Olympia

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Endlich ist auch dieses Spektakel wieder vorbei und die Bundesliga-Berichterstattung muss nicht länger ein Schattendasein auf den letzten Seiten des Sportteils meiner Tageszeitung fristen. Es ist ja nicht so, dass mich dieser populärste Mannschaftssport in seinen nationalen Begrenzungen mehr interessieren würde als der internationale Multimega-Event im Vierjahrestakt, bei dem die ganze Palette fein- und grobmotorischer Spezialisierungen der physischen Leistungsfähigkeit jener Primatenart namens Homo sapiens, der ich unglücklicherweise angehöre, in 302 Wettkämpfen medien- und werbewirksam dargeboten wird. Aber der gewöhnliche Fußballzirkus ist mir insofern lieber als das schaltjährliche Völkersportfest, als ich dieses nicht ganz ignorieren kann, während ich gegen jenen hinlänglich abgestumpft bin.

Laienhafte Leibesübungen und erst recht professioneller Sport erschienen mir schon immer als krankhafte Auswüchse menschlicher Allmachtsphantasien, die es nicht hinnehmen können, hinter der körperlichen Überlegenheit eines Leoparden, Elefanten, Kängurus oder Delfins zurückstehen zu müssen. Statt sich damit zu trösten, dass Homo sapiens seine vorübergehende Überlegenheit allein der exorbitanten Größe seines Zerebrums verdankt, bleibt dieser Flickschuster der Schöpfung nicht bei seinen Leisten, sondern sucht in Disziplinen zu reüssieren, deren Beherrschung ihm nun einmal nicht in die Wiege gelegt ist. Alfred Polgar hat über diese groteske Verirrung ein glanzvolles Feuilleton geschrieben, das ich mit meinem kleinen Hirn nicht zu übertreffen vermag. (Der Sport und die Tiere; in: Kleine Schriften. Bd. 3: Irrlicht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1984, S. 95-98.)

Mens sana in corpore sano? Wenn das stimmt, müssen wir uns mit der Widerlegung von Stephen Hawkings astrophysikalischen Theorien nicht länger beschäftigen. Fragen wir stattdessen besser Michael Phelps oder Usain Bolt, wo die „Schwarzen Löcher“ im Kosmos herkommen. Oder gleich den Delfin oder Leoparden? Die hehre Idee des Barons de Coubertin in allen Ehren, aber war sie deshalb so erfolgreich, weil sie zu Frieden und Verständigung unter den Völkern beigetragen hat, wie er es sich vor über hundert Jahren erträumte? Oder gründet ihr dauerhafter Bestand nicht vielmehr auf einer infantilen Sehnsucht unserer Art, dem Rest der Schöpfung auch ohne trickreiche Waffen und Werkzeuge die Stirn zu bieten?

Do Ping ist nicht der Name des chinesischen Ministers für volksrepublikanische Körperentwicklung, sondern eine Falschschreibung des Wortes, das für die vorläufig letzte Beschleunigung jenes olympischen Karussells sorgt, das ohne Rekordergebnisse zum rasenden Stillstand käme. Dabei unterscheidet sich doch die Verabreichung von EPO oder Anabolika nur graduell von den klassischen Methoden körperlicher Leistungssteigerung: der gezielten Selektion, den hochgradig spezialisierten Trainingsmethoden, der technizistischen Evolution von Schwimmtrikots, Sprintschuhen und Glasfiberstäben. Die verschämte Zurückweisung neuer Möglichkeiten der Perfektionierung menschlicher Körper ist kaum mehr als ein lästiges Bremsmittel auf dem Weg zu seiner zukünftigen Vermarktung.

Und überhaupt: Was werfen sich denn die gastgebenden Chinesen mit ihren 51 Goldmedaillen so in die Brust? Das ist doch nichts im Vergleich zu den 87 Goldmedaillen, die die 27 Staaten der Europäischen Union diesmal abräumten. (Bloß Luxemburg, Malta und Zypern gingen ganz leer aus.) Und erst recht darf man als Europäer mit stolzgeschwellter Brust aus dem „Vogelnest“ von Herzog & de Meuron schreiten, wenn man die Bevölkerungszahlen der olympischen Siegermächte gegeneinander hält. Auf eine Million Europäer kamen 0,57 Medaillen, auf die gleiche Zahl US-Amerikaner 0,36 – und die Chinesen brachten es gerade mal auf lächerliche 0,07. Wer triumphiert denn hier?

One Response to “Olympia”

  1. Matta Schimanski Says:

    Laienhafte Leibesübungen sind schon völlig in Ordnung. Sie dienen der Gesundheit, der Beweglichkeit, dem Durchhaltevermögen, dem Gefühl für den eigenen Körper und nicht zuletzt dem Spaß. Es ist halt wie fast immer die Frage, wo man die Grenze setzt, in wie weit die Leibesübungen der eigenen physischen und psychischen Gesundheit zuträglich sind.

    Allerdings werden Leistungssportler das alles wohl auch für sich reklamieren. Und nur weil unsportliche Menschen wie ich sich nicht vorzustellen vermögen, dass Sport im höheren und hohen Leistungsbereich und als Beruf Spaß machen kann, heißt das ja nicht, dass das nicht geht.

    Oder ist es einfach nur Besessenheit – so wie andere vielleicht vom Lesen besessen sind oder von einer musischen Betätigung?

    [Dieser Kommentar erscheint auch bei Westropolis.]

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