Archiv für August 2008

Siemsens Neffe

Sonntag, 24. August 2008

karlannahans

Wenn man sich längere Zeit gründlich mit dem Lebenswerk eines nahezu vergessenen Autors beschäftigt, dann will man auch alles über sein Leben wissen – und nicht zuletzt, wie er ausgesehen hat. Im Falle von Hans Siemsen (1891-1969) ist die Quellenlage zu beidem allerdings äußerst dürftig. Ein Foto aus den jüngeren Jahren dieses Flaneurs schmückt das von Dieter Sudhoff zusammengestellte Hans Siemsen Lesebuch (Köln: Nyland Stiftung, 2003), doch hat der für die Umschlaggestaltung laut Impressum zuständige Robert Ward es so zurechtgestutzt, dass nur Siemsens linke Gesichtshälfte zu sehen ist. Dieser Buchkünstler hatte den zweifelhaften Einfall, aus zwei Siemsen-Porträts ein Ausrufezeichen zu formen. Den Strich bildet das halbierte Porträtfoto – und den Punkt darunter eine (auch im Buch auf S. 139 reproduzierte) Karikatur des älteren Siemsen von Benedikt Fred Dolbin.

So hoffte ich, in der Biographie der wesentlich bekannteren älteren Schwester des Dichters, Anna Siemsen (1882-1951), fündig zu werden, die der ebenfalls namhafte Bruder Dr. August Siemsen (1884-1958) verfasst hat. Dieses schmale Buch enthält aber, wie sich leider herausstellte, keine Fotos der Geschwister Siemsen, sondern ledigleich vier Bilder auf Tafeln von Anna. Auch zur Lebensgeschichte ihres Bruders Hans gibt es, außer der knappen Schilderung einer gemeinsamen Radtour im Jahre 1910 durch Holland (S. 29), nicht viel her. (August Siemsen: Anna Siemsen. Leben und Werk. Hamburg u. Frankfurt [am Main]: Europäische Verlagsanstalt, [1951].)

So hegte ich wenig Hoffnung, dass ein weiteres Erinnerungsbuch aus der Siemsen-Familie meine Neugier würde stillen können. Der wohl einzige Sohn von August Siemsen, Pieter Siemsen (1914-2004), hat kurz vor seinem Tod auf sein wechselvolles Leben zurückgeblickt und unter dem Titel Der Lebensanfänger seine Memoiren veröffentlicht. Wie groß war meine freudige Überraschung, als ich in diesem Buch kürzlich nicht nur ein ausführliches und aufschlussreiches Kapitel über Pieter Siemsens „Onkel Hans“ fand (S. 18-22), sondern auch gleich zwei Familienfotos, auf denen Hans Siemsen mit abgebildet ist. (Pieter Siemsen: Der Lebensanfänger. Erinnerungen eines anderen Deutschen. Situationen eines politischen Lebens: Weimarer Republik – Nazi-Deutschland – Argentinien – DDR – BRD. Berlin: trafo verlag dr. wolfgang weist, 2000.)

Bisher hatte ich mir Hans Siemsen als eher kleinen, korpulenten Mann vorgestellt. Wie ich mich zu diesem inneren Bild versteigen konnte, vermag ich beim besten Willen nicht zu erklären. Nun erweist sich [s. Titelbild, aus den 1920er-Jahren], dass er vielmehr groß und schlank war, seine Mutter Anna Siemsen, geb. Lürßen (1854-1931), weit überragte und auch deutlich größer war als sein älterer Bruder Karl Siemsen (1887-1968). Und auf dem zweiten Foto sieht man, dass Hans Siemsen, zumindest Mitte der 1930er-Jahre, Zigaretten rauchte.

Zum Verständnis und zur Bewertung von Siemsens Schriften trägt die Kenntnis seiner persönlichen Eigenschaften und Lebensgewohnheiten zwar kaum bei, handelt es sich doch bei solchen Äußerlichkeiten um bloße Akzidenzien der geistigen Erscheinung. Und doch fehlt mir etwas, wenn ich mir kein äußerliches Bild von einem Autor machen kann. (Thomas Pynchon, der sich diesem Bedürfnis seiner Leser konsequent verweigert hat und dennoch nicht verhindern konnte, dass ein Jugendbild von ihm veröffentlicht wurde, steht vor meinem inneren Auge nun bis auf weiteres da als der Mann mit den Hasenzähnen.)

Webstalking

Samstag, 23. August 2008

silbermoewe

In der Parallelwelt des Weblogs sammelt man als „Betreiber“ allerlei Erfahrungen, gute wie ungute. Es hält sich unterm Strich die Waage, wie im wirklichen Leben. Das gelobte Land der unbeschränkten Kommunikation entpuppt sich mitunter als ein engherziges Krähwinkel privater Denunziation. Beide Sphären sind für sich schon kompliziert genug. Wenn sie sich aber vermischen, kann es ungemütlich werden.

Nachdem ich bereits unangenehme Erfahrungen mit einer Westropolis-Kommentatorin machen musste, die ihre Sympathien und Antipathien wechselte wie Automysophobiker die Unterwäsche, und die mich, ohne je ein Wort in der realen Welt mit mir gewechselt zu haben, vom gemutmaßten Status eines „sehr geschätzten“ Autors im Handumdrehen zum lüsternen Blaubart degradierte, hat es sich nun offenbar eine andere Dame, diesmal aus meinem weitläufigen persönlichen Bekanntenkreis, in den Kopf gesetzt, durch mal mehr, mal (bewusst) weniger gut getarnte Kommentare zu diesem Weblog ihre albernen Spielchen mit mir zu treiben.

Im ersten Fall bekommt man es mit Phantomen zu tun, die die virtuelle Welt vorschnell für bare Münze nehmen und mit ihren wetterwendischen Phantasien Original und Fälschung nicht mehr auseinanderhalten können. Im zweiten Fall hat man einen Stalker bzw. eine Stalkerin am Hals, die es nicht verkraften kann, dass man ihr im realen Leben den Laufpass gegeben hat. So spielt das Leben, so wirkt die Kunst.

Offenbar will das Vögelchen, das da so viel Zeit aufbringt, sein gekränktes Mütchen im Schutz der Anonymität bei diesem Hase-und-Igel-Spiel an mir zu kühlen, sich selbst etwas beweisen. Aber was? Dass es das Stärkere ist? Dass sein zerstörerisches Potenzial es allemal aufnehmen kann mit meinem kreativen, dem ich hier zum Ausdruck verhelfen möchte? Na, diese Konkurrenz ist doch schon entschieden, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Es ist immerhin bemerkenswert, zu welchen destruktiven Anstrengungen sich Menschen in der virtuellen Welt des Weblogs verleiten lassen, weil ihr wirkliches Leben bei allen realen Herausforderungen offenbar fade bleibt. Da ist der Ehepartner, da sind die Kinder, da ist eine nach eigenem Bekunden reizvolle berufliche Tätigkeit, da ist das ererbte Portefeuille, das ein komfortables Leben gestattet – und dennoch: Langeweile! Ich könnte fast Mitleid empfinden, wenn es nicht so lästig wäre.

Baggesen

Freitag, 22. August 2008

baggesens

Exzentriker, die zu Lebzeiten im Mittelpunkt des Interesses stehen, geraten anschließend umso schneller in Vergessenheit, während Exzentriker, von denen zeitlebens kaum jemand Notiz nahm, posthum zu Weltstars werden können. Die Vertreter der zweiten Kategorie, ich nenne nur Pars pro Toto Vincent van Gogh, kennt heute jedes Kind, wohingegen der einst weltberühmte dänische Artist und Jongleur Carl Emil Baggesen (geb. ~1863 Odense, gest. 21. Mai 1931 Thurö) nahezu spurlos aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist, das sich fatalerweise inzwischen fast ausschließlich auf Google und Wikipedia beschränkt.

Auf Baggesen war ich durch zwei Feuilletons von Alfred Polgar und Hans Siemsen aus dem Jahr 1927 aufmerksam geworden. Das Internet gibt zu ihm so gut wie nichts her, aber wenn man die Fachleute fragt, bekommt man schon noch so einiges raus. Bevor er in den 1890er-Jahren seine Nummern mit dem stürzenden Tellerstapel und dem klebrigen Fliegenpapier ersann, trat Baggesen erfolgreich als Kontorsionist auf. So war er 1885 sechs Monate lang im sog. „Wellblech-Circus“ A. Krembser am Friedrich-Karl-Ufer in Berlin als „anatomisches Weltwunder“ zu sehen.

Solche „Schlangenmenschen“, die dank einer angeborenen oder durch hartes Training erworbenen extremen Gelenkigkeit ihre Körper zu ungewöhnlichen Figuren verbiegen können, waren schon damals sehr zahlreich im Schaustellergewerbe vertreten, die Konkurrenz war hart, selbst wenn, wie bei Carl Baggesen, noch die perfekte Beherrschung der Jonglage hinzukam. Erst durch eine außergewöhnliche Choreographie bzw. Dramaturgie, die außer durch die verblüffende Extremgymnastik auch noch als ästhetische oder humoristische Attraktion bestehen konnte, war Weltruhm zu erringen, was The Baggesens („1 Dame, 1 Herr“) unzweifelhaft mit ihrem „Laughing Hit“ sehr bald gelang. Zahllose internationale Engagements künden von ihren Erfolgen: Chicago 1895, London und Berlin 1898, Paris, Amsterdam, Hamburg, München, Nürnberg, Brüssel, Wien und Paris 1899, Berlin und Leipzig 1900, Frankfurt am Main, Breslau, Berlin, Kopenhagen 1901 – so beginnt die lange Liste der Auftritte und endet erst 1927, vier Jahre vor Baggesens Tod. Die stattliche, in würdevoller Haltung jonglierende Dame, die ihm auf der Bühne assistierte, war seine Ehefrau Sophia, die sich als Artistin Saphira nannte (geb. 1864, gest. 15. [?] Dezember 1943).

In seinen Erinnerungen schreibt der Berliner Varieté- und Zirkusagent Robert Wilschke über das berühmte Paar: „Einen Extralorbeer […] winden wir […] den Baggesens. Wer hat noch nicht über Baggesens gelacht? Ihre Szene spielte in der Küche, sie hantierten mit Tellern und Bergen von Geschirr, die immer in Gefahr waren, ihnen aus den Händen zu gleiten und dann auch in Trümmer stürzten. Wenn Baggesen in seinem alten, viel zu weiten Frack mit dem Berg von Tellern über die Bühne hatschte, wenn sich der Berg der Teller neigte und Baggesen durch Verrenkungen seines Körpers das Gleichgewicht wieder herzustellen suchte, dann ging schreiendes Lachen durchs Haus. Es schrien die Hausfrauen, die aus ihrem eigenen Etat wußten, was Teller kosten, es schrien die Kinder, es lachten die Männer aus vollem Halse – man kann wohl sagen, daß Baggesens die Nummer waren, über die in allen Häusern der Kontinente das schreiendste Lachen ausbrach. Die Tragikomödie zerbrechenden Geschirrs war etwas, was jeder irgendwie einmal an sich selbst erlebt hatte, darin lag das Geheimnis des Erfolges dieser Nummer. Dazu kam noch die heitere Episode mit dem Fliegenpapier. Hatte Baggesen wieder seine Teller in Unordnung gebracht, dann kam das Unheil des Fliegenpapiers, das sich an seine Finger klebte. Strich er’s von der einen Hand ab, klebte es schon wieder an der anderen. Hatte er die Hände davon befreit, klebte es am Rock oder an den Hosen oder am Gesicht, und schließlich war das Fliegenpapier schuld, daß die ganze Küche in Trümmer ging … Baggesens Nummer hatte der Zufall erfunden. Ursprünglich war er Kautschukmann. Als er einmal in einem Artistenrestaurant speiste, war er Zeuge, wie einem durchs Lokal gehenden Kellner ein ganzer Stapel von Tellern von den Armen rutschte. Der Anblick brachte Baggesen auf die Idee, eine Nummer daraus zu bauen. So entstand ein Welterfolg.“ (Robert Wilschke: Im Lichte des Scheinwerfers. Berlin: Kranich Verlag, 1941, S. 144 f.; daraus auch das Titelbild, Taf. XX.)

Eine Filmaufnahme der legendären Nummer, die vermutlich im Laufe der Jahre Millionen Menschen „zu Thränen der schrankenlosesten Heiterkeit“ rührte, wie es in einem Bericht von 1899 heißt, scheint leider nicht erhalten zu sein. So sind wir, wenn wir uns ein Bild von der komischen Wirkung der Baggesens machen wollen, auf einige wenige Schilderungen in den Werbetexten und Feuilletons jener Zeit angewiesen – und auf die Kraft unserer Phantasie.

[Für wertvolle Hinweise zu diesem Beitrag danke ich dem Sammler Martin Dahm (Düsseldorf) und Hermann Sagemüller vom Jongleurarchiv in Nördlingen-Baldingen; sowie Brigitte Aust vom Essener Markt- und Schaustellermuseum und Johnny Markschiess-van Trix (Berlin) für die Vermittlung.]

Märchen (I)

Donnerstag, 21. August 2008

mustafabush

In der Nacht auf den 28. Juli 2008 ereignete sich in einem Luxusapartment auf den Palm Islands in Dubai ein grausamer Mord. Die 30-jährige libanesische Popsängerin Suzan Tamim wurde durch zahlreiche Messerstiche getötet und anschließend verstümmelt. Der Täter entkam zunächst nach Ägypten, wurde dort aber bald gefasst, weil er am Tatort ein eindeutiges Beweisstück zurückgelassen hatte. In der kurzen Zeit, die er noch zu leben hatte, gestand Mohsen al-Sukkari der Polizei, dass er Suzan Tamim im Auftrag eines schwerreichen ägyptischen Geschäftsmannes umgebracht habe. Am 10. August wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden.

Heute rangierte der Artikel Tod einer Pop-Prinzessin von Ulrike Putz (Beirut) bei Spiegel online kurzfristig auf Platz 1 der „Most Wanted“-Artikel. Die Autorin beschäftigt sich darin eingehend mit der Frage, wer der ominöse Geschäftsmann war: „Anfangs sprachen die Teilnehmer der großen Talkshows im ägyptischen Fernsehen den Namen noch ganz offen aus. Etablierte Zeitungen wie der englischsprachige Daily Star erzählten die Gerüchte nach: Der mutmaßliche Mörder sei ein Bodyguard des Besitzers zahlreicher Luxus-Hotels gewesen. Es dauerte nicht lange, dann schritt Ägyptens oberster Staatsanwalt ein und verpasste der Presse einen Maulkorb: Keine Berichte über eine mögliche Verbindung des Mordopfers zu dem Unternehmer, der im ägyptischen Oberhaus sitzt. Trotzdem brodelte die Gerüchteküche – und die Kairoer Börse verzeichnete für seine Firma, die Hotels und Ressorts vermarktet, dramatische Kurseinbrüche. Der Kursverfall gehe eindeutig auf die ,anhaltende Berichterstattung über den Vorstandsvorsitzenden‘ zurück, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Händler an der Kairoer Börse.“ Nachdem sich Suzan Tamim von ihrem zweiten Ehemann, dem Popmusik-Produzenten Adel Matuk, im Streit getrennt hatte, floh sie zunächst nach Kairo, wo sie dem ägyptischen Immobilien-Mogul begegnet sein soll, der sie anschließend unter seine Fittiche genommen habe. Doch vor etwa acht Monaten sei auch dieses Verhältnis in die Brüche gegangen. Daraufhin flüchtete sich Tamim nach Dubai, wo sie zuletzt bis zu ihrem gewaltsamen Tod wieder erfolgreich als Sängerin in Clubs auftrat.

Nachdem der Spiegel sich selbstgefällig einerseits über die „Klatschreporter der arabischen Welt“ ausgelassen hat, von denen seine Korrespondentin Ulrike Putz doch den größten Teil ihrer „Informationen“ bezieht; und nachdem der Spiegel andererseits die Zensur in Ägypten anprangert, die es möglich macht, den scheinbar guten Namen eines der mächtigsten Männer des Landes aus der Sache und aus den Medien herauszuhalten, obwohl es  gute Gründe gibt, seine Beziehungen zu dem Mordopfer öffentlich zu hinterfragen – erwartet man nun doch vom Spiegel, wir sind hier schließlich nicht in Ägypten, dass er seinen Lesern den Namen dieses Mannes verrät. Das tut er aber nicht. Und da drängt sich die Frage auf, warum der Spiegel sich in diesem Punkt eine solche, gelinde gesagt: befremdliche Zurückhaltung auferlegt, zumal es relativ einfach ist, dieses kleine Rätsel zu lösen. Man findet den Namen dieses „Egyptian businessman“ z. B. in einem Artikel der gulfnews vom 12. August und auch in dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Suzan Tamim. Er lautet Hesham Talaat Mustafa.

Mit diesen 19 Buchstaben kann der interessierte Leser nun weiter googeln und findet dann sehr bald einen aufschlussreichen Artikel von Barry Rubin in Heartland über die Muslimbruderschaft, in dem es über deren Aktivitäten in Ägypten heißt: “To carry out their operations, the Brotherhood groups are reasonably well funded. Their money seems to come from four major sources. First, rich adherents to the movements give donations. This is especially true of Egyptians who emigrated to Saudi Arabia or Kuwait and became rich there. One of the main Islamist Egyptian businessmen is Hisham Talaat Mustafa who is partner of the Saudi billionaire Prince al-Waleed ibn Tata’al al-Saud Saud.” [Hervorhebung von mir.]

Die 1928 von Hassan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft ist eine der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten. Alle militant islamistischen Gruppierungen der Gegenwart, von der Hamas über die al-Dschama’a al-islamiyya bis hin zu al-Qaida sind ursprünglich aus der Bruderschaft hervorgegangen bzw. haben sich von ihr abgespalten. Wirklich interessant könnte es für einen investigativen Journalisten der freien Welt sein, die Gunst des Zufalls zu nutzen, dass ein trotteliger Auftragsmörder ein „eindeutiges Indiz“ am Tatort zurückließ, um an diesem Fall mehr zu enthüllen als das traurige Schicksal einer Pop-Prinzessin. Beim Spiegel aber werden offenbar nur noch Klatschreporter beschäftigt, zu dumm oder zu feige, um sich mit der rauen Wirklichkeit zu befassen. Und denen als Schlusssatz kein besserer einfällt als dieser: „Es ist ein Märchen.“

Summertime ’69

Mittwoch, 20. August 2008

woodstockhavens

Ende Juli, Anfang August machte unsere kleine Familie zum letzten Mal Urlaub in Noordwijk aan Zee. Bevor wir mit unserem weißen Ford Taunus in Richtung Holland aufbrachen, erlebten wir noch am 21. Juli um vier Uhr in der Frühe wie 500 Millionen Menschen in aller Welt vorm Fernseher die erste Mondlandung: “That’s one small step for a man, one giant leap for mankind!” Zehn Tage vorher hatte ich meinen 13. Geburtstag gefeiert, nun freute ich mich auf Sonne, Strand und Meer.

Wie üblich wohnten wir im Hotel Op De Hoogte, ganz in der Nähe der Tennisanlage und nicht allzu weit vom Strand entfernt. Ich erinnere mich, dass mein Vater, es muss am Vormittag des 10. August gewesen sein, wohl zum ersten und einzigen Mal eine Bild-Zeitung kaufte, weil die WAZ überall ausverkauft war. In riesigen Lettern wurde ein schrecklicher, fünffacher Mord in Kalifornien bekannt gegeben. Das prominenteste Opfer war die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate. Der Hausbesitzer, ihr Ehemann Roman Polanski, hielt sich zur Tatzeit in Europa auf.

Bei unserer Heimkehr nach Essen wenige Tage später fühlte sich mein Vater unwohl. Er konnte nach Ablauf seines Urlaubs nicht an seinen Arbeitsplatz bei der Ruhrgas zurückkehren und musste sich zum ersten Mal in seinem Leben von unserem Hausarzt krank schreiben lassen. Im Februar dieses Jahres hatte er bei bester Gesundheit seinen 43. Geburtstag gefeiert, im Jahr zuvor hatte er, kurz bevor dies infolge der „Trimm-dich!“-Kampagne in den frühen 1970er-Jahren zum Massentrend wurde, auf der Schillerwiese sein Goldenes Sportabzeichen „gemacht“ und sich vorher einem allgemeinen Gesundheits-Check unterzogen, der keinerlei körperliche Beeinträchtigungen ergeben hatte. Nun lag er im Bett und schlief.

Am 15. August eröffnete Richie Havens mit Motherless Child nahe der Kleinstadt Bethel im amerikanischen Bundesstaat New York jenes legendäre Open-Air-Festival, das unter dem Namen „Woodstock“ als Höhepunkt der Hippie-Bewegung in den USA in die Geschichte eingegangen ist. Seinen Refrain („Freedom“) wird niemand vergessen, der damals jung war und sein Herz seither nicht verkauft hat. Als Jimi Hendrix am frühen Morgen des 18. August mit Hey Joe das Festival ausklingen ließ, lag mein Vater schon im Krankenhaus und wartete auf eine Notoperation.

Da war aber nichts mehr zu machen. Am Mittwoch, dem 20. August, ging ich mit meinem Cousin Jörg ins Kino. In seiner Nachmittagsvorführung zeigte das Filmstudio im Glückaufhaus Ken Annakins Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten (1965). Ich schüttete mich aus vor Lachen und kam in bester Laune heim. Meine Mutter brachte es nicht übers Herz, mir am gleichen Tag noch die traurige Nachricht zu überbringen, die mich am nächsten Morgen dann wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Ich hatte keinen Vater mehr.

[In memoriam Hans Heinz Heßling, gen. „Hanno“, geb. am 1. Februar 1926, gest. am 20. August 1969.]

Spiel (I)

Dienstag, 19. August 2008

hahnenkampfbusch

Partie in der „Schacharena“, rdtd80 – Revierflaneur (18.08.08, 13:56 bis 14:12 Uhr): 1. e2-e4 e7-e5 2. Sg1-f3 Sb8-c6 3. Lf1-c4. Das ist die Italienische Partie, auch bekannt als Giuoco Piano. Sie wurde bereits im 15. Jahrhundert in der Göttinger Handschrift (Philos 85) erwähnt und zählt damit zu den ältesten dokumentierten Schacheröffnungen überhaupt. Die üblichen Erwiderungen sind 3. … Lf8-c5, 3. … Sg8-f6 oder gelegentlich noch die Ungarische Verteidigung mit 3. … Lf8-e7 (ECO-Code C50-C59).

Wie man erfahrungsgemäß dann weiterspielt, das wissen die starken Spieler in dieser Arena besser als ich. Ich habe nie den Fleiß aufgebracht, das kleine Einmaleins der Schacheröffnung zu pauken, vom großen ganz zu schweigen. Darum versuche ich vorzugsweise mein Glück mit Varianten, die man weder hier noch dort findet und wähle in dieser Situation öfter mal die gewiss längst widerlegten Züge 3. … Sg8-h6 oder wie in diesem Fall 3. … Dd8-f6, mit denen ich durchaus schon Erfolg hatte. Nachteilig ist, dass die Dame in dieser Position schnell in Gefahr geraten kann, dass das Feld f6 für den Sg8 verstellt ist und dass Weiß seine Dominanz im Zentrum weiter ausbauen kann. Der einzige für mich entscheidende Vorteil besteht darin, dass Weiß schon in dieser frühen Phase gezwungen ist, die vertrauten Pfade der Eröffnungsroutine zu verlassen, was viele Spieler mit ELO-Werten unter 1500 offenbar irritiert. (Ich selbst trat diesmal mit einem ELO von 1434 an, mein Gegner hatte 1475 ELO-Punkte.) Danach folgten 4. Sb1-c3 Sg8-e7 5. Sc3-b5.

Das sieht bedrohlich aus, denn nach 6. Sb5-c7 † droht der Verlust des Ta8. Der Bauer c7 muss also verteidigt werden, was nur durch den König möglich ist, mit Preisgabe der Rochade: 5. … Ke8-d8 6. Sb5-c3 Sc6-b4. Dies schien mir nötig, um der Dame einen Fluchtweg auf der 6er-Reihe zu eröffnen und 7. Sc3-d5 zu verhindern. 7. a2-a3 Df6-c6 8. Lc4xf7. Auch nach 7. Lc4-b5 hätte ich den Sb4 nicht mehr retten können. So aber kann ich immerhin mit einem Entwicklungszug dem Lf7 den Rückweg versperren: 8. … d7-d5 9. a3xb4. 9. … d5-d4. 10. Sf3xe5. Weiß hat einen Bauern und einen Springer kassiert und steht scheinbar deutlich auf Gewinn.

Aber jetzt findet die bedrohte Dame ein Feld, auf dem sie sich pudelwohl fühlt: 10. … Dc6-f6 – und im Handumdrehen sieht die Welt für Schwarz viel freundlicher aus. Drei weiße Figuren (Sc3, Se5 und Lf7) sind gleichzeitig angegriffen, nur der Läufer ist (noch) gedeckt. Weiß gerät unter Druck und greift mit der Dame ins Spielgeschehen ein: 11. Dd1-h5. Doch auch so ist der Se5 nicht mehr zu retten: 11. … g7-g6 12. Lf7xg6 h7xg6 13. Dh5-f3 Df6xe5 14. Sc3-a4. Nicht noch den zweiten Springer verlieren, sagt sich Weiß. Aber zur Ruhe kommt er auf a4 noch nicht: 14. … b7-b5 15. Sa4-c5 Se7-c6.

Weiß ist offenbar durch die überraschende Wendung des schon gewonnen geglaubten Spiels aus dem Gleichgewicht gebracht und meint, nun dringend etwas für die eigene Sicherheit tun zu müssen – ein verhängnisvoller Fehler: 16. 0-0. Vielleicht will der Gegner mich unbewusst auch damit ärgern, dass er mich jetzt daran erinnert, mir schon mit seinem 5. Zug die Rochade verbaut zu haben. Doch jetzt folgt 16. … De5xh2 matt. (Besser gewesen wäre z. B. 16. Sc5-d3 oder 16. d2-d3.) – Ein blinder Hahn findet auch mal ein Korn. Und seine Chancen steigen, wenn er sich vom zentralen Futtertrog des sehenden Geflügels fortbegibt. Wie lautet doch noch gleich mein Motto? Kleine Schritte weg von der Mitte.

[Titelbild von Wilhelm Busch aus Der Hahnenkampf. Zuerst erschienen in: Münchener Bilderbogen (1862).]

Romane lesen?

Montag, 18. August 2008

romanflut

Der große Alfred Polgar hat einmal in einem seiner unnachahmlich konzisen Bravourstücke nur vermeintlich kleinmeisterlicher Kurzprosa bekannt: Ich kann keine Romane lesen (zuerst erschienen in Der Tag, Wien, 4. April 1926; hier zit. nach: Kleine Schriften. Bd. 4: Literatur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1984, S. 259-263). Und seine knappe Erklärung dieses persönlichen Unvermögens ist, gerade für einen Romanvielleser wie mich, tatsächlich bezwingend.

Eingangs führt Polgar uns erbarmungslos vor Augen, dass es auf der Welt „entschieden zu eng“ ist. Wohlgemerkt: Das konstatierte er bereits vor gut acht Dezennien; um wieviel mehr gilt es heute? „Es gibt sehr viele Menschen auf dem Planeten Erde – alle, natürlich, sollen gesund sein und leben bis hundert! – in China allein hausen eine halbe Milliarde, und das so dreieckige wie dreckige Zimmer im XVIII. Bezirk, wo mein Schuster Potzner mit Familie wohnt, beherbergt sechs Personen.“ Ganz aktuell, was die Zahlen und Fakten betrifft, ist Polgars Text zwar nicht mehr, wie man hieran schon sieht. Denn heute hausen in China bereits 1,321 Mrd. Menschen, weit mehr als doppelt so viele, trotz der dort seit 1980 konsequent verfolgten Ein-Kind-Politik. Was die Folgen aus Polgars längst veralteten Voraussetzungen angeht, ist er aber nur umso aktueller. (Nebenbei – und bei Polgar offenbart sich ja nicht selten die Hauptsache in einem solchen „Nebenbei“ – erklärt er uns, warum er „furchtbare Angst“ vor dem Kommunismus hat. Auch da sind wir mittlerweile einen Schritt weiter. Wir wissen, ohne durch diese Erkenntnis glücklicher geworden zu sein, dass Polgars Angst begründet war.)

Und so fährt der Meister fort: „Doch das führt ab von Weg und Ziel dieser Betrachtung. Eigentlich wollte ich sagen, daß der Mensch, obwohl er oft, ich zum Beispiel, wirklich gar nichts dafür kann, erschütternd viele Menschen kennt. Indem du lebst, setzt sich Bekanntschaft an wie Zahnstein, und die Laden deines Bewußtseins füllen sich mit Sachen der Nebenmenschen wie die deines Tisches mit Briefmüll. Man sollte jene ausräumen können gleich diesen. Aber das Leben rieselt jeglichen Tag, und auf nein und nein hat es dich ganz versandet und verschüttet. In tausend Schicksale bist du durch Neugier, Gefühl, Nötigung hineingeknüpft, tausend Atem wehen Hauch und Sturm in deine Segel, immer schreckhafter wird die unentrinnbare Vision von Figuren, Gesichtern, Stimmen, die deine Szene hintergründig abschließt.“ (Ebd., S. 260 f.) Dies alles ist mir nur allzu vertraut. Und nun stellt Polgar die ketzerische, bohrende, unabweisliche Frage: „Und da soll man Romane lesen?“

Ja, warum eigentlich? Hat man denn noch nicht mehr als genug Ablenkung vom Eigentlichen des Eigenen durch das quirlige Tohuwabohu der frei- und unfreiwilligen Sozialkontakte, wie der moderne Begriff für diese alte, strapaziöse Unübersichtlichkeit lautet? „Bei dieser Übervölkerung des Bewußtseins,“ so Polgar weiter, „noch Leute hineinzulassen, die gar nicht sind oder waren? Dem bis zum Niederbrechen in Anspruch genommenen Interesse für das Leben, seine Figuren und Schicksale, auch noch konstruiertes Leben, erfundene Figuren, zusammengelogene Schicksale aufladen? Wie, bei dieser schrecklichen Antlitze-Inflation, die das Dasein ohnehin mit sich bringt, soll ich noch Antlitze aus der Phantasie-Münze des Romanschreibers in meinen geistigen Umlauf setzen? Zubauen statt abbauen?“ (Ebd., S. 261)

Alfred Polgar hat Recht – aber cum grano salis. Ganz möchte ich auf die Gegenwelt der Romanfiktion nicht verzichten. Allerdings bin ich sehr wählerisch geworden. Vom unüberschaubaren Personal der aberhundert Romane, dem ich in meinem langen Leserleben Zutritt zu meinem Bewusstsein gewährte, sind nur sehr wenige Antlitze noch deutlich erkennbar. Neben diesen allerdings verblasst manche Fratze, die mir im wirklichen Leben in den Weg trat. Und gelegentlich baue ich diesseits ab, um für die jenseitigen Figuren und Schicksale eines Romans Raum zu schaffen. Und außerdem, lieber Bruder Alfred: Sind nicht auch die Schicksale vieler realer Nebenmenschen zusammengelogen? Unwirklicher und bedeutungsloser als eine wahre Erfindung? Eine Real-Münze zwar, für die ich mir aber dennoch nichts kaufen kann?