Das war’s

Nachher fällt mir all das ein, was ich zu sagen vergaß. Nachher ist erwiesen, dass meine größte Sorge unbegründet war und die Zeit und Geduld der Zuhörer gereicht hätte, noch ein, zwei Siemsen-Stückchen mehr zu Gehör zu bringen. Nachher zweifle ich, ob ich allen Gästen deutlich genug gesagt habe, wie sehr ich mich über ihr Kommen freute.

Die Kurzprosa jener Meister der ,Kleinen Form‘ aus den 1920er-Jahren wird ja häufig auch mit der Ortsangabe ,Unterm Strich‘ gekennzeichnet, weil sie in den Tageszeitungen jener Zeit genau dort zu lesen war: unter einem mehr oder weniger dicken Strich, der diese literarischen Preziosen von den aktuell so viel wichtigeren Meldungen aus Politik und Wirtschaft trennte. Unterm Strich darf ich nun sagen, dass ich bei allen Zweifeln mit dem Ergebnis dieser Veranstaltung im Café Central des Essener Grillo-Theaters, meinem ersten öffentlichen Auftritt als Vorleser, zufrieden bin.

Wenigstens gab’s keine größeren Katastrophen, deren gedankliche Vorwegnahme einen phantasievollen Menschen wie mich ante festum das Fürchten lehren kann. Und wenn die freundlichen Zusprüche der Gäste beim Abschied nur zur Hälfte ihrem tatsächlichen Empfinden entsprachen, dann habe ich keinen Grund, auch die kommende Nacht unruhig zu schlafen.

Mit größerer Sorge erfüllt mich eher die Frage: Was wird nun aus Siemsen – und mir, dem vermutlich besten Siemsen-Kenner östlich von Santa Fé? Die Luft ist raus, da die Veranstaltung jetzt über die Bühne gegangen ist, auf die ich in den letzten sieben Monaten mit Fleiß und Liebe hingearbeitet habe.

War’s das? Vielleicht nicht. Hans Siemsen als Filmkritiker der ersten Stunde, der „den Film ernst nahm und ihn als eine neue Kunst, die Kunst dieses Jahrhunderts begrüßte und interpretierte” (Hans Sahl) – dieser Hans Siemsen harrt auch nach den verlegerischen Abenteuern von Michael Föster und Peter Moses-Krause noch immer einer fälligen Wiederentdeckung.

[Titelbild: Beate Scherzer und der Revierflaneur bei der Lesung. Foto: Valentin Heßling.]

4 Responses to “Das war’s”

  1. Matta Schimanski Says:

    Hach, es war schön!

    Aber du hast Recht: Der eine oder andere Text hätte ruhig noch vorgelesen werden können. Ich kann mir vorstellen, dass alle gerne noch mehr gehört hätten.

  2. Revierflaneur Says:

    Soll man nicht aber genau dann aufhören zu essen, wenn es am besten schmeckt?

  3. Matta Schimanski Says:

    Das ist so eine Regel, die, allgemeiner formuliert (“Man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist!”), auch gerne von meinem Großvater mütterlicherseits uns Kindern entgegengehalten wurde, wenn er bei irgendetwas – einem Spiel, einem Ausflug, Vorlesen – der Meinung war, nun sei es aber genug; zu Deutsch (meine persönliche, etwas saloppe Übersetzung): wenn er keine Lust mehr hatte.

    Hattest du etwa keine Lust mehr? Den Eindruck hast du aber gar nicht erweckt!

  4. Revierflaneur» Blogarchiv » Donnerstag, 16. April 2009: Korbes et al. Says:

    […] an dieser Situation ist, dass ich vor mehrheitlich Fremden lese. (Selbst bei der Siemsen-Matinee im Grillo-Theater am 26. Oktober vorigen Jahres setzte sich etwa die Hälfte meines Publikums aus […]

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