Archiv für Juli 2008

Polgar-Soiree

Donnerstag, 31. Juli 2008

cafecentral.jpg

 

Das Polgar-Programm steht. Ich habe aus den 424 Feuilletons der ersten drei Bände seiner Kleinen Schriften ganze 26 ausgewählt. Es war eine rechte Quälerei, immer wieder zu streichen und zu opfern. Und doch ist das ja immer noch zu viel, denn wollte ich übermorgen alle Texte lesen, käme wieder ein Drei-Stunden-Programm dabei heraus. So überlasse ich die Auswahl und Reihenfolge dem Zufall und der Tagesform des Publikums. Jeder Gast darf ein Los aus dem Zylinder ziehen: 26 Lose mit den Titeln der 26 Texte. Tatsächlich stehen 25 Namen auf der Gästeliste – das letzte Los bleibt dann für mich.

Ulla meint, ich müsse aber doch zu Beginn etwas über Alfred Polgar sagen, den kenne ja schließlich heute keiner mehr. Auch das noch! Ich habe soeben die Biographie von Ulrich Weinzierl ausgelesen (Alfred Polgar. Wien · München: Löcker Verlag, 1985), könnte insofern munter ein gutes Stündchen damit füllen, seine Lebensgeschichte herzuerzählen. Aber bringt das was? Trägt es zum Verständnis oder auch nur zum Genuss der Polgar’schen Erzählkleinodien bei? Wohl kaum. Außerdem schalten die meisten Zuhörer ab, wenn man ihnen Jahreszahlen um die Ohren haut.

Am ehesten geht’s noch so: Ich erzähle von meiner Großmutter mütterlicherseits, Luise Wilhelmine, geborene Leipe, verheiratete und geschiedene Heß, wieder verheiratete und verwitwete Koch, die im Oktober 2005 im gesegneten Alter von gerade 98 Jahren verstorben ist. Zehn Tage nach der Geburt meiner Oma wurde Polgar 34 Jahre alt. So gewinnt man doch ein viel deutlicheres Bild, wann der Mann gelebt hat und wie lang das schon her ist. Neben die Jahreszahlen in den obligatorischen biographischen Zeittafeln schreibe ich mir immer das Alter der Betreffenden. Diese subjektive Zahl sagt ja meist mehr als das objektive Jahr.

Alfred Polak, der sich erst mit 40 offiziell in Polgar umbenennen ließ, wurde am 17. Oktober 1873 als drittes Kind eines jüdischen Klavierlehrers in Wien geboren. Dort besuchte er die Volksschule und anschließend das Leopoldstädter Gymnasium bis zur Untertertia, die er (erfolglos) wiederholen musste, dann lustlos eine Handelsschule. Ein missratener Sohn. Mit 22 trat er in die Redaktion der Wiener Allgemeinen Zeitung ein und schrieb dort unter dem Pseudonym „Alfred von der Waz“, später als Alfred Polgar mit 29 für den Simplicissimus (München), mit 32 für die Berliner Schaubühne (ab 1918 Weltbühne). In seinem 36. Jahr erscheint sein erstes Buch. Den 1. Weltkrieg verbringt er als 41- bis 45-Jähriger im Kriegsarchiv in Wien. Danach sehr produktives Schaffen als Redakteur für verschiedene Zeitungen: mit 47 erste Beiträge zum Tage-Buch, mit 49 zum Tag und zum Morgen (alle Wien). Mit 52, mitten in den „Goldenen Zwanzigern“, verlegt Alfred Polgar seinen Arbeitsschwerpunkt nach Berlin, behält aber seine Wiener Mansarde als Zweitwohnsitz. Seine Feuilletons erscheinen u. a. im Berliner Tageblatt, seine Bücher im Rowohlt-Verlag Berlin. Als 56-Jähriger heiratet er Elise Loewy, geb. Müller (gen. „Lisl“). Noch in der Nacht des Reichstagsbrands verlässt der mittlerweile 59-Jährige Berlin in Richtung Prag, hält sich anschließend aber meist in Zürich auf. Dort Freundschaft mit Carl Seelig, der ihn vergeblich zu fördern sucht. Depression. Paris-Reise mit 62, später dort dauernder Aufenthalt. Mit 64 verliert er durch den „Anschluss“ Österreichs seinen Hauptwohnsitz in Wien, mit 65 die deutsche Staatsbürgerschaft, welche ihm doch erst kürzlich zwangsweise verliehen wurde. Mit 66 flieht er mit Lisl vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris nach Marseille und anschließend zu Fuß über die Pyrenäen nach Lissabon. Kurz vor seinem 67. Geburtstag trifft Polgar in New York ein und reist von dort aus weiter nach Hollywood, wo er mit wenig Erfolg als Drehbuchautor Fuß zu fassen sucht. Im Alter von 72 Jahren wird Alfred Polgar Bürger der Vereinigten Staaten. Mit 75 besucht er erstmals wieder und anschließend mehrfach Europa, mit Stationen in Paris, Zürich, Wien, Salzburg, München, Berlin und Rom. Am 24. April 1955 stirbt Polgar im Alter von 81 Jahren nach einem Kinobesuch in einem Hotelzimmer in Zürich.

Die „Abenteuer“ dieser Biographie, so scheint es, waren ausschließlich durch äußere Katastrophen bedingt: zwei Weltkriege, Vertreibung ins Exil, Armut und Entwurzelung. Wäre dies nicht „dazwischen gekommen“, hätte Alfred Polgar seine Welt, das Café Central in der Wiener Herrengasse 14, vermutlich nie verlassen. Er hätte dort Schach und Bridge gespielt, geistreiche Frauen wie Ea von Allesch umflirtet und seine unübertrefflich feinnervigen Theaterkritiken geschrieben – und wäre heute nahezu vergessen, wie Luise Wilhelmine, meine Oma.

15 Kilo Buch

Mittwoch, 30. Juli 2008

weltbuhne.jpg

 

Bei meiner Beschäftigung mit Hans Siemsen und Alfred Polgar, zwei literarischen Flaneuren und Meistern der „Kleinen Form“ aus dem ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts, bedauerte ich in den vergangenen Wochen wieder einmal, die legendäre Berliner „Wochenschrift für Politik – Kunst – Wirtschaft“ jener Zeit nicht zur Hand zu haben: Die Weltbühne.

Ich erinnere mich noch gut, dass Ende November 1978, ich erlebte mein erstes Weihnachtsgeschäft als Buchhandelsgehilfe bei Baedeker in Essen, die Männer im Wareneingang ächzend und fluchend ein paar außergewöhnlich schwere Pakete auf den Packtisch wuchteten. Die kamen aus Königstein im Taunus und enthielten den Nachdruck aller vom 14. April 1918 bis zum 7. März 1933 erschienen 778 Hefte der Weltbühne. Der Preis für die 16-bändige Ausgabe in rotem Leineneinband betrug damals 580 DM – für ein solches Riesenwerk mit über 26.000 Seiten durchaus angemessen, Maß genommen hingegen am schmalen Gehalt einer ungelernten Hilfskraft leider unerschwinglich.

Dass sich der Athenäum-Verlag überhaupt zum Wagnis eines solchen Mammut-Reprints entschloss, verdankt sich vermutlich der Pioniertat eines in mancher Hinsicht damals revolutionären Konkurrenten, der den konventionellen Verlegern und Sortimentsbuchhändlern seit 1969 Feuer unterm Hintern machte. Der Vertrieb und Verlag Zweitausendeins in Frankfurt am Main hatte nämlich im Vorjahr (1977) mit einer Sensation aufgetrumpft und Die Fackel von Karl Kraus nachgedruckt, zwölf Bände mit insgesamt 10.000 Seiten, zum Spottpreis von 148 DM und mit überraschendem Erfolg. Bis dahin war das Verlagsgeschäft mit Reprints ausschließlich Sache von ein paar spezialisierten Fachverlagen gewesen, wie z. B. Georg Olms (Hildesheim), Kraus Reprint (Nendeln / Liechtenstein) oder K. G. Saur (München), die hauptsächlich für Bibliotheken produzierten, in entsprechend niedrigen Auflagen und zu Preisen, die selbst die Möglichkeiten betuchter Privatkunden oft überstiegen.

Seither sind drei Jahrzehnte ins Land gegangen und die Buchhandelslandschaft hat sich gründlich verändert. Erstens werden heute umfangreiche Periodika-Sammlungen und Nachschlagewerke der Vergangenheit raumsparend auf CD-ROM angeboten, mit dem zusätzlichen Vorzug komfortabler Recherche-Funktionen. Als 1999 der Deutsche Taschenbuchverlag in München das Grimmsche Wörterbuch in 33 Bänden zum Preis von 1.200 DM offerierte, wurde dies noch als verlegerische Großtat gewertet. Mittlerweile gibt es längst, wieder mal bei Zweitausendeins, den Digitalen Grimm auf einer Silberscheibe für nur 49,90 €; und wer selbst die noch sparen will, wird im Internet blitzschnell auf dem Server der Universität Trier fündig.

Zweitens aber sind die Preise der Antiquariate – auch dies eine Folge des Internets – gerade für solch platzraubende Monsterwerke im freien Fall. Nur noch ein paar Papiernostalgiker wie ich sind bereit, 55 € zuzüglich Versandkosten für den Athenäum-Reprint der Weltbühne hinzublättern. Gestern traf die Apfelsinenkiste von einem Antiquariat in Kaiserslautern ein. Der Kurierbote ächzte und fluchte, ganz ähnlich wie vor dreißig Jahren die Männer im Wareneingang von Baedeker, obwohl es sich doch „nur“ um die kartonierte Ausgabe handelte. Der Antiquar hatte nämlich ein Dutzend offenbar unverkäufliche Bücher mit in den Karton gestopft. Und zur Entschuldigung schrieb er auf den Rechnungsumschlag: „Danke für die Entsorgung des ,Füllmaterials‘. Anders konnte ich nicht packen.“

Apostroph

Montag, 28. Juli 2008

apostroph.jpg

 

„Wie geht’s? Wie steht’s?“ Danke der Nachfrage, liebe Leserin, aber es könnte besser stehen und gehen. Ich habe mich nämlich in den letzten Tagen mit einem Problem herumschlagen müssen, das in seiner Unscheinbarkeit und Bedeutungslosigkeit kaum der Rede wert erschiene und das hier auszuwalzen mir zutiefst widerstrebt. Aber wenn die bezaubernde Leserin so anmutig und offenherzig fragt, kann ich unmöglich die Antwort schuldig bleiben. Ich will versuchen, so schnell wie möglich zur Sache zu kommen, muss aber doch leider etwas weiter ausholen, mindestens dies hier vorausschicken.

Erst jüngst habe ich mein Impressum renoviert und dort ein kleines Kapitelchen zum Thema Sorgfalt meines Weblogs eingebaut, als eine Art ethisches Tiefparterre direkt überm Basement der Grundvoraussetzungen. (In der Architektur des Impressums steht die Welt zwar auf dem Kopf und das „Basement“ thront ganz oben, dort wo sich bei den aus Stein gebauten Häusern das Dach befindet. Aber das nur nebenbei.) In diesem vollmundigen Selbstbekenntnis zu gnadenloser Sorgfaltspflicht heißt es gleich eingangs: „Der Betreiber der Website revierflaneur.de ist um Fehlerfreiheit in formaler und inhaltlicher Hinsicht bemüht. Der Text folgt den Regeln zur deutschen Rechtschreibung und Zeichensetzung in der reformierten Form von 1996 (mit den Änderungen von 2004 und 2006).“ Die versprochene Folgsamkeit ist aber, wie sich in tausenderlei kleinen Fällen und Unfällen immer wieder erweist, leicht versprochen und schwer gehalten.

Gnädigste! Wenn Du schon so harmlos und leichtin fragst, wie es um mich bestellt ist, kann ich Dir die erschöpfende Erklärung meines Verdrusses nicht ersparen. Du hast leichtfertig Deine Frage salopp verkürzt, indem Du fragtest: „Wie geht’s? Wie steht’s?“ Hättest Du Dir den Bruchteil einer Sekunde mehr Zeit gelassen und stattdessen ausführlicher gefragt: „Wie geht es? Wie steht es?“ – uns beiden wäre mancherlei erspart geblieben. Dir diese längliche Antwort, mir der Verdruss einer umständlichen Untersuchung.

Meine begnadete Lektorin, ein Geschenk des siebten Himmels, in dem zu schweben mir erst die Gnade eines unverdienten Schicksals gestatten wird, wenn der allerletzte unscheinbare, für gewöhnliche Sterbliche nahezu unerkennbare Fehler in meinen öffentlich gemachten Hirngespinsten das Zeitliche gesegnet hat, merkte nämlich schon bei früherer Gelegenheit an, vor dem Apostroph sei ein Zwischenraum zu setzen: „Wie geht ’s? Wie steht ’s?“ Dafür hatte sie gute Gründe, deren bester auf den Respekt gebietenden Namen DIN 5008 hört, das ist die Deutsche Industrienorm mit den Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung. Dort lautet die Regel: „Dem Apostroph am Wortanfang geht im Allgemeinen der regelmäßige Wortzwischenraum voran.“ Aber ’s kam anders.

Seit ich nämlich den unmissverständlichen, eindeutigen und wohlbegründeten Korrekturhinweis meiner Lektorin erhalten hatte, mühte ich mich redlich, ihn zu befolgen – so sehr mir dies aus zugegeben gänzlich irrationalen, nicht DIN-beständigen Gründen widerstrebte. Ich las nämlich so allerlei, Pynchon, Polgar etc. pp., und auf Schritt und Tritt sprangen mir all die macht’s, hat’s, kann’s, will’s, schlägt’s, schreit’s, geht’s und steht’s ins Auge – alleweil ohne den industriell geforderten Zwischenraum. Schließlich meldete ich bei meiner Lektorin Bedenken an, die wieder einmal keine Mühen scheute und die Frage der Lücke der höchsten Instanz für solche Fragen vortrug, dem „Rat für deutsche Rechtschreibung“ in Mannheim. Von dort kam prompt die ebenso freundliche wie salomonische Antwort: „Liebe Frau C., ganz allgemein ist zu sagen, dass der Apostroph im Deutschen eine Auslassung kennzeichnet. Dabei gibt es Gruppen, bei denen der Gebrauch des Apostrophs vorgeschrieben ist und solche, bei denen der Gebrauch freigestellt ist. Zu erster Gruppe gehören beispielsweise Wörter, die bei fehlender Kennzeichnung schwer verständlich wären (In wen’gen Augenblicken). Dem Schreibenden freigestellt ist der Gebrauch des Apostrophs bei Wiedergabe von Auslassungen der gesprochenen Sprache (Das war’n Bombenerfolg!) – vergleiche dazu §96 und §97 im amtlichen Regelwerk. In Ihrem Beispiel wie geht’s handelt es sich um eine Auslassung, die aus der gesprochenen Sprache resultiert. Eine fehlende Kennzeichnung wie bei wie gehts würde nicht zu Missverständnissen führen. Demnach ist ein Apostroph nicht zwingend zu setzen. Die im Duden angegebene DIN-Norm für Textverarbeitung gibt an, dass vor dem Apostroph am Wortanfang ein Leerzeichen steht, dass aber in der umgangssprachlichen Abkürzung für es dieses Leerzeichen meistens weggelassen wird. Ihr Beispiel kann also folgerndermaßen geschrieben werden: wie geht’s oder wie gehts.“ – Meine Söhne sagen in solchen Fällen verquaster Indifferenz immer: „Geht’s noch?“ Und zwar ohne Lücke.

Qual der Wahl

Sonntag, 27. Juli 2008

polgarfliege.jpg

 

Vorbereitungen zur CIII. Literarischen Soiree: Alfred Polgar. – Ich werde mich, das steht schon lange fest, auf Kostproben aus den Kleinen Schriften (Band 1 bis 3) beschränken, die Ulrich Weinzierl unter dem Patronat von Marcel Reich-Ranicki 1982 bis 1984 im Rowohlt-Verlag herausgegeben hat. Aus den insgesamt 424 Feuilletons des Meisters der „Kleinen Form“ gilt es nun, ein bis zwei Dutzend auszuwählen, die für den mündlichen Vortrag geeignet sind und ein wenn schon nicht vollständiges, so doch möglichst facettenreiches Bild seiner großen Sprachkunst ergeben.

Der Zufall will es, dass sich die insgesamt 1.272 Textseiten dieser drei Bände ohne Rest durch 424 teilen lassen. Demnach ist ein durchschnittliches Polgar-Feuilleton exakt drei Seiten lang. Drei Seiten dieser Ausgabe – ich hab’s gerade mit der Stoppuhr in der Hand an dem Text Ein stolzes Mädchen ausprobiert, der genau diesen Umfang hat – lese ich „ohne Not“ in sechs Minuten, was heißen soll: mit einer komfortablen Reserve für bedeutungsschwere Atempausen. Nach meinen langjährigen Erfahrungen als Vorleser muss das Äußerste, was man an Geduld und Aufmerksamkeit einer geneigten und gebildeten Zuhörerschaft abverlangen soll und kann und darf, sich mit einem Zeitrahmen von einer Stunde und dreißig Minuten bescheiden.

Dass es folglich bei der Zusammenstellung meines literarischen Menüs auf genau fünfzehn Gänge hinauslaufen wird, ist nicht mehr als das schlichte Ergebnis einer Rechenaufgabe für die zweite Klasse. Aus dem überreichen Repertoire der Polgar’schen Delikatessen gerade die für eine solche Tafelrunde am besten geeigneten herauszufischen und sie sodann noch in einer idealen Abfolge zu servieren – dazu bedarf es mehr als einer mit Auszeichnung bestandenen Matura des routinierten Küchenchefs.

Ich würde es mir jedenfalls zu leicht machen, folgte ich dem bekannten Rezept des Theaterdirektors im Vorspiel zu Goethes Faust: „Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen, / Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus. / Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; / Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ (Werke. Hamburger Ausgabe, Bd. 3. München: C. H. Beck, 1986, S. 11.) Schon eher hilfreich ist dieser Aphorismus von Polgar selbst: „Erfahrung lehrt, daß es beim Dichten wie beim Pistolenschießen immer ein wenig die Hand verreißt. Meist nach unten. Man muß höher zielen, als man treffen will.“ (Kleine Schriften. Bd. 3. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1984, S. 409.)

Ich stehe vor der paradoxen Aufgabe, als Maître de Plaisir und Küchenchef ausschließlich Amuse-Gueules reichen zu dürfen, von denen jedes einzelne jedoch schon Völlegefühle erzeugte, wenn der wahre Genießer es sich langsam und bedächtig auf der Zunge zergehen ließe – und zugleich meine Gäste beschwingt und leichten Herzens in die hoffentlich laue Sommernacht des 1. August entlassen zu wollen. Wie soll das gehen? Aber schließlich ist wahre Kunst ja immer die Bewerkstelligung von etwas Unmöglichem.

Samstag, 26. Juli 2008: St. Martin

Samstag, 26. Juli 2008

martin.jpg

 

Wenn Stars aus Film und Fernsehen um ihre Popularität bangen, inszenieren sie einen Skandal. Das sichert die Aufmerksamkeit der Medien und die Rückkehr ins Rampenlicht öffentlicher Wahrnehmung. Die hochdramatische Trennung vom Lebensabschnittsgefährten, das Bekenntnis zu einer bislang völlig unbekannten sexuellen Perversion, exzessiver Drogengenuss samt Einweisung in eine noble Entzugsklinik oder die Geburt von siamesischen Zwillingen sind nur vier von vielen weiteren Möglichkeiten, sich als Star mit einem lauten Tusch wieder in Erinnerung zu bringen.

Prominente Literaten haben es da nicht ganz so leicht. Die vorgenannten Mittel zur Auffrischung ihrer Medienpräsenz kommen nicht in Frage, weil sie nicht zu ihrem landläufigen Image passen. Ein Großkritiker, der im Stadtwald als Exhibitionist ertappt wird, steigert zwar für drei bis fünf Tage die Auflage der Boulevardpresse, ist aber anschließend definitiv passé. Solche schlüpfrigen Sperenzchen dürfen sich allenfalls noch Künstler und Politiker erlauben, und selbst die nur dann, wenn sie auf einen Mitleidsbonus aus Krankheits- oder anderen Gründen rechnen können. (So Jörg und Michel.)

Ja, die Schriftsteller habens schwer. Aber die besten schaffens doch immer wieder. Heinrich hat es ihnen seinerzeit vorgemacht, als er für die bestgehasste Terroristin Deutschlands freies Geleit forderte. Aber das Karrussell auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten rotiert immer schneller. Um heute als Bücherschreiber noch im Gespräch zu bleiben, muss man schon schwereres Geschütz auffahren. Der feinsinnige Peter etwa tritt zur Bestattung eines finsteren Diktators an. Günter mimt den Spielverderber, wenn alle jubeln, weil endlich zusammenwächst, was zusammengehört. Und wenn auch dieser Paukenschlag verhallt, drischt er die Trumpfkarte auf den Tisch des Hauses, die er jahrzehntelang im Ärmel versteckt hielt: „Ich war bei der Waffen-SS.“

Ein Virtuose spektakulärer Auffrischung seiner Prominenz ist aber ohne Zweifel Martin, der es mit seinen wohlplatzierten Affronts auch prompt in der Cicero-Liste der wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen auf Platz zwei gebracht hat, gleich hinterm Papst und noch vor Günter. Wir sollten ihn künftig nur noch mit dem Ehrentitel „Eure Wichtigkeit“ anreden. Schon für seine zeitgemäße Relativierung des Holocaust hat Martin sich mit der Frankfurter Paulskirche eine wirkungsvolle Kulisse gewählt. Da wussten wir: Der zielt auf mehr! Wer an der Schreibmaschine nichts Lesenswertes mehr zu Stande bringt, muss ja auf seine alten Tage anderweitig zusehen, wie er den Nachruhm in trockene Tücher rettet.

Man darf wohl die neuesten Einlassungen des greisen Spekulanten auf einen Platz im Olymp der Dichter und Denker als bloßes Intermezzo werten. Den Nobelpreis für Literatur kann er sich abschminken, das weiß Martin längst. Aber seinen Namen mal wieder in allen Feuilletons der Republik zu lesen, das ist ihm schon einen rechten Nonsens wert. Warum nicht zur Abwechslung mal Steuerhinterziehung und Korruption zu hehren Taten wackerer Wirtschaftslenker umdeuten? „Scheinwerfer: hier! Da stehe ich und kann nicht anders!“ Eigentlich aber liebäugelt der unbestechliche Freigeist vom Bodensee mit einer Predigt im Petersdom, unter dem Titel: „Wann endlich werden wir Osama bin Laden heilig sprechen?“

In eigener Sache

Freitag, 25. Juli 2008

visitenkarte.jpg

 

Nach dem deutschen Telemediengesetz (TMG) vom 1. März 2007 sind Anbieter von elektronischen Informations- und Kommunikationsdiensten, somit auch die Betreiber von Weblogs im Internet verpflichtet, bestimmte personenbezogene Informationen über sich auf ihrer Website zu veröffentlichen, soweit sie ihre Internetpräsenz „geschäftsmäßig“ betreiben (§ 5 TMG). Diese Zusammenstellung von Informationen, landläufig „Impressum“ genannt, müssen leicht erkennbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar gehalten werden.

Ab wann eine Website als „geschäftsmäßig“ gilt, ist allerdings in der Rechtsprechung bisher umstritten; und somit auch die Frage, ob privat betriebene Websites impressumspflichtig sind. Im Zweifelsfall raten Juristen, sich an die Vorgaben des § 5 TMG zu halten. Nun verdiene ich mit meinem Weblog keinen einzigen Eurocent. Ich erhebe von den Lesern keine Gebühren und schalte keine Werbung auf kommerzielle Angebote. Allerdings empfehle ich in meinen Texten gelegentlich Bücher und andere Medien. Ist dies vielleicht schon eine „geschäftsmäßige Tätigkeit“, selbst wenn ich von den Herstellern und Anbietern dieser Angebote für meine Empfehlung nicht entlohnt werde? Ich will da lieber auf Nummer sicher gehen und habe deshalb ein Impressum veröffentlicht, das den Mindestanforderungen des TMG entspricht.

Bei dieser Gelegenheit habe ich dort zugleich ein paar weitere „Grundsätze“ und „Spielregeln“ veröffentlicht, die für mein Weblog, für mich und für seine Nutzer gelten: eine Definition der Inhalte und Absichten dieser Website; mein Bekenntnis zur Sorgfalt bei der Erstellung der Inhalte; die Begrenzung meiner Haftung, insbesondere auch für Inhalte, auf die ich durch Links verweise; Regeln für den Umgang mit Kommentaren; meinen Anspruch auf das Urheberrecht an den von mir hier veröffentlichten Texten; und schließlich eine Erklärung zum Datenschutz.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Ich habe mir sagen lassen, dass es Beutelschneider gibt, gewerbsmäßige Abmahnvereine, die nur darauf lauern, einem harmlosen Blogger wie mir nicht vorhandenes Geld aus der leeren Tasche zu ziehen. Und auch vor übelwollenden Konkurrenten im unüberschaubaren Webspace müsse man auf der Hut sein, die sich durch ein ehrliches Wort auf den Schlips getreten fühlen und auf Rache sinnen.

Da ich mir aber keine unnötige Blöße geben und weiterhin ganz unbefangen auf Schlipse meiner Wahl treten möchte, wann immer mir dies im Rahmen der Meinungsfreiheit möglich und in der Sache angezeigt erscheint, habe ich einen Arbeitstag geopfert und mich notgedrungen dieser Pflicht entledigt. Meine treuen Leser bitte ich zu entschuldigen, dass ich ihnen heute keinen unterhaltsameren Lesestoff anbieten kann. Dafür wird der Lesestoff der Zukunft vielleicht aber umso interessanter.

Habent sua fata libelli (I)

Donnerstag, 24. Juli 2008

polgarzeichnung.jpg

Während in den vergangenen Wochen meine Begeisterung für Alfred Polgar beim Lesen ständig wuchs, schrumpfte im gleichen Maße – die Mathematiker nennen dies wohl „umgekehrt proportional“ – mein ursprünglich fester Vorsatz: mich keineswegs in Versuchung führen zu lassen, die sechsbändige Dünndruck-Ausgabe seiner Kleinen Schriften über ZVAB zu ordern. Der Vorsatz tendierte schließlich gegen Null, und was dies für den Grad meiner Verehrung von Polgar bedeutet, mögen die Mathematiker ausrechnen. Auf dem Weg zu diesem Moment der Umkehr taten mir die ersten drei Bände der Taschenbuch-Ausgabe, Musterung, Kreislauf und Irrlicht, beste Dienste, in denen ich skrupellos annotierte und die ich ohne Rücksicht auf Soßenspritzer auch neben den Spaghettiteller legen durfte. Arbeitsexemplare eben.

Vor drei Tagen war ’s dann um mich geschehen. Ich durchsuchte das Angebot der Antiquariate nach einer möglichst gut erhaltenen Erstausgabe der Sammlung, erschienen von 1982 bis 1986 (WG 53), wobei mir deren erste Hälfte vollauf genügen sollte. Die Buchrezensionen und erst recht die Theaterkritiken, die in den Bänden vier bis sechs zusammengetragen sind, waren mir nicht so wichtig, und was Letztere betrifft, kann ich vielleicht sogar ganz auf sie verzichten. Denn zu dramatischer Literatur und Bühnenkunst habe ich nun mal ein gestörtes Verhältnis, genauer gesagt: gar keines. Der Balken in meinem Auge ist aus dem Holz der Bretter geschnitzt, die die Welt bedeuten. Shakespeare? Ich muss immer wieder nachschauen, wie sich der noch mal schreibt.

Und tatsächlich wurde ich beim Mausrädchendrehen schnell fündig. Für nur 50 € erwirbt der staunende Sammler 1.272 Textseiten Polgar, fein ausgestattet, in königsblauem Leineneinband, auf augenfreundlich-chamoisfarbenem Dünndruckpapier und nahezu verlagsfrisch. Lediglich die Schutzumschläge seien, so der Antiquar, am Rücken „leicht aufgehellt“. (Was er verschweigt: dass die sonst so edlen Bücher nicht fadengeheftet, sondern gelumbeckt sind; doch diese Barbarei war Mitte der 1980er-Jahre bei deutschen Verlegern ja leider längst Usus.) Die Polgarbände haben also beim Vorbesitzer in der Sonne gestanden? Aber da gehören sie ja schließlich auch hin! Das Vergnügen, in diesen edlen Büchern zu lesen, kostet mithin knapp vier Eurocent pro Seite: ein Spottpreis! Mit einer Tankfüllung für 50 € fahre ich per Smart von Essen nach Oldenburg und zurück. Was soll ich in Oldenburg? Da bleibe ich doch lieber smart in meinem königsblauen Ohrensessel sitzen und lese in den königsblauen Polgar-Bänden.

Dann hieß es noch in der Beschreibung des Antiquars: „Beiliegt: Verlagskorrespondenz zu der Ausgabe.“ Ein kleines Schmankerl obendrein? Da war ich aber gespannt! – Die „Verlagskorrespondenz“ erwies sich als ein maschinenschriftlicher Brief der Presse- und Informationsabteilung des Rowohlt-Verlags an Herrn Thilo Koch, 7201 Hausen ob Verena: „Sehr geehrter Herr Koch, mit Ihrem Schreiben vom 14. 10. 86 bitten Sie um die Zusendung der Polgar-Bände 4, 5 und 6. – Wir müssen an Ihr Verständnis appellieren, aber leider sind wir nicht in der Lage, Ihrem Wunsch zu entsprechen, da bei der sehr geringen Auflagenhöhe uns keine Freiexemplare für den Rezensionsversand zur Verfügung stehen. Es kommt jedoch immer wieder vor, daß einzelne Titel nicht in den Rezensionsversand gegeben werden – wir bedauern das selbst. Mit freundlichen Grüßen.“

Damit wäre also auch die Provenienz meiner drei heute eingetroffenen Polgar-Bände geklärt. Thilo Koch, der prominente deutsche Fernsehjournalist, Washington-Korrespondent und Buchautor (u. a. Porträts deutsch-jüdischer Geistesgeschichte, 1961) starb vor knapp zwei Jahren in Hausen ob Verena. Die Erben machen die Bücher des Alten zu Geld, nur zu verständlich bei den steigenden Spritpreisen. Und so flattert das Brieflein auf meinen Schreibtisch. Gibt man „Thilo Koch“ und „Polgar“ in Google ein, findet man gerade mal eine einzige relevante Belegstelle: Tucholsky war ein großer Journalist, auf andere Weise auch Polgar.“ Das schrieb Koch in einem Essay unter dem Titel Ein Journalist und das Vaterland (in: Die Zeit, Nr. 36 v. 5. September 1957). Ob Thilo Koch deshalb so dringlich die Bände 4 bis 6 der Polgar-Ausgabe haben wollte, um seinen fragwürdigen Satz aus dem Jahr 1957 noch einmal zu prüfen? Und um uns vielleicht anschließend zu erklären, was er mit „auf andere Weise“ präzis gemeint hat? Wohl kaum. Ihn störte einfach die Unvollständigkeit dieser Werkausgabe in seinem sonnenbeschienen Bücherschrank. Und das kann ich sogar nachempfinden.

[Fortsetzung: Habent sua fata libelli (II).]