Genauigkeit

In diesem Weblog kommt es auf jedes i-Tüpfelchen an. Das mag manchem lässigen Zeitgenossen wie Pedanterie erscheinen, ich halte es dennoch für meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, einwandfreie Arbeit abzuliefern, wenn ich auf diesem Wege schon vor die Weltöffentlichkeit trete. Die verbreitete Schluderei, die einem in diesem neuen Medium allenthalben ins Auge springt, empfinde ich als einen üblen Missbrauch von Möglichkeiten der unbeschränkten Mitteilung, nach denen sich unsere sorgfältigeren Ahnen die Finger geleckt hätten.

An einem konkreten Beispiel will ich verdeutlichen, wie weit meine Fürsorge für die Richtigkeit meiner hier veröffentlichten Texte geht. In meinem Artikel AtD II.8 stand bis heute der Satz: „Der Arzt Leslie E. Keeley (1834[?]-1900) gründete 1879 in Dwight (Illinois), 110 Kilometer südwestlich von Chicago, ein Sanatorium für Suchtkranke.” Das Fragezeichen in eckigen Klammern war nötig, weil die Internetquellen zu besagtem Dr. Keeley unterschiedliche Geburtsjahre angaben: 1832, 1834 und 1836. Ich entschied mich vorläufig für den Mittelwert, wenngleich mir bewusst blieb, dass dies ein fauler Kompromiss war.

Da Keeleys Sanatorium in Dwight, die Keimzelle seines Gesundheits-Imperiums, noch immer existiert, schrieb ich mit Unterstützung meiner Lektorin dorthin einen Brief: “Dear Sir or Madam, A friend of mine and I are doing some research concerning certain facts in Thomas Pynchon’s novel Against the Day, and we have also come across Dr. Leslie E. Keeley and his cure. – We do know that he opened his first sanatorium at Dwight in 1879, we do know that he died in 1900, and we do know several more facts – but we do not know when he was born. Different internet sources give different dates of birth: some tell us it was in 1832, others say it was in 1834, still others claim it was in 1836. It seems that Dr. Keeley died in L. A. but was buried in Dwight. This leads to our request: Could it be possible to get a photograph of his tombstone (if there is one still) proving his date of birth? – We would very much like to thank you in advance for answering our letter! – Yours sincerely, M. H.”

Die Antwort folgte wenige Tage später per E-Mail: “Manuel, I was given your letter on Monday by the Dwight Village Administrator. I am the one who takes care of genealogy requests that come to Dwight. This evening we went over to the Dwight Historical Society Museum to look on the newspaper microfilm records for Dr. Keeley’s obituary. This states that he was born in 1832. I made a copy of the whole page obituary to send to you via US postal service mail. I also copied the article that appeared in the newspaper the following week about his funeral to send to you. Yes, he is buried in Dwight. We will go out to the cemetery within the next few days and photograph the Keeley tomb for you. It is a big one. He was a very important person in Dwight. I assume the address on the top of your letter is the correct one to send the articles to. Please email us to make sure you wish to have these mailed to you. For this service, we would appreciate a small donation to the historical society. Marylin Thorsen”. Ich schickte einen Zehn-Dollar-Schein per Post nach Dwight und erhielt gestern die Todesnachricht und den Nachruf auf Leslie E. Keeley (Dwight Star and Herald, Vol. XXXV, 24. Februar und 4. März 1900).

Dort heißt es klipp und klar: “Leslie E. Keeley was born in Potsdam, N. Y., in 1832.” Da diese Jahreszahl aus einer zeit- und ortsnahen Quelle stammt, ist ihr wohl am ehesten zu trauen, weshalb ich sie für meinen Beitrag nun als gesichert übernehme. – Ich habe an diesem Einzelfall zeigen wollen, wie sehr mir an der sachlichen Richtigkeit und Genauigkeit aller meiner Veröffentlichungen in diesem Weblog gelegen ist. Dies scheint mir auch deshalb kein müßiges Unterfangen, weil sich gerade in Internet-Publikationen eine allgemeine Schlampigkeit epidemisch ausbreitet, die in wenigen Jahren zu einer erschreckenden Degression journalistischer Qualitätsstandards geführt hat. Es steht allerdings zu befürchten, dass eine stetig wachsende Zahl von Lesern die Einhaltung solcher Standards in Zukunft gar nicht mehr zu schätzen wissen wird.

[Titelbild: Leslie E. Keeley, LL. D.; aus: Dwight Star and Herald.]

11 Responses to “Genauigkeit”

  1. Revierflaneur» Blogarchiv » Sonntag, 17. August 2008: AtD II.8 Says:

    […] Arzt Leslie E. Keeley (1832-1900) gründete 1879 in Dwight (Illinois), 110 Kilometer südwestlich von Chicago, ein Sanatorium […]

  2. Lektorin Says:

    Da sieht man ‘s mal wieder: Auf die Encyclopedia Britannica ist Verlass!

  3. Lektorin Says:

    Außerdem: Ein klein wenig erinnert das Profil an Stalin, oder? Auch wenn Dr. Keeleys Kinn ein bisschen fliehender erscheint.

    http://www.great-victory1945.ru/warlord.htm
    http://tinyurl.com/5z4mj7

  4. Revierflaneur Says:

    Stalin? Ich dachte eher an den John-Lennon-Song I Am the Walrus (1967).

  5. Lektorin Says:

    Beide Eindrücke entstehen wohl durch den imposanten Schnauzbart.

  6. Günter Landsberger Says:

    “In diesem Weblog kommt es auf jedes i-Tüpfelchen an.”

    Hierzu schon Rittmeisterin Grünhage in Wilhelm Raabes Roman “Das Horn von Wanza” (1. Kapitel):

    “Da lese ich fast alle Woche einmal davon in den Blättern, wie die (“die deutsche Muttersprache”, GFL) in Orthographie oder Rechtschreibung, oder wie ihr es nennt, verbessert werden muß; und in Potsdam haben sie sogar einen Verein gebildet, der die i-Tüpfel abschaffen will. Lehren schreibt ihr ja jetzt wohl ohne h und Liebe ohne e und tut euch auf den Fortschritt, wie der Bürgermeister sagt, riesig was zugute. Ja freilich, Riesen seid ihr; aber ein paar in der alten Weise gedruckte Bände von Schiller und Goethe werdet ihr doch übriglassen müssen, und in denen lesen wir Alten dann weiter. Es ist mir lieb, daß du nicht lachst, mein Junge.”

  7. Matta Schimanski Says:

    Ich bin ja eine große Freundin der Genauigkeit. Kommt aber nicht immer gut – da kann ich wohl ein Lied von singen!

  8. Günter Landsberger Says:

    Einverstanden: Es gibt kaum Schlimmeres als Pedanten.

  9. Revierflaneur Says:

    “Es gibt kaum Schlimmeres als Pedanten.” – Da wüsste ich schon noch ein paar Schlimmere, lieber Günter. Zum Beispiel die Dummen, Brutalen und Gedankenlosen. Vielleicht sollten wir uns erst mal über den Begriff “Pedanterie” grundsätzlich unterhalten. Ist es zum Beispiel pedantisch, wenn Du Deine gediegene Bibliothek nach dem Alphabet sortierst? Oder bloß zweckmäßig, weil Du auf diese Weise schneller findest, was Du suchst? Und sparst damit Zeit, die Du für wichtigere Lebensfragen nutzen kannst. Du beschwerst Dich bei mir mehrfach, dass ich den Lösungsschlüssel zu einem Literatur-Rätsel (Roman-Schlüsse) nicht veröffentliche, weil ich ihn verbosselt habe. Wäre ich pedantischer gewesen, dann hätte ich mir Deinen berechtigten Tadel nicht zugezogen. Aber stattdessen wäre ich dann einer gewesen, der kaum schlimmer sein könnte, nämlich pedantisch? Was denn nun?

  10. Günter Landsberger Says:

    Paart sich Pedanterie denn nicht meistens mit der von Dir zu Recht angeführten unheiligen Dreier-Allianz von Dummheit, Brutalität und Gedankenlosigkeit? Ist der Dumme nicht dann besonders dumm, wenn er pedantisch dumm ist? Und entsprechend der pedantisch Gewalttätige und der pedantisch Gedankenlose, der auch jedem anderen die Gedanken schon im Keim austreiben möchte?

    Habe ich denn überhaupt ad personam von Pedanterie (einem Wort für die oft verhängnisvolle Übertreibung der für sich genommen schätzenswerten Tugend Genauigkeit) geschrieben, so, wie Du es, lieber Manuel, offenbar missverstanden hast?
    (Nebenbei: Alphabetisch sortiert habe ich meine Bibliothek überhaupt nicht. Ich gebe Dir aber recht, es wäre zweckmäßig, beim Suchen und Finden nicht immer zuvor mein Gedächtnis testen zu müssen.)

  11. Revierflaneur» Blogarchiv » Freitag, 21. November 2008: Pedant Says:

    […] Bekenntnis zur Genauigkeit warf die Frage (eines ehemaligen Lehrers) auf, wann diese Arbeitseinstellung in Pedanterie […]

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