Panik

Einer der wesentlichsten Gründe, warum ich Schach spiele: Weil ich hoffe, dabei etwas über mich selbst herausfinden zu können. Eine vermeidbare Verlustpartie ist zwar immer schmerzhaft, doch werden die eingebüßten ELO-Punkte oft von dem Erkenntnisgewinn mehr als aufgewogen. Vorgestern spielte ich in der „Schacharena” als Schwarzer gegen den schwächeren Mike Lariah (ELO 1362) – und verlor. Hier der für mich sehr lehrreiche Verlauf dieser vor Fehlern auf beiden Seiten strotzenden Partie.

1. d2-d4 d7-d5 2. e2-e4. – Ich bin, was die Eröffnungstheorie angeht, vollkommen unbeleckt. Was ich bereits in meinem zweiten Zug ausprobiere, muss wohl gänzlich wertlos sein, denn es kommt in der ECO-Liste der gebräuchlichen Spielweisen gar nicht erst vor: 2. … e7-e6. (Stattdessen wird laut ECO-Code D00 hier grundsätzlich 2. … d5xe4 gespielt, das Blackmar-Gambit.) 3. Sb1-c3 Sg8-e7 4. Sg1-f3 d5xe4 5. Sc3xe4 Se7-d5 6. Lf1-b5† Lc8-d7 7. Lb5-c4 h7-h6 8. Se4-c5.

Kaum hatte die Partie begonnen, schon befand ich mich in arger Bedrängnis. Die Bedrohung meiner Dame durch 9. Sc5xb7 wollte ich nicht hinnehmen und zog darum 8. … Lf8xc5 9. d4xc5 0-0 10. b2-b4. – Jetzt schon 10. … Sd5xb4 zu spielen, schien mir zu riskant, stattdessen sicherte ich zunächst erst mit 10. … a7-a6 11. Lc1-b2 Sd5xb4 und stand doch jetzt eigentlich mit einem Mehrbauern nicht schlecht da.

12. Dd1-d4? –  Hier sah ich nun nur noch das drohende Matt durch 13. Dd4xg7 – und übersah fatalerweise die einzig richtige Antwort 12. … b4xc2†, durch die ich zu dem weiteren Bauern auch die Dame hätte kassieren und damit die Mattdrohung aus der Welt schaffen können. Zwar hätte ich nach 13. Ke1-d2 Sc2xd4 14. Sf3xd4 einen Springer verloren, aber bei diesem Stand wäre die Partie für mich wohl so gut wie gewonnen gewesen. Stattdessen ging es nun weiter abwärts, weil mich die Panik blind gemacht hatte: 12. … f7-f6 13. 0-0-0 c7-c6 14. Sf3-e5.

Ich war durch den verpassten Damengewinn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht und übersah, dass ich hier ohne Gefahr 14. … f6xe5 hätte spielen können, denn 15. Dd4xe5 hätte mich nach Tf8-f6 vorläufig nicht in Bedrängnis gebracht. Weiter diktierten Frustration und Panik mein Spiel: 14. … Tf8-e8? 15. Dd4-g4 Dd8-a5?? (Was mache ich da nur? Besser gewesen wäre doch beispielsweise 15. … g2-g4. Aber offenbar trauerte ich noch immer dem verpassten 12. Zug nach, statt mich mit der längst nicht aussichtslosen Situation abzufinden und meine Chancen zu nutzen.) 16. Se5xd7 Sb8xd7 17. Td1xd7 Da5xc5?? 18. Dg4xg7 matt. – Danach war ich für mindestens eine Stunde sehr schlecht gelaunt. Übrigens stand ich überhaupt nicht unter Zeitdruck. Das Spiel dauerte gerade mal 16 Minuten, bei 30 Minuten Bedenkzeit für jeden Spieler. Mein spielentscheidendes Defizit wurde dabei offenkundig: Was mir fehlt, nicht nur auf dem Schachbrett, ist Gelassenheit.

5 Responses to “Panik”

  1. Günter Landsberger Says:

    Stimmst Du übrigens mit dem folgenden Satz Steinitz’ aus dem Jahre 1889 überein?

    “In unserem noblen Spiel spielt, abgesehen von zeitweilig wirkenden Faktoren, der Zufall überhaupt keine Rolle, während er letzten Endes in allen anderen Spielen ausschlaggebend ist.”

    (Bernd Gräfrath: Ketzer, Dilettanten und Genies. Grenzgänger der Philosophie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1993, S. 133.)

  2. Revierflaneur Says:

    Dazu fällt mir ein, was ich gerade gestern über Robert Hübner, den vielleicht stärksten deutschen Schachspieler nach Emanuel Lasker, gelesen habe. Der unterlag 1970 beim Kandidatenturnier in Sevilla (zur Ermittlung des Herausforderers von Weltmeister Boris Spasski) dem Ex-Weltmeister Tigran Petrosjan bereits im Viertelfinale. In diesem Wettkampf war Hübner benachteiligt, weil im Turniersaal großer Lärm herrschte. Der schwerhörige Petrosjan stellte sein Hörgerät ab und litt nun nicht mehr unter den Störungen, Hübner aber konnte sich nicht konzentrieren und brach nach der 7. Partie den Wettkampf ab.

    Den Ausgang dieses Matches bestimmten also gleich mehrere Zufälle: dass Hübner dem schwerhörigen Russen zugelost worden war, dass es im Turniersaal gerade bei diesem Treffen so laut zuging, dass der deutsche Großmeister offenbar kein Ohropax im Reisegepäck hatte. Absolut gesehen, wenn man das Schachspiel und die Spieler von allen äußeren Einflüssen hermetisch abschließen könnte, würde der Zufall fürs Ergebnis zwar keine Rolle spielen. Diesen artifiziellen Zustand gibt es aber in der Realität menschlicher Wettkämpfe auch im Schachspiel nie. Er ließe sich allenfalls herstellen, wenn man zwei absolut gleichstarke Schachprogramme gegeneinander spielen ließe. Solche Begegnungen würden allerdings stets Remis enden, wodurch das Schachspiel jeden Reiz verlöre. (Siehe dazu auch meinen heutigen Beitrag.) – Diese knappe Notiz vorläufig von meiner Seite zum tatsächlich sehr reizvollen Thema „Schach und Zufall“.

  3. Mike Lariah Says:

    Witzig, dass du die Partie aufgeschrieben hast. :-) Was man nicht alles findet, wenn man sich aus Langeweile selbst googled … Auf eine baldige Revanche!

    Gruß
    Mike

  4. Revierflaneur Says:

    Unverhofft kommt oft. So bist Du unversehens und unwillentlich durch ein paar schlechte, dennoch siegreiche Züge in die Literaturgeschichte eingegangen. – Landsbergers Frage in seinem Kommentar, wie ich bei dieser zufälligen Gelegenheit gerade sehe, blieb übrigens im Kern unbeantwortet – und wird es auch weiterhin bleiben. Der Zufall ist kein so leichtes Thema, wie es sich der werte Herr Steinitz mit seinem wohlfeilen Aperçu hat träumen lassen.

  5. Matta Schimanski Says:

    Der Zufall erfordert mindestens 5.000 Seiten!

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