Dieda (I)

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Ich suche immer, naiv wie ich bin, nach der Wurzel allen menschgemachten Übels auf diesem seltenen Planeten; oder, in biblischer Metaphorik gesprochen, nach dem Wurm im Paradiesapfel. Die Frage, ob nun Ballack heute im Finale gegen die Spanier antreten kann, interessiert mich, ich gestehe es frank und frei, weit weniger als die Frage, warum wir, aufs Ganze gesehen, morgen oder spätestens übermorgen abtreten müssen.

Als Sprachtier fällt mein Augenmerk dabei naturgemäß in diesen Spiegel unseres Daseins. Wäre ich ein Geldtier, hätte ich es bequemer, könnte ich mich doch, aller Sorgen ledig, den Lehren der Herren Marx und Engels anschließen und weiter auf den eschatologisch-paradiesischen Endzustand unserer Geschichte im Kommunismus vertrauen. So naiv bin ich allerdings nun auch wieder nicht.

Wäre ich ein Machttier, dann stellte ich das erste der drei Ideale von 1789 über die Gleichheit und müsste, in Michail Bakunins Fußstapfen, die Freiheit zum Nonplusultra eines humanen Chiliasmus erklären. Ich will nicht leugnen, dass mir die kurzgeschorenen Exegeten in den K-Gruppen weniger sympathisch waren als jene umherschweifenden Haschrebellen, die sehnsuchtsvoll nach dem Strand unterm Pflaster suchten. Herz sticht Hirn!

Tertium datur! Das Lob und Ziel der fraternité bleibt als vielleicht letzte Hoffnung übrig, nachdem in den vergangenen 219 Jahren die beiden anderen Prinzipien einer besseren Zukunft so bitterlich Schiffbruch erlitten. Diese „Geschwisterlichkeit“, wie man das Wort nach dem überfälligen Triumph des Feminismus mittlerweile ins Deutsche übersetzt, könnte das alte Kainsmal unseres Geschlechts vielleicht noch löschen.

Die schillersche Ode an die Freude verhieß uns: „Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt.“ Dass wir dieses Elysium jemals betreten werden, ist aber heute so fraglich wie nie. Denn nicht das „Du“, dem wir den geschwisterlichen Kuss anbieten, beherrscht unsere Welt, sondern das „Dieda“. Die Juden, die Islamisten, die Terroristen, die Amerikaner, die Neonazis, die Türken, die Intellektuellen, die Spießer et cetera ad finitum.

[Fortsetzung: Dieda (II).]

6 Responses to “Dieda (I)”

  1. Matta Schimanski Says:

    Triumph des Feminismus?

  2. Revierflaneur Says:

    Bisschen Ironie muss selbst in einem so aufrecht-pathetischen Text erlaubt sein. – Aber im Ernst: Das war natürlich nur, verständlich aus dem Kontext der Sprach-Revolution, ernst gemeint, und das werden die LeserInnen hoffentlich auch so verstehen. Ich weiß doch, dass ihr nach wie vor für gleiche Leistung im Beruf weniger Euro bekommt als wir. Und dass die Chefsessel on top immer noch vorwiegend Eierwärmer sind. Aber darum geht ‘s doch hier erkennbar nicht, oder? Hast Du den nun schon nicht mehr ironischen, sondern eher zynischen Wink am Ende des von Dir hinterfragten Satzes denn nicht bemerkt, wo ja nach wie vor vom Mal des männlichen Kain die Rede ist, und dann noch in Verbindung mit der Doppeldeutigkeit “unseres Geschlechts”?

  3. Matta Schimanski Says:

    Nun ja, meines Wissens gibt es ja kein weibliches Pendant zum männlich-besetzten Kainsmal – warum auch, der Brudermörder war nun einmal ein Mann, und das sollt ihr bis ans Ende eurer Tage nicht vergessen!

    Leider wird das wohl auch das Ende unserer Tage sein, Geschlecht hin oder her. Es sei denn, “unsere” Kanzlerin landet noch den ganz großen Coup! (Mir ist allerdings nicht klar, wie der aussehen sollte.)

  4. Bernd Berke Says:

    Lieber Manuel, Du schreibt “LeserInnen” mit dem Binnen-“I”. Auch Du, Brutus?

  5. Revierflaneur Says:

    Na, Bernd, ist Dir wirklich nicht deutlich geworden, dass ich diese grausame Vergewaltigung der Typographie durch den militanten Feminismus in diesem Zusammenhang selbstverständlich bewusst (als Zitat) eingesetzt habe? Hätte ich es also doch in Anführungszeichen setzen müssen, um ein solches Missverständnis auszuschließen? Nein, ich glaube auch nach Deinem Kommentar nicht, dass das nötig ist, denn ich schreibe nicht für Gäste, die das Haar in der Suppe suchen, um reklamieren zu können, und sich vor lauter Frust, keins zu finden, selbst eins ausreißen und hineinfallen lassen: “Herr Ober, kommen Sie doch mal!”

  6. Bernd Berke Says:

    Da muss ich doch glatt Loriot zitieren. Gast, der schon seit einer halben Stunde vergebens auf Bedienung wartet:

    “Herr Ober, dürfen wir Ihnen vielleicht etwas bringen?”

    (Anmerkung: Obiges rein assoziativ, hat nix mit Dir und Deinen Beiträgen aus Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit zu tun).

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