Montag, 16. Juli 1945: 33°40′ N, 106°28′ W

Das Ereignis hat wohl keinen seiner 260 Augenzeugen unbeeindruckt gelassen. Einige lachten, einige weinten. Die meisten schwiegen. Aber keiner würde es je vergessen können. Dass es stattgefunden hatte, sollte der Rest der Menschheit erst drei Wochen später erfahren. Bis dahin wurde das Ereignis vor der Öffentlichkeit als ein Unfall kaschiert, die bedauerliche Explosion eines Munitionsdepots in der Wüste von New Mexico.

Das Experiment „glückte” – wenn man in diesem Fall von Glück sprechen will. Die zur Entfaltung kommende Zerstörungskraft übertraf um ein Vielfaches alles, was der Mensch bisher auf dem Weg von der Steinschleuder bis zur V2 an Mordwerkzeugen ersonnen hatte. Zwei Milliarden Dollar Steuergelder hatten die Vorbereitungen verschlungen. Nun musste die Bombe auch zum Einsatz kommen, um sich bezahlt zu machen.

Die Augenzeugenberichte der Wissenschaftler, die die Wirkung der neuen Waffe berechnet hatten, machen den naiven Leser noch heute schaudern. Diese Mischung aus Erleichterung und Entsetzen, die aus ihnen spricht, sollte zu denken geben. „Ich glaube, einen Augenblick lang dachte ich, die Explosion könnte die ganze Atmosphäre in Brand setzen und so der Welt ein Ende bereiten, obwohl ich wußte, daß das nicht möglich war.”

Emilio Segrè, der italienische Physiker und spätere Nobelpreisträger, der als Jude 1936 zur Emigration aus dem faschistischen Italien gezwungen wurde, seit 1943 als Gruppenleiter am Manhattan-Projekt des Los Alamos National Laboratory mitwirkte und den ich hier zitiere, bewahrte sich bei aller mathematisch-physikalischen Gewissheit jenen Rest irrationalen Zweifels, der vielleicht den besseren Teil unseres begrenzten Verstandes ausmacht.

Gerade einmal 63 Jahre nach dem Experiment bei Alamogordo im US-Bundesstaat New Mexico spielen Prometheus’ Urenkel in der Nähe von Genf wieder einmal Russisches Roulette. Der Large Hadron Collider, den die Physiker dort jüngst in Betrieb genommen haben, ist ebenfalls nicht mehr zu stoppen, hat er doch stolze drei Milliarden Euro Steuergelder verschlungen. Diesmal geht es nicht um den beschleunigten Endsieg über die „Japsen”, sondern um die Sicherung des Energiebedarfs der nach wie vor exponentiell wachsenden Weltbevölkerung. Das kontrollierte „Schwarze Loch” könnte ja vielleicht die Trumpfkarte gegen das bevorstehende Versiegen der Ölquellen sein. Die Bedenken gegen diesen neuesten Eingriff in die Gesetze der Schöpfung werden wie üblich als sektiererische Nörgeleien ins Abseits befördert – und Beschwerden beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg eilends abgewiesen. Probieren geht über Studieren? Na, ich weiß nicht.

[Die Fakten und Zitate zum Trinity-Test sind entnommen aus Richard Rhodes: Die Atombombe oder Die Geschichte des 8. Schöpfungstages. A. d. Am. v. Peter Torberg, Karl Heinz Siber, Johannes Bohmann, Herbert Allgeier, Uda Strätling u. Ulrike Bischoff. Nördlingen: Greno Verlagsgesellschaft, 1988. – Das Titelbild zeigt Robert Oppenheimer unterm weißen Cowboyhut und rechts neben ihm General Leslie Groves am Ground-Zero-Punkt des Trinity-Tests nach der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki.]

Leave a Reply