in die Chicagoer Unterwelt zu bewachen – und so zu verhindern, dass die Geschichte durch einen Attentäter umgeschrieben wird, wie sich sein Chef Nate Privett ausdrückt. Nervös erkundigt er sich (45|72), ob ihm wenigstens Unterstützung gewährt werde: „‘I get any backup on this, Nate?’ – ‘I can spare Quirkel.’ – ‘Somebody get Rewrite!’ Lew pretended to cry, affably enough.” (Nikolaus Stingl übersetzt diesen kurzen Wortwechsel so: „,Kriege ich bei der Sache Unterstützung, Nate?‘ – ,Ich kann Quirkel erübrigen.‘ – ,Dann lass uns lieber die Geschichte umschreiben!‘, heuchelte Lew, durchaus liebenswürdig, Verzweiflung.”) Offenbar hält er wenig von den detektivischen Fähigkeiten dieses Kollegen und scheint auf dessen Sekundanz dann auch verzichtet zu haben; jedenfalls steht Quirkel ihm nicht zur Seite, als sich Franz Ferdinand in einer Negerbar ganz schrecklich danebenbenimmt. (47-49|75-77)

Wenn man von einem (allerdings famosen) Tagcloud der Eigennamen in einem französischen Weblog von Lazare mal absieht, haben die Pynchonians den armen Quirkel, dabei treu Lew Basnights „liebenswürdigem” Urteil folgend, mit Verachtung gestraft; zu Unrecht, wie ich meine, denn wenn auch der Roman über ihn nicht mehr hergibt als die Andeutung seiner Inkompetenz als Detektiv, so lädt doch sein ungewöhnlicher Name zu durchaus nicht ganz wertlosen Betrachtungen ein.

Das Wort „quirk” (sprich: kwз:k), ist als Substantiv im Englischen seit Mitte des 16. Jahrhunderts nachweisbar, sein Ursprung liegt allerdings im Dunklen. Mein Langenscheidts Handwörterbuch verweist zunächst auf das synonyme Hauptwort „quip”, das einen witzigen Einfall, eine geistreiche Bemerkung, ein Bonmot bezeichnet und, als Verb gebraucht, für „witzeln, spötteln” steht. Ein „quirk” ist daneben aber auch ein Kniff oder Trick, ein Zucken (z. B. des Mundes, des Augenlids usw.), allgemeiner eine seltsame Eigenart oder Angewohnheit, also ein Tick, und schließlich noch ein Schnörkel, also ein je nach Betrachtungsweise dekorativer oder entbehrlicher Umweg der Schrift. (Zudem gibt es im Englischen noch die Redewendung „by a quirk of fate”, im Sinne von „durch einen verrückten Zufall” oder auch „wie das Schicksal so spielt”.)

Im deutschen Wortschatz kommt Quirkel nicht vor. Überhaupt sind bei uns Wörter mit der Endung -rkel äußerst rar. Ach, wie sehr ich doch die Suchfunktion „Rückläufiger Index” im Digitalen Grimm liebe! Dort gibt es nur Birkel (nicht die auf den Schorndorfer Unternehmer Balthasar Stephan Birkel zurückgehende Nudelfabrik), Zirkel (älter auch: Cirkel) und schließlich Schnirkel, eine veraltende Nebenform zu Schnörkel, die aber in einer übertragenen Bedeutung auch für einen unzuverlässigen Menschen stand, der „in gewundener Linie geht und handelt”.

Angesichts dieser treffenden Beschreibung eines zum Detektivberuf untauglichen Trottels drängt sich ja geradezu die Frage auf, ob der Eigenname „Quirkel” nicht in „Schnirkel” zu übersetzen gewesen wäre. Mir ist Quirkel, der Name ebenso wie die Person, jedenfalls sympathisch genug, ihn für den noch offenen Buchstaben Q in meinem Alphabet der Würfelwurf-Rubriken zu entlehnen. – Es gibt übrigens sogar ein Foto von diesem jungen Mann. Es ist [siehe Titelbild] der Bengel links, unterm Derby, der sich am Ausschank von Cläre Widtmann, ganz rechts, gerade einen hebt.

18 Antworten zu “AtD VI.3”

  1. Anna sagt:

    quirky = (u.a.) schrullig, verschroben
    a quirk of fate = eine Laune des Schicksals

    Ich benutze ungefähr hundertmal am Tag das online Wörterbuch “Leo” und kann es nur empfehlen, falls Sie es nicht sowieso schon kennen:
    http://dict.leo.org/

  2. Günter Landsberger sagt:

    Von Quirkel zu Quargel ist nur ein Schritt.

  3. Revierflaneur sagt:

    Hallo Anna! Schön, dass Sie sich mal wieder melden auf meiner einsamen Insel. Nein, LEO kannte ich noch nicht und habe die Webadresse des Wörterbuches als Lesezeichen abgelegt, um es zu testen. Nach meiner Beobachtung werden Online-Wörterbücher von den meisten Menschen mittlerweile hauptsächlich deshalb bevorzugt, weil sie Schwierigkeiten haben, einen gesuchten Begriff in der alphabetischen Anordnung eines Printverzeichnisses schnell zu finden. Ich bin durch meine langjährige Tätigkeit als Buchhändler allerdings in dieser Technik extrem schnell und stelle dann fest, dass die gedruckten Verzeichnisse oft mehr hergeben als die Konkurrenten im Internet.

  4. Revierflaneur sagt:

    Quargel? Wunderbar! Endlich ein Wort, das sich auf Spargel reimt – und das schon seit dem 15. Jahrhundert.

  5. Anna sagt:

    Was ich an LEO so sehr schätze, ist daß es jedes Wort in allen möglichen Sinnzusammenhängen übersetzt (mehr als in einem Buch Platz hätten), und Beispiele für Formulierungen gibt. Plus es gibt ein sehr nützliches Forum, wenn Sie da eine Frage stellen, kriegen Sie binnen Minuten von einem oder mehreren lieben, kundigen Menschen eine Antwort. Und zu jedem Eintrag haben Sie eine Liste der Forumsdiskussionen, die es dazu schon gab. Ohne diese Seite wär ich aufgeschmissen.

  6. Günter Landsberger sagt:

    Der Olmützer Quargel wurde schon von meiner mährischen Großmutter besonders geschätzt. Kaum war ich unlängst in Mähren, hab ich ihn in Erinnerung an sie gleich selbst probiert.

  7. Matta Schimanski sagt:

    1. Es gibt auch noch das Ferkel.

    2. Ich empfehle außerdem den Beolingus der Uni Chemnitz. Enthält auch viele Fachausdrücke aus Wirtschaft, Technik und Medizin.

    http://dict.tu-chemnitz.de/

  8. ad Matta 1.: Ferkel, ja. Und Tuberkel, Knörkel (für Geizhals), Sporkel (für Februar), Türkel (bergmännisches Fachwort), Orkel (für Zuber), Forkel (für Gabel), Torkel (für Weinpresse) usw. – Mein Fehler! Ich hätte schreiben müssen: “Überhaupt sind bei uns Wörter mit der Endung -irkel [nicht -rkel] äußerst rar.” Das ändere ich jetzt aber nicht nachträglich, sonst sind die beiden letzten Kommentare ja unverständlich. – Matta 2.: Wird geprüft. Danke!

    ad GL: Und? Wie hat der Quargel gemundet? Soll ein ziemlicher Stinker sein, Richtung Harzer Liebestöter.

  9. Matta Schimanski sagt:

    Ich hatte das Ferkel genau aus dem Grund erst nicht nennen wollen – aber nachdem der Quargel beinah akzeptiert wurde, dachte ich, das geht dann auch!
    Menno!

  10. Günter Landsberger sagt:

    Der Quargel war gemildert eingebacken. Wurde zum Mittagessen als Hauptbestandteil serviert.

  11. Günter Landsberger sagt:

    Quirkel und Zirkel und Birkel.
    Und Inge Merkel und’s G’werkl.

  12. Günter Landsberger sagt:

    Ferkel heißt auf österreichisch Fack (gesprochen mit einem nach o hin tendierenden a).

  13. Günter Landsberger in Hochform! Merkel? Nicht Angela, sondern Inge. Das nenne ich mal eine intellektuelle Grandezza vom Feinsten.

  14. Matta Schimanski sagt:

    Ziemlich unintellektuell fiel mir auch noch der Pinörkel ein, den man aber wohl in keinem Wörterbuch finden wird.

  15. Aber bloß deshalb nicht, weil er nicht “Pinörkel” heißt, sondern “Pinnöckel” (auch: “Pinnockel” oder “Pinnöppel”).

  16. Matta Schimanski sagt:

    Ich muss energisch widersprechen!
    Die mir einzig geläufige und daher einzig anzuerkennende Regionalvariante lautet “Pinörkel”, basta, Schluss, aus, finito, ex und hopp!

  17. Günter Landsberger sagt:

    Bitte keine Schnörkel,
    sonst kommen die Oahrnschliafer.

  18. [...] man ein Unsinnswort („Quirkel“) von einer Sprache in eine andere übersetzen? Man kann es immerhin versuchen. Das Quirkel [...]

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