Dorfgeschichte (I)

Leider viel zu spät veröffentlicht jetzt die Theater und Philharmonie Essen GmbH (TuP) einen „Fragen- und Antwortkatalog” zur fristlosen Entlassung des Intendanten der Philharmonie Essen, Michael Kaufmann, die deren 13-köpfiger Aufsichtsrat am 23. September mehrheitlich (mit fünf Stimmenthaltungen) beschlossen hat. Wer die ausführlichen Antworten auf die dort gestellten 17 Fragen vorurteilsfrei zur Kenntnis nimmt, kann kaum zu einem anderen Ergebnis kommen: Die Kündigung von Kaufmann war nicht nur berechtigt, sondern auch hoch an der Zeit. Und selbst gegen den Vorwurf, dass sie zu spät erfolgt sei, muss man die Befürworter des Antrags, die sich mit ihrem Votum glücklicherweise durchgesetzt haben, in Schutz nehmen. Sie haben damit Courage bewiesen und einen allerdings schmerzlichen und unpopulären Schritt vollzogen, was ihnen nachträglich gar nicht hoch genug anzurechnen ist. (Und ich habe ihnen in meinem ersten Beitrag zu diesem Thema wohl in einigen Punkten Unrecht getan, was sie durch ihre behäbige Informationspolitik allerdings selbst verschuldet haben.)

Der Vorwurf des „Provinzialismus”, der sich gegen diese einzig richtige Entscheidung erhob, fällt nach Veröffentlichung dieses Katalogs auf die unsachlichen Lamentierer zurück, die in den folgenden Tagen unisono in einen empörten Krakeel verfielen, allen voran  auf unser meinungsführendes Provinzblättchen mit Millionenauflage, die WAZ, mit ihrem der deutschen Sprache nur für den Hausgebrauch seines Arbeitgebers mächtigen Zampano Wulf Mämpel, der mit seinen wetterwendischen Meinungsäußerungen als „Schaf im Wolfspelz” unter dem Pseudonym Lupus tagtäglich bei seinen treuen Lesern, den Wertschätzern unfreiwilliger Komik, für Erheiterung sorgt.

Den Leserbriefschreibern und Blogkommentierern, die sich zu diesem „peinlichen Eklat” äußerten, dürfen wir ihre unbedarften Stellungnahmen nicht verübeln, denn sie wissen es ja nicht besser, da sie schließlich in ihrer meinungsbildenden Grundversorgung auf besagtes Krawallblatt und seine gleich tönenden Ableger angewiesen sind.

Dass unser aller Boulevard-Berthold vom hohen Hügel herab über den Entscheid der „Wilden Dreizehn” die Nase rümpfte und dem verantwortungsvoll handelnden Gremium der TuP postwendend einen Tritt in den Hintern verpasste, das ist wiederum provinziell und weit eher mit der Gattungsbezeichnung „Schmierenkomödie” zu versehen als der gut begründete Kaufmann-Rausschmiss, der mehrfach so genannt wurde. Doch für Beitz gilt ja längst unumschränkte Narrenfreiheit, er schwebt als „Guter Gott von Ruhropolis” über den unruhigen Wassern der Kulturhauptstadt – und niemand außer einem Enfant terrible wie mir, das nichts mehr zu verlieren hat, traut sich – auch eine Art von Narrenfreiheit – ihm auf seine alten Tage dies zu sagen. „Sancta senilitas!”

Die tiefste Niederung der Provinzialität wurde aber schon zuvor durchschritten, als sich der prominenteste Mann des TuP-Aufsichtsrats, der Kulturdezernent der Stadt Essen und Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, Oliver Scheytt, bei der Abstimmung am 23. September seiner Stimme enthielt (vgl. WAZ Nr. 236 v. 9. Oktober 2008). Das ist nicht mehr nur provinziell, diese Feigheit hat schon dörflichen Charakter: „Was sollen bloß die Nachbarn denken?” Ich bin, durchaus im wörtlichen Sinn, Nachbar dieses stimmlosen Entscheiders. So steh ich hier und kann nicht anders, als zu sagen und zu bekennen: „Du bist ne Kneifbüx, Olli!”

5 Responses to “Dorfgeschichte (I)”

  1. Günter Landsberger Says:

    Selbst wenn man (auch ohne Gegendarstellung) die ausführliche Darstellung der TuP als vollauf berechtigt und als einen eines Besseren belehrend auffassen sollte oder gar müsste, stellt sich für mich als Konzertbesucher und als langjährigen Abonnenten ganz egoistisch-naiv die Frage, ob ich z. B. die drei Kammerkonzerte vom 6. Oktober 2008 (Ensemble Wien – Berlin + Lars Vogt), vom 23. Oktober 2008 (Artemis Quartett) und vom 8. November 2008 (Triokonzert mit Heinrich Schiff, Frank Peter Zimmermann und Martin Helmchen) jemals ohne Herrn Kaufmanns Initiative – und Herz gerade für die für viele erst noch zu entdeckende Kammermusik – je hätte hören und erleben können. Und ich habe trotz meiner jahrzehntelangen Konzertbesuchserfahrung nie Besseres gehört. Hätte ich diese drei Konzerte (sie seien nur ein Beispiel für viele) noch in der laufenden Spielzeit ohne Herrn Kaufmann je erleben können, erleben dürfen? Jetzt scheint sich ironischerweise auch der Publikumserfolg langsam einzustellen. Die Anzahl der Besucher jetzt ist wie aus Trotz sichtbar angestiegen.

    Wie wird das weitergehen? Werden die Programme künftig ausgedünnt? Wird man die durch Herrn Kaufmann geknüpften Beziehungen zu diversen Künstlern noch weiter nutzen können? Wird man seine Lorbeeren ernten?

    Das alte Dilemma von Geld und Kunst zeigt sich auch hier. Wie kann man den Sinn für Höchstqualität fördern (und für Kammermusik als der Voraussetzung für alle gute Musik ist der Sinn eines breiten Publikums noch nicht hinreichend ausgebildet!) und zugleich in Kauf nehmen, dass der breitere, der auch zahlenmäßig größere Publikumserfolg sich erst so nach und nach, wenn nämlich es sich immer weiter herumgesprochen hat, durchsetzen wird.

  2. Revierflaneur Says:

    Ausgedünnt werden die Programme zumindest vorläufig nicht, denn die Verträge mit den Künstlern, die Michael Kaufmann geschlossen hat, gelten und müssen eingehalten werden. – Mein Blick auf Kaufmanns Leistung, dies sei zugegeben, ist insofern “auf einem Auge blind”, als ich seine künstlerischen Verdienste überhaupt nicht bewertet habe. Dies ist schließlich von Seiten seiner Fans nach seiner fristlosen Kündigung schon zur Genüge geschehen. Da er aber an der Essener Philharmonie in einer doppelten Funktion tätig war, als künstlerischer und wirtschaftlicher Leiter, und auch für beide Leistungen entlohnt wurde, muss man ihn am Gesamtergebnis messen. Und dann darf man eben nicht “ganz egoistisch-naiv” die Augen davor verschließen, dass er durch sein Versagen in diesem Bereich Essen einen Scherbenhaufen hinterlassen hat – und hohe Schulden.

    Dass in den Medien wochenlang behauptet wurde, der Aufsichtsrat der TuP habe durch seine Entscheidung den wirtschaftlichen Schaden verursacht und nicht Michael Kaufmann, der diesen schmerzvollen Schritt durch sein Verhalten ja geradezu erzwang – diese Darstellung ist nach meiner festen Überzeugung völlig unhaltbar.

    Dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass die entstandenen Defizite im Haushalt der Philharmonie künftig ja noch durch eine hohe Abfindung vergrößert werden, auf die der ehemalige Intendant Anspruch hat. Sollte er auf diesen Anspruch zur Hälfte verzichten, da er seine Aufgaben ja auch nur zur Hälfte erfolgreich erfüllt hat, dann wäre er aus meiner Sicht rehabilitiert. Dieses Geld könnte dann seinem Nachfolger und dem Publikum zugutekommen – z. B. zur Finanzierung des einen oder anderen Kammerkonzerts, das auch Deinen hohen Ansprüchen genügt.

  3. Günter Landsberger Says:

    Wenn die durch die “Verschuldungen” Michael Kaufmanns in Gang gekommenen künstlerischen Angebotsmöglichkeiten mehr oder minder dauerhaft bleiben könnten, dann könnte ich mich auch mit dem vielleicht nicht ganz schiefen Vergleich trösten, dass aus vielen Bauten und Kunstwerken seinerzeit höchst verschuldeter Potentaten bis heute Kunstgenuss und oft auch verspätet effektiv erheblich Profit gezogen wird.

  4. Günter Landsberger Says:

    Müsste man nach Kaufmanns Pressekonferenz nicht auch seine Gegendarstellung durchdenken?

  5. Günter Landsberger Says:

    Auch wenn mir im letzten Satz der Einleitung zum “Fragen- und Antwortkatalog” der TuP das vordringliche Streben, eine rechtliche Belangbarkeit unter allen Umständen zu vermeiden, sofort klar war, so hat mich dieser letzte Satz auch sofort stutzig gemacht:
    “Wir weisen darauf hin, dass es sich bei diesem Papier nicht um eine
    juristische, sondern um eine rein informatorische Zusammenstellung handelt.”
    Deswegen hat es mich auch verwundert, wieso Du, lieber Manuel, diesen Katalog so vorbehaltlos für bare Münze genommen zu haben scheinst. Wo dieser Katalog doch selber die Möglichkeit einer Gegendarstellung schon am Schluss seiner Einleitung wohlweislich offenhält. (Offenbar auch mit weiteren Änderungen und Präzisierungen rechnet.)

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