Baggesen

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Exzentriker, die zu Lebzeiten im Mittelpunkt des Interesses stehen, geraten anschließend umso schneller in Vergessenheit, während Exzentriker, von denen zeitlebens kaum jemand Notiz nahm, posthum zu Weltstars werden können. Die Vertreter der zweiten Kategorie, ich nenne nur Pars pro Toto Vincent van Gogh, kennt heute jedes Kind, wohingegen der einst weltberühmte dänische Artist und Jongleur Carl Emil Baggesen (geb. ~1863 Odense, gest. 21. Mai 1931 Thurö) nahezu spurlos aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist, das sich fatalerweise inzwischen fast ausschließlich auf Google und Wikipedia beschränkt.

Auf Baggesen war ich durch zwei Feuilletons von Alfred Polgar und Hans Siemsen aus dem Jahr 1927 aufmerksam geworden. Das Internet gibt zu ihm so gut wie nichts her, aber wenn man die Fachleute fragt, bekommt man schon noch so einiges raus. Bevor er in den 1890er-Jahren seine Nummern mit dem stürzenden Tellerstapel und dem klebrigen Fliegenpapier ersann, trat Baggesen erfolgreich als Kontorsionist auf. So war er 1885 sechs Monate lang im sog. „Wellblech-Circus“ A. Krembser am Friedrich-Karl-Ufer in Berlin als „anatomisches Weltwunder“ zu sehen.

Solche „Schlangenmenschen“, die dank einer angeborenen oder durch hartes Training erworbenen extremen Gelenkigkeit ihre Körper zu ungewöhnlichen Figuren verbiegen können, waren schon damals sehr zahlreich im Schaustellergewerbe vertreten, die Konkurrenz war hart, selbst wenn, wie bei Carl Baggesen, noch die perfekte Beherrschung der Jonglage hinzukam. Erst durch eine außergewöhnliche Choreographie bzw. Dramaturgie, die außer durch die verblüffende Extremgymnastik auch noch als ästhetische oder humoristische Attraktion bestehen konnte, war Weltruhm zu erringen, was The Baggesens („1 Dame, 1 Herr“) unzweifelhaft mit ihrem „Laughing Hit“ sehr bald gelang. Zahllose internationale Engagements künden von ihren Erfolgen: Chicago 1895, London und Berlin 1898, Paris, Amsterdam, Hamburg, München, Nürnberg, Brüssel, Wien und Paris 1899, Berlin und Leipzig 1900, Frankfurt am Main, Breslau, Berlin, Kopenhagen 1901 – so beginnt die lange Liste der Auftritte und endet erst 1927, vier Jahre vor Baggesens Tod. Die stattliche, in würdevoller Haltung jonglierende Dame, die ihm auf der Bühne assistierte, war seine Ehefrau Sophia, die sich als Artistin Saphira nannte (geb. 1864, gest. 15. [?] Dezember 1943).

In seinen Erinnerungen schreibt der Berliner Varieté- und Zirkusagent Robert Wilschke über das berühmte Paar: „Einen Extralorbeer […] winden wir […] den Baggesens. Wer hat noch nicht über Baggesens gelacht? Ihre Szene spielte in der Küche, sie hantierten mit Tellern und Bergen von Geschirr, die immer in Gefahr waren, ihnen aus den Händen zu gleiten und dann auch in Trümmer stürzten. Wenn Baggesen in seinem alten, viel zu weiten Frack mit dem Berg von Tellern über die Bühne hatschte, wenn sich der Berg der Teller neigte und Baggesen durch Verrenkungen seines Körpers das Gleichgewicht wieder herzustellen suchte, dann ging schreiendes Lachen durchs Haus. Es schrien die Hausfrauen, die aus ihrem eigenen Etat wußten, was Teller kosten, es schrien die Kinder, es lachten die Männer aus vollem Halse – man kann wohl sagen, daß Baggesens die Nummer waren, über die in allen Häusern der Kontinente das schreiendste Lachen ausbrach. Die Tragikomödie zerbrechenden Geschirrs war etwas, was jeder irgendwie einmal an sich selbst erlebt hatte, darin lag das Geheimnis des Erfolges dieser Nummer. Dazu kam noch die heitere Episode mit dem Fliegenpapier. Hatte Baggesen wieder seine Teller in Unordnung gebracht, dann kam das Unheil des Fliegenpapiers, das sich an seine Finger klebte. Strich er’s von der einen Hand ab, klebte es schon wieder an der anderen. Hatte er die Hände davon befreit, klebte es am Rock oder an den Hosen oder am Gesicht, und schließlich war das Fliegenpapier schuld, daß die ganze Küche in Trümmer ging … Baggesens Nummer hatte der Zufall erfunden. Ursprünglich war er Kautschukmann. Als er einmal in einem Artistenrestaurant speiste, war er Zeuge, wie einem durchs Lokal gehenden Kellner ein ganzer Stapel von Tellern von den Armen rutschte. Der Anblick brachte Baggesen auf die Idee, eine Nummer daraus zu bauen. So entstand ein Welterfolg.“ (Robert Wilschke: Im Lichte des Scheinwerfers. Berlin: Kranich Verlag, 1941, S. 144 f.; daraus auch das Titelbild, Taf. XX.)

Eine Filmaufnahme der legendären Nummer, die vermutlich im Laufe der Jahre Millionen Menschen „zu Thränen der schrankenlosesten Heiterkeit“ rührte, wie es in einem Bericht von 1899 heißt, scheint leider nicht erhalten zu sein. So sind wir, wenn wir uns ein Bild von der komischen Wirkung der Baggesens machen wollen, auf einige wenige Schilderungen in den Werbetexten und Feuilletons jener Zeit angewiesen – und auf die Kraft unserer Phantasie.

[Für wertvolle Hinweise zu diesem Beitrag danke ich dem Sammler Martin Dahm (Düsseldorf) und Hermann Sagemüller vom Jongleurarchiv in Nördlingen-Baldingen; sowie Brigitte Aust vom Essener Markt- und Schaustellermuseum und Johnny Markschiess-van Trix (Berlin) für die Vermittlung.]

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