Kofferbombe

Gestern um 17:22 Uhr. Aus Richtung Köln-Düsseldorf kommend fährt die S6 in den Bahnhof Essen-Werden ein. Ein etwa 45 Jahre alter männlicher Fahrgast steigt zu und legt seinen Koffer in die Gepäckablage über den Sitzen. Dann springt er aus dem Zug und flüchtet. Mitreisende, die zufällig Zeugen dieses verdächtigen Vorgangs werden, informieren per Handy die Polizei.

Um 17:31 Uhr läuft der Zug am S-Bahnhof Essen-Süd ein und wird evakuiert. Ich verlasse meine nahe gelegene Wohnung, um an der Bude Ecke Schnutenhausstraße Zigaretten zu kaufen, und werde so zufällig Zeuge, wie die Rellinghauser Straße vor und hinter der Brücke über die Bahngleise von der Polizei mit rot-weißem Flatterband abgesperrt wird. Der Auto- und Straßenbahnverkehr kommt zum Erliegen, Fußgänger dürfen die Brücke nur noch „auf eigenes Risiko” passieren.

Um 17:49 Uhr fährt plangemäß die S6 aus der Gegenrichtung ein. Fahrgäste steigen aus und verlassen die mutmaßliche Gefahrenstelle über die Treppe zur Brücke. Ich hole meine Kamera und schieße zwischen 18:00 Uhr und 18:10 Uhr ein paar Fotos von der Sperrung [siehe Titelbild]. Gegen 19:30 Uhr rückt ein Entschärfungskommando an, untersucht den herrenlosen Koffer mit einem Röntgengerät und öffnet ihn schließlich. Er enthält Unterhemden, einen alten Bademantel und Spraydosen. Hinweise auf den Eigentümer werden nicht gefunden. Wenig später kann der Verkehr wieder freigegeben werden.

Seit den nur durch technisches Versagen gescheiterten Kofferbomben-Anschlägen auf zwei Regionalzüge aus Köln in Richtung Dortmund und Koblenz am 31. Juli 2006 ist die Aufmerksamkeit von Fahrgästen öffentlicher Verkehrsmittel für herrenlose Gepäckstücke verständlicherweise geschärft – und die Sicherheitskräfte sind angehalten, jeden Hinweis auf ein mögliches Attentat ernst zu nehmen und alle möglichen Vorkehrungen zu treffen, um Gefahr für Leib und Leben unbeteiligter Passanten abzuwenden. Unser vergleichsweise freies Land befindet sich erneut in „ständiger innerer Alarmbereitschaft” (Wolfgang Neuss), einem Klima der Verunsicherung, das zuerst in den frühen 1970er-Jahren den Alltag vergiftete.

Die Spraydosen im Trolli des unbekannten Trittbrettfahrers, der solche verständlichen Ängste missbraucht, um seine ganz private Profilneurose mit Allmachtsphantasien zu besänftigen, deuten darauf hin, dass er es den Durchleuchtern seiner Hinterlassenschaft in der S6 nicht allzu leicht machen wollte. Die gestrige zweieinhalbstündige Verkehrsunterbrechung ist morgen schon vergessen – aber die latente Angst, dieses „Tabu der Abwehrgesellschaft” (Rainer Taëni), sie dauert fort.

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