Archiv für Juli 2008

Skrivekugle

Mittwoch, 23. Juli 2008

skrivekugle

Vor einigen Jahren erfuhr ein beruflicher Vielschreiber in der Schweiz zufällig, dass sein Tagewerk durch eine völlig neue technische Erfindung erheblich vereinfacht werden könnte. Da seine Sehkraft durch das viele Lesen sehr gelitten hatte und das Schreiben mit dem modernen Hilfsmittel nach einer Woche Übung, wollte man der Reklame glauben, der Tätigkeit der Augen gar nicht mehr bedürfe, trat er mit dem Erfinder, einem Herrn Malling-Hansen in Kopenhagen, in Korrespondenz und bestellte wenig später den Skrivekugle genannten Apparat.

Der experimentierfreudige Mann hieß Friedrich Nietzsche, man schrieb das Jahr 1882. Sein anfänglicher Optimismus wurde allerdings bald gedämpft. Die Maschine traf in beschädigtem Zustand ein, blieb auch nach der langwierigen Reparatur durch einen örtlichen Mechaniker überaus labil, von einer bequemen Handhabung konnte nicht die Rede sein. Zwar gelang es Nietzsche, seine Minutenanschlagszahl von anfänglich 15 mit der Zeit auf rund 100 zu steigern, aber das blinde Finden der Buchstaben bereitete ihm bis zuletzt einige Mühe, die das Schreibtempo verlangsamte. Nachdem die Skrivekugle, „delicat wie ein kleiner Hund“, immer wieder „viel Noth“ gemacht und schließlich einen nicht mehr behebbaren „Knacks weg“ hatte, kapitulierte er vor der Tücke des Objekts und kehrte reumütig zu Soennecken’s Kurrentschriftfeder Nr. 5 zurück.

Die Episode ist deshalb heute noch von Interesse, weil sie den Philosophen ganz nebenbei zu einer Einsicht brachte, die für technische Innovationen an Hilfsmitteln und Werkzeugen des Schreibens und Lesens ganz allgemein auch heute noch zutrifft. Als sein Freund Heinrich Köselitz von der Anschaffung der Skrivekugle erfuhr, schrieb er an Nietzsche: „Nun möchte ich gern sehen, wie mit dem Schreibapparat manipulirt wird; ich denke mir, daß es viel Übung kostet, bis die Zeilen laufen. Vielleicht gewöhnen Sie sich mit diesem Instrument gar eine neue Ausdrucksweise an – mir wenigstens könnte es so ergehen; ich leugne nicht, daß meine ,Gedanken‘ in der Musik und Sprache oft von der Qualität der Feder und des Papiers abhängen.“ – Darauf antwortet Nietzsche: „Sie haben Recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken. Wann werde ich es ueber meine Finger bringen, einen langen Satz zu druecken!“ (Zit. nach Friedrich Nietzsche. Chronik in Bildern und Texten. Carl Hanser Verlag: München · Wien, 2000, S. 505.)

Dieser Tage erschien ein brillantes Essay von Nicholas Carr, das die Auswirkungen des Internets auf unser Lesen und Schreiben und damit schließlich auch auf unser Denken zum Thema hat. (Is Google Making Us Stupid?; in: The Atlantic Monthly, Vol. 301, No. 6, July/August 2008). Carrs kritische Einwände, gut fundiert durch aktuelle medizinisch-psychologische Studien, haben der Internet-Community reichlich Diskussionsstoff geliefert. Alex Rühle beschließt seinen Artikel in der heutigen SZ über Carrs Essay mit dem Satz: „Interessant wäre es nun noch, gemeinsam durch einige Blogs zu flanieren, die sich an Carrs These abarbeiten, wir stünden an einem evolutionsgeschichtlichen Wendepunkt, da das tiefe, entspannte Denken, das Lesen eines langen Textes, dieses richtige Lesen, bei dem man das Buch über Tage mit sich herumträgt, ins Cafe, an den Fluss, ins Bett, und mit den Figuren zu leben beginnt, dass uns all das bald schon gar nicht mehr möglich sein werde […].“ Genau dies habe ich in den nächsten Wochen oder auch Monaten im Unterschied zu Rühle vor, der sich entschuldigt: „[…] aber zum einen habe ich seit 20 Minuten keinen Youtube-Clip mehr angeschaut und Sie müssen ja sicher auch längst weiter.“ (Abgelenkt von der Ablenkung; in: Süddeutsche Zeitung Nr. 170 v. 23. Juli 2008, S. 11.)

Nein, nein! Keineswegs! Ich bin nicht in Eile.

Interview mit a. p.

Dienstag, 22. Juli 2008

musil

Ihm sei „so zu Unmute“, dass er „in den Spiegel spucken“ möchte. So beschrieb Alfred Polgar seine Gemütsverfassung, nachdem er von Robert Musil ungefragt interviewt worden war. (Alfred Polgar: Was so ein Interviewer alles anstellt; in: Die literarische Welt, II. Jahrgang, Heft 11, 1926, S. 7; hier u. im Folgenden zit. nach Irrlicht. Kleine Schriften, Bd. 3. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004, S. 367-369.)

Musil hatte zuvor, ebenfalls in der noch jungen Literarischen Welt des gleichfalls noch jungen Willy Haas, ein blitzgescheites Essay über den ihm so nahen und zugleich so fernen Caféhausliteraten veröffentlicht, sein Interview mit Alfred Polgar, das vieles in einem ist: Konfrontation, Schmeichelei, Infragestellung und Verbeugung vor einem mindestens gleichrangigen, aber doch so anders gearteten literarischen Phänomen – und zudem eine der klügsten Äußerungen dieser Zeit über die (wieder mal) noch so junge journalistische Gattung Interview.

Die beiden Texte sind, wenn man sie zusammen sieht, ein Glücksfall sowohl für die Musil- wie für die Polgarrezeption. Hier schlagen zwei grundkonträre Eggheads der Goldenen Zwanziger aneinander und der Ton, der dabei herauskommt, klingt lange nach, wenngleich – oder vielmehr gerade weil – er sich im Pianissimo entfaltet: allergediegenstes Edelmetall eben. Nicht umsonst hat Ulrich Weinzierl dieser Begegnung in seiner Polgar-Biographie ganze zwei Seiten eingeräumt.

Robert Musil beschreibt seine erste Begegnung mit Polgar, „auf einer Straße mit Bäumen, mitten in Wien“, durch eine Dame auf offener Straße vermittelt: „Ich konnte im Dunkel nicht mehr von ihm ausnehmen als eine schlanke Gestalt, die als jung auf mich wirkte, obgleich ich wußte, daß ich selbst um etliche Jahre jünger war […] und ich weiß auch durchaus nicht, wie er fortging, denn miteinemmal fehlte er ebenso rasch, wie er gekommen war.“ So Musil. Und der Satz, der sich daran anschließt, hat geradezu Ewigkeitswert: „So ist es bis heute geblieben.“

Alfred Polgar fühlte sich nach eigenem Bekenntnis, wenn man seiner kurzen Replik auf dieses „Interview“, das niemals geführt wurde, glauben darf, anschließend „wie auseinandergenommen und nicht mehr zusammenzusetzen, aufgetan, abgetan.“ Und zuvor schreibt er: „Der seelische Zustand, in den ein solches Interview versetzt, ist analog dem körperlichen, der sich einstellt, wenn man künstlich zum Erbrechen gereizt wird.“ Für den Gereizten mag dies ja überaus unangenehm sein. Uns Zuschauern des Vorgangs beschert er aber, wie auch schon das vorhergehende Kitzeln mit bunter Feder in der Kehle des Opfers, ein überaus reizvolles, nuancenreiches Farbenspiel.

Ivn istn, eivn istn!

Montag, 21. Juli 2008

polgar

Jetzt muss ich mich um 180 Grad drehen, oder vom Äußersten ins Innerste wenden, indem ich vom Größten aufs Kleinste umsattle. Gerade mal zehn Tage bleiben mir noch zur Vorbereitung meiner CIII. Literarischen Soiree. Für solche Rezitationsabende eignen sich nach langjähriger Erfahrung Romane nur mäßig, schon gar nicht solche Wälzer wie Pynchons Gegen den Tag. Mit zweien habe ich ’s mal versucht, Nabokovs König Dame Bube und Die Besessenen von Gombrowicz in Fortsetzungen gelesen und dann beschlossen: Nie wieder! Es gelingt ja nicht, zwei bis drei Dutzend Zuhörer über einen Zeitraum von einem halben Jahr jeweils zum Monatsersten vollständig zu versammeln. Ein paar fehlen immer, die Konkurrenz des Fernsehprogramms ist übermächtig. Dann hat man als Veranstalter die leidige Pflicht, das Verpasste in Kurzfassung nachzutragen. Kurzum: Romane sollen die Leute gefälligst selbst lesen.

Geradezu ideal geeignet zum Vortrag auf einer solchen Literarischen Soiree ist die „Kleine Form“, wie sie Anfang des vorigen Jahrhunderts für den freien Raum unterm Strich in den Zeitungsfeuilletons ersonnen und von Männern wie Kurt Tucholsky, Franz Hessel, Victor Auburtin, Anton Kuh und – ja: auch Hans Siemsen kultiviert wurde. Der unbestritten größte Meister dieser „Kleinen Form“ heißt Alfred Polgar. Ihm werde ich am 1. August vor einem hoffentlich aufmerksamen und empfänglichen Publikum huldigen.

Der Wälzerschreiber aus dem näheren, oder, je nach Sichtweise, ferneren Umkreis der Genannten, Robert Musil, der mich mit seinem viel gerühmten und wenig gelesenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften schon wiederholt zu optimistischen Lektüreanläufen provoziert hat, von denen der weiteste Sprung bis zur Seite 429, bis zum 92. Kapitel gelang; jener Zeit raubende Musil also, der ein ganz gegensätzliches Ziel verfolgte, bemäkelte an der Kurzprosa allgemein, dass es ihr leicht falle, „bedeutend zu tun, so ungefähr auf einem schmalen Raum, der nicht zu viel Prüfung gestattet.“ (Robert Musil: Nachlaß, Mappe IV, 3 Sig, 15087 Series Nova, S. 20 f.; hier zit. nach Ulrich Weinzierl: Alfred Polgar. Eine Biographie. Wien · München: Löcker Verlag, 1985, S. 137.) Und speziell zum konkurrierenden „Meister der Kleinen Form“ stellt er in seinem Tagebuch folgende Frage: „Aber solche Skizzenbücher ermüden; siehe Polgar. Warum ermüden sie mehr als Romane?“ (Robert Musil: Tagebücher. Hrsg v. Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, S. 896.)

Ich kann mir nicht helfen, aber beim Lesen solcher ermüdeten und müden Mäkeleien drängt sich mir ein Verdacht auf: Da neidet der verkannte Fleißarbeiter Musil seinem Mitbewerber um den Königsthron der Prosaschriftstellerei, mit einem Geringen von Schreib- und Lesezeit einen mindestens gleich großen Effekt zu erzielen. Polgar als Schöpfer einer zukunftsweisenden literarischen Gattung benötigt hierzu nur einen Bruchteil von dem Papier, das der späte Romancier Musil für sein magnum opus durch die Druckmaschinen laufen lässt. Und dann kommt Musil nicht einmal zu Rande mit seinem maßlosen Großvorhaben. Der Mann ohne Eigenschaften blieb bekanntlich Fragment. Alfred Polgars tausend Werklein hingegen sind allesamt eines im doppelten Sinn: vollendet.

Um aber immerhin auch Musil nicht Unrecht zu tun, will ich zum Abschluss doch darauf hinweisen, dass von ihm eines der schönsten zeitgenössischen Essays über Polgar stammt, vorzüglich geeignet, wenngleich leicht gekürzt, zur Einleitung in meine geplante Soiree. Es heißt Interview mit Alfred Polgar und ist zuerst erschienen am 5. März 1926 in Die literarische Welt. Dieses Essay ist als Einstimmung auf den Meister selbst deshalb besonders tauglich, weil es den Bogen spannt von meiner letzten, der CII. Literarischen Soiree, indem es so beginnt: „Eines Tages sagte ich mir, das Interview ist die Kunstform unserer Zeit; denn das großkapitalistisch Schöne am Interview ist, daß der Interviewte die ganze geistige Arbeit hat und nichts dafür bekommt, während der Interviewer eigentlich nichts tut, aber dafür honoriert wird. – Außerdem ist es entzückend, daß man bei einem Interview einen Menschen in einer Weise ausfragen kann, die man sich selbst verbitten würde. […] Man muß ihn in Schrecken versetzen, einschüchtern; dann fragt man ihn im Namen der Kulturverpflichtung mit Erfolg um Dinge, die er niemals freiwillig preisgeben würde. – Das Schlimmste, was vorkommen mag, ist, daß er die Antwort verweigert.“ (Zit. nach Robert Musil: Gesammelte Werke II. Prosa und Stücke · Kleine Prosa, Aphorismen · Autobiographisches · Essays und Reden · Kritik. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1978, S. 1154 f.)

Kölnreise

Mittwoch, 16. Juli 2008

daphne

Sehr selten und immer seltener, kaum aus besonderem Anlass oder triftigem Grund, sondern aus einer aufflackernden Laune juveniler Abenteuerlust heraus, weil mir der Schalk im Nacken sitzt und ich mich zu seinem Gaul machen will, wo ich üblicherweise doch immer im bequemen Herrensattel meine Prinzipien reite, also in einer recht eigentlich masochistisch grundierten Stimmungslage bequeme ich mich zu dem Entschluss, eine Reise anzutreten.

Ist der Tag der Abreise dann plötzlich da wie heute, schimpfe ich mich einen Toren und alten Trottel, der sich diesen Tag verderben musste in einem lange schon zurückliegenden, im Rückblick unerklärlichen Moment der Schwäche. ,Worauf habe ich mich da bloß wieder eingelassen!‘ Der schwarzgallige Verdruss wird allein dadurch erträglich, dass dieser Tag ja zugleich der Tag der Rückkehr ist. Und der tatsächliche Aufbruch ist mir überhaupt nur möglich durch die Aussicht auf die erfreulich nahe Rückkehr. Ohne diese frohe Erwartung müsste ich im letzten Moment noch unweigerlich stornieren.

Wie es in Köln so war? Zauberhaft – auch dank meiner staunenden Begleitung.

Die Reise galt meinem alten Freund Kamillus: dem großen Bibliophilen. Sie galt seiner kleinen, aber in jeder Kleinigkeit so bedachtsam und geschmackvoll eingerichteten Wohnung in Kalk. Sie galt dem Schrägstand seiner Augenbrauen bei konzentriert gesuchten Formulierungen, die dann in solch bewundernswerter Präzision über seine Lippen kommen, der Rechtschaffenheit seines gründlich erwogenen Urteils – das ich freilich nicht immer teile – und dem im Alter noch immer so präsenten, so vielseitigen Wissen. Sie galt seiner Lebendigkeit, die gerade vor dem Hintergrund einer tiefen, allgemeinen Resignation erst ihre Strahlkaft gewinnt. Sie galt zuletzt auch, fast schäme ich mich, es zu bekennen, seiner erlesenen Bibliothek, von der umgeben zu sein mir stets aufs Neue ein fast körperlich spürbares Gefühl intensiver Lust bereitet.

Der geplante Höhepunkt der Reise war jener Augenblick, als ich Hans Siemsens Tigerschiff in eigenen Händen hielt, seine „Jungensgeschichten“ mit den zehn handsignierten Originalradierungen von Renée Sintenis, einer ihrer bekanntermaßen schönsten Arbeiten für den Buchdruck, erschienen 1923 im Querschnitt-Verlag in Frankfurt, im Impressum zusätzlich von Siemsen und Sintenis signiert, eins von nur 250 nummerierten Exemplaren, als 26. Flechtheim-Druck erschienen. Zauberhaft – aber vorbei. Ich bin wieder daheim.

Sturm

Dienstag, 15. Juli 2008

bastille

In der Mitte oder am äußersten Rand (oder gar noch jenseits von ihm); ganz oben an der Spitze der High Society oder tief unten im Abgrund, bei den Bettlern in der Gosse; drinnen in der warmen Stube oder draußen vor der Tür, in bitterer Kälte – diese Ortsangaben bezeichnen ganz konkret die soziale Stellung des einzelnen Menschen, seit Menschengedenken.

Die Gegebenheit solcher individuellen Unterschiede als Ungerechtigkeit zu empfinden, sie zu hinterfragen und notfalls mit Gewalt zu bekämpfen ist eine verhältnismäßig neue Entwicklung in der Geschichte der Menschheit. Zwar hat es Sklavenaufstände wohl immer schon gegeben, dass sich aber ihre Anführer nicht nur auf ihren Hunger, sondern auf den Weltgeist beriefen, ist gerade mal 219 Jahre her.

Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht galten bis zum 14. Juli 1789 wahlweise als natürlich oder gar gottgewollt. Dass die Nachkommen von Adam und Eva mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies für alle Zeiten verdammt seien, auf dem Bauch zu kriechen und Staub zu fressen, das hatten die Propagandisten der Nutznießer des christlichen Glaubens seit Jahrhunderten von der Kanzel gepredigt. Dass sie so lange Gehör und Glauben fanden, verdankten sie der existenziellen Angst ihrer Zuhörer vor dem Tod und der Reklame für ein besseres, zudem noch ewiges Jenseits.

Der Riss, der seit dem denkwürdigen Tag vor 219 Jahren durch das schöne Bild von der Gottgegebenheit der ungleichen Zustände hienieden geht, ist nie wieder geheilt. Dabei verdankt er seine symbolische Kraft einer ganz ähnlichen Mythologie, wie sie zuvor die Religionen für sich zu nutzen wussten. Auch der angebliche Ausspruch der Königin Marie Antoinette – „S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche.“ – der in seiner infamen Dummheit und feudalen Arroganz wirkte wie Öl, ins Feuer der hungernden Massen gegossen, diese ätzende Sentenz war nachweislich ein Mythos, ein klug ersonnener und auf Wirkung spekulierender Propagandatrick aus der Feder von Jean-Jacques Rousseau.

Der Sturm auf die Bastille, die Befreiung der Gefangenen aus einer grausamen Festung, in der sich die soziale Hierarchie der Gesellschaft noch einmal auf makabre Weise widerspiegelte, in der je nach Vermögenslage der Angehörigen „draußen“ die Unterbringung der Gefangenen von den privilegierten Zimmern unter den Zinnen bis in die höllischen Zellen im Keller eingerichtet wurde – dieser Sturm eines mit geladenen Waffen und heiligem Zorn versehenen Volkes war in seiner Symbolik ein historischer „point of no return“. Seither ist der messianische Gedanke ins Diesseits zurückgekehrt. So lange es noch Gefängnisse gibt, ist die Menschheit nicht frei.

Für den Tag?

Montag, 14. Juli 2008

wildwuchs.JPG

 

Einerseits sind Weblogs eine feine Sache. Sie ermöglichen elenden Skribenten wie mir, die bislang bloß für die muffige Schublade produzierten und mangels Massenkompatibilität ihres Geschreibsels auf dem traditionellen literarischen Markt kaum eine noch so kleine Leserschaft erreichen konnten, auf bequeme Weise mindestens potenziell, von weit über einer Milliarde Menschen weltweit gelesen zu werden.

Andererseits sind Weblogs „von ihrer Machart her“ fatal. Auch ein noch so großer Bildschirm zeigt dem User täglich nur den aktuellsten Beitrag des Diaristen, wohingegen der ständig wachsende, im besten Fall ebenso lesenswerte Rest wortwörtlich in der Versenkung verschwindet, nur nach emsigem Scrollen an die Oberfläche geholt werden kann und bald schon auf Nimmerwiedersehen im Archiv landet – und damit doch wieder in einer muffigen Schublade. Allein das Heute zählt, ganz ähnlich wie bei der Tagespresse, zu deren Dauerhaftigkeit es ja den bekannten Ausspruch gibt: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Und wer oder was will schon alt sein?

Mehr als 10.000 Tageszeitungen gibt es weltweit, davon rund 350 in Deutschland. Am Kiosk an der Ecke kann ich gerade mal sechs kaufen, von denen noch zwei aus dem gleichen Verlagshaus stammen. Daheim am PC kann ich hingegen unter 100 Millionen Weblogs wählen, von denen mehr als zwei Millionen in deutscher Sprache verfasst sind. (Damit wird aber auch klar, dass Deutschland, was die Bloggerei angeht, im internationalen Vergleich den Anschluss verpasst hat, wenn unser Anteil an der Weltpresse stolze 3,5 % beträgt, wohingegen kaum 2,0 % der weltweit ins Netz gestellten Weblogs von hier kommen.) Was sagen solche Zahlenspiele aus über die Zukunft der noch immer taufrischen, jungfräulichen Mitteilungsform? „Garnüscht“, wie der Blogger Kannitverstan aus Kreuzberg-Mitte mir nach einem kräftigen Rülpser versichert.

Ratgeber, wie man als Blogger Klickzahlen generiert, gibt es zuhauf. Wer sich auf das ungewisse Abenteuer namens Weblog einlässt, auf die alltägliche, weltöffentliche Schreiberei zum Tag und für niemand, ob in Kreuzberg-Mitte oder Essen-Huttrop, der sollte nicht auf Klickzahlen schielen, sondern mit festem Blick die Qualität seiner Elaborate im Auge haben.

Wenn es auch merkwürdig klingen mag: Gerade dieses scheinbar so „schnelllebige“ – früher habe ich ein solches Wort mal als Oknei aufgespießt – neue Medium wird sich, davon bin ich überzeugt, auf Dauer als ein „selbstselektierender Vorratsdatenspeicher“ erweisen, in dem sich die Spreu zentnerweise von den wenigen triebfähigen Weizenkörnern scheidet. Zum guten Schluss setzt sich nach aller Erfahrung stets beständige Qualität gegen schnell verderbliche Massenware durch.

Heute (I)

Dienstag, 08. Juli 2008

stromkasten

Heute ist der 190. Tag des Jahres und der 2.454.656 julianische Tag. Die beiden Zahlen geben an, wie viele Tage seit dem 1. Januar 2008 n. Chr. bzw. seit dem 1. Januar 4713 v. Chr. vergangen sind. Seit dem 1. Januar 1970 tickt zudem der Sekundenzeiger der Unix-Uhr und hat soeben um 10:08:20 Uhr die Zahl 1.215.504.500 erreicht. Nächstes Jahr steht übrigens die 1234567890 an, und zwar am Samstag, dem 14. Februar 2009, um 00:31:30 Uhr.  Und am 19. Januar 2038 um 3:14:08 Uhr könnte der PC, auf dem ich dies schreibe, Schwierigkeiten bekommen, denn eine Sekunde später ist die Unixzeit nicht mehr als 32-Bit-Binärzahl darstellbar. Pling!

Heute ist der 18.990ste Tag meines Lebens. Die abendländische Kalenderkonvention will es, dass ich am kommenden Freitag meinen 52. Geburtstag feiere. Auf den Tag genau eine Woche später wäre ein weitaus „runderes“ Geburstags-Jubiläum zu begehen, aber das Dezimalsystem hat sich aus astronomischen Gründen nur halbherzig bei unseren Zeitmaßen durchsetzen können. Auch an diesem hehren Ziel ist die Französischen Revolution gescheitert. Knirsch!

Heute ist die Sonne um 5:25 Uhr aufgegangen, um 13:37 Uhr erreicht sie ihren Zenit und um 21:48 Uhr geht sie unter. Von Wolken ungetrübt beschienen hat sie diesen Tag bisher aber nur für gerade einmal 20 Minuten. Die für den Tag angekündigte Lufttemperatur soll zwischen 11 °C und 18 °C liegen, aktuell beträgt sie 17,3 °C, die Luftfeuchtigkeit 67 % und der Luftdruck 1006,4 hPa. Der Wind kommt gegenwärtig mit einer Geschwindigkeit von 19,3 km/h (3 Beaufort) aus west-südwestlicher Richtung (exakt aus 248°). Von den für heute prognostizierten 2,6 l/m² Niederschlag sind bis jetzt (11:15 Uhr) genau 0,254 l/m² in Form von feinem Regen gefallen. Plitsch!

Heute meldet die Zeitung vom Tage wie alle Tage die Nachrichten von gestern. Die deutsche Delegation um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gerät beim G-8-Gipfel in Tōyako (Japan) wegen des hierzulande geplanten Ausstiegs aus der Nutzung der Kernenergie zunehmend in Bedrängnis. In Österreich scheitert nach nur anderthalb Jahren die große Koalition aus ÖVP und SPÖ unter Kanzler Alfred Gusenbauer. In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat ein Selbstmordattentäter beim bisher schwersten Anschlag seit dem Sturz der Taliban vor der indischen Botschaft 41 Menschen mit sich in den Tod gerissen. SPD-Chef Kurt Beck will nach eigenem Bekunden bei seinem Fahrrad-Urlaub an der Mosel keine Umfrageergebnisse lesen. Ray Manzarek, ehemals Keyboarder der Rockgruppe The Doors, hat das Gerücht in die Welt gesetzt, dass deren legendärer Bandleader Jim Morrison seinen Badewannentod vor 37 Jahren in der Rue Beautreillis 17 in Paris nur vorgetäuscht habe und in Wahrheit seither unerkannt auf den Seychellen lebe. Nintendo triumphiert mit Wii in der Gunst der Computerspielkids über Sonys Playstation und die Xbox 360 von Microsoft. Hollywoodstar Nicole Kidman (Eyes Wide Shut) hat eine 2,9 Kilo schwere Tochter zur Welt gebracht, die dem Vernehmen nach demnächst im australischen Sydney auf die Vornamen Sunday Rose nach katholischem Ritus getauft werden soll. Aus den 2,5 bis 3 Kilo Asche, die ein menschlicher Leichnam nach der Kremierung hinterlässt, fertigt das Schweizer Unternehmen Algordanza unter dem extremen Druck von 60.000 bar und bei Temperaturen von bis zu 2.500 °C zum Preis von 10.600 € einen Diamanten für die Ewigkeit. (Alle Tatsachen sind nachzulesen in der Süddeutschen Zeitung Nr. 157 v. 8. Juli 2008.) Raschel!

Heute werde ich eine Bestellung beim „Bärendienst Buchversand“ in München aufgeben, einen Blogbeitrag für Westropolis verfassen, Blumenkohl essen, meinen Steuerberater anrufen, um mit ihm einen Besuchstermin zu vereinbaren, die restlichen 2,346 l/m² Regen abwarten, um anschließend ein Foto von einem Damenbein auf einem Stromkasten für diesen Würfelwurf zu schießen, die restlichen 16 Aufsätze über Sonderlinge und Sonderfälle der Weltliteratur in Werner Morlangs Buch So schön beiseit (Zürich: Nagel & Kimche, 2001) lesen und mit der Lektüre von Thomas Pynchons zuletzt erschienenem Roman Against the Day beginnen (dt. Gegen den Tag. A. d. Am. v. Nikolaus Stingl u. Dirk van Gusteren. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2008). – Und zuletzt werde ich mich wie stets unzufrieden zu Bett begeben. Seufz!

[Fortsetzung: Heute (II).]