Archiv für Juli 2008

Lichtblicke (I)

Montag, 07. Juli 2008

simenon

Einerseits ist die Erfindung des Weblogs ja ein Segen für die Menschheit. Endlich ist das Grundrecht eines jeden Bürgers in jedem demokratisch verfassten Staat Wirklichkeit geworden, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.

Andererseits ist diese Errungenschaft des frühen 21. Jahrhunderts aber auch ein Fluch, indem sich nämlich leider zeigt, dass die wenigsten der vielen Bürger, die sich dieses neuen Sprachrohrs bedienen, mit ihm umzugehen verstehen; weil 99 von hundert Bloggern nicht schreiben können; weil das, was sie der Welt zu sagen haben und was in seiner Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit, wenn sie denn schreiben könnten, vielleicht lesenswert wäre, aber leider in der Form, in der sie es dieser Welt nahe zu bringen suchen, völlig unlesbar ist: ein Ärgernis.

Und damit nicht genug. Die Schlampigkeit der Weblog-Sprache scheint wie eine Seuche auch auf die Internet-Texte der arrivierten Printmedien überzugreifen. Was zum Beispiel die Autoren des Spiegel, der einmal für sich beanspruchte, ein Leitmedium zu sein, Tag für Tag in der Online-Version dieses Wochenmagazins an Fehlern produzieren, geht auf keine Kuhhaut. Dabei rede ich noch nicht einmal von Feinheiten des Stils, von inhaltlicher Stringenz oder gar von journalistischer Kunstfertigkeit. Was ich beklagen muss, sind eklatante Defizite bei der Beherrschung von Orthografie, Interpunktion, Syntax und Grammatik. Und schlimmer noch: Dieser allgemeine Verfallsprozess scheint unaufhaltbar zu sein, denn jeder unerkannte Schreibfehler verfestigt sich im Leser zu einer vermeintlichen Richtigschreibung, bis es bald keine verbindliche Rechtschreibung der deutschen Sprache mehr gibt, sondern nur noch ein einziges sprachliches Chaos, ein Kauderwelsch sekundärer Analphabeten.

Eben las ich bei Zeit online Franz Schuhs Kritik eines neu übersetzten Romans von Georges Simenon, Tante Jeanne. Der Rezensent zitiert aus dieser Übersetzung (von Inge Giese) den Satz: Sie war sich zu dick und „musste all dieses weiche Fleisch mit sich herumschleppen, das sie anekelte und nicht als ihr eigenes empfand.“ Schlimm genug, dass dem Lektorat eines Verlages, der sein Renommee hauptsächlich seiner Sorgfalt bei der Neuübersetzung von Klassikern der Kriminalliteratur verdankt, ein solcher Lapsus unterläuft – nun muss ihn auch noch ein sonst so wacher Kritiker wie Schuh unbesehen reproduzieren! – So dachte ich und fühlte mich wieder einmal sehr allein mit meiner Pingeligkeit.

Doch dann sah ich, dass zu diesem Artikel ein Leser-Kommentar (von einem gewissen „elmore“ alias jst) eingegangen war. Und der lautete so: „Lieber Franz Schuh, ich kenne Sie als sprachbewussten Kritiker und Autor. Diogenes lässt viele Bücher neu übersetzen und wird dafür oft gelobt, meist zu Unrecht. Hammett und Chandler etwa sind jetzt durch die Bank schlechter als früher – was soll man auch von Übersetzern wie Karasek oder Rowohlt erwarten? Bei einem der von Ihnen zitierten Sätze aus der neuen Tante Jeanne hätten Sie eigentlich stutzen sollen: ‚Sie war sich zu dick und »musste all dieses weiche Fleisch mit sich herumschleppen, das sie anekelte und nicht als ihr eigenes empfand«.‘ Fällt Ihnen (oder sonst einem Leser dieses Kommentars) an diesem Relativsatz nichts auf? So wenig, wie der Übersetzerin oder einer Lektorin des Diogenes Verlags? – Fragt, mit freundlichem Gruß, Ihr jst“ – Wenn das kein Lichtblick ist!

[Dieser Beitrag ist meiner Lektorin Michaela Coerdt gewidmet. – Fortsetzung: Lichtblicke (II).]

Heßling (II)

Sonntag, 06. Juli 2008

inesschmied

Heinrich Manns neben Professor Unrat vielleicht bekanntester Roman Der Untertan (1918) ist der erste Band einer Trilogie: Das Kaiserreich. Die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II. Der unsympathische Protagonist dieses und des Folgebandes, Die Armen (1917), heißt Diederich Heßling. Im dritten Teil, Der Kopf (1925), taucht er dann nicht mehr auf.

Verständlicherweise habe ich mich schon früh für den Romanzyklus und diesen wenig ruhmreichen Namensvetter interessiert. Im Laufe der Jahre erwarb ich alle drei Bücher in halbwegs gut erhaltenen Erstausgaben und ließ sie von einer Künstlerin dieses Handwerks nach meinen Vorstellungen neu binden: den Untertan – „Roman des Bürgertums“ – in Schweinsleder, die Armen – „Roman des Proletariats“ – in grobes Leinen und den Kopf – „Roman der [geistigen] Führer“ – in Seide. Den letzten Band, der nicht wie die ersten bei Kurt Wolff in Leipzig, sondern im Paul Zsolnay Verlag (Berlin · Wien · Leipzig) erschienen ist und ein etwas größeres Format hat, ließ ich entsprechend zurechtstutzen. Die Einbandillustration der Armen von Käthe Kollwitz löste die Buchbinderin vom Deckel ab und klebte sie als Frontispiz gegenüber der Titelseite bei. (Abbildungen der bibliophilen Schmuckstücke siehe hier.)

Ob Heinrich Mann den Namen Heßling selbst ersonnen hat oder ob er ihm im Frühstadium der Niederschrift von seiner argentinischen Geliebten, Verlobten und Muse Inés „Nana“ Schmied (siehe Titelbild) eingegeben wurde, das lässt sich vermutlich nicht mehr klären. Am 3. September 1906 schreibt sie an den Autor: „Der Name Unterthan für Dein Buch gefällt mir sehr, aber nenne bitte Diderich [!] Heßling nicht Demmling. Demmling klingt gesucht, man muß an dumm denken, aber Heßling klingt, finde ich, so philisterhaft gehässig, muffig. Ich freue mich auf Deinen Roman!!“ (Zit. nach Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Hrsg. v. Sigrid Anger. Berlin u. Weimar: Aufbau-Verlag, 1977, S. 125.)

Was für eine Kanaille dieser Diederich Heßling ist, hat Heinrich Mann in seinem zuerst 1911 in der Zeitschrift Pan veröffentlichten Essay Reichstag deutlich gemacht: „Die Geschlechter müssen vorübergehen, der Typus, den ihr darstellt, muß sich abnutzen: dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers.“ (Zit. nach Heinrich Mann: Macht und Mensch. München u. Leipzig: Kurt Wolff Verlag, 1919, S. 21 f.)

Wenn man mit einem solchen Familiennamen geschlagen ist, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als sein Leben als Gegenentwurf zu diesem larvenhaften Unmenschen zu planen. Bisher ist mir dies, soweit ich es überblicken kann, ganz gut geglückt. Und erst recht in der Zukunft, soweit ich sie überschauen kann, werde ich wohl eher auf der Seite der Armen stehen als auf der der Untertanen.

Geschützt: Ceroplastik

Samstag, 05. Juli 2008

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Heßling (I)

Samstag, 05. Juli 2008

kaiserreich

Aussuchen kann man sich seine Namen bekanntlich nicht, weder den Familien- noch den Vornamen. Was Letzteren betrifft, haben immerhin die Eltern in den Grenzen des Namensrechts Wahlfreiheit. Dem vom Schicksal und seinen Erzeugern Benannten steht es aber frei, seinen Namen „anzunehmen“ – oder unter ihm zu leiden. Ist das der Fall, dann kann er bei der zuständigen Behörde eine Namensänderung „aus wichtigen Gründen“ beantragen. Was im Sinne des Gesetzes als „wichtig“ anerkannt ist, wird in der „Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zum Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“ (NamÄndVwV) geregelt.

Mein Familienname könnte gleich aus drei guten Gründen einen solchen Änderungswunsch rechtfertigen. Unter Nr. 35 der Verwaltungsvorschrift heißt es nämlich: „Familiennamen, die anstößig oder lächerlich klingen oder Anlass zu frivolen unangemessenen Wortspielen geben können, rechtfertigen regelmäßig Namensänderung. Bei der Prüfung der Anstößigkeit oder Lächerlichkeit des Familiennamens ist der sachliche Maßstab allgemeiner Erfahrungen anzulegen.“ Nun wurde schon in Knabenjahren mein Familienname von manchem Mitschüler zum nahe liegenden „Hässlich“ verballhornt und bescherte mir so eine „allgemeine Erfahrung“, ein Wortspiel, das manch anderem Träger dieses Namens Ungemach bereitet hätte.

Weiter heißt es in der zitierten Nr. 35: „Besondere Gründe, die etwa in der Person, dem Beruf oder der Umgebung des Antragstellers liegen, sind zu berücksichtigen.“ Da ich neuerdings meinen Beruf und meine Berufung als kritischer Beobachter der Literatur suche und mich somit notgedrungen von Kennern dieser Materie umgeben sehe, verleitet mein Familienname Kontrahenten, so ihnen denn keine besseren Argumente gegen meine streitbaren Ausführungen mehr einfallen, zu dem ebenfalls nahe liegenden Hinweis auf eine bekannte Romanfigur der deutschen Literaurgeschichte: auf Diederich Heßling in Heinrich Manns Der Untertan, den literarischen Inbegriff des deutschen Spießers.

Und drittens schließlich könnte ich noch Nr. 38 der NamÄndVwV anführen: „Bei Familiennamen mit »ss« oder »ß« sowie bei Familiennamen mit Umlauten ergeben sich häufig Schwierigkeiten durch abweichende Schreibweisen ein und desselben Namens. Können diese Schwierigkeiten nicht nach den Vorschriften des Personenstandsrechts in einer für den Namensträger befriedigenden Form beseitigt werden, so ist eine Namensänderung im Allgemeinen gerechtfertigt. Entsprechendes gilt, wenn der Namensträger durch die Schreibweise seines Familiennamens mit »ß« oder mit einem Umlaut im Ausland nicht nur unwesentlich behindert ist.“

So weit die Rechtslage. Indes liegt mir nichts ferner, allenfalls vielleicht noch eine Schönheitsoperation oder das Tragen eines Toupets, als eine Änderung meines Namens zu beantragen. Ich liebe meinen Namen, ich identifiziere mich mit ihm, er benennt mich passend wie kein anderer in seiner Widersprüchlichkeit und seinen vielfältigen Konnotationen, in den Geschichten, die sich um ihn ranken, in den Rätseln, die er mir aufgegeben hat, und in den vorläufigen Lösungen, die ich für diese Rätsel gefunden habe. (Wird fortgesetzt.)

Wälzer (I)

Freitag, 04. Juli 2008

walzer

Seit ein paar Monaten habe ich die „Meister der kleinen Form“ für mich entdeckt. Besser spät als nie – es war so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Nun steht mir ein genussvoller Lesesommer bevor, mit Alfred Polgar, Franz Hessel, Victor Auburtin, Anton Kuh, Richard A. Bermann und Hans Siemsen.

Früher faszinierten mich besonders dickleibige Romane, schwergewichtige Wälzer. Deren großer Nachteil ist freilich, dass sie furchtbar viel Lese- und damit Lebenszeit für sich beanspruchen. Um Arno Schmidts Zettels Traum zu bewältigen, muss man schon einen ganzen langen Sommer opfern. Und als Bettlektüre eignet sich das über acht Kilo schwere Buch leider auch nicht. Außerdem erschien mir irgendwann der sportliche Ehrgeiz, solche literarischen Zentralmassive erklimmen zu müssen, besser geeignet für ein beschauliches Rentenalter. So habe ich Marcel Prousts À la recherche du temps perdu, Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und Gertrude Steins The Making of Americans bislang nur angelesen und dann umgehend „für später“ zurück ins Regal gestellt.

Beneidenswert schienen mir immer jene Berufsleser, deren Lebensumstände es zulassen, ihren Tag keinem anderen Vergnügen als dem Wörterfressen zu widmen. Ich stellte mir Rolf Vollmann als den Glücklichsten der Glücklichen vor, der in seinem zweibändigen „Roman-Verführer“ Die wunderbaren Falschmünzer seine Leseerfahrungen aus aberhunderten teils überaus umfänglichen Prosawerken der Weltliteratur zusammengefasst hat. Der Tübinger Literaturkritiker gibt zur Orientierung für den Leser im Register zu jedem Roman dessen Wortmenge an, die meisten liegen zwischen 50.000 und 250.000 Wörtern, einige wenige Spitzenreiter bringen es auf über 400.000. Diese Zahl vermittelt naturgemäß nur einen ungefähren Eindruck von der Zeit, die man für die Lektüre ansetzen muss. Denn erstens ist das Lesetempo von Leser zu Leser unterschiedlich; und zweitens lesen sich manche Romane „flüssiger“ und damit schneller als andere.

Ganz will ich mich ja in diesem Jahr auch nicht auf die „Kleinmeister“ beschränken, zumal man ihre hochkonzentrierten „Stückle“ (Peter Altenberg, auch einer von ihnen) nicht hintereinander wegsaufen sollte, denn dann wird einem bald schwindelig und man kommt ins Torkeln, zwischen den Zeilen. Der Zufall will es, dass der Bücherfrühling zwei voluminöse Romane auf meinen Tisch geschmettert hat, die mich aus sehr unterschiedlichen Gründen interessieren: Thomas Pynchons Gegen den Tag und Jonathan Littells Die Wohlgesinnten. Gemäß Vollmanns Wortzählung bringt es Pynchon auf 440.000 und Littell auf 420.000 Wörter.

Ich habe probehalber mal ein paar Seiten in beiden Romanen gelesen und ermittelt, dass ich durchschnittlich pro Seite zwei Minuten Lesezeit veranschlagen muss. Wenn ich täglich zwei Stunden in diese beiden Romane investiere, müsste ich Ende August mit ihnen „durch“ sein. Und was sind schon zwei Stunden für einen Exzentriker wie mich, der im Unterschied zur Normausfertigung seines deutschen Zeitgenossen keine einzige Minute, und erst recht nicht dessen durchschnittliche drei Stunden täglich vor der Glotze verschwendet? Da bleibt mir ja noch eine weitere Stunde, in der ich mir das eine oder andere Schnäpschen aus der Destille der „Meister der kleinen Form“ genehmigen kann. – Ach, ist das herrlich! Wie freue ich mich auf diesen Lesesommer.

[Fortsetzung: Wälzer (II).]

Geschützt: Gentilino

Mittwoch, 02. Juli 2008

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Der Unverschollene

Mittwoch, 02. Juli 2008

verbindungen

Ich würde ja gern über K. schreiben. Übermorgen wird er hundertfünfundzwanzig, zur Freude der Verleger, zur Erleichterung der schlechten und zum Verdruss der guten Kritiker und Rezensenten. Erstere sind froh, dass sie ein paar Spalten füllen können mit Gemeinplätzen, zu K. fällt ja jedem etwas ein, und nur den K.-Lesern fällt auf, dass es immer die gleichen Gemeinplätze sind, und K.-Leser gibt es zum Glück der schlechten Kritiker und Rezensenten, von denen es viele gibt, nur sehr wenige; dafür aber sehr viele K.-Kenner, die nämlich von K. nur die gebetsmühlenhaft wiederholten Gemeinplätze kennen und immer wieder wissend mit ihren hohlen Häuptern nicken, wenn sie sich derart als K.-Kenner bestätigt finden.

Als ich fünfzehn Jahre alt war, fiel mir zufällig mein erster K. in die Hände. Pro Woche bekam ich drei Mark Taschengeld, und da ich ein jugendlicher Asket war, keine Freundin hatte, nicht rauchte und nicht in Kneipen ging und wenig Sinn darin sah zu sparen, weil ich nicht beabsichtigte, noch lange zu leben, kaufte ich mir von meinem Taschengeld wöchentlich ein Taschenbuch, denn die schmalen Bände kosteten damals zwei Mark und achtzig Pfennige. Die restlichen zwanzig Pfennige warf ich einem Bettler in den Hut, der dann immer murmelte, ohne den Blick zu heben: „Vergelt ’s Gott.“ Mein Taschengeld erhielt ich montags, ich dosierte die Lektüre so, dass ich jedes Buch pünktlich am darauffolgenden Sonntagabend ausgelesen hatte.

Meine Auswahl traf ich nach den Prospekten der Taschenbuchverlage, meine Anregungen entnahm ich dem Radio. Nebenher hörte ich Hörspiele, die gelegentlich von kundigen Kommentaren gesäumt waren. Ich bin einigermaßen sicher, dass mich ein solcher Kommentar nach Günter Eichs Hörspiel Träume dazu verführte, an einem Montag im Mai des Jahres 1972 K.s Amerika zu kaufen. Seit Carlo Collodis Pinocchio, den ich mit sieben Jahren las, hatte mich kein Buch annähernd stark ergriffen. Ich werde es jetzt nicht überprüfen, ich bin auch so sicher, dass ich schon damals nicht der Erste war, dem die Ähnlichkeit auffiel zwischen diesen beiden Büchern: Pinocchio und Der Verschollene, wie Amerika heute heißt. Was K. angeht, kann man mit keiner auch noch so geringfügigen, nebensächlichen Erkenntnis mehr der Erste sein. Ja, man kann auf diesem ausgelaugten Felde noch nicht einmal mit einem Irrtum der Erste sein. Hier wächst und gedeiht nichts mehr.

Und darum bereitet den guten Kritikern und Rezensenten K.s hundertfünfundzwanzigster Geburtstag so großen Verdruss. Sie wissen nämlich, dass es unterm Licht dieser schwarzen Sonne nichts Neues mehr gibt, für alle Zeit. Sie befinden sich in der gleichen Verlegenheit wie die geladenen Gratulanten vor der Geburtstagsfeier eines Nabob: Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Der naheliegende Ausweg, dass man ihm vielleicht neue, zumal junge Leser zuführen könnte, unter Verzicht auf die ohnehin hoffnungslose Bemühung, etwas Neues zu K. zu sagen, erweist sich bei näherer Betrachtung leider auch als unbegehbar, aber weniger, weil dies kaum glückte, sondern deshalb, weil es ein Misserfolg wäre, wenn es wider Erwarten in diesem oder jenem Falle doch gelänge. Es würde den jungen Leuten ja nur schaden auf ihrem weiteren Lebensweg.

So gern ich über K. schreiben würde, fällt mir vorläufig zu ihm nicht mehr ein als einem anderen K., der schrieb, dass ihm zu H. nichts mehr einfiele. Aber noch bleiben mir ja zwei Tage Bedenkzeit, eine letzte Gnadenfrist. Und ansonsten spende ich immerhin diese zwei Groschen für ein „Vergelt ’s Gott!“