Wälzer (I)

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Seit ein paar Monaten habe ich die „Meister der kleinen Form“ für mich entdeckt. Besser spät als nie – es war so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Nun steht mir ein genussvoller Lesesommer bevor, mit Alfred Polgar, Franz Hessel, Victor Auburtin, Anton Kuh, Richard A. Bermann und Hans Siemsen.

Früher faszinierten mich besonders dickleibige Romane, schwergewichtige Wälzer. Deren großer Nachteil ist freilich, dass sie furchtbar viel Lese- und damit Lebenszeit für sich beanspruchen. Um Arno Schmidts Zettels Traum zu bewältigen, muss man schon einen ganzen langen Sommer opfern. Und als Bettlektüre eignet sich das über acht Kilo schwere Buch leider auch nicht. Außerdem erschien mir irgendwann der sportliche Ehrgeiz, solche literarischen Zentralmassive erklimmen zu müssen, besser geeignet für ein beschauliches Rentenalter. So habe ich Marcel Prousts À la recherche du temps perdu, Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und Gertrude Steins The Making of Americans bislang nur angelesen und dann umgehend „für später“ zurück ins Regal gestellt.

Beneidenswert schienen mir immer jene Berufsleser, deren Lebensumstände es zulassen, ihren Tag keinem anderen Vergnügen als dem Wörterfressen zu widmen. Ich stellte mir Rolf Vollmann als den Glücklichsten der Glücklichen vor, der in seinem zweibändigen „Roman-Verführer“ Die wunderbaren Falschmünzer seine Leseerfahrungen aus aberhunderten teils überaus umfänglichen Prosawerken der Weltliteratur zusammengefasst hat. Der Tübinger Literaturkritiker gibt zur Orientierung für den Leser im Register zu jedem Roman dessen Wortmenge an, die meisten liegen zwischen 50.000 und 250.000 Wörtern, einige wenige Spitzenreiter bringen es auf über 400.000. Diese Zahl vermittelt naturgemäß nur einen ungefähren Eindruck von der Zeit, die man für die Lektüre ansetzen muss. Denn erstens ist das Lesetempo von Leser zu Leser unterschiedlich; und zweitens lesen sich manche Romane „flüssiger“ und damit schneller als andere.

Ganz will ich mich ja in diesem Jahr auch nicht auf die „Kleinmeister“ beschränken, zumal man ihre hochkonzentrierten „Stückle“ (Peter Altenberg, auch einer von ihnen) nicht hintereinander wegsaufen sollte, denn dann wird einem bald schwindelig und man kommt ins Torkeln, zwischen den Zeilen. Der Zufall will es, dass der Bücherfrühling zwei voluminöse Romane auf meinen Tisch geschmettert hat, die mich aus sehr unterschiedlichen Gründen interessieren: Thomas Pynchons Gegen den Tag und Jonathan Littells Die Wohlgesinnten. Gemäß Vollmanns Wortzählung bringt es Pynchon auf 440.000 und Littell auf 420.000 Wörter.

Ich habe probehalber mal ein paar Seiten in beiden Romanen gelesen und ermittelt, dass ich durchschnittlich pro Seite zwei Minuten Lesezeit veranschlagen muss. Wenn ich täglich zwei Stunden in diese beiden Romane investiere, müsste ich Ende August mit ihnen „durch“ sein. Und was sind schon zwei Stunden für einen Exzentriker wie mich, der im Unterschied zur Normausfertigung seines deutschen Zeitgenossen keine einzige Minute, und erst recht nicht dessen durchschnittliche drei Stunden täglich vor der Glotze verschwendet? Da bleibt mir ja noch eine weitere Stunde, in der ich mir das eine oder andere Schnäpschen aus der Destille der „Meister der kleinen Form“ genehmigen kann. – Ach, ist das herrlich! Wie freue ich mich auf diesen Lesesommer.

[Fortsetzung: Wälzer (II).]

2 Responses to “Wälzer (I)”

  1. Günter Landsberger Says:

    Interessant, dass ich genau diese beiden dicken Bücher mir unlängst ebenfalls zugelegt habe, den Littell vorsichtshalber zusätzlich auch im französischen Original (Taschenbuchausgabe).

  2. Revierflaneur » Blog Archiv » Mittwoch, 9. Juli 2008: Pynchon I Says:

    […] habe mich also, um nicht wie Buridans Esel zwischen zwei prallen Heuhaufen zu verhungern, für Thomas Pynchon entschieden und gestern die Spitze des rechten dicken Zehs in dieses […]

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