GEZ

In der vorigen Woche bekamen wir unangemeldeten Besuch. Vor der Wohnungstür stand ein ernster Herr mittleren Alters, nennen wir ihn Spyri, der mir ein Schreiben mit dem Briefkopf des Westdeutschen Rundfunks (WDR) unter die Nase hielt, seinen Namen nannte und mich mit den Worten begrüßte: „Sie sind, wie ich hier in meiner Liste sehe, ja auch Kunde bei uns.” Ohne mit der Wimper zu zucken, bestätigte ich dies, schickte allerdings gleich die Einschränkung hinterher: „Ja, allerdings nur als Radiohörer. Ein Fernsehgerät haben wir nach wie vor nicht.”

Erst nachträglich wunderte ich mich, warum sich der Kontrolleur – denn um einen solchen handelte es sich ja wohl – als WDR-Mitarbeiter ausgewiesen hatte und nicht als Emissär der Gebühreneinzugszentrale (GEZ). Inzwischen weiß ich aber, dass diese auf Provisionsbasis tätigen Gebühreneinzugsbeauftragten, wie die Leute im Amtsdeutsch heißen, von den jeweiligen Landesrundfunkanstalten ausgesandt werden. Die GEZ ist lediglich ein Dienstleistungszentrum der Sender und keine rechtsfähige Institution, die einen eigenen „Secret Service” betreiben dürfte.

„Haben Sie kein Fernsehgerät – oder nutzen Sie es nur nicht?” Herr Spyri blätterte dabei in seinen Unterlagen, als könnte er mit ihrer Hilfe den Wahrheitsgehalt meiner Antwort auf diese bohrende Frage unverzüglich überprüfen. Das Rascheln der Papiere hätte einem Schuldbewussten nun wohl wie ein drohendes Donnergrollen erscheinen können, für mich aber galt: ‘A quiet conscience sleeps in thunder!’ „Nein, wir haben keinen Fernseher, ob Sie’s glauben oder nicht!” Daraufhin verabschiedete sich Herr Spyri auch schon wieder. Das war ja, für beide Seiten, ein kurzes Vergnügen.

Zufällig befand ich mich gerade im Begriff, meinen Papierkorb zu den Abfalltonnen zu tragen, als der GEZ-Mann klingelte. Diesen Vorsatz setzte ich nun in die Tat um und trat vors Haus. Da bemerkte ich einen Polizeiwagen, der im Schritttempo unsere stille Einbahnstraße entlangfuhr und dreißig Meter weiter neben Herrn Spyri anhielt. Es kam zu einem kurzen, aber intensiven Austausch zwischen den Ordnungshütern und dem Gebührenfahnder, ganz so, als kenne man sich und kooperiere im besten Einvernehmen.

Ich will mich jetzt aber davor hüten, unbegründbare und erst recht unbeweisbare Verdächtigungen gegen staatliche Beamte oder einen selbstständig tätigen Subunternehmer im Auftrag einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt auszustoßen. Vielleicht haben die Polizisten Herrn Spyri bloß nach dem Weg gefragt? Vielleicht kam er ihnen ja sogar verdächtig vor, wie er da von Haus zu Haus ging, mit seinem Klemmbrett und seinen raschelnden Formularen: „Dürfen wir mal fragen, was Sie hier eigentlich machen?” Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Auch ist wohl ein rein’s Gewissen stets ein gutes Ruhekissen.

One Response to “GEZ”

  1. Revierflaneur » Blog Archiv » Freitag, 19. September 2008: Orwell, well? Says:

    […] Ich frage mal ketzerisch: Was ist an dem Satz “Big Brother is watching you!” eigentlich so bedrohlich? Mein großer Bruder passt auf mich auf, achtet auf mich, behält mein Wohlergehen im Auge. Das ist doch nicht beunruhigend, sondern schafft vielmehr ein angenehmes Gefühl von Sicherheit. Die Gesinnungspolizei hat ja schließlich nur einer zu fürchten, der was zu verbergen hat, oder? (Fortsetzung demnächst unter dem Titel „GEZ”.) […]

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