Nachdem schon zwanzig Jahre früher in Colorado ein relativ kurzlebiger Goldrausch ausgebrochen war, erlebte das Land, das sich vorübergehend auch Silver State nannte, ab 1879 einen Silber-Boom, der allerdings gerade 1893, im Jahr der Chicagoer Weltausstellung, nach einem rapiden Preissturz dieses Edelmetalls sein Ende fand. Auf der Amüsiermeile der World’s Columbian Exposition, der Midway Plaisance, gab es wohl eine „Colorado Gold Mine” (Nr. 47a im zeitgenössischen Plan), aber kein „Colorado Silver Camp”, das Franz Ferdinand angeblich besuchte. (45|73)
Bei dieser Sehenswürdigkeit handelte es sich um eine miniaturisierte Nachbildung der Saratoga-Goldmine in Gilpin county (CO). Das war wohl so eine Art Vorläufer der Miniaturwelten im Maßstab 1:25, von Madurodam in Den Haag (seit 1952), Minidomm in Ratingen (1967-1992) oder der wenig später entstandenen Legoland-Freizeitparks, zuerst im dänischen Billund (seit 1968) und bald auch an verschiedenen Orten in Deutschland.
Vermutlich wurde diese Attraktion, wie die weit überwiegende Mehrzahl der Gebäude und sonstigen Anlagen auf dem Gelände der Weltausstellung, nach deren Schließung am 30. Oktober 1893 abgerissen, entsorgt, dem Erdboden gleichgemacht oder wegtransportiert – ein treffendes Bild für die Wegwerfmentalität des prosperierenden Hochkapitalismus US-amerikanischer Prägung. Am Schluss des Kapitels begegnet uns diese Sehenswürdigkeit noch einmal unter ihrem nicht ganz zutreffenden Namen, wenn es dort heißt: „Das Colorado Silver Mining Camp wurde jetzt, wie die anderen früheren Attraktionen, von ziellos Umherziehenden bewohnt, von Ansiedlern ohne Rechtstitel, Müttern mit Säuglingen, Unruhestiftern, die, für die Dauer der Ausstellung in Dienst genommen, nun, da ihr Marktwert dahin war, zu den Tröstungen des Alkohols zurückkehrten [...].” (55-56|87) – Die Tristesse dieser allzu schnell auf den Hund gekommenen Kulissenwelt bestimmt das düstere counter-image zur neulich noch so strahlenden Fata Morgana künstlich fabrizierten Glanzes. Die Kehrseite der Medaille zeigt eine hässliche Fratze. Der Katzenjammer nach dem Fest ist der unvermeidliche Schlussakkord zur Symphonie unbegrenzten Fortschritts. Der Rausch ist verflogen und die Ernüchterung kaum zu ertragen.
Vor ein paar Jahren hat Karl Osolinski in Berkley (MI) ebenfalls ein Modell der Saratoga-Goldmine gebastelt, in über 250 Arbeitsstunden. Sein Diorama zeigt allerdings lediglich die überirdischen Holzbauten dieses Förderwerks, während man einer (leider sehr knappen) Beschreibung des Modells auf der Weltausstellung entnehmen kann, dass es vermutlich auch das „Innenleben” und die Arbeit unter Tage im Querschnitt zeigte: “Other distinctive features are the Oregon hydraulic mining exhibit and the Colorado gold mine, the latter reproducing in miniature the workings of the Saratoga mine in Gilpin county.” (Hubert Howe Bancroft: The Book of the Fair. Chicago / San Francisco: The Bancroft Company, 1893.)
Miniaturartige Darstellungen von Bergwerken im Querschnitt haben übrigens im Schaustellerwesen eine lange Tradition. Erzgebirgische Berginvaliden zogen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihren sogenannten „Buckelbergwerken” durch die Lande. Das waren wie Tornister auf den Rücken („Buckel”) geschnallte Schaukästen, in denen die Technik der Kohleförderung durch eine per Handkurbel angetriebene Mechanik verdeutlicht wurde. (Ein in seiner Detailtreue und naiven Realistik beeindruckendes Beispiel dieser Volkskunst ist als Nachbau im Essener Markt- und Schaustellermuseum zu bewundern.)
[Titelbild © Holger Kühn / Chemnitz.]






