Ein prominenter Gast aus höchstem europäischem Adelsgeschlecht besucht die World’s Columbian Exposition 1893 in Chicago: der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand, Neffe des Kaisers Franz Joseph I., welch Letzterer von 1848 bis zu seinem Tod 1916 regierte – und damit sein 70-jähriges Kronjubiläum nur knapp verfehlte, dessen Vorbereitung die „Parallelaktion” – gleichen Jahres das 40-Jährige von Wilhelm II. – in Robert Musils Jahrhundertroman Der Mann ohne Eigenschaften inspirierte.
Die Karikatur, die Pynchon auf wenigen Seiten (45-49|72-77) von diesem F. F. zeichnet, einem jämmerlichen Potentaten im Wartestand, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Gern wäre der knapp 30-jährige Kronprinz, spätestens seit seinem neunten Lebensjahr berühmt für seine waidmännischen Obsessionen, auf Büffeljagd gegangen. Da ihn aber sein neuer Leibwächter Lew Basnight zu seinem (geheuchelten) Bedauern darüber aufklären muss, dass die Bisonherden in diesem Teil des Landes längst ausgerottet sind, erkundigt sich Franz Ferdinand allen Ernstes, ob er dann nicht ersatzweise im berühmten Schlachthofviertel von Chicago Jagd auf die dort doch so zahlreich beschäftigten Ungarn machen könne. Für den entgangenen Profit wolle er die Inhaber selbstverständlich gern und großzügig entschädigen. Und schließlich stünden Ungarn ja auf der niedrigsten Stufe der tierischen Existenz.
(Nebenher wird uns hier in Erinnerung gerufen, dass es nicht erst Adolf I. war, der einen Teil seiner Artgenossen als Ungeziefer klassifizierte und auszurotten trachtete; und dass insofern Franz Josef der Letzte in einer viel älteren Tradition stand, als er die ihm nicht gewogenen Journalisten als Ratten und Schmeißfliegen bezeichnete, nicht wert, gegen sie Prozesse zu führen. Dabei ist ja noch unentschieden, wem solche Invektiven größeres Unrecht tun: den mit vermeintlich niederen Tieren verglichenen Populationen der Spezies Homo sapiens sapiens – oder den unschuldigen Animaliae, die keine Worte haben, solchen Beleidigungen angemessen Paroli zu bieten.)
Dass Franz Ferdinand der Weltausstellung einen Kurzbesuch abstattete, ist ebenso verbürgt wie der Umstand, dass er lediglich als Besucher kam und das Licht der Öffentlichkeit scheute. Im Jahr 1892 begab sich der habsburgische Erzherzog, seit dem Freitod seines Vetters Rudolf im Jahre 1889 auf Platz eins in der Liste möglicher Thronfolger, auf ärztlichen Rat und mit großer Entourage (zu der u. a. Leo Graf Wurmbrand-Stuppach, Julius Pronay von Tot-Prona und Blatnicza, Heinrich Graf Clam-Martinic, Karl Graf Kinsky zu Wchinitz und Tettau und – last, not least – sein Leibjäger Franz Janaczek zählten) auf eine Seereise rund um die Erde. Die fröhliche Reisegemeinde legte dabei nahezu 30.000 Meilen auf See und fast doppelt so viele Kilometer an Land zurück, komfortabel bedient und bewirtet von 21 Stewards, Dienern und Köchen, sicher in die jeweiligen Häfen gelenkt von einer 386-köpfigen Mannschaft aus begrüßenswerten Offizieren und nicht zu grüßenden Matrosen.
Offiziell wurde diese Fahrt auf dem Torpedo-Rammkreuzer SMS Kaiserin Elisabeth als wissenschaftliche Expedition deklariert. Dem österreichischen Kaiserhaus war aber vielmehr daran gelegen, durch diese Kreuzfahrt den Gerüchten über die angegriffene Gesundheit des Erzherzogs entgegenzuwirken. Die Reise rund um den Globus führte Franz Ferdinand von Triest nach Indien, Indonesien, Australien, Japan, Kanada – und schließlich auch nach Nordamerika und zur Weltausstellung in Chicago. Seine Reiseimpressionen beschrieb der Aspirant auf die österreichisch-ungarische Kaiserkrone in seinem zweibändigen Tagebuch meiner Reise um die Erde (Wien: Alfred Hölder, 1895-96). Unmittelbar im Anschluss an diese große Fahrt brach bei Franz Ferdinand eine schwere Tuberkulose aus, die erst durch jahrelange Kuraufenthalte geheilt werden konnte. Ob die Inanspruchnahme einer lokalen Detektiv-Agentur wie der Firma White City Investigations (W. C. I.) zum Schutz von Leib und Leben dieses bornierten Aristokraten wahrscheinlich und glaubwürdig ist, mag dahingestellt sein. Und ebenso muss offen bleiben, ob die Weltgeschichte einen anderen, womöglich günstigeren Verlauf genommen hätte, wenn den Thronfolger bereits in Chicago und nicht erst in Sarajevo, mehr als zwanzig Jahre später, die tödliche Kugel ereilt hätte.

Nun, wie könnten Tiere, hätten sie denn Worte, einen Menschen ‘angemessen’ beleidigen? – “Du Mensch, du!”
“Räudigste von uns Bestien, Hirntier, Du!”
“Beast” ist im Englischen übrigens auch der zoologische Ausdruck für “Tier”.
Du “Krone der Schöpfung”, Du “Schwein”, Du “Mensch”! (Menschbezogene Tierbeleidigung, frei nach Gottfried Benn.)
Ich komme übrigens leider nicht dazu, in Ludwig Winders großem, 1937 (?) in der Schweiz aufgelegten Franz-Ferdinand-Roman “Der Thronfolger” bezüglich des Chicagobesuches mal nachzusehen. Ich erinnere mich, dass auch von seinen größeren Reisen darin erzählt wird.
Irritierend übrigens immer wieder, lieber Manuel, die hier beibehaltene Sommerzeit in der Winterzeit. (Dein Blog ist nominell inzwischen immer eine Stunde später dran.)
Lieber Günter, ob der Prinz in Winders Der Thronfolger (zuerst 1938 bei Humanitas in Zürich erschienen) Chicago besucht, würde mich natürlich sehr interessieren – aber es hat ja keine Eile. Für den Tipp bin ich jedenfalls sehr dankbar und auch für den Hinweis auf meine eine Stunde nachgehende Weblog-Uhr. Mein Anbieter (WordPress) entschuldigt sich übrigens immerhin dafür, dass die Zeitumstellung noch nicht automatisch funktioniert. Naja, ich hab’s jetzt manuell erledigt. – Übrigens sind auch Deine letzten Kommentare (vom 25. November) erst heute hier eingetroffen. Woran das nun wieder liegen mag?
Und warum hast du nun das Bild um 90° gedreht?
Weil ich fand, dass auf diese Weise das grundstürzende Ereignis angemessener visualisiert wird als in der ursprünglichen Version. Bei der legt man als Betrachter übrigens unwillkürlich den Kopf schräg nach rechts, um den Gesichtsausdruck von F. F. besser “lesen” zu können. Diese Verrenkung erübrigt sich durch die 90-Grad-Drehung. Und drittens – last, but not least – könnte einem einfallen, dass dies die Sichtweise eines Augenzeugen war, der sich angstvoll auf den Boden warf, als die tödlichen Schüsse fielen. – Toll, ne?
Jau!
Oder die Handy-Kamera, mit der er gerade ein Photo des Thronfolgers schießen (!) wollte, fiel ihm vor Schreck aus der Hand, der Aufprall löste die Aufnahme aus – voilà!
Übrigens macht der Mensch in der hier oberen rechten Bildecke (Polizist? Leibgarde-Offizier?) jetzt den Eindruck, als hätte er das Auto hinten gepackt, hochgehoben und auf die “Schnauze” gestellt. Auf was für Einfälle die Leut’ doch kommen!
Ludwig Winder: “Der Thronfolger / Ein Franz-Ferdinand-Roman”, Berlin, 1. Aufl. 1984, S.210:
“Amerika weckte ihn. Vom ersten Schritt an, den er auf dem Boden der Vereinigten Staaten machte, beunruhigte ihn der Lärm, das Tempo, die Traumlosigkeit und Rücksichtslosigkeit des Landes wie ein Wecker, der sich nicht abstellen läßt und unaufhaltsam läutet und dröhnt. Was für ein abscheuliches Land, was für abscheuliche Menschen, sagte er und beschloß, nur kurze Zeit in Amerika zu bleiben, mit dem ersten Dampfer nach Europa zu fahren. Dann aber überwältigte ihn der gewaltige Rhythmus des amerikanischen Lebens, es überwältigte ihn auch die besondere Art der Menschen, ihre zielbewußte Energie, ihr unbeirrbares Selbstvertrauen, ihre Überlegenheit in der Bewältigung aller Probleme des werktätigen Lebens. Die Niagarafälle, die Schönheit des Yellowstoneparks, die Wildheit der Rocky Mountains, die riesigen Ausmaße der Natur – sie imponierten ihm weniger als die Menschen, die ihm widerlich und bewunderungswürdig schienen. Amerika war jung. Hier war die Zukunft der Menschheit. Das alte Europa, die alten ehrwürdigen Geschlechter, die alte Glorie des Hauses Habsburg – hier war alles, was Franz Ferdinand immer gläubig als das Höchste verehrt hatte, in die Aura der Unwirklichkeit gehüllt. Diese Erkenntnis war beklemmend. Er dachte: Die Zukunft gehört dem Neuen, dem Jungen, dem stürmisch Vorwärtsdrängenden. Diese Erkenntnis war befreiend.
Hier, in New York, ging Franz Ferdinand ein Gedanke durch den Kopf, der ihn mit neuer Hoffnung, mit neuem Leben erfüllte. Er lernte den Aufbau und die Verfassung der Vereinigten Staaten kennen, er verglich die Vereinigten Staaten mit seinem Vaterland. Er dachte an die Unzufriedenheit der Nationen in Österreich-Ungarn, an die unlösbaren Probleme des Zusammenlebens der vielen Nationen in dem alten, unfest zusammengehaltenen, unaufhörlich schweren Erschütterungen ausgesetzten Staat, der schlecht regiert wurde. Da durchzuckte ihn der Gedanke: Wäre es nicht möglich, die österreichisch-ungarische Monarchie in einen Staatenbund umzuwandeln? Vielleicht wäre das die Lösung aller Probleme des Reichs: die Vereinigten Staaten von Österreich-Ungarn. Jede Nation hätte ihren Staat im Staate zu bilden, jeder könnte sich frei entwickeln, jeder wäre für sich verantwortlich, einer könnte den andern nicht unterdrücken, einer den andern nicht mit Eifersucht und Neid verfolgen – und alle zusammen wären ein glückliches Reich, ein großer Staat mit einem glücklichen Kaiser an der Spitze.”
Darauf habe ich unter AtD VI.4 ausführlich geantwortet.
[...] an Pynchons Geschichte zufliegen, z. B. gleich mehrfach zum österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. So lese ich gerade eben in einem wundervollen Buch über den Beginn des letzten Jahrhunderts einen [...]