Archiv für Juni 2008

Eccentrics (VI)

Sonntag, 22. Juni 2008

loch

Zum ersten Mal erfuhr ich von der Methode im Sommer 1975, als ich in Jochens Teestube Jaap begegnete, der gerade aus Amsterdam kam und nach Tanger wollte. Er erzählte mir von einem Holländer namens Bart Huges, der sich zehn Jahre zuvor ein Loch in den Schädel gebohrt habe, um sich „vom lästigen Druck des Erwachsenseins zu befreien“. – „Und?“, fragte ich. „Ist es ihm gelungen?“ – Jaap sah mir tief in die Augen und lächelte: „Dieser Mann ist der freieste und glücklichste Mensch, dem ich je begegnet bin.“

Anfänglich hielt ich Jaaps Story noch für eines jener Ammenmärchen, die später als moderne Großstadtlegenden in Anthologien wie Die Spinne in der Yucca-Palme versammelt wurden. Als hartnäckiger Skeptiker, der ich nun mal bin, glaube ich grundsätzlich nur, was ich schwarz auf weiß gedruckt in der Hand halte – und auch davon höchstens die Hälfte. Im November 1976 begegnete mir dann aber der erste schriftliche Beweis für die Existenz jenes Bart Huges. Auf dem Flohmarkt erstand ich das Buch Rauschgiftesser erzählen (Hrsg. v. Edward Reavis. Frankfurt am Main: Bärmeier & Nikel, 1967). Und darin entdeckte ich (S. 307-318) ein Interview, das Joe Mellen 1966 für The Transatlantic Review mit dem Selbsttrepanator geführt hatte, unter dem Titel: Das Loch zum Glück.

In aller Kürze meinte Bart Huges, Folgendes erkannt zu haben. Im Zuge der Evolution von Homo sapiens erectus, sozusagen als Schönheitsfehler des aufrechten Gangs, wird das menschliche Gehirn nach dem endgültigen Verschluss der Fontanellen mit zu wenig Blut versorgt. Um dieses Defizit auszugleichen und für ein größeres Gehirnblutvolumen zu sorgen, reicht ein pfenniggroßes Loch in der Schädeldecke, das gleichzeitig zu einer Verringerung der Rückenmarksflüssigkeit im Schädel sorgt. Das natürliche Gleichgewicht wird so wiederhergestellt. Das Ergebnis ist, so Huges, der Homo sapiens correctus. Die Verirrungen des vorgeblich erwachsenen, in Wahrheit aber behinderten Zweibeiners, wie Kriege, Zerstörung der Natur und alle Arten von Autoaggression, gehören endgültig der Vergangenheit an.

Bislang hat seine Methode, die übrigens zur Behandlung von Geisteskrankheiten als „Steinschneiden“ in früheren Jahrhunderten weit verbreitet war, begreiflicherweise nur sehr wenige Nachahmer gefunden. Wer bringt schon den Mut auf, sich eigenhändig einen Elektrobohrer an den Kopf zu setzen, auf die Gefahr hin, mit dem so eröffneten „Dritten Auge“ nicht die ersehnte Erleuchtung zu erfahren, sondern unversehens in ewige Finsternis abzutauchen? Chirurgen, die bereit wären, mit professionellen Mitteln diese ungewöhnliche Operation durchzuführen, scheint es auch nicht zu geben.

So sind wir von Bart Huges’ Vision, der 2004 glücklich gestorben ist, noch weit entfernt: „Ich plädiere für die Möglichkeit, daß jeder Erwachsene, der es wünscht, sich trepanieren lassen kann. […] Es gibt keinen einzigen Grund, warum auch nur ein einziger Erwachsener darauf verzichten sollte, wenn er von der lästigen Behinderung durch die Erdenschwere befreit werden will. […] Der Feind heißt: zu großer Ernst. Der Erwachsene ist sein Opfer – die Gesellschaft seine Krankheit. Mein Problem ist es jetzt, wie ich den Erwachsenen, die zu wenig Blut im Gehirn haben, um das zu verstehen, erkläre, daß sie zu wenig Blut im Gehirn haben, um zu verstehen. […] Ich glaube, daß keine Organisationsform der Erwachsenen optimal funktionieren kann, wenn nicht jeder Erwachsene innerhalb dieser Organisation trepaniert ist.“ (Reavis, a. a. O., S. 314.)

Geschützt: Eccentrics (V)

Sonntag, 22. Juni 2008

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Eccentrics (IV)

Freitag, 20. Juni 2008

vorprogramm

Na klar doch, auch Alfred Polgar der Große hat ein kleines Prosastück über die Eccentrics geschrieben. (Er schreibt sie, eingedeutscht, „Exzentriks“.) Da steckt mal wieder mehr drin, als hineinpasst. Polgars Miniaturen platzen ja, so gertenschlank sie auch sein mögen, immer aus allen Nähten.

Ganz allgemein sagt Polgar über die aus der Mitte an den Rand Geschleuderten und über unser Verhältnis zu ihnen viel in wenigen Worten, also das Wesentliche: „Exzentriks sind leibhaftige Pamphlete wider Würde, Ernst, Haltung. Dafür dankt ihnen unser Herz, befriedigt wie ein Subalterner, der des Gebots, das ihn sein Lebenlang drückt und beugt, ein Weilchen spotten darf. Exzentriks erlösen vom Übel der Schwerkraft. Sie verhelfen zu einer Vision vom Spielzeughaften der Welt … und so zu Kindheits-Glück. Unter ihren Griffen wackelt die Kausalität wie Baggesens Tellerbau; wenn sie einstürzt, ist das Musik unserem Hirn.“ (Alfred Polgar: Exzentriks. Zuerst erschienen im Berliner Tageblatt, Abendausgabe v. 22. Dezember 1927, S. 2; hier zit. nach Musterung. Kleine Schriften, Band 1. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004, S. 364 f.)

Sehr speziell nennt und erklärt Polgar ein paar Beispiele, von denen Baggesens Tellerbau vielleicht das eindringlichste ist. Baggesen? Der Name kommt mir doch bekannt vor? Ach ja, richtig: Ich habe doch neulich erst bei Hans Siemsen von diesem „Dichter im Porzellanladen“ gelesen. Siemsen beschreibt einen Auftritt des komischen Jongleurs im Berliner „Wintergarten“, während Polgar ihn in Wien gesehen haben dürfte. Die Details sind die gleichen. Vermutlich war „der alte Baggesen“, wie Siemsen ihn nennt, 1927 auf Europatournee. (Vgl. Hans Siemsen: Baggesen im Wintergarten. Zuerst erschienen im 8-Uhr-Abendblatt, Berlin, v. 19. Februar 1927; hier zit. nach Nein! Langsam! Langsam! Hrsg. v. Dieter Sudhoff. Berlin: Das Arsenal, 2008, S. 36.)

Offenbar war Baggesen vor achtzig Jahren ein Publikumsmagnet. Er füllte große Säle und war in aller Munde. Umso erstaunlicher ist, dass man ihn bei Wikipedia nicht findet. Und selbst bei Google musste ich mich bis zur zehnten Seite durchklicken, bis ich endlich einen Hinweis auf ihn fand. Am 30. Juni 1893 berichtete die New York Times in einem kurzen Artikel über einen Auftritt Baggesens im „Madison Square Garden“: Wonderful Contortionist Baggesen. – Carl Baggesen, the contortionist who performs nightly in the roof entertainment at Madison Square Garden, gave a special performance yesterday afternoon for a number of doctors and newspaper men, in the concert hall of the Garden. Baggesen twisted and turned himself into all sorts of positions, turning so far around as to make it appear that his spinal column was in line with the position ordinarily occupied by the breast bone.“

So gelenkig war Baggesen dreißig Jahre später vermutlich nicht mehr, dass er als Schlangenmensch sein Publikum bezaubern konnte. Aber sein Spiel mit dem Tellerstapel und mit einem klebrigen Fliegenpapier muss immerhin noch komisch und atemberaubend genug gewesen sein, um selbst anspruchsvolle Zuschauer wie Siemsen und Polgar in seinen Bann zu ziehen. Jetzt wissen wir immerhin, dass Baggesen mit Vornamen Carl hieß. Und nun entdecke ich, dass auch Kurt Tucholsky diesem Varieté-Künstler einmal großes Lob spendete, als er meinte, dass in „den Tellerkunststücken eines großen Jongleurs mehr Geist und Esprit stecken [könne] als in den furchtbaren und geschmacklosen Radauliedern unserer Humoristen.“ (Peter Panter: Varieté und Kritik. Zuerst erschienen in Die Weltbühne Nr. 30 v. 27. Juli 1922, S. 88; hier zit. nach Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 10 Bänden, Band 3. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1975, 236.) – Exzentriker sind, so scheint es, für den Augenblick und nicht für die Unsterblichkeit gemacht.

Geschützt: Organ²/ASLSP

Freitag, 20. Juni 2008

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Geschützt: Pasta diabolo

Mittwoch, 18. Juni 2008

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Snapshot (I)

Dienstag, 17. Juni 2008

funkmasten

Seit jeher verliebt sich mein Blick beim Flanieren in solche Bilder unauffälliger Hässlichkeit. Die traurige Belanglosigkeit der Dinge wirkt auf mein Auge wie eine stumme Klage. Mein immer fleißiger Kopf hat dann nur zwei Möglichkeiten, mit einem solchen Eindruck fertig zu werden. Entweder ersinnt er auf einer „höheren Ebene“ zu dem zufälligen Arrangement der Nichtigkeiten eine Bedeutung; oder er flüchtet in einen Migräneanfall.

Wie durchgestrichen steht das Haus vor leicht bewölktem Himmel. Dass die straff gespannten Kabel über dem Schienenweg der Straßenbahn Strom zuführen, stark genug, um fünfzig Fahrgäste und mehr von A nach B zu befördern, ist ein nur gewusstes, nicht sichtbares Akzidens meiner Betrachtung.

Und dass der kleine Hain der Funkmasten auf dem Dach des Hauses dem Handybenutzer in der Straßenbahn ermöglicht, der wartenden Gefährtin am Orte B sein baldiges Eintreffen anzukündigen und die Frage zu stellen: „Schatz, soll ich Brötchen mitbringen? Zwei oder drei? Okay!“ – es ist bei diesem Anblick eines nahezu abstrakten Bildes bloß eine kostenlose Zugabe meiner Phantasie.

Aber das zarte Rosa der Rechtecke zwischen den quadratischen Fenstern! Ist es nicht rührend? Wie es sich ebenso trotzig wie vergeblich gegen diese überwältigende Tristesse auflehnt? Da muss ich unwillkürlich an den Blumenstand in Jacques Tatis Meisterwerk Playtime denken.

Bilder wie dieses bringen mich aus dem Gleichgewicht. Je länger ich sie betrachte, desto fremder schauen sie, in Abwandlung eines Satzes von Lichtenberg, zurück. Die digitale Kameratechnik ermöglicht es, visuelle Aphorismen per Knopfdruck zu verfertigen. Das bedeutet einen Fortschritt, weil mir bei der nachträglichen Betrachtung meiner Schnappschüsse auf dem Monitor andere Gedanken kommen als an Ort und Stelle. Die Migräne immerhin ist abgewendet.

Svensson

Montag, 16. Juni 2008

est

Die schwedische Stadt Västerås ist Kulturbanausen allenfalls durch die vor zwei Jahren dort ausgetragene Weltmeisterschaft im Gummistiefelweitwurf ein Begriff. Gebildetere Zeitgenossen wissen, dass dort am 17. Mai 1936 der Schriftsteller Lars Gustafsson das Licht der Welt erblickte. Ich habe seinen fünfbändigen Romanzyklus Die Risse in der Mauer vor vielen Jahren gern gelesen und dabei erstmals wahrgenommen, dass ich ein Melancholiker bin.

Gustafssons deutsche Leser haben das große Glück, in Verena Reichel auf eine tatsächlich kongeniale Übersetzerin aus dem Schwedischen vertrauen zu dürfen. Und so liegen auch die naturgemäß schwer zu übersetzenden Gedichte dieses großen Melancholikers in tadellosen deutschen Übertragungen vor.

Västerås hatte bis vorgestern aber noch einen weiteren großen Sohn, dessen Lebenswerk keiner Übersetzung bedurfte: Esbjörn Svensson. Mit seinem Trio e.s.t. hat der brillante Pianist seit 1990 der Welt des Jazz viele neue, begeisterte Fans verschafft, wenngleich die Hardliner unter den Anhängern dieser Musikrichtung, wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht, bezweifelten, dass die Töne, die Svensson und seine Gefährten Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug ihren Instrumenten entlockten, überhaupt noch Jazz seien.

Von Lars Gustafsson aus Västerås gibt es ein (von Verena Reichel übersetztes) Gedicht, Über das Verhältnis zur Musik. Das lautet so: „Ich stelle mir eine völlig geschlossene Kugel vor. // Diese geschlossene Kugel enthält etwas. // Ein starkes Magnetfeld ordnet Eisenspäne zu Mustern. // Durch kompakte Wände hindurch. // So benutze ich Musik, // und es weiß weder die Musik noch ich, / womit wir da eigentlich umgehen.“ (Lars Gustafsson: Die Stille der Welt vor Bach. Gedichte. München Wien: Carl Hanser Verlag, 1982, S. 41.)

Vorgestern ist Esbjörn Svensson beim Tauchen im Schärenhof bei Stockholm im Alter von nur 44 Jahren ertrunken. Eine große musikalische Seele ist endgültig verstummt. Ich trauere um die nie mehr zu hörenden melancholischen Töne der Zukunft, die uns ein sinnloses Schicksal für alle Zeit vorenthalten hat. Die geschlossene Kugel ist auf den Grund gesunken.