Archiv für September 2008

Wahn hoch 64

Dienstag, 30. September 2008

blackburne

Vom 11. bis zum 30. Oktober findet in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn der Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen dem amtierenden Weltmeister, dem 38-jährigen Inder Viswanathan Anand (ELO 2783), und seinem Herausforderer, dem 33-jährigen Russen Wladimir Kramnik (ELO 2772), statt. Am gleichen Ort verlor Kramnik Ende 2006 in einem auf sechs Partien festgesetzten Wettkampf gegen das Schachprogramm Deep Fritz, nachdem ihm in der zweiten Partie der „Patzer des Jahrhunderts” (Susan Polgar) unterlaufen war: zum Wahnsinnigwerden.

Foster Wallace zitiert in seinem Buch über den Mathematiker Georg Cantor (1845-1918) den englischen Schriftsteller G. K. Chesterton: „Dichter werden nicht verrückt, Schachspieler schon. Mathematiker werden verrückt und Kassierer, schöpferische Künstler sehr selten. Ich wende mich nicht gegen die Logik: Ich sage nur, dass diese Gefahr [verrückt zu werden] in der Logik, nicht in der Vorstellungskraft liegt.” (David Foster Wallace: Georg Cantor. Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen. München: Piper Verlag, 2007, S. 12.)

Anand hat gerade der verbreiteten Auffassung widersprochen, dass professionelle Schachspieler unverhältnismäßig häufig im Wahnsinn enden: „Man braucht ein Leben abseits des Schachs, dann besteht keine Gefahr. Man muss sich andere Interessen bewahren. Wirklich krank wurden nicht so viele. Nur werden diese Fälle gleich einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bestimmt gibt es ebenso viele verrückte Ärzte oder Busfahrer.” (Ansbert Kneip u. Maik Großekathöfer: „Schach ist Schauspielerei”. Interview mit Viswanathan Anand; zit nach: Spiegel online, 29. September 2008.)

Na, ich weiß nicht. Zumindest nach der Lektüre des Standardwerks zum Thema, von dem erstklassigen Schachspieler (ELO 2762) und Psychoanalytiker Reuben Fine (1914-1993), kommt man zu einem anderen Ergebnis. Abgesehen davon, dass etliche Großmeister des Schachspiels einen ausgeprägten Hang zum Größenwahn bis hin zu Allmachtsphantasien hatten, was man noch mit ihrem unvermeidlichen Weltruhm entschuldigen mag: Die Liste der verrückten Meister auf den 64 Feldern ist lang. Paul Morphy und Wilhelm Steinitz litten unter psychotischen Wahnvorstellungen. Auch Aaron Nimzowitsch und Akiba Rubinstein zeigten gelegentlich ein, gelinde gesagt, auffälliges Verhalten. Ersterer machte neben dem Schachbrett Kopfstandübungen, Rubinstein sprang aus dem Fenster, wenn er sich von einem Zuschauer bei einer Partie „verfolgt” fühlte. José Raúl Capablanca litt unter Donjuanismus, der paranoide Antisemit Alexander Aljechin war ein ausgesprochener Sadist und verfiel dem Alkohol, ebenso wie Joseph Henry Blackburne, genannt „the Black Death”. Und in neuerer Zeit hat Bobby Fischer mit seinen zahllosen Spleens am Schachbrett und mit seinen abstrusen politischen Ansichten diese Ahnenreihe der Schachverrückten würdig fortgesetzt. (Vgl. Reuben Fine: Die Psychologie des Schachspielers. A. d. Am. v. Reinhard Kaiser. Frankfurt am Main: Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft, 1982.)

Zugegeben: Es gibt auch namhafte Gegenbeispiele, großartige Schachspieler, die zeitlebens bei völliger geistiger Gesundheit auf höchstem Niveau spielten, daneben ein ausgeglichenes Familienleben pflegten und sogar einem bürgerlichen Beruf nachgingen, wie etwa Adolf Anderssen, Max Euwe, Siegbert Tarrasch oder Emanuel Lasker. Ich schlage zwischen den beiden Standpunkten folgende argumentative Rochade vor: Man muss nicht verrückt sein, um Schachweltmeister zu werden; aber man läuft Gefahr, verrückt zu werden, wenn man das Schachspiel zu seinem einzigen Daseinsmittelpunkt macht.

[Titelbild: Joseph Henry Blackburne. Karikatur aus Vanity Fair.]

Dingwelt (IV)

Montag, 29. September 2008

Diese aparte Skulptur, gefeilt, geschliffen und poliert aus Speckstein (Steatit), acht Zentimeter lang und fünf Zentimeter breit, 72 Gramm schwer, ist keine Plastik von Henry Moore, sondern Ergebnis häuslicher Handarbeit meiner Freundin Sabine P., ein Geschenk zu meinem 40. Geburtstag.

In seiner zweckfreien Existenz, nutzlos wie ein Kropf, hätte sie ein utilitaristischer Zeitgenosse als Staubfänger denunziert und, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, in den Abfall befördert. Nicht so ich.

Zwar hat das Figürchen, das mich in seiner spiraligen Form je nach Perspektive manchmal an den Oberkörper einer lockenden Marketenderin, manchmal an eine aus trüben Untiefen auftauchende Qualle erinnert, in den vergangenen zwölf Jahren leicht gelitten. Vom Kopf der bleichen Mutter Courage, bzw. von einem Tentakel der Meduse, ist ein kleines Stückchen abgesprungen, wie ich gerade erst feststellen musste. Und über dem unteren Teil – aber wer will sagen, wo hier unten und oben ist? – hat sich ein feiner Riss gebildet. Darum könnte ich diesen Handschmeichler dennoch niemals wegschmeißen.

Meine Ehrfurcht vor dem namenlosen Gegenstand hat übrigens nichts mit meiner Freundschaft zu Sabine P. zu tun. Es ist vielmehr gerade seine reine Bedeutungs- und Zusammenhanglosigkeit, die mich verpflichtet, ihm meine Treue zu bewahren. Vielleicht ist es sogar angebracht, dass ich hier mein Mitleid mit ihm bekunde.

Es lag mir noch nie besonders, Befehle zu erteilen. Sonst würde ich vielleicht verfügen, mir ihn – oder es? oder sie? – mit ins Grab zu legen, wenn ich für wahrscheinlich hielte, dass mir dereinst ein Grab beschieden ist; und dass es, wenn mein Stündlein geschlagen hat, noch Menschen gibt, die ihre Aufmerksamkeit den Bestattungswünschen eines Ahnen widmen können. Aber wer will das hoffen? Und warum? Der Schmelzpunkt von Steatit liegt übrigens bei lächerlichen 1635 °C.

Oikos

Sonntag, 28. September 2008

Ich trachte in jeder wachen Minute nach Einsicht und Erkenntnis. Das ist kein leichtes Los. Nur zu oft stoße ich dabei an meine Grenzen, niemals meines Interesses, sondern an jene, die mir meine beschränkte Vorbildung setzt. Weil mir mein Mathematiklehrer ab der Obertertia die Grundlagen der Infinitesimalrechnung nicht vermitteln konnte, scheitere ich nun bei dem Versuch, das Buch von David Foster Wallace über den „Jahrhundertmathematiker” Georg Cantor und seine „Entdeckung des Unendlichen” zu verstehen. (A. d. Am. v. Helmut Reuter u. Thorsten Schmidt. München: Piper Verlag, 2007.) Solch ein Handicap wurmt mich schrecklich und kann mir das ganze Wochenende versauen.

Aber das Essener Gymnasium, das ich in den Jahren 1967 bis 1976 besuchte, hat mich noch mit ganz anderen Defiziten ins Leben entlassen. So standen dort weder Ökonomie noch gar Ökologie auf dem Lehrplan. Deshalb bin ich weit davon entfernt, die Ursachen des gegenwärtigen Finanzdebakels in den USA zu durchschauen. Immerhin weiß ich aus dem Geschichtsunterricht, dass durch den New Yorker Börsencrash vom 24. Oktober 1929, dem legendären „Black Thursday“, eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst wurde, die nicht unwesentlich zur Massenarbeitslosigkeit im Deutschen Reich beitrug – und damit zu Hitlers „Machtergreifung”, zum „Ausbruch” des Zweiten Weltkriegs und zum größten Genozid der (bisherigen) Menschheitsgeschichte. Was sich jetzt in unserer globalisierten Weltwirtschaft seit dem 15. September abspielt, als die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden musste, das kommt den verhängnisvollen Ereignissen vor 79 Jahren jedenfalls näher als jedes vergleichbare Krisengeschehen zuvor. Der aktuelle Wirtschafts-GAU verhält sich zur Ölkrise von 1973 und zur New-Economy-Krise im Gefolge von 9/11 wie die Pest zu einem gewöhnlichen Schnupfen, das begreife sogar ich mit meinem beschränkten ökonomischen Verstand. Wenn selbst der dem rechten SPD-Flügel zuzurechnende Finanzminister Peer Steinbrück angesichts dieses Debakels im Spiegel-Gespräch einräumt, „dass gewisse Teile der marxistischen Theorie doch nicht so verkehrt sind”, dann ist das schon alarmierend.

Hinzu kommt, dass die Pleitewelle mitten in die heiße Phase des Wahlkampfs in den USA fällt, in dem sich der Republikaner John McCain als Fachmann für die Außenpolitik (Krieg gegen die Taliban und al-Qaida im Irak, Afghanistan und Pakistan) zu profilieren sucht, während sein Widersacher, der Demokrat Barack Obama, seinen Wählern verspricht, die marode Wirtschaft im Lande zu sanieren und ihnen wieder zu Arbeitsplätzen und Wohlstand zu verhelfen. Kein Wunder also, dass nach der Lehman-Pleite Obamas Umfragewerte nach oben schossen. McCain benötigt nun – horribile dictu! – dringend ein schweres islamistisches Attentat, möglichst auf heimischem Boden, um wieder Anschluss zu gewinnen. Dabei gerät freilich das noch wichtigere Thema, die bevorstehende ökologische Katastrophe, völlig aus dem Blick.

Die beiden Ö-Wörter, Ökologie und Ökonomie, leiten sich ja einerseits vom griechischen „Oikos” ab, das zugleich Haus, Haushalt, Familie, Großfamilie, Sippe, Stamm, Abstammung, Geschlecht und alle zu einem Haus gehörenden Menschen einschließlich der Sklaven bedeutet. Andererseits unterscheiden sich die Fachbegriffe durch ihre Endungen: -logie (von griech. „Logos”, Lehre) bzw. -nomie (von griech. „Nomos”, Gesetz). Interessant ist der Vergleich mit dem ähnlichen Begriffspaar Astrologie und Astronomie. Letztere ist ursprünglich die Wissenschaft von den Gesetzen, nach denen die Himmelskörper sich bewegen, während Erstere, die Sterndeutung, eine mittlerweile eher obskure Lehre ist, kaum seriöser als reine Kaffeesatzleserei. Und so werden auch die klugen Einsichten und Warnungen der Ökologen von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft noch immer nicht so ernst genommen, wie sie’s verdienten.

Das griechische Wort Oikos kommt in der Bibel an zahlreichen Stellen vor. Eine besonders bedenkenswerte Ermahnung findet sich im Neuen Testament, wo Jesus bei der Tempelreinigung zu den Taubenhändlern sagt: „Schafft das hier weg, macht das Haus [oikos] meines Vaters nicht zu einer Markthalle!” (Joh. 2.16) Genau dies jedoch ist in den letzten zweitausend Jahren geschehen. Und jetzt steht diese Markthalle erneut unmittelbar vor dem Konkurs – mit katastrophalen Folgen für das „Haus des Vaters”, den Tempel der Natur: die Biosphäre.

Spiel (II)

Samstag, 27. September 2008

Partie in der „Schacharena“, Sargon – Revierflaneur (26.09.08, 15:47 bis 16:52 Uhr): 1. Sg1-f3. Das ist die nach dem polnisch-deutschen Schachmeister Johannes Hermann Zukertort (1842-1888, s. Titelbild) benannte Eröffnung. Als der zeitweise neben Steinitz stärkste Schachspieler der Welt sie in die Turnierpraxis einführte, erregte er damit einiges Aufsehen. „Bizarr” – so das Urteil der Zeitgenossen. Ich hatte mit dieser selten gespielten Eröffnung (ECO-Code A04-A09) keinerlei Erfahrung und spielte 1. … d7-d5, was sich wohl auch als gebräuchlichste Erwiderung durchgesetzt hat (A06-A09). – Als spielbar gelten auch die passiveren Entgegnungen 1. … Sg8-f6 (A04) und 1. … g2-g3 (A05).

Sargon spielte nun weiter wie der klassische Zukertort: 2. d2-d4. Dies ist spätestens seit den 1920er-Jahren außer Gebrauch gekommen, als der tschechoslowakische Großmeister Richard Réti (1889-1929) den Zug 2. c2-c4 einführte und damit als Schöpfer der Réti-Eröffnung (A09) in die Schachgeschichte einging. Geläufig sind daneben heute noch die Züge 2. b2-b4 (A06) und 2. g2-g3 (A07). – Und so ging’s weiter: 2. … e7-e6 3. Dd1-d3 Sb8-c6 4. a2-a3 a7-a6 5. Lc1-f4 Lf8-d6 6. Lf4xd6 Dd8xd6 7. e2-e4. Sg8-e7. (Hier hätte ich offensiver 7. … Dd6-f4 spielen können, mit der Drohung Df4-c1† und Verlust des Ta1. Stattdessen droht nun 8. e5-e6 und meine Dame wäre zum Rückzug gezwungen, doch Weiß spielt anders.) 8. Dd3-e3 d5xe4 9. De3xe4 f7-f5 10. De4-e3 Se7-d5.

Ein riskantes Spiel, auf das ich mich da einlasse: 11. De3-g5. Möglich wäre 11. … g7-g6, aber die Rochade schien mir besser: 11. …0-0 12. c2-c3, womit mir Weiß die Offensive überlässt: 12. … h7-h6 13. Dg5-g3. Dieses Tauschangebot wollte ich nicht annehmen: 13. … e6-e5 14. Sf3xe5 Sc6xe5 15. d4xe5 Dd6-b6 – mit der erneuten Drohung, über Db6xb2 den Ta1 zu schlagen, die mit 16. b2-b4 zunächst aus der Welt geschafft wird. Aber es gibt ja noch ein viel attraktiveres Opfer unter den Weißhäuten: 16. … f5-f4 17. Dg3-f3 c7-c6 18. Lf1-c4 Lc8-e6 19. 0-0 Tf8-f5 20. Tf1-e1 Ta8-e8 21. a3-a4 Db6-c7 22. g2-g4. – Wie schön, dass vor einem halben Jahrhundert die En-passant-Regel eingeführt wurde! 22. … f4xg3 23. Df3xg3. Das ist natürlich verhängnisvoll, aber ich sehe auch keinen besseren Zug. Der Verlust der weißen Dame ist wohl unvermeidbar: 23. … Tf5-g5 24. Dg3xg5 h6xg5 25. Lc4xd5 Le6xd5 26. Sb1-d2 Te8xe5 27. c3-c4 Te5xe1 28. Ta1xe1 Ld5-f7 29. Sd2-e4 g5-g4 30. Sg4-e3 g7-g6 (um dem Se3 die Felder h5 und f5 zu verstellen). 31. b4-b5 a6-a5 32. c4-c5 Lf7-b3 33. Te1-e4 Dc7-d7 34. b5-b6 Dd7-d1† 35. Sg3-f1.

Und nun mache ich meinen spielentscheidenden Fehler! Nach 35. … Dd1-f3 hätte noch 36. Te4-e8† Kg8-g7 37. Te8-e7† Kg7-f6 folgen können. Entweder droht Weiß nun der Verlust des Turms, oder er rettet ihn vorläufig (38. Te7-h7 oder Te7xb7). Doch mein Zug 38. … Lb3-d5 hätte anschließend unausweichlich zum Matt geführt. (Auch 38. Te7-d7 verzögert dieses Matt bzw. den Turmverlust nur um einen Zug mit 38. … Kf6-d6.)

Stattdessen ziehe ich 35. … Lb3-d5, und die schon gewonnen geglaubte Partie geht verloren, zumal ich nach 36. Te4-e7 zum zweiten Mal das sichere Matt durch 36. … Dd1-f3 verpasse und stattdessen 36. … Ld5-h1 ziehe. 37. Te7-e3 Kg8-f7 38. h2-h3 g4xh3 39. Te3xh3 Dd1-g4† 40. Th3-g3 Dg4-e4 41. Sf1-d2 De4-e1 42. Sd2-f1 Lh1-e4 43. Tg3-e3 De1-b4 44. Sf1-g3 Db4-b1† 45. Kg1-h1 Le4-f5 46. Sg3-e2 Db1-f1 47. Kh2-g3 Df1-h3 48. Kg3-f4 Dh3-g4† 49. Kf4-e5 Dg4-c4 50. Ke5-d6 Dc4-d5† 51. Kd6-c7 Dd5-d7† 52. Kc7-b8 Dd7-d8† 53. Kb8-a7 Lf5-d3 54. Te3-f3† Kf7-e6 55. Se2-f4† Ke6-e5 56. Se4xd3 Ke5-d4 57. Tf3-f7 Kd4xd3 58. Tf7xb7 Dd8-d4 59. Tb7-f7 Dd4xa4 60. b6-b7 Da4-b5 61. b7-b8D Db5xc5† 62. Db8-b6 Dc5xb6† 63. Ka7xb6 a5-a4 64. Kb6xc6 Kd3-e2 65. f2-f4 a4-a3 66. Kc6-d5 Ke2-f3 67. Kd5-e5 a3-a2 68. Tf7-a7 Kf3-g4 69. Ta7xa2 g6-g5 70. f4-f5 Kg4-h4 71. f5-f6 g5-g4 72. f6-f7 g4-g3 73. f7-f8D g2-g3 74. Ta2xg2 Kh4-h3 75. Df8-g8 aufgegeben. Wieder mal erweist sich, dass ich auf der Siegerstraße übermütig werde und meinen kühlen Kopf verliere. Selbst nach den beiden verpassten Siegchancen hätte ich vermutlich das Ruder noch rumreißen können und mindestens ein Remis herausholen müssen. Aber das will ich hier gar nicht mehr im Detail analysieren. Schade!

Volksopium

Freitag, 26. September 2008

Es gibt eine, vielleicht zwei Handvoll Sätze, die in ihrer durchschlagenden Wirkung auf das Bewusstsein der Menschen folgenreicher gewesen sein mögen als tausend kluge Bücher. Einer dieser Sätze lautet: „Religion ist Opium fürs Volk.” Seine Strahlkraft reicht bis in die Gegenwart und in die Popkultur. So brachte die Düsseldorfer Punkrockband Die Toten Hosen 1996 eine Platte mit dem Titel Opium fürs Volk heraus. Im Booklet zur CD ist u. a. Lenin als Redner vor Arbeitern zu sehen, vermutlich aber nicht, weil er öfter mal als Urheber des Zitats genannt wird, sondern weil auch die kommunistische Propaganda als eine modernere Form von „Opium fürs Volk” bloßgestellt werden soll. Schließlich hatte Campino schon zehn Jahre vorher prophezeit: „Das Ende ist nah, / für Lenin und Marx, / das Ende ist nah.” (Refrain von Disco in Moskau auf Damenwahl).

Die unverbesserlichen Besserwisser weisen dankenswerterweise ein ums andere Mal fröhlich pfeifend darauf hin, dass der Satz erstens nicht von Lenin stammt, sondern von Karl Marx; und dass er zweitens richtig lautet: „Religion ist das Opium des Volkes.” Nichts macht bekanntlich mehr Spaß, als Besserwisser zu belehren, besonders dann, wenn sie ihren Spitzfindigkeiten den Ritterschlag einer tieferen Bedeutung geben wollen. In diesem Falle meinen sie, dass ein entscheidender Unterschied bestehe zwischen „Opium fürs Volk” und „Opium des Volkes”. In der ersten Variante werde der Schwarze Peter den Herrschenden zugeschoben, die das willenlose Volk mit der Droge Religion vergiften, während das Marxsche Originalzitat dem Volk die Schuld gebe, das nach dem Trost spendenden Rausch selbst verlange. Wenn wir im Bilde bleiben, wird die Absurdität dieser Argumentation schnell offenkundig. Wir müssten dann die Junkies in unseren Städten hart bestrafen, statt ihnen Therapieangebote auf Kosten der Allgemeinheit zu machen, während die Dealer straffrei davonkämen.

Auch mit ihrem Nachweis der Urheberschaft des berühmten, viel zitierten Satzes liegen die Besserwisser nur halb richtig. Auf Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, kann man sich durchaus auch berufen. In seinem heute noch lesenswerten Aufsatz Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion schreibt er: „Die Religion ist das Opium des Volkes – dieser Ausspruch von Marx bildet den Eckpfeiler der ganzen Weltanschauung des Marxismus in der Frage der Religion. Der Marxismus betrachtet alle heutigen Religionen und Kirchen, alle religiösen Organisationen stets als Organe der bürgerlichen Reaktion, die die Ausbeutung verteidigen und die Arbeiterklasse verdummen und umnebeln sollen.” (Zuerst ersch. in: Proletary, Paris, Nr. 45 v. 13. Mai 1909.)

Dieser „Ausspruch von Marx” findet sich in der Einleitung zu dessen Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie und lautet im Zusammenhang: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. – Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.” (Zuerst ersch. in: Deutsch-Französische Jahrbücher. Paris 1944.) – Übrigens hört man den Satz oft falsch betont. Es muss nicht heißen: „Religion ist das Opium des Volkes.” Denn das würde ja unterstellen, dieses Rauschmittel sei eigentlich eine Droge der herrschenden Klasse gewesen, was weder in Asien noch in Europa je der Fall war. Vielmehr ist der Ausspruch nur mit dieser Betonung plausibel: „Religion ist das Opium des Volkes.”

Einiges spricht dafür, dass Karl Marx sich zu seinem Satz von Heinrich Heine inspirieren ließ, den er 1843 persönlich kennen gelernt hatte. Der Dichter hatte 1840 in seiner Denkschrift Über Ludwig Börne geschrieben: „Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!”

Langsam!

Donnerstag, 25. September 2008

Gestern stellte der Berliner Verleger Peter Moses-Krause (65) in der Stadtbibliothek Essen Hans Siemsen vor, dessen Feuilletons aus den Jahren 1919 bis 1950 er in einem Auswahlband vorgelegt hat. Ins Programm seines seit 1977 ebenso tapfer wie unverdrossen gegen die Übernahme durch die seelenlosen Branchenriesen kämpfenden Verlages Das Arsenal passt Siemsen insofern gut, als dort auch andere Meister der „Kleinen Form” eine Heimat gefunden haben: Victor Auburtin, Béla Balász, Arthur Eloesser und Franz Hessel.

Gleich eingangs stellte Moses-Krause klar, dass erstens sein Auftritt an diesem Ort eigentlich auf einem Missverständnis beruhe. Der Veranstalter hatte Hans Siemsen in seiner Ankündigung als einen „wiederentdeckten Essener Autor” propagiert, der er ja nun keineswegs war. Seine letzten sechzehn Lebensjahre verbrachte Siemsen zwar im Otto-Hue-Haus, einem Altersheim der Arbeiterwohlfahrt in Essen, wo er schließlich auch am 23. Juni 1969 im Alter von 78 Jahren gestorben ist. Aber in dieser Zeit hat er keine Zeile mehr zu Papier gebracht. Und zweitens, so der Verleger, müsste eigentlich ein anderer, berufenerer Siemsen-Kenner vor uns auf der Bühne sitzen, nämlich Dieter Sudhoff, der Herausgeber der Sammlung, der im vorigen Jahr im Alter von nur 52 Jahren einem Herzinfarkt erlag.

Moses-Krause widerstand dankenswerterweise der Versuchung, seinen Vortrag mit allzu vielen Kostproben aus Siemsens Werk zu überfrachten. Diese ebenso kurzen wie konzentrierten Texte führen, wollte man einen nach dem anderen „weglesen”, recht bald zur Übersättigung und stehlen sich sozusagen dann gegenseitig die Schau. Nur fünf Feuilletons wurden zu Gehör gebracht: Der Floh im Tasso; Baggesen im Wintergarten; Gartenhaus, I. Etage; Zerstörte Schönheit; Döblin. Eine zwar subjektive, aber durchaus stimmige Auswahl.

Da ich nun aber genug Lob gespendet habe, kann ich mir eine kleine Kritik nicht verkneifen: Moses-Krause las zu schnell, sowohl für seine Verhältnisse, denn er verhaspelte sich des Öfteren; als auch und erst recht für Siemsens Ansprüche. „Nein! Langsam! Langsam!” – so steht’s doch ausdrücklich vorn auf dem schönen schmalen Buch (das, nebenbei bemerkt, sogar fadengeheftet ist), über der Zeichnung von George Grosz [Bei Aschinger, siehe Titelbild]. Warum so eilig? Dies der Titel eines anderen Textes in der verdienstvollen Sammlung. Ja, warum nur?

Hauptsächlich aber erzählte der Verleger von dem tragisch scheiternden Menschen Hans Siemsen. Wer er war und was er wollte. Was er konnte und woran er zerbrach. Kenntnisreich und ohne gravierende Fehler. Gern würde Moses-Krause, glaubt man seinem Bekenntnis, einen weiteren Band von diesem vergessenen Autor veröffentlichen; etwa mit Siemsens Schriften zum Film, die unbedingt eine Wiederentdeckung lohnen. Doch dazu bedürfte es der Ermutigung durch das Interesse der Leser, die allerdings in der Essener Stadtbibliothek am gestrigen Abend leider ausblieb: Die zahlenden und kaufenden Zuhörer waren an den Fingern einer Hand abzuzählen.

[Hans Siemsen: Nein! Langsam! Langsam! Herausgegeben und mit einem Nachwort von Dieter Sudhoff. Berlin: Verlag Das Arsenal, 2008.]

Ausgezählt

Mittwoch, 24. September 2008

Zur Abwechslung mal eine Kulturnachricht aus der Provinzhauptstadt an der Ruhr. Am vergangenen Montag wurde der Gründungsintendant der Essener Philharmonie, Michael Kaufmann (47), im sechsten Jahr seiner Tätigkeit vom 13-köpfigen Aufsichtsrat der Essener Theater und Philharmonie GmbH (TuP) „wegen wiederholter Etatüberschreitung” fristlos entlassen. Mit diesem „Höhepunkt einer hässlichen Sinfonie voller scharfer Dissonanzen” (Neue Osnabrücker Zeitung) ziehen die wirtschaftlich für dieses Abenteuer Verantwortlichen nun die Notbremse.

Allerdings muss sich diese “Wilde Dreizehn” wohl die Frage gefallen lassen, warum sie zwei Spielzeiten lang der eigenmächtigen Etatüberschreitung ihres Intendanten um mittlerweile 1,5 Millionen Euro zugesehen haben. Und warum sie dessen blauäugige Hans-guck-in-die-Luft-Mentalitat erst im vorigen Jahr mit einer Vertragsverlängerung bis 2013 belohnt haben. Wie soll ein solches Konzerthaus Bestand oder gar eine Zukunft haben, wenn von seinen 1.900 Stühlen im Durchschnitt pro Veranstaltung nur 722 (38 Prozent) besetzt sind, und davon noch etliche durch Besucher mit Freikarten? Das sollte selbst einem schlechten Kaufmann einleuchten, Sponsoren hin oder her. Zum Thema der unzureichenden Auslastung der Essener Philharmonie habe ich schon im April 2007 einen kritischen Beitrag geschrieben, damals noch bei Westropolis: „Jetzt sind unkonventionelle Ideen gefragt, um neue Besucher zu gewinnen. [...] Und diese Ideen müssen von Kaufmann recht bald einmal kommen – sonst sind (nach meiner unmaßgeblichen Einschätzung) seine Tage in Essen gezählt.” Die Ideen kamen nicht in den seither verstrichenen 515 Tagen – und jetzt ist Kaufmann ausgezählt.

Offenbar haben sich der Aufsichtsratsvorsitzende der TuP, Hans Schippmann (CDU), und seine zwölf Verschworenen zu lange von den unbestreitbaren künstlerischen Erfolgen des guten Prof. Kaufmann blenden lassen. Immerhin zeichnete der angesehene Deutsche Musikverleger-Verband ihn erst neulich noch für das beste Konzertprogramm der letzten Spielzeit aus. Der immer optimistisch strahlende Intendant war zudem bei seinen Mitarbeitern überaus beliebt. So beliebt, dass seine Pressesprecherin ihm nach dem Rauswurf noch mit einer offiziellen Presseerklärung der Philharmonie ihre Solidarität bekundete – und dafür gleich auch ihren Hut nehmen durfte.

Mindestens vorübergehend war Michael Kaufmann auch erfolgreich beim Eintreiben von Sponsorengeldern. Seit aber feststand, dass Essen die Kulturhauptstadt 2010 ist, waren die Wartezimmerstühle vor den Vorstandsbüros in den großen Firmen wohl deutlich besser besetzt als die Stühle des Musentempels an der Huyssenallee. Die Gelder wurden knapper. Erstaunlich immerhin, dass noch vor wenigen Tagen die Gründung eines „Kuratoriums der Philharmonie Essen” bekannt gegeben wurde, initiiert vom Vorstandsvorsitzenden der MAN Ferrostaal AG, Dr. Matthias Mitscherlich, und mit Beteiligung weiterer sieben Großunternehmen. Nun nennt Mitscherlich die Entlassung Kaufmanns „absolut unwürdig für eine Kulturhauptstadt, schädlich für Essen und abschreckend für Geldgeber”.

Dass die Entlassung Kaufmanns falsch war, sagt der MAN-Vorstandschef freilich nicht. Er stört sich bloß an der Form des „Vorgangs” – vermutlich, weil er davon erst aus der WAZ erfuhr. Solche gekränkte Eitelkeiten von Leuten, die fremdes Geld verteilen, fehlen noch, um das Bild einer Provinzposse zu vervollständigen. Und als i-Tüpfelchen möchte ich noch den Kommentar des Leiters der Stadtredaktion des hiesigen Provinzblättchens zitieren: „Dass auch ein Intendant sich an sein Budget halten muss, ist unstrittig. Das muss heute jede Führungskraft in seinem [!] Unternehmen.” Sollte Kaufmann von einer Intendantin abgelöst werden, muss Wulf Mämpel auf seine alten Tage noch deutsche Grammatik lernen. Dann sind wir endlich gewappnet für die Kulturhauptstadt Europas.