Archiv für August 2008

Schlüsse

Sonntag, 31. August 2008

smokingbigview

Heute endet mein Engagement beim Kulturblog der WAZ-Mediengruppe: Westropolis. Vor gut 17 Monaten, am 28. März 2007, habe ich dort meinen ersten Beitrag veröffentlicht, schon eine Woche später rückte ich in die kleine Gruppe der ständigen Gastautoren ein, seit September 2007 wurde meine Tätigkeit dort monatlich pauschal honoriert. Drei Beiträge pro Woche sollte ich laut Vertrag publizieren. Dies ist mein 349. und letzter Artikel für Westropolis. Neun Monate habe ich abgerechnet. Die Arbeitszeit pro Beitrag belief sich durchschnittlich auf vier Stunden. Überschlägig kam ich damit auf einen Stundenlohn von 2,50 Euro. Um des schnöden Mammons willen habe ich’s also gewiss nicht getan. Warum aber dann?

Bei meinem „Einstellungsgespräch“ am 27. März 2007 waren zwischen mir und der verantwortlichen Westropolis-Mitarbeiterin im Wesentlichen zwei Fragen zu klären. Erstens: Ob ich Vorbehalte hätte, als Blogger für einen Medienkonzern zu arbeiten? Bekanntlich gilt ja in weiten Kreisen der Blogosphäre ein solches Engagement als Verrat am libertären Geist dieses neuen Mediums. Solche Bedenken hatte ich zwar, aber ich stellte eine Gegenfrage: Würde ich bei der Wahl meiner Themen und ihrer Ausgestaltung, natürlich im Rahmen der gesetzlichen Grenzen („Keine Pornographie! Keine verfassungsfeindliche Propaganda!“), freie Hand haben? Nachdem dies bejaht wurde, ließ ich mich auf das Abenteuer Westropolis ein.

Ich habe diese Entscheidung nie bereut und bereue sie auch heute nicht. Mein anderthalbjähriger Gastauftritt bei Westropolis ermöglichte mir, Erfahrungen zu sammeln, von denen ich noch lange zehren werde. Das Kulturblog der WAZ gestattete mir großzügig, mancherlei auszuprobieren, mit Reizthemen zu experimentieren, meine teils provokanten Widersätzlichkeiten gegen den Zeitgeist öffentlich zu machen und die Grenzen der Toleranz auszuloten. Was mir dabei widerfuhr – von Kollegen, von Kommentatoren, von meinem „Arbeitgeber“ – das gäbe genug Stoff für ein lehrreiches Buch über diesen durchaus ja noch brandneuen Schauplatz des öffentlichen Diskurses.

Ein solches Buch werde ich jedoch gewiss nicht schreiben, es wäre ja schließlich ein formaler Anachronismus. Ich habe mich stattdessen darauf verlegt, am 24. März 2008 mein eigenes Weblog zu starten, in dem ich täglich genau einen Beitrag publiziere. Mein Blog wird bis heute von nahezu niemandem gelesen, aber es ist „worldwide“ präsent, nicht nur heute, sondern für alle Zukunft; oder jedenfalls so lange, wie die Webserver in aller Welt noch unter Strom stehen. „Das Web vergisst nie!“ In den Ohren der Paranoiker von Orwells Gnaden klingt dieser Satz wie eine schreckliche Drohung – in meinen aber, der ich nichts vor mir selbst und insofern erst recht nichts vor der Welt zu verbergen habe, ist er gleichsam die Garantie-Erklärung für den Triumph der Aufklärung im Posthistoire.

Das durchaus versöhnliche Fazit meiner Arbeit bei Westropolis lautet in zehn knappen Punkten: 1. Das war wohl nur ein Pilotprojekt für DerWesten, leider aber 2. ohne Pilot, mit einer 3. von Anfang an recht dilettantischen thematischen Struktur, die 4. anzupassen offenbar die Mittel fehlten, wie auch 5. ein engagiertes Management, das die Emphase und Energie aufgebracht hätte, die durchaus vorhandenen Potenziale über die Minimalvorgaben der Geschäftsführung hinauszuführen, geschweige denn 6. über deren vermutliche Bedenken, also 7. ein vorhersehbares (und auch vorhergesehenes) Scheitern, bei dem es 8. schließlich nun nur noch darauf ankommt, die Peinlichkeit in Grenzen zu halten, was 9. gewiss auch gelingen wird und das mir 10. für die Dauer meiner Teilnahme allerlei Illusionen beschert hat, die ich nicht missen möchte und deren schmerzvolle Zerstörung mich auf meinem Weg ein gutes Stück vorangebracht hat. So sage ich: Danke!

Stimmt so!

Samstag, 30. August 2008

trinkgeld

Die akribische und scharfsinnige Untersuchung unscheinbarer Einzelheiten und Kleinigkeiten unseres alltäglichen Lebens hat mich schon immer fasziniert. Das scheinbar Nebensächliche und Selbstverständliche unter der Lupe wissenschaftlicher Gründlichkeit zu betrachten, erschien mir oft interessanter als manche weit ausholende Darstellung vermeintlich großer und bedeutender Themen. Eine noch zu schreibende Kulturgeschichte des Schnullers würde mich eher in ihren Bann ziehen als Ratzingers Buch über Jesus von Nazareth.

Jetzt ist zum Preis von 7,90 € eine „Kleine Geschichte des Trinkgeldes“ erschienen, das ja bekanntlich in kleiner Münze entrichtet wird und insofern ein für die Gattung solcher hoch spezialisierten Monographien ideales Sujet liefert. (Winfried Speitkamp: Der Rest ist für Sie! Kleine Geschichte des Trinkgeldes. Stuttgart: Reclam Verlag, 2008.) Der Buchhändler, dem ich zehn Euro für den schmalen Band auf den Zahlteller lege, wäre erstaunt und vielleicht sogar beleidigt, wenn ich die Zahlung mit einem „Stimmt so!“ kommentierte. Vielleicht würde er sich, nähme er dieses Trinkgeld an, sogar eines Verstoßes gegen den festen Ladenpreis im Buchhandel schuldig machen. Dabei ist das hier zu annoncierende Büchlein mir durchaus diesen aufgerundeten Preis wert – und den Service des Buchhändlers, es vorrätig zu haben und mir damit den zweiten Weg zur Abholung nach einer sonst nötigen Bestellung zu ersparen, würde ich ihm gern mit 2,10 € vergelten.

Wenn ich hingegen vom Essener Hauptbahnhof per Taxi nach Hause fahre und der Taxameter in der Messelstraße 7,90 € anzeigt, dann kostet es mich schon einige Überwindung, stur zu bleiben, wenn ich den Zehn-Euro-Schein gezückt habe und auf Herausgabe des Wechselgeldes bestehe. Dabei habe ich mich unterwegs darüber ärgern müssen, dass ich als Fahrgast ungefragt von den peinigenden Klangereignissen eines Radiosenders namens 102.2 Radio Essen belästigt wurde. Wäre ich nicht, wie wir alle, ein Sklave der gesellschaftlichen Konventionen, dann würde ich dem Chauffeur einen Fünf-Euro-Schein in die Hand drücken mit der trockenen Bemerkung: „Stimmt so! Der Rest ist Schmerzensgeld.“ Ich bin schon stolz, wenn es mir gelingt, auf Rückgabe von zwei Euro zu bestehen und durch das lächerliche Trinkgeld von zehn Cent meinen Unmut kundzutun.

Geld regiert die Welt – und der persönliche Umgang mit ihm sagt viel aus über das wirtschaftende Subjekt. Wie ich mit dem Geld umgehe, das ist mindestens so bezeichnend für meinen Charakter wie mein Verhältnis zu meinem eigenen Körper, zu meinen Mitmenschen, zur Sexualität oder zur Kultur. Und das Trinkgeld, das ein anarchisches Randphänomen der klassischen Ökonomie ist, wie die unrentable Spende an den mittellosen Bettler, eine Leerstelle in der sonst lückenlosen Buchführung bürgerlichen Effizienzdenkens, könnte das monetäre Prinzip unseres Wirtschaftslebens vielleicht ad absurdum führen, wenn man es in den Fußstapfen von Ratzingers biographischem Gegenstand unbefangen betrachtete.

Vielleicht sollte ich künftig, um mir die Qual der Entscheidung über die Höhe des Trinkgelds zu ersparen, grundsätzlich immer 30 Cent drauflegen, zur Erinnerung an die 30 Silberlinge des Judas Ischariot?

< ![endif]-->

Freitag, 29. August 2008

crash

“Never change a running system!” Ich bin ein eifernder Fan dieser konservativen Grundhaltung, was meinen PC-Arbeitsplatz betrifft. Der Einwand meiner Söhne, dass man sich mit dieser biederen Einstellung niemals sinnvolle Innovationen nutzbar machen kann, mag ja berechtigt sein. Aber das Risiko, durch die Installation eines schnuckligen kleinen Tools mein ganzes fehlerfrei laufendes Arbeitsinstrumentarium aus dem Gleichgewicht zu bringen, ist mir einfach zu groß.

So könnte ich friedlich und ungestört vor mich hin werkeln bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, wären da nicht die nervenden Update-Angebote, die mich ebenso regelmäßig wie ungefragt behelligen und mich in Versuchung führen, meine Prinzipien für einen schwachen Moment über Bord zu werfen. Neulich war es ein Java-Update, das sich bei jeder Anmeldung meines Rechners penetrant bemerkbar machte. ,Jetzt nicht!‘ So lautete Tag für Tag meine halbherzige Antwort, weil mir wohl schwante, was mir blühen könnte, wenn ich mich darauf einließe. Doch steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein – und vorgestern wurde ich schließlich schwach.

Jetzt haben wir den Schlamassel! Vermutlich unterlief mir ein kleiner Fehler, als ich das Update startete, um endlich Ruhe zu haben. Mein Internet-Security-Programm meldete sich nämlich und stellte mir ein paar höfliche Fragen: Ob ich dies und jenes wirklich zulassen wolle? Was ich darauf geantwortet habe, weiß ich leider nicht mehr so genau. Und seither ist mein Weblog plötzlich strubbelig.

Über jedem neu veröffentlichten Blog-Beitrag steht die kryptische Phrase < ![endif]–>. Mein als Word-Dokument in Times New Roman entworfener Text wird beim Kopieren in WordPress nicht mehr automatisch in die dort bisher von mir verwendete, serifenlose Schrifttype umgewandelt. Und selbst rückwirkend erscheinen die letzten fünf Beiträge plötzlich in Times und mit falscher Absatzformatierung. Zu allem Überfluss ist mein gesamtes Weblog, bis auf den Titel-Banner, via Internet-Explorer überhaupt nicht mehr darstellbar. Was tun?

Am ehesten könnte mir noch mein ältester Sohn aus der Patsche helfen, doch der weilt momentan in Istanbul, um sich die im Laufe der Jahrhunderte von Abermillionen barfüßiger Muslime und Touristen durchgelatschte Steinschwelle zur Hagia Sophia anzusehen, und kehrt erst in einer guten Woche nach Berlin zurück. Was das betrifft, lautet meine nicht minder konservative Lebensregel: „Reise nie! Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“ Aber auf mich will ja keiner hören. Es ist zum Knöchelchenspeien!


< ![endif]–>

< ![endif]–>

Sanary-sur-Mer

Donnerstag, 28. August 2008

siemsensanary

Nachdem Hans Siemsen über die Schweiz Anfang 1934 ins Pariser Exil geflohen war, lernte er dort im Februar 1936 den 21-jährigen Walter Dickhaut kennen und verliebte sich in ihn. Gemeinsam mit Dickhaut schrieb er 1937 Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers, die dessen Erlebnisse in der Jugend- und Nachwuchsorganisation der NSDAP zum Thema hat. Ein deutscher Verleger fand sich für das Buch nicht, was Alfred Döblin im Frühjahr 1939 in einem Artikel in der Exilzeitschrift Das neue Tagebuch (Paris) beklagte. Im Jahr darauf erschien es dann in englischer Übersetzung (Hans Siemsen: Hitler Youth. Translated by Trevor and Phyllis Blewitt. With a foreword by Rennie Smith. London: Lindsay Drummond Ltd., 1940).

Ende 1938 hielt sich Siemsen in Südfrankreich auf. Möglicherweise besuchte er zu dieser Zeit erstmals das malerische Küstenstädtchen Sanary-sur-Mer am Mittelmeer, in der Nähe von Toulon, das sich in diesen Jahren zu einem Treffpunkt vieler deutscher und österreichischer Emigranten entwickelte. Die Liste jener Literaten, die auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hier eine vorübergehende Zufluchtstätte fanden, ist lang. Eine Gedenktafel in Sanary-sur-Mer verzeichnet in alphabetischer Reihenfolge eine Reihe prominenter und (zumindest heute) weniger prominenter Namen von Dichtern und Schriftstellern, Journalisten und Verlegern.

Hans Siemsens Name fehlt auf dieser Tafel. Verbürgt ist, dass er im August 1939 mit seinem Geliebten Walter in Sanary-sur-Mer Urlaub machte und dort Besuch von Hubertus Prinz zu Löwenstein (1906-1984) erhielt, der im gleichen Jahr die “American Guild for German Cultural Freedom” gründete und sich später von seinem Exil in den USA aus für die Rettung verfolgter Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler aus dem besetzten Europa einsetzte. Nach seiner vorübergehenden Internierung in den Lagern von Colombes bei Paris (Ende 1939) und Chambaran bei Lyon (Mai/Juni 1940) floh der inzwischen ausgebürgerte und somit staatenlose Siemsen mit Walter Dickhaut nach Sanary-sur-Mer ins unbesetzte Frankreich. Seine Pariser Wohnung wurde von der Gestapo ausgehoben, er verlor seinen gesamten Besitz.

Am 22. Januar 1941 berichtete Hans Siemsen aus Sanary in einem Brief an seinen Freund, den Schweizer Maler und Buchkünstler Max Hunziker (1901-1976), von seiner prekären Lage: „Max, wir leben noch, der Walter und ich. Es ist fast ein Wunder – aber wir leben. Seit Anfang August [1940] leben wir sogar zusammen. Nachdem wir elf Monate getrennt gewesen waren. Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. Nicht nur Kleidung und Wäsche, sondern auch Deine lieben Bilder – und alles andere, was wir lieb hatten. Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluß machen. – Ebenso gut aber ist es möglich, daß wir nach U. S. A. kommen. Für mich lohnt es sich kaum. Aber den Walter hätt‘ ich gern drüben und in Sicherheit. Er ist noch so jung. […] Laßt einmal von Euch hören. Charles Walter, Hotel Beauport, Sanary (Var.) – das genügt. Nichts weiter! Euch allen von Herzen alles Gute! Immer! Dein alter Hans.“ (Hans Siemsen: Schriften III. Briefe von und an Hans Siemsen. Hrsg. v. Michael Föster. Essen: TORSO Verlag, 1988, S. 257 f.) Unter dem Pseudonym „Charles Walter“ hatte sich offenbar Walter Dickhaut in Sanary angemeldet, während Hans Siemsen vorsichtshalber namentlich gar nicht in Erscheinung treten wollte. Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.

Ganz in Vergessenheit geraten ist Hans Siemsen an seinem Fluchtort Sanary-sur-Mer übrigens nicht. Am dortigen Place Albert Cavet betreiben noch die hochbetagten Geschwister Louis, Marcelle und Paulette Cavet die „Villa de l’Enclos“, fünf Reihenhäuser als Pensionsbetrieb für Feriengäste in einem kleinen Park. Sie erinnern sich noch gut an den Flüchtling aus Deutschland. Eines dieser Häuser bewohnte einst der deutsch-polnische Kunsthistoriker und Maler Erich Klossowski (1875-1949), Vater des Schriftsteller Pierre Klossowski (1905-2001) und des Malers Balthasar Klossowski, gen. Balthus (1908-2001). Und in einem anderen Haus fanden Siemsen und Dickhaut für ein paar Monate Unterschlupf. An dessen Fassade ist die Gedenktafel angebracht, die das Titelbild zeigt, mit einem Foto von Hans Siemsen im Profil, das ich sonst nirgends gefunden habe.

[Für die Informationen im letzten Absatz danke ich sehr herzlich Prof. Dr. Gernot Lucas (Konstanz), der mir auch freundlicherweise das Foto der Gedenktafel zur Verfügung stellte.]

< ![endif]–>

Abgeschnitten

Mittwoch, 27. August 2008

arcor

Mein jüngster Sohn hat seit ein paar Tagen ein neues Handy mit allem Schnick und Schnack. Aus Gründen, die mich nicht interessierten, fahndete er seither in meinen Papieren nach irgendwelchen Zugangsdaten und IPs für unser Wireless-LAN, nach seiner schlechten Stimmung zu urteilen erfolglos. Auch dies interessierte mich nur am Rande, bis ich gestern früh feststellen musste, dass ich von meinem Rechner aus nicht mehr ins Internet kam. Und auch die drei anderen PCs in unserem Haushalt konnten nicht mehr online gehen.

Keine E-Mails, kein Google, keine Wikipedia, kein Online-Schach – ich fühlte mich von einem Augenblick auf den anderen, als hätte man mir alle vier Extremitäten amputiert, mich zugleich geblendet, taub und stumm gemacht. Solche plötzlichen Aussetzer unserer überzüchteten technischen Hilfsmittel und Werkzeuge erinnern mich immer an meine Kindheit in den 1960er-Jahren, wenn der Fernseher seinen Geist aufgab. Dann wurde fieberhaft nach der Telefonnumer eines Reparaturdienstes gesucht: „Kein Bild, kein Ton? Ich komme schon!“ Geschah dies gar kurz vorm Wochenende, dann führte ein solcher Blackout zur familiären Katastrophe. Die Stimmung sank in den Keller, alle waren äußerst gereizt, jeder dachte an seine nun verpassten Lieblingssendungen, die Vorfreude wandelte sich in Verbitterung und die Zeit dehnte sich zur Ewigkeit, bis die Kiste endlich wieder lief.

Noch früher gab es gelegentlich mal Stromausfälle, die besonders wirkungsvoll waren, wenn sie uns in den dunklen Abendstunden überraschten. Für diesen Fall lag in der Besenkammer eine Taschenlampe bereit, damit man wenigstens noch den Weg zum Klo fand, ohne sich den Kopf einzuschlagen. Die möglichen Ursachen dieser Unterbrechungen der gewohnten Versorgungsleistungen waren überschaubar: ein Kabelbruch bei Straßenbauarbeiten, eine durchgebrannte Bildröhre. Und um die Behebung des Schadens musste man sich auch nicht weiter kümmern, dafür gab es fachkundige Spezialisten. Allenfalls fielen Reparaturkosten an – aber die waren meist zu verschmerzen und alle Familienmitglieder atmeten erleichtert auf, wenn das elektrische Licht wieder brannte oder man sich wieder vor der Glotze versammeln konnte.

Warum ich nicht mehr ins Internet kam, das konnte hingegen tausend Gründe haben. Hatte bei den zahlreichen Gewittern in den vergangenen Wochen das NTBA im Keller Schaden genommen? Gab es Übertragungsprobleme oder eine Störung von Seiten meines Telefonanbieters? War der W-Lan-Rooter defekt? Hatte mein Sohn Veränderungen in der Rooter-Software vorgenommen, die er jetzt nicht mehr rückgängig machen konnte? Oder hatte ich mir etwa trotz Firewall einen Trojaner eingefangen? Die Ein- bzw. Ausgrenzung der verschiedenen Möglichkeiten kostete mich einen ganzen Arbeitstag und reichlich Nervenkraft. Zudem war die Fehlersuche stark behindert, weil wir ja eben nicht mehr im Internet recherchieren konnten. So biss sich die Katze in den Schwanz.

Ein hinzugezogener Experte aus dem Freundeskreis meines zweitältesten Sohnes machte sich am späteren Abend zu schaffen, während ich nur noch apathisch in der Ecke saß und schon alle Hoffnung hatte fahren lassen. Schließlich war der Computercrack an einen Punkt gelangt, von wo aus er nicht mehr weiterkam, obwohl er meinte, alles richtig gemacht zu haben. Ich warf einen flüchtigen Blick auf den Monitor und sah auf Anhieb, dass der Name meines Telefonanbieters in einer Befehlszeile falsch geschrieben war. Ein „R“ fehlte. Das war’s. Seither funktioniert unser Internet wieder. Wer den Namen falsch eingegeben hatte, war nicht mehr festzustellen. Ich habe da aber so einen Verdacht.

< ![endif]–>

Blackout

Mittwoch, 27. August 2008

blackout

Aus technischen Gründen heute kein Blog.

Olympia

Montag, 25. August 2008

bolt

Endlich ist auch dieses Spektakel wieder vorbei und die Bundesliga-Berichterstattung muss nicht länger ein Schattendasein auf den letzten Seiten des Sportteils meiner Tageszeitung fristen. Es ist ja nicht so, dass mich dieser populärste Mannschaftssport in seinen nationalen Begrenzungen mehr interessieren würde als der internationale Multimega-Event im Vierjahrestakt, bei dem die ganze Palette fein- und grobmotorischer Spezialisierungen der physischen Leistungsfähigkeit jener Primatenart namens Homo sapiens, der ich unglücklicherweise angehöre, in 302 Wettkämpfen medien- und werbewirksam dargeboten wird. Aber der gewöhnliche Fußballzirkus ist mir insofern lieber als das schaltjährliche Völkersportfest, als ich dieses nicht ganz ignorieren kann, während ich gegen jenen hinlänglich abgestumpft bin.

Laienhafte Leibesübungen und erst recht professioneller Sport erschienen mir schon immer als krankhafte Auswüchse menschlicher Allmachtsphantasien, die es nicht hinnehmen können, hinter der körperlichen Überlegenheit eines Leoparden, Elefanten, Kängurus oder Delfins zurückstehen zu müssen. Statt sich damit zu trösten, dass Homo sapiens seine vorübergehende Überlegenheit allein der exorbitanten Größe seines Zerebrums verdankt, bleibt dieser Flickschuster der Schöpfung nicht bei seinen Leisten, sondern sucht in Disziplinen zu reüssieren, deren Beherrschung ihm nun einmal nicht in die Wiege gelegt ist. Alfred Polgar hat über diese groteske Verirrung ein glanzvolles Feuilleton geschrieben, das ich mit meinem kleinen Hirn nicht zu übertreffen vermag. (Der Sport und die Tiere; in: Kleine Schriften. Bd. 3: Irrlicht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1984, S. 95-98.)

Mens sana in corpore sano? Wenn das stimmt, müssen wir uns mit der Widerlegung von Stephen Hawkings astrophysikalischen Theorien nicht länger beschäftigen. Fragen wir stattdessen besser Michael Phelps oder Usain Bolt, wo die „Schwarzen Löcher“ im Kosmos herkommen. Oder gleich den Delfin oder Leoparden? Die hehre Idee des Barons de Coubertin in allen Ehren, aber war sie deshalb so erfolgreich, weil sie zu Frieden und Verständigung unter den Völkern beigetragen hat, wie er es sich vor über hundert Jahren erträumte? Oder gründet ihr dauerhafter Bestand nicht vielmehr auf einer infantilen Sehnsucht unserer Art, dem Rest der Schöpfung auch ohne trickreiche Waffen und Werkzeuge die Stirn zu bieten?

Do Ping ist nicht der Name des chinesischen Ministers für volksrepublikanische Körperentwicklung, sondern eine Falschschreibung des Wortes, das für die vorläufig letzte Beschleunigung jenes olympischen Karussells sorgt, das ohne Rekordergebnisse zum rasenden Stillstand käme. Dabei unterscheidet sich doch die Verabreichung von EPO oder Anabolika nur graduell von den klassischen Methoden körperlicher Leistungssteigerung: der gezielten Selektion, den hochgradig spezialisierten Trainingsmethoden, der technizistischen Evolution von Schwimmtrikots, Sprintschuhen und Glasfiberstäben. Die verschämte Zurückweisung neuer Möglichkeiten der Perfektionierung menschlicher Körper ist kaum mehr als ein lästiges Bremsmittel auf dem Weg zu seiner zukünftigen Vermarktung.

Und überhaupt: Was werfen sich denn die gastgebenden Chinesen mit ihren 51 Goldmedaillen so in die Brust? Das ist doch nichts im Vergleich zu den 87 Goldmedaillen, die die 27 Staaten der Europäischen Union diesmal abräumten. (Bloß Luxemburg, Malta und Zypern gingen ganz leer aus.) Und erst recht darf man als Europäer mit stolzgeschwellter Brust aus dem „Vogelnest“ von Herzog & de Meuron schreiten, wenn man die Bevölkerungszahlen der olympischen Siegermächte gegeneinander hält. Auf eine Million Europäer kamen 0,57 Medaillen, auf die gleiche Zahl US-Amerikaner 0,36 – und die Chinesen brachten es gerade mal auf lächerliche 0,07. Wer triumphiert denn hier?