Abgeschnitten

arcor

Mein jüngster Sohn hat seit ein paar Tagen ein neues Handy mit allem Schnick und Schnack. Aus Gründen, die mich nicht interessierten, fahndete er seither in meinen Papieren nach irgendwelchen Zugangsdaten und IPs für unser Wireless-LAN, nach seiner schlechten Stimmung zu urteilen erfolglos. Auch dies interessierte mich nur am Rande, bis ich gestern früh feststellen musste, dass ich von meinem Rechner aus nicht mehr ins Internet kam. Und auch die drei anderen PCs in unserem Haushalt konnten nicht mehr online gehen.

Keine E-Mails, kein Google, keine Wikipedia, kein Online-Schach – ich fühlte mich von einem Augenblick auf den anderen, als hätte man mir alle vier Extremitäten amputiert, mich zugleich geblendet, taub und stumm gemacht. Solche plötzlichen Aussetzer unserer überzüchteten technischen Hilfsmittel und Werkzeuge erinnern mich immer an meine Kindheit in den 1960er-Jahren, wenn der Fernseher seinen Geist aufgab. Dann wurde fieberhaft nach der Telefonnumer eines Reparaturdienstes gesucht: „Kein Bild, kein Ton? Ich komme schon!“ Geschah dies gar kurz vorm Wochenende, dann führte ein solcher Blackout zur familiären Katastrophe. Die Stimmung sank in den Keller, alle waren äußerst gereizt, jeder dachte an seine nun verpassten Lieblingssendungen, die Vorfreude wandelte sich in Verbitterung und die Zeit dehnte sich zur Ewigkeit, bis die Kiste endlich wieder lief.

Noch früher gab es gelegentlich mal Stromausfälle, die besonders wirkungsvoll waren, wenn sie uns in den dunklen Abendstunden überraschten. Für diesen Fall lag in der Besenkammer eine Taschenlampe bereit, damit man wenigstens noch den Weg zum Klo fand, ohne sich den Kopf einzuschlagen. Die möglichen Ursachen dieser Unterbrechungen der gewohnten Versorgungsleistungen waren überschaubar: ein Kabelbruch bei Straßenbauarbeiten, eine durchgebrannte Bildröhre. Und um die Behebung des Schadens musste man sich auch nicht weiter kümmern, dafür gab es fachkundige Spezialisten. Allenfalls fielen Reparaturkosten an – aber die waren meist zu verschmerzen und alle Familienmitglieder atmeten erleichtert auf, wenn das elektrische Licht wieder brannte oder man sich wieder vor der Glotze versammeln konnte.

Warum ich nicht mehr ins Internet kam, das konnte hingegen tausend Gründe haben. Hatte bei den zahlreichen Gewittern in den vergangenen Wochen das NTBA im Keller Schaden genommen? Gab es Übertragungsprobleme oder eine Störung von Seiten meines Telefonanbieters? War der W-Lan-Rooter defekt? Hatte mein Sohn Veränderungen in der Rooter-Software vorgenommen, die er jetzt nicht mehr rückgängig machen konnte? Oder hatte ich mir etwa trotz Firewall einen Trojaner eingefangen? Die Ein- bzw. Ausgrenzung der verschiedenen Möglichkeiten kostete mich einen ganzen Arbeitstag und reichlich Nervenkraft. Zudem war die Fehlersuche stark behindert, weil wir ja eben nicht mehr im Internet recherchieren konnten. So biss sich die Katze in den Schwanz.

Ein hinzugezogener Experte aus dem Freundeskreis meines zweitältesten Sohnes machte sich am späteren Abend zu schaffen, während ich nur noch apathisch in der Ecke saß und schon alle Hoffnung hatte fahren lassen. Schließlich war der Computercrack an einen Punkt gelangt, von wo aus er nicht mehr weiterkam, obwohl er meinte, alles richtig gemacht zu haben. Ich warf einen flüchtigen Blick auf den Monitor und sah auf Anhieb, dass der Name meines Telefonanbieters in einer Befehlszeile falsch geschrieben war. Ein „R“ fehlte. Das war’s. Seither funktioniert unser Internet wieder. Wer den Namen falsch eingegeben hatte, war nicht mehr festzustellen. Ich habe da aber so einen Verdacht.

< ![endif]–>

4 Responses to “Abgeschnitten”

  1. Matta Schimanski Says:

    Wir bekamen erst Mitte der 1960er-Jahre einen Fernseher. Meine Mutter hatte sich immer vehement dagegen verwahrt (“Eine vernünftige Frau!”, wirst du sagen – und das war sie, in vielerlei Hinsicht.). Doch eines Tages brachte mein Stiefvater voller Vergnügen einen kleinen, tragbaren Schwarzweißfernseher ins Haus, zu meinem und meines großen Bruders Entzücken, für 27,- DM Monatsmiete.

    Mal davon abgesehen, dass es eh kaum Sendungen gab und außerdem die Sehzeiten von Seiten meiner Mutter stark eingeschränkt wurden, erinnere ich mich an zwei Dinge aus meinen Fernsehanfängen besonders deutlich: Die etwa vierstündige (? – habe ich zumindest als so lange in Erinnerung) Sendung zum Tode Konrad Adenauers (91 Böllerschüsse!), die ich mir ansehen durfte – und ansah! Mit 7! -, weil die Lehrerin uns das ans Herz gelegt hatte; und das Testbild.

    Eine meiner absoluten Lieblingssendungen war später “Die kleinen Strolche”, vor allem, solange Hanns Dieter Hüsch Sprecher/Kommentator der Stummfilme war. Unschlagbar!

  2. Revierflaneur Says:

    Die kleinen Strolche? Die hatten doch dieses Hündchen mit dem schwarzen Fleck auf dem einen Auge, oder? Ich überlege gerade: War’s das rechte oder das linke Auge?

  3. Günter Landsberger Says:

    Steht der Text zu Sanary-sur-Mer (und die exilierten Schriftsteller?) noch aus oder ist er außer der Überschrift nur für mich nicht sichtbar?

  4. Matta Schimanski Says:

    Guxtu:

    http://www.drasi.de/assets/images/Die_kleinen_Strolche_m._Bulldog.jpg

Leave a Reply