Bloody Print

blood

Manch helfende Hände wirken uns zu Diensten im Verborgenen, schemenhaft hinter den Kulissen unseres Alltags oder im Dunkel der Nacht, während wir noch in süßen Träumen schweben, gelegentlich auch uns unter der Last eines Albdrucks im schweißgetränkten Linnen wälzen. So der Bote, der frühmorgendlich die Tageszeitung meiner Wahl durch den Briefkastenschlitz schiebt, irgendwann zwischen halb sechs und halb sieben.

Ich bin, seit Eintreten meiner Andropause, obwohl Spät-zu-Bett-Geher doch ein Frühaufsteher, kurzum: ein „Wenigschläfer“. Diese unterdurchschnittliche Verweildauer in Morpheus’ Armen mag meine Lebenserwartung, nach Jahren gerechnet und statistisch betrachtet, zwar verkürzen. Per saldo gesehen jedoch erreiche ich vermutlich auf diese ungesunde Art die gleiche quicklebendige Wachzeit wie ein Langschläfer und kann die entgangenen Tiefschlafphasen dann ja post mortem nachholen.

Ein eher unbeträchtlicher der vielen Vorteile, die dieser untypische Lebensrhythmus mit sich bringt, ist der, dass ich gelegentlich vom unbekannten Zeitungsboten wenigstens einen akustischen Eindruck empfange. Wenn ich früh genug erwache und er spät genug kommt, vernehme ich deutlich das Klappern des Briefkastendeckels. Heute kam ich verhältnismäßig spät zur Besinnung, so gegen sechs Uhr. Und da mein Haupt durch keine unabweislichen Gedankengänge mehr zum Verweilen auf dem Federpfühl veranlasst ward, erhob ich mich, um nach dem Morgenblatt zu schauen.

Zufällig just in dem Moment, als ich den Kasten von innen öffnete, wurde von außen die Zeitung hereingeschoben. Das Hineinstecken jenseits und das Herausnehmen diesseits verschmolzen, wohl für beide Beteiligten gleichermaßen überraschend, zu einer fließenden Bewegung. Dieser Zufall, nach tausend distanzierteren Zustellungen ein Fall mit hohem Seltenheitswert, war wunderlich genug. Noch wunderlicher speziell für mich war aber, dass ich auf der Frontseite meiner Zeitung eines roten Flecks gewahr wurde, der sich bei näherer Betrachtung als frischer Blutstropfen erwies. [Siehe Titelbild.]

Solche merkwürdigen Flecke hatte es auf der Zeitung früher schon öfter mal gegeben, allerdings konnte ich mir bisher ihre Herkunft, da sie bereits abgetrocknet und nachgedunkelt waren, nicht recht erklären. Woher nun dies? Meine Theorie: Der Zeitungsbote ist Diabetiker, der in regelmäßigen Abständen eine Blutzuckermessung vornehmen muss. Gerade in unserer stillen Straße findet er dazu die passende Gelegenheit. Und wenn er kurz darauf die Zeitung falzt, damit sie durch den Briefkastenschlitz passt, hinterlässt er besagte Spur. Wüsste ich nicht aus nahezu unmittelbarer Erfahrung, welches Päckchen die von dieser scheußlichen Krankheit Betroffenen zu tragen haben, ich würde mich vermutlich als zahlender Abonnent bei der Telefonhotline meiner Tageszeitung beschweren. So aber lege ich meine schützende über diese helfende Hand – und schweige.

5 Responses to “Bloody Print”

  1. Matta Schimanski Says:

    Es könnte doch auch sein, dass immer, wenn der Zeitungsbote (die Botin?) sich eurem Hause nähert, sein (ihr?) Blutdruck so plötzlich in die Höhe schnellt (Vermutungen über die Gründe stelle jeder selbst an), dass ein heftiges Nasenbluten die Folge ist, und manchmal schafft er (sie?) es nicht rechtzeitig, das durch den Schlitz zu steckende Druckerzeugnis dem Schwall des strömenden Lebenssaftes zu entreißen.

  2. Revierflaneur Says:

    Man kann aber (leider nur im Original, nicht in der Reproduktion im Titelbild) den Abdruck der Papillarleisten eines Fingers bzw. Daumens erkennen. Dann müsste das Blut zuvor von der Nase auf die Botenpfote getröpfelt sein. Und das scheint mir, mit Verlaub, etwas weit herge…tropft.

  3. Matta Schimanski Says:

    Was ist mit ängstlichem Fingernägelkauen bis aufs Blut? (Vermutungen über die Gründe stelle jeder selbst an.)

  4. Günter Landsberger Says:

    Etwas öffentlich machen, heißt also neuerDINGS etwas verschweigen?

    (Zitat: “So aber lege ich meine schützende über diese helfende Hand – und schweige.”)

  5. Günter Landsberger Says:

    Antworte jetzt bitte nicht mit: “allerDINGS”.

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