FINITE JEST CABLE

wallacesun

+++ POSTMODERN WRITER IS FOUND DEAD AT HOME +++ AUSDRUCK REINSTER VERZWEIFLUNG STOP GESCHICHTEN VOLL DER UNGEWOEHNLICHSTEN TODESARTEN STOP WIE DROGENBEFEUERTES SCHREIBEN STOP TRUNKEN VON ABSCHEU UEBER DIE WARENWELT STOP LUFTSCHNAPPEN IM MEER DER DIESSEITIGKEIT STOP UNENDLICH TALENTIERTER UND NICHT BLOSS SCHLECHT GELAUNT STOP MIKROSKOPISCH GENAUE SCHILDERUNG STOP VERZWEIFLUNG UEBER DEN NIEDERGANG AMERIKAS STOP BEIM TOD WEISS AUCH DIE LITERATUR NICHT MEHR WEITER +++

+++ DER SPRACHMAECHTIGE BELESENE HOCHGRADIG REFLEKTIERTE UND GENIALISCHE SCHRIFTSTELLER STOP MEDIALISIERUNG UND POPKULTURALISIERUNG UNSERER GEGENWART STOP EINER DER BEGABTESTEN TENNISSPIELER STOP UNTER DIE OBERFLAECHE STOP HINTER DEN SCHEIN STOP KOMPLEX VERSCHLUNGENE MANCHMAL VERSTOERENDE MANCHMAL BEWUSST STILLOSE PROSA STOP MITUNTER TOXISCHE WIRKUNG STOP NICHT IMMER EIN REINES VERGNUEGEN STOP QUAELEND FAST ABSTOSSEND +++

+++ DER WICHTIGSTE KOMISCHSTE ANREGENDSTE SCHRIFTSTELLER DER AMERIKANISCHEN LITERATUR DER LETZTEN ZWANZIG JAHRE STOP UM DEN WAHNSINN ZU KOMPLETTIEREN ANZUSPITZEN ZU VERDICHTEN STOP IN DER VERBLOEDETEN KORRUPTEN UND VERFETTETEN MEDIEN UND KONSUMWELT STOP ARTISTISCH HOCHKOMISCH GNADENLOS STOP DER GANZE KREUZFAHRT WERBE FERNSEHMIST STOP THERAPIE BEDUERFTIGKEITS GEBRABBEL STOP SEINEN EIGENEN NACHRUF VORWEGGENOMMEN STOP NACH LEISTUNGSSPORT DROGEN MATHEMATIK UND WORTMONSTEREXISTENZ +++

+++ DER ZU REDEN NICHT AUFHOEREN KONNTE STOP DER ERZAEHLEN UND ABSCHWEIFEN MUSSTE STOP ZWANGHAFT KOMMENTIERTE STOP NOCH VON DER ABSCHWEIFUNG ABSCHWEIFTE STOP IM MANISCHEN BEMUEHEN EINER UEBERKOMPLEXEN WELT GERECHT ZU WERDEN STOP SCHLEUDERTE BLITZE UND GROLLTE WIE DONNER STOP HOCHINTELLIGENTES WOERTERBUCHVERLIEBTES TENNISASS STOP UNTER GENIE VERDACHT STOP AUF DEM KAMM EINES LACHENS HOCH UEBER EINEM GAEHNENDEN ABGRUND +++

+++ AUGENZWINKERNDE IRONIE STOP WIE KAUM EIN ZWEITER STOP AUSRUFEZEICHEN HINTER EINEM LEBEN DAS VON INSTITUTIONEN GEPRAEGT WAR STOP KASCHIERTE BRUECHIGKEIT STOP SUMMA CUM LAUDE STOP DER OFFENBAR FOLGSAME UND VORBILDLICHE STOP TYPISCHERWEISE BIRST DER TEXT VOR FABULIERKUNST STOP DASS ER BISWEILEN STUNDENLANG AN KOMMAS FEILE STOP IM ZENTRUM STEHEN UND ZUM EXZELLENT BEOBACHTETEN SCHRILLEN DOCH GLAUBWUERDIGEN PANOPTIKUM DER GEGENWARTSGESELLSCHAFT WERDEN +++ ALAS POOR DAVID STOP I KNEW HIM STOP A FELLOW OF INFINITE JEST +++

[Dieser Nekrolog auf David Foster Wallace, geb. am 21. Februar 1962 in Ithaca, New York, gest. am 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien, ist im Wesentlichen eine Montage aus folgenden Würdigungen in den deutschsprachigen Feuilletons v. 14./15. September 2008. – Abs. 1. Willi Winkler: Die unentrinnbare Unterhaltung; in: Süddeutsche Zeitung. – Abs. 2. Gerrit Bartels: In Zukunft ohne mich; in: Tagesspiegel. – Abs. 3. Guido Graf: Manischer Zweifler; in: Frankfurter Rundschau. – Abs. 4. Wieland Freund: Sterben ist nicht schlimm; in: Die Welt. – Abs. 5. Thomas Leuchtenmüller: Am Ende der grossen Freiheit; in: Neue Zürcher Zeitung.]

13 Responses to “FINITE JEST CABLE”

  1. dieJenny Says:

    Das Buch über die Kreuzfahrt fand ich wirklich klasse.

  2. Revierflaneur Says:

    Hallo Jenny! Schön, dass Du mal wieder vorbeischaust. Ja, “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” ist vergleichsweise flott zu lesen und sehr unterhaltsam. Und das Buch spart viel Geld, wenn man sich diesen Lebenstraum gleich abschminkt und rechtzeitig erkennt, was sich tatsächlich hinter einer solchen Kreuzfahrt verbirgt: ein Albtraum!

  3. dieJenny Says:

    Stimmt. Aber ich wollte vorher auch schon keine solche Reise machen. Da reichen schon ein paar Folgen “Traumschiff” aus… Auf das Buch bin ich durch die “Was liest du?”-Sendung von Jürgen von der Lippe gekommen.

  4. Revierflaneur Says:

    Heute im Feuilleton: ein großer Artikel über den deutschen Infinite-Jest-Übersetzer Ulrich Blumenbach, der seit Ende 2003 fast seine ganze Arbeitskraft in diese herkulische Arbeit investiert, zum Gesamtlohn von 44.000 Euro. Im Herbst 2009, so hofft er, wird er damit fertig sein. Dann sind aus den ursprünglich geplanten vier ganze sechs Jahre Arbeit geworden, um die 1.079 Seiten des amerikanischen Originals ins Deutsche zu übertragen. Der “Unendliche Scherz”, den der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch in einem Jahr in die Buchhandlungen schicken wird, ist dann ein Wälzer von knapp 1.600 Seiten. Das sind so ziemlich die gleichen Proportionen wie bei Against the Day von Thomas Pynchon. – Es wäre ja ganz schön, wenn ich mit meiner AtD-Exegese bis dahin fertig wäre, dann hätte ich ja im fliegenden Wechsel gleich ein lohnendes Anschlussprojekt. (Vgl. Alex Rühle: Jäger des verlorenen Wortschatzes; in: Süddeutsche Zeitung Nr. 220 v. 20./21. September 2008, S. 14.)

  5. Matta Schimanski Says:

    Na, dann kannste aber den 4-Wochen-Rhythmus nicht beibehalten!

  6. Revierflaneur Says:

    Oder ich schreib nur noch zwei bis vier Kommentare pro Kapitel. Ein Rechenexempel.

  7. Matta Schimanski Says:

    Rechenexempel – au ja!

    Nach meinen Berechnungen darfst du dir – 10 Seiten pro Leseabschnitt vorausgesetzt – nur noch 2 bis höchstens 3 Beiträge pro Kapitel erlauben, und zwar ohne jegliche Pausen zwischen den Bearbeitungen der einzelnen Kapitel! – Ich fürchte, die “Schrittzahl” muss erheblich erhöht werden.

  8. Revierflaneur Says:

    Warum “fürchte”? – Mal rundheraus gefragt: Soll ich das AtD-Projekt drangeben? Gefallen Dir meine (nur scheinbar) “persönlicheren” Beiträge besser?

  9. Matta Schimanski Says:

    Zweimal nein. – Du hast dich aber vor nicht allzu langer Zeit dahin gehend geäußert, dass das langsame, gemütliche Lesetempo es dir ermöglicht, dich eingehend auch mit abgelegeneren Dingen am Rande des Weges zu beschäftigen, und dass das gerade den Lesegenuss ausmacht. Wenn du nun das AtD-Projekt in einem Jahr abgeschlossen haben willst, wird aus dem langsamen, gemütlichen Lesen nichts.

  10. Revierflaneur Says:

    Vollkommen richtig. Das war wohl ein kleiner Rückfall in die falsche Denkweise nach der fatalen Gleichung “immer mehr + immer schneller = immer leerer”. Was dabei rauskommt, sieht man ja jetzt am LHC-Crash. In der Ruhe liegt die Kraft, sagt der Volksmund. – Der überraschende Tod von David Foster Wallace hat mich tatsächlich für einen schwachen Moment etwas beunruhigt. In der letzten Nacht habe ich nun einen anderen Weg gefunden, Wallace zu würdigen. Ich werde bei der CIV. Literarischen Soiree am 1. November, zu Allerheiligen, einen vergleichsweise kurzen, längst (von der Danielewski-Übersetzerin Christa Schuenke) ins Deutsche übertragenen Text von ihm lesen, zusammen mit einem Text von Harold Brodkey, den ich schon einmal bei einer Soiree gelesen habe, vor langer Zeit. Arbeitstitel: “Zwei Orgasmen”.

  11. Revierflaneur » Blog Archiv » Sonntag, 28. September 2008: Oikos Says:

    […] der Infinitesimalrechnung nicht vermitteln konnte, scheitere ich nun bei dem Versuch, das Buch von David Foster Wallace über den „Jahrhundertmathematiker” Georg Cantor und seine „Entdeckung des […]

  12. Revierflaneur » Blog Archiv » Dienstag, 30. September 2008: Wahn hoch 64 Says:

    […] Foster Wallace zitiert in seinem Buch über den Mathematiker Georg Cantor (1845-1918) den englischen Schriftsteller G. K. Chesterton: „Dicher werden nicht verrückt, Schachspieler schon. Mathematiker werden verrückt und Kassierer, schöpferische Künstler sehr selten. Ich wende mich nicht gegen die Logik: Ich sage nur, dass diese Gefahr [verrückt zu werden] in der Logik, nicht in der Vorstellungskraft liegt.” (David Foster Wallace: Georg Cantor. Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen. München: Piper Verlag, 2007, S. 12.) […]

  13. Revierflaneur» Blogarchiv » Dienstag, 25. August 2009: Pushkids (IV) Says:

    […] schnupperte heute ganz oberflächlich im Beibuch zur endlich erschienen deutschen Übersetzung von David Foster Wallace‘ magnum opus, genauer gesagt in den spaßigen – nicht humorvollen! – Bemerkungen des […]

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