Lichtblicke (I)

simenon

Einerseits ist die Erfindung des Weblogs ja ein Segen für die Menschheit. Endlich ist das Grundrecht eines jeden Bürgers in jedem demokratisch verfassten Staat Wirklichkeit geworden, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.

Andererseits ist diese Errungenschaft des frühen 21. Jahrhunderts aber auch ein Fluch, indem sich nämlich leider zeigt, dass die wenigsten der vielen Bürger, die sich dieses neuen Sprachrohrs bedienen, mit ihm umzugehen verstehen; weil 99 von hundert Bloggern nicht schreiben können; weil das, was sie der Welt zu sagen haben und was in seiner Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit, wenn sie denn schreiben könnten, vielleicht lesenswert wäre, aber leider in der Form, in der sie es dieser Welt nahe zu bringen suchen, völlig unlesbar ist: ein Ärgernis.

Und damit nicht genug. Die Schlampigkeit der Weblog-Sprache scheint wie eine Seuche auch auf die Internet-Texte der arrivierten Printmedien überzugreifen. Was zum Beispiel die Autoren des Spiegel, der einmal für sich beanspruchte, ein Leitmedium zu sein, Tag für Tag in der Online-Version dieses Wochenmagazins an Fehlern produzieren, geht auf keine Kuhhaut. Dabei rede ich noch nicht einmal von Feinheiten des Stils, von inhaltlicher Stringenz oder gar von journalistischer Kunstfertigkeit. Was ich beklagen muss, sind eklatante Defizite bei der Beherrschung von Orthografie, Interpunktion, Syntax und Grammatik. Und schlimmer noch: Dieser allgemeine Verfallsprozess scheint unaufhaltbar zu sein, denn jeder unerkannte Schreibfehler verfestigt sich im Leser zu einer vermeintlichen Richtigschreibung, bis es bald keine verbindliche Rechtschreibung der deutschen Sprache mehr gibt, sondern nur noch ein einziges sprachliches Chaos, ein Kauderwelsch sekundärer Analphabeten.

Eben las ich bei Zeit online Franz Schuhs Kritik eines neu übersetzten Romans von Georges Simenon, Tante Jeanne. Der Rezensent zitiert aus dieser Übersetzung (von Inge Giese) den Satz: Sie war sich zu dick und „musste all dieses weiche Fleisch mit sich herumschleppen, das sie anekelte und nicht als ihr eigenes empfand.“ Schlimm genug, dass dem Lektorat eines Verlages, der sein Renommee hauptsächlich seiner Sorgfalt bei der Neuübersetzung von Klassikern der Kriminalliteratur verdankt, ein solcher Lapsus unterläuft – nun muss ihn auch noch ein sonst so wacher Kritiker wie Schuh unbesehen reproduzieren! – So dachte ich und fühlte mich wieder einmal sehr allein mit meiner Pingeligkeit.

Doch dann sah ich, dass zu diesem Artikel ein Leser-Kommentar (von einem gewissen „elmore“ alias jst) eingegangen war. Und der lautete so: „Lieber Franz Schuh, ich kenne Sie als sprachbewussten Kritiker und Autor. Diogenes lässt viele Bücher neu übersetzen und wird dafür oft gelobt, meist zu Unrecht. Hammett und Chandler etwa sind jetzt durch die Bank schlechter als früher – was soll man auch von Übersetzern wie Karasek oder Rowohlt erwarten? Bei einem der von Ihnen zitierten Sätze aus der neuen Tante Jeanne hätten Sie eigentlich stutzen sollen: ‚Sie war sich zu dick und »musste all dieses weiche Fleisch mit sich herumschleppen, das sie anekelte und nicht als ihr eigenes empfand«.‘ Fällt Ihnen (oder sonst einem Leser dieses Kommentars) an diesem Relativsatz nichts auf? So wenig, wie der Übersetzerin oder einer Lektorin des Diogenes Verlags? – Fragt, mit freundlichem Gruß, Ihr jst“ – Wenn das kein Lichtblick ist!

[Dieser Beitrag ist meiner Lektorin Michaela Coerdt gewidmet. – Fortsetzung: Lichtblicke (II).]

9 Responses to “Lichtblicke (I)”

  1. Matta Schimanski Says:

    Da wird sie sich aber freuen!

    Mehr später, jetzt keine Zeit, der Zug wartet nicht.

  2. Bernd Berke Says:

    Was ist das nur für ein Zug, der nicht auf Matta Schimanski wartet? Der soll sich was schämen.

  3. Günter Landsberger Says:

    Exakt! Ein wirklich höchstbedenklicher Zug des Zuges.

  4. Matta Schimanski Says:

    Es war der Zug nach Nirgendwo – und wenn man nirgendwo hin will, muss man sich sputen!

    Ich war allerdings – entgegen der Theorie des Dieter-Schinzel-Bruders – nicht allein als Passagierin, ihr würdet euch wundern, wie viele Leute nirgendwo hin wollen!

    Ziellos durch die Welt irren, ohne Sinn und Verstand ihr Leben verplempern, aufs Geratewohl dem Ende entgegen taumeln.

    Und sich oft von einem verfrühten Zug schachmatt setzen lassen.

  5. Revierflaneur Says:

    Ach, Matta! Und das unter “Lichtblicke”? Echt abgefahren!

  6. Matta Schimanski Says:

    Tja, das ist ja wohl der “Kasus Knacksus”( hihihi): Wer nicht weiß, wo er hin will, muss sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt. (Mark Twain) Und wann wusste ich schon jemals, wo ich hin wollte? – Im Zuge der Diskussion (?) des obigen Kasus Knacksus beinahe passend:

    http://www.duden.de/deutsche_sprache/newsletter/archiv.php?id=67

    Aaaaaaber: Wo kommen denn plötzlich diese ganzen Fast-Gedankenstriche her? Die hatte ich doch nicht…?
    Die Pingeltante und Korinthenkackerin par excellence

    Matta

  7. Revierflaneur Says:

    Liebe Pingeltante, die Fast-Gedankenstriche setze ich immer dann, wenn ich durch Absätze unnötig “gestreckte” Kommentare komprimiere. Dass dazu leider nur kurze Trennstriche zur Verfügung stehen, ist systembedingt. Mir liegt daran, die Threads so knapp wie möglich zu halten, damit der spätere Leser nicht endlos scrollen muss. Denn sei dessen gewiss: Die meisten werden in den kommenden Jahren ohnehin noch endlos lang, wenn die Welt mich erst entdeckt hat.

  8. Matta Schimanski Says:

    Ich mag sie aber nicht, die Fast-Gedankenstriche! Jedenfalls nicht alle.

    Wenn ich sie haben wollte, würde ich sie selber setzen.

    So ergeben sie ein unübersichtliches Schriftbild, vor allem dort, wo ich tatsächlich selbst Gedankenstriche bzw. Fast-Gedankenstriche setze (wie z. B. beim Einschub des Dieter-Schinzel-Bruders). Deren gewünschte Wirkung – nämlich: Einschub – geht verloren.

    Deshalb bitte ich dich darum, diese Änderungen nicht mehr vorzunehmen.

  9. Revierflaneur» Blogarchiv » Montag, 23. Februar 2009: Windschief Says:

    […] Franz Schuh stellt die unfreiwillige Komik des Ungeschickten in den schiefen Rahmen eines Lobs der Nutzlosigkeit: “In einem Film baut Buster Keaton ein Haus für sich und die frisch Angetraute. Die Komik beim Hausbauen mag daran erinnern, daß es nicht immer leicht ist, ein Heim zu errichten, in dem man – auf der Grundlage des einander gegebenen Ja-Wortes – bis auf weiteres geborgen west. Man macht einen Plan, und für den Zuschauer ist es lustig, wenn er auf spektakuläre Art nicht funktioniert – auch weil in Keatons Film ein Feind dazwischengefunkt hat. Der Feind trägt den schönen Namen: Rivale. Der Rivale hat die Bestandteile des Hauses umnumeriert – Keaton wird zum freien Architekten jenseits seiner eigenen Pläne. Er baut ein in alle Richtungen hin windschiefes Haus.” (Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2006, S. 85.) […]

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