Archiv für November 2008

AtD VI.5

Sonntag, 30. November 2008

Nachdem schon zwanzig Jahre früher in Colorado ein relativ kurzlebiger Goldrausch ausgebrochen war, erlebte das Land, das sich vorübergehend auch Silver State nannte, ab 1879 einen Silber-Boom, der allerdings gerade 1893, im Jahr der Chicagoer Weltausstellung, nach einem rapiden Preissturz dieses Edelmetalls sein Ende fand. Auf der Amüsiermeile der World’s Columbian Exposition, der Midway Plaisance, gab es wohl eine „Colorado Gold Mine” (Nr. 47a im zeitgenössischen Plan), aber kein „Colorado Silver Camp”, das Franz Ferdinand angeblich besuchte. (45|73)

Bei dieser Sehenswürdigkeit handelte es sich um eine miniaturisierte Nachbildung der Saratoga-Goldmine in Gilpin county (CO). Das war wohl so eine Art Vorläufer der Miniaturwelten im Maßstab 1:25, von Madurodam in Den Haag (seit 1952), Minidomm in Ratingen (1967-1992) oder der wenig später entstandenen Legoland-Freizeitparks, zuerst im dänischen Billund (seit 1968) und bald auch an verschiedenen Orten in Deutschland.

Vermutlich wurde diese Attraktion, wie die weit überwiegende Mehrzahl der Gebäude und sonstigen Anlagen auf dem Gelände der Weltausstellung, nach deren Schließung am 30. Oktober 1893 abgerissen, entsorgt, dem Erdboden gleichgemacht oder wegtransportiert – ein treffendes Bild für die Wegwerfmentalität des prosperierenden Hochkapitalismus US-amerikanischer Prägung. Am Schluss des Kapitels begegnet uns diese Sehenswürdigkeit noch einmal unter ihrem nicht ganz zutreffenden Namen, wenn es dort heißt: „Das Colorado Silver Mining Camp wurde jetzt, wie die anderen früheren Attraktionen, von ziellos Umherziehenden bewohnt, von Ansiedlern ohne Rechtstitel, Müttern mit Säuglingen, Unruhestiftern, die, für die Dauer der Ausstellung in Dienst genommen, nun, da ihr Marktwert dahin war, zu den Tröstungen des Alkohols zurückkehrten [...].” (55-56|87) – Die Tristesse dieser allzu schnell auf den Hund gekommenen Kulissenwelt bestimmt das düstere counter-image zur neulich noch so strahlenden Fata Morgana künstlich fabrizierten Glanzes. Die Kehrseite der Medaille zeigt eine hässliche Fratze. Der Katzenjammer nach dem Fest ist der unvermeidliche Schlussakkord zur Symphonie unbegrenzten Fortschritts. Der Rausch ist verflogen und die Ernüchterung kaum zu ertragen.

Vor ein paar Jahren hat Karl Osolinski in Berkley (MI) ebenfalls ein Modell der Saratoga-Goldmine gebastelt, in über 250 Arbeitsstunden. Sein Diorama zeigt allerdings lediglich die überirdischen Holzbauten dieses Förderwerks, während man einer (leider sehr knappen) Beschreibung des Modells auf der Weltausstellung entnehmen kann, dass es vermutlich auch das „Innenleben” und die Arbeit unter Tage im Querschnitt zeigte: “Other distinctive features are the Oregon hydraulic mining exhibit and the Colorado gold mine, the latter reproducing in miniature the workings of the Saratoga mine in Gilpin county.” (Hubert Howe Bancroft: The Book of the Fair. Chicago / San Francisco: The Bancroft Company, 1893.)

Miniaturartige Darstellungen von Bergwerken im Querschnitt haben übrigens im Schaustellerwesen eine lange Tradition. Erzgebirgische Berginvaliden zogen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihren sogenannten „Buckelbergwerken” durch die Lande. Das waren wie Tornister auf den Rücken („Buckel”) geschnallte Schaukästen, in denen die Technik der Kohleförderung durch eine per Handkurbel angetriebene Mechanik verdeutlicht wurde. (Ein in seiner Detailtreue und naiven Realistik beeindruckendes Beispiel dieser Volkskunst ist als Nachbau im Essener Markt- und Schaustellermuseum zu bewundern.)

[Titelbild © Holger Kühn / Chemnitz.]

AtD VI.4

Samstag, 29. November 2008

Dieses Kapitel strotzt nur so von googlebaren Begriffen: das Colorado Silver Camp (45|73), die Stadt Joliet in Illinois (46|73), der doppelläufige Mannlicher (46|74), Spelunken wie das Silver Dollar and Everleigh House und die Boll Weevil Lounge, in denen auf Barrelhouse-Klavieren der Boogie-Woogie geklimpert und grünes Bier geschluckt wird (47|75), Third Base und Chicago White Stockings (48|76), „All Pimps Look Alike to Me” (48|77), Welsbach-Glühstrümpfe, Reverend Moss Gatlin und Hubert Parrys jüngst erfolgte Vertonung von Blakes „Jerusalem” (49|78), ein Zigarillo namens Panatella (51|81) und ein Kollege von Professor Vanderjuice namens Freddie Turner aus Harvard (52|82), die Union Stockyards Richtung Nordwesten (52|83), grausame Blitz-Instrumente und Wackett-Dorne zur „humanen” Betäubung von Schlachtvieh, bevor es der inhumane Mensch in Chicago und anderswo tötet, zerteilt, brät und verzehrt – sowie ein Charabanc und ein Tor in der Halstead Street (53|83), dann die als Maskottchen oder Glücksbringer von Lew Basnight an die „Freunde der Fährnis” verteilten .22er Patronen (die schon wieder), und last but not least „Mickeys” bekannte Miniaturflaschen, die mir bisher nicht bekannt waren (55|86). Man weiß als vom VI. Kapitel etwas überforderter Kommentator nicht so recht, welche Lunte man in diesem anspielungsreichen Chaos, das Pynchon hier anrichtet, zuerst auslöschen soll.

Es ist ja nun aber nicht so, dass mir nicht auch manches andere außer den Miniaturflaschen Marke „Mickeys” bislang unbekannt war. Soll ich mich nun freuen, dass die Pynchon-Lektüre meiner Bildung auf die Sprünge hilft? Oder soll ich dem Hasenzahnigen zürnen, ob dieses faktenhuberischen name-droppings? Ich zweifle noch.

Dass die Firma Steyr Mannlicher, benannt nach Ferdinand [!] Ritter von Mannlicher (1848-1904), seit 1864 Schusswaffen herstellt, besonders für ihre Jagdgewehre bekannt ist, ab 1886 mit einer neuartigen Repetierbüchse reüssierte und heute noch als GmbH & Co. KG – neben dem ähnlich traditionsreichen Konkurrenz-Unternehmen Mauser in Oberndorf am Neckar – viel Geld mit dem gewaltsamen Tod von Mensch und Tier verdient, mag zwar wissenswert sein, trägt jedoch kaum zum tieferen Verständnis von AtD bei. Hellhörig wird man allerdings, wenn man zufällig darauf stößt, dass der vermeintliche Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald sich bei seinem Anschlag eines Repetiergewehres der Marke Mannlicher Carcano bediente, hergestellt 1940 in Italien – nachdem übrigens zunächst im Polizeibericht und in allen öffentlichen Verlautbarungen von einem Präzisionsgewehr der Marke Mauser 7.65 mm die Rede war. Und um Attentate geht es ja in AtD von Anfang an. Franz Ferdinand wurde hingegen bekanntlich mit einer Pistole unbekannten Fabrikats erschossen. Sind das nun versteckte Anspielungen? Oder hört man bloß die Flöhe husten, wenn man nur lange genug mit feinsten Sensoren den Text auf solche möglichen Bezüge und Querverweise abhorcht?

Andererseits fördern die gründlichen Recherchen gelegentlich wahre Kronjuwelen unfreiwilliger Komik zutage, wie diese Unternehmens-Philosophie der Firma Mannlicher aus neuester Zeit, auf die ich sonst im Leben nicht gestoßen wäre: „Für uns ist die Jagd ein Mythos, eine Sehnsucht, in der sich Sorgfalt, Respekt und Selbsterkenntnis mit einem uralten Instinkt zur Harmonie zwischen Mensch und Natur vereinen. Nur aus dieser Harmonie entsteht der letzte Höhepunkt der Jagd: Die Bereitschaft im richtigen Moment die Entscheidung zu treffen. Ein Mythos wird immer erst durch die Schönheit einer für den Menschen fassbaren Form zugänglich. So sind alle Steyer Mannlicher Jagdgewehre nicht nur technisch ausgereift, sondern sie vermitteln durch ihre reduzierte technische Schönheit und die Eleganz der verwendeten Materialien die Harmonie von Form und Inhalt. Mit der Kollektion möchten wir die Philosophie und den Mythos der Jagd, dem wir uns verpflichtet haben, in eine neue sinnliche Dimension bringen. Diese Kollektion wendet sich an all jene, für die das Erleben der Natur ein inneres Bedürfnis ist, die Natur in sich tragen und jenseits des modernen Alltags in diesem Natur-Erlebnis eine Brücke zu sich selbst schlagen. Die auf verschiedene Art den Mythos der Jagd leben.”

Gelegentlich erweisen sich gerade die Querschläger als Volltreffer.

Hochzeit

Freitag, 28. November 2008

[Wegen Familienfeier heute kein Blog.]

AtD VI.3

Donnerstag, 27. November 2008

Lew Basnight scheint von Anfang an nicht sehr begeistert zu sein von dem Auftrag, den Kronprinzen Franz Ferdinand bei seinen Ausflügen in die Chicagoer Unterwelt zu bewachen – und so zu verhindern, dass die Geschichte durch einen Attentäter umgeschrieben wird, wie sich sein Chef Nate Privett ausdrückt. Nervös erkundigt er sich (45|72), ob ihm wenigstens Unterstützung gewährt werde: „‘I get any backup on this, Nate?’ – ‘I can spare Quirkel.’ – ‘Somebody get Rewrite!’ Lew pretended to cry, affably enough.” (Nikolaus Stingl übersetzt diesen kurzen Wortwechsel so: „,Kriege ich bei der Sache Unterstützung, Nate?‘ – ,Ich kann Quirkel erübrigen.‘ – ,Dann lass uns lieber die Geschichte umschreiben!‘, heuchelte Lew, durchaus liebenswürdig, Verzweiflung.”) Offenbar hält er wenig von den detektivischen Fähigkeiten dieses Kollegen und scheint auf dessen Sekundanz dann auch verzichtet zu haben; jedenfalls steht Quirkel ihm nicht zur Seite, als sich Franz Ferdinand in einer Negerbar ganz schrecklich danebenbenimmt. (47-49|75-77)

Wenn man von einem (allerdings famosen) Tagcloud der Eigennamen in einem französischen Weblog von Lazare mal absieht, haben die Pynchonians den armen Quirkel, dabei treu Lew Basnights „liebenswürdigem” Urteil folgend, mit Verachtung gestraft; zu Unrecht, wie ich meine, denn wenn auch der Roman über ihn nicht mehr hergibt als die Andeutung seiner Inkompetenz als Detektiv, so lädt doch sein ungewöhnlicher Name zu durchaus nicht ganz wertlosen Betrachtungen ein.

Das Wort „quirk” (sprich: kwз:k), ist als Substantiv im Englischen seit Mitte des 16. Jahrhunderts nachweisbar, sein Ursprung liegt allerdings im Dunklen. Mein Langenscheidts Handwörterbuch verweist zunächst auf das synonyme Hauptwort „quip”, das einen witzigen Einfall, eine geistreiche Bemerkung, ein Bonmot bezeichnet und, als Verb gebraucht, für „witzeln, spötteln” steht. Ein „quirk” ist daneben aber auch ein Kniff oder Trick, ein Zucken (z. B. des Mundes, des Augenlids usw.), allgemeiner eine seltsame Eigenart oder Angewohnheit, also ein Tick, und schließlich noch ein Schnörkel, also ein je nach Betrachtungsweise dekorativer oder entbehrlicher Umweg der Schrift. (Zudem gibt es im Englischen noch die Redewendung „by a quirk of fate”, im Sinne von „durch einen verrückten Zufall” oder auch „wie das Schicksal so spielt”.)

Im deutschen Wortschatz kommt Quirkel nicht vor. Überhaupt sind bei uns Wörter mit der Endung -rkel äußerst rar. Ach, wie sehr ich doch die Suchfunktion „Rückläufiger Index” im Digitalen Grimm liebe! Dort gibt es nur Birkel (nicht die auf den Schorndorfer Unternehmer Balthasar Stephan Birkel zurückgehende Nudelfabrik), Zirkel (älter auch: Cirkel) und schließlich Schnirkel, eine veraltende Nebenform zu Schnörkel, die aber in einer übertragenen Bedeutung auch für einen unzuverlässigen Menschen stand, der „in gewundener Linie geht und handelt”.

Angesichts dieser treffenden Beschreibung eines zum Detektivberuf untauglichen Trottels drängt sich ja geradezu die Frage auf, ob der Eigenname „Quirkel” nicht in „Schnirkel” zu übersetzen gewesen wäre. Mir ist Quirkel, der Name ebenso wie die Person, jedenfalls sympathisch genug, ihn für den noch offenen Buchstaben Q in meinem Alphabet der Würfelwurf-Rubriken zu entlehnen. – Es gibt übrigens sogar ein Foto von diesem jungen Mann. Es ist [siehe Titelbild] der Bengel links, unterm Derby, der sich am Ausschank von Cläre Widtmann, ganz rechts, gerade einen hebt.

AtD VI.2

Mittwoch, 26. November 2008

Ein prominenter Gast aus höchstem europäischem Adelsgeschlecht besucht die World’s Columbian Exposition 1893 in Chicago: der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand, Neffe des Kaisers Franz Joseph I., welch Letzterer von 1848 bis zu seinem Tod 1916 regierte – und damit sein 70-jähriges Kronjubiläum nur knapp verfehlte, dessen Vorbereitung die „Parallelaktion”  – gleichen Jahres das 40-Jährige von Wilhelm II. – in Robert Musils Jahrhundertroman Der Mann ohne Eigenschaften inspirierte.

Die Karikatur, die Pynchon auf wenigen Seiten (45-49|72-77) von diesem F. F. zeichnet, einem jämmerlichen Potentaten im Wartestand, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Gern wäre der knapp 30-jährige Kronprinz, spätestens seit seinem neunten Lebensjahr berühmt für seine waidmännischen Obsessionen, auf Büffeljagd gegangen. Da ihn aber sein neuer Leibwächter Lew Basnight zu seinem (geheuchelten) Bedauern darüber aufklären muss, dass die Bisonherden in diesem Teil des Landes längst ausgerottet sind, erkundigt sich Franz Ferdinand allen Ernstes, ob er dann nicht ersatzweise im berühmten Schlachthofviertel von Chicago Jagd auf die dort doch so zahlreich beschäftigten Ungarn machen könne. Für den entgangenen Profit wolle er die Inhaber selbstverständlich gern und großzügig entschädigen. Und schließlich stünden Ungarn ja auf der niedrigsten Stufe der tierischen Existenz.

(Nebenher wird uns hier in Erinnerung gerufen, dass es nicht erst Adolf I. war, der einen Teil seiner Artgenossen als Ungeziefer klassifizierte und auszurotten trachtete; und dass insofern Franz Josef der Letzte in einer viel älteren Tradition stand, als er die ihm nicht gewogenen Journalisten als Ratten und Schmeißfliegen bezeichnete, nicht wert, gegen sie Prozesse zu führen. Dabei ist ja noch unentschieden, wem solche Invektiven größeres Unrecht tun: den mit vermeintlich niederen Tieren verglichenen Populationen der Spezies Homo sapiens sapiens – oder den unschuldigen Animaliae, die keine Worte haben, solchen Beleidigungen angemessen Paroli zu bieten.)

Dass Franz Ferdinand der Weltausstellung einen Kurzbesuch abstattete, ist ebenso verbürgt wie der Umstand, dass er lediglich als Besucher kam und das Licht der Öffentlichkeit scheute. Im Jahr 1892 begab sich der habsburgische Erzherzog, seit dem Freitod seines Vetters Rudolf im Jahre 1889 auf Platz eins in der Liste möglicher Thronfolger, auf ärztlichen Rat und mit großer Entourage (zu der u. a. Leo Graf Wurmbrand-Stuppach, Julius Pronay von Tot-Prona und Blatnicza, Heinrich Graf Clam-Martinic, Karl Graf Kinsky zu Wchinitz und Tettau und – last, not least – sein Leibjäger Franz Janaczek zählten) auf eine Seereise rund um die Erde. Die fröhliche Reisegemeinde legte dabei nahezu 30.000 Meilen auf See und fast doppelt so viele Kilometer an Land zurück, komfortabel bedient und bewirtet von 21 Stewards, Dienern und Köchen, sicher in die jeweiligen Häfen gelenkt von einer 386-köpfigen Mannschaft aus begrüßenswerten Offizieren und nicht zu grüßenden Matrosen.

Offiziell wurde diese Fahrt auf dem Torpedo-Rammkreuzer SMS Kaiserin Elisabeth als wissenschaftliche Expedition deklariert. Dem österreichischen Kaiserhaus war aber vielmehr daran gelegen, durch diese Kreuzfahrt den Gerüchten über die angegriffene Gesundheit des Erzherzogs entgegenzuwirken. Die Reise rund um den Globus führte Franz Ferdinand von Triest nach Indien, Indonesien, Australien, Japan, Kanada – und schließlich auch nach Nordamerika und zur Weltausstellung in Chicago. Seine Reiseimpressionen beschrieb der Aspirant auf die österreichisch-ungarische Kaiserkrone in seinem zweibändigen Tagebuch meiner Reise um die Erde (Wien: Alfred Hölder, 1895-96). Unmittelbar im Anschluss an diese große Fahrt brach bei Franz Ferdinand eine schwere Tuberkulose aus, die erst durch jahrelange Kuraufenthalte geheilt werden konnte. Ob die Inanspruchnahme einer lokalen Detektiv-Agentur wie der Firma White City Investigations (W. C. I.) zum Schutz von Leib und Leben dieses bornierten Aristokraten wahrscheinlich und glaubwürdig ist, mag dahingestellt sein. Und ebenso muss offen bleiben, ob die Weltgeschichte einen anderen, womöglich günstigeren Verlauf genommen hätte, wenn den Thronfolger bereits in Chicago und nicht erst in Sarajevo, mehr als zwanzig Jahre später, die tödliche Kugel ereilt hätte.

AtD VI.1

Dienstag, 25. November 2008

Zur Abwechslung – und Einstimmung auf dieses in vielfacher Hinsicht so fertile Kapitel – heute eine Randbemerkung über die deutsche Übersetzung. Lew Basnight freundet sich mit dem österreichisch-ungarischen Geheimpolizisten Max Khäutsch an, mit dessen Unterstützung er den Kronprinzen Franz Ferdinand von Österreich-Este bewachen soll. Den gemeinsamen Arbeitstag beginnen die beiden „Kindermädchen” dieses zügellosen Thronfolgers, indem sie ihr Frühstück „im österreichischen Pavillon” der Weltausstellung einnehmen, wie es heißt. Gemeint ist vermutlich das Vienna Café (No. 16a in einem zeitgenössischen Plan der Amüsiermeile Midway Plaisance), schräg gegenüber dem Austrian Village (No. 7) gelegen [siehe Titelbild]. Dort trinken sie ihren Kaffee, „begleitet von einem Sortiment Backwaren”. (47|75)

Während Khäutsch seinem amerikanischen Kollegen Basnight vermutlich eine Brezel unter die Nase hält, entspinnt sich der folgende Dialog: „‘And this might be of particular interest to you, Mr. Basnight, considering the widely known Kuchenteigs-Verderbtheit or pastry-depravity of the American detective. …’ – ‘Well we … we try not to talk about that.’ – ‘So? in Austria it is widely remarked upon.’”

Deutsche Wörter sind in Against the Day relativ zahlreich vertreten und durch Kursivsetzung kenntlich gemacht. Wo sie dem englischsprachigen Leser nicht ohne Weiteres als Germanismen (wie „Kindergarten” oder „Zugzwang“) verständlich sind, hängt ihnen Pynchon eine englische Übersetzung an – wie in diesem Fall “pastry-depravity”, das man notfalls mit „Gebäck-Verdorbenheit” rückübersetzen könnte.

Noch bevor sich der deutsche Übersetzer des ersten Teils (3-118|11-179) an seine anspruchsvolle Aufgabe machen konnte, wurde bereits im amerikanischen Pynchon-Wiki die Frage diskutiert, wie mit einer solchen Crux umzugehen sei: “Kuchenteigs-Verderbtheit – This is not a German word as far as I know and most likely not even a degenerate Habsburg or one of his officers would have used it (but then I haven’t read Franz Ferdinand’s account of his travels …). Sounds more like some Babelfish machine translation of ‘pastry-depravity’ to me. I wonder what the German translator will make of this. My guess is, s/he will not make a ‘typical German’ combined noun out of it, but turn the phrase to be able to use an adverb like ‘mehlspeisennarrisch’ instead (what with in Austria and Bavaria there is a word for (mostly sweet) pastry: ‘Mehlspeise’ (literally ‘flour-meal’), and ‘narrisch’ is Austrian/Viennese for being (slightly) mad). But then, of course, there might be a pun intended I as a bad english-speaker just dont get. Maybe via the pronounciation? Check out this dictionary, head for ‘continue searching’ and press ‘voice output’ – voila, thats what ‘Kuchenteigs-Verderbtheit’ sounds like. – The term probably is made up, but the meaning is more like ‘shameful addiction to cookie dough.’ In the context of detectives, what may be happening here is this: The Austrians have heard the canard that American policemen are addicted to doughnuts, but they misunderstand both doughnut and addicted. – Another possibility: Austrians have read that American detectives will do anything for dough.”

Was der deutsche Übersetzer Nikolaus Stingl, keine Übersetzerin, daraus gemacht hat, das wissen wir ja jetzt: „,Und das hier dürfte Sie besonders interessieren, Mr. Basnight, wo doch die amerikanischen Detektive bekanntermaßen mehlspeisennarrisch, also auf Gebäck versessen sind …‘ – ,Tja … darüber versuchen wir möglichst nicht zu reden.‘ – ,So? In Österreich ist das in aller Munde.‘” Er hat also den zweifelhaften Vorschlag des anonymen Bloggers aus USA kritik- und kostenlos übernommen. Zweierlei bleibt dazu anzumerken. Ein Teig ist keine Backware, sondern wird dazu erst, nachdem man ihn in den Ofen geschoben und ein Weilchen garen lassen hat. Und so erinnere ich mich bei dieser Gelegenheit daran, dass mir meine Mutter als kleinem Jungen untersagte, vom Kuchenteig zu naschen, weil mir das einen verdorbenen Magen und somit Bauchschmerzen bereiten könnte (was übrigens nach neueren Erkenntnissen ein Ammenmärchen sein soll). Diese Erinnerung beschwört das kuriose Kompositum „Kuchenteigs-Verderbtheit” bei mir herauf, keinesfalls aber das austrophone Wort „mehlspeisennarrisch”. Und zweitens ist die Übersetzung von “it is widely remarked upon” in „ist das in aller Munde” ein Kalauer, den das amerikanische Original nicht hergibt und mit dem Stingl darum übers Ziel hinausschießt. Zufällig gerade heute las ich im Feuilleton meiner Tageszeitung (Martin Urban: Nahezu unausweichlich; in: Süddeutsche Zeitung Nr. 274 v. 25. November 2008, S. 14) folgendes Zitat aus einem Buch über Astrophysik und Kosmologie: „Die Rede ist von Schwarzen Löchern. Sie sind heutzutage in aller Munde.” Mit vollem Recht nennt dies der Kritiker eine Stilblüte. Seriöse Übersetzer sollten sich dergleichen verkneifen – zumindest dann, wenn’s die Vorlage nicht zwingend erfordert.

AtD VI (45-56|72-88)

Montag, 24. November 2008

„Eines Tages.” Die Weltausstellung von Chicago geht offenbar ihrem Ende entgegen – und nachdem in den ersten fünf Kapiteln nach dem Eintreffen der „Freunde der Fährnis” die Handlung Tag auf Tag folgte, machen wir jetzt einen eher vagen Sprung in die Zukunft. Immer noch befinden wir uns aber im Jahre 1893: eines Tages vor nunmehr 115 Jahren.

Nate Privett beauftragt seinen Mitarbeiter Lew Basnight, den österreichisch-ungarischen Erzherzog Franz Ferdinand bei seinem Besuch der World’s Columbian Exposition und insbesondere der zwielichtigen Stadtviertel von Chicago wie des New Levee im Auge zu behalten. Ein Attentat auf den Thronfolger ist nicht auszuschließen. (45-46|72-74) – Nate lernt bei dieser Gelegenheit sein Pendant auf der österreichischen Seite kennen, den jungen Max Khäutsch, einen frisch ernannten Hauptmann und Feldkommandeur der „K. u. k. Geheimen Staatspolizei”. Wie wir wissen, stößt dem adligen Gast auf dieser Reise nichts zu – und die Geschichte wird nicht „umgeschrieben”, was es nach Privetts Worten zu verhindern galt. (47-49|74-77)

Lew besucht auf Anordnung seines Chefs eine Arbeiter-Versammlung und muss bei dieser Gelegenheit feststellen, dass die „Feinde”, gegen die er in den Krieg geschickt wird, auch Menschen sind. (49-50|77-80) – Privett teilt ihm mit, dass er zum „Regionaldirektor” in Denver befördert worden sei. (51-52|81-82)

Bei einem Rundflug in der Inconvenience, an dem auch Professor Vanderjuice teilnimmt und der zu Betrachtungen über das „Schlachthaus” Chicago Anlass gibt, informiert Lew die „Freunde der Fährnis” in aller Bescheidenheit über seinen Schritt auf der Karriereleiter. Sie schenken ihm zum Abschied eine Ehrenmitgliedsnadel. (52-54|82-85) – Nachdem die Weltausstellung ihre Tore geschlossen hat, brechen die Luftschiffer mit neuem, noch unbekanntem Auftrag Richtung „Südost” auf. (54-56|86-88)

(So unscheinbar dieses Kapitel, nach der dürftigen Handlung zu schließen, auf den ersten Blick ist, birgt es doch eine Fülle von mehr oder weniger gut versteckten Anspielungen: eine wahre Fundgrube für den interpretierenden Fährtensucher.)