Eccentrics (VII)

pferd

Etwa bis Mitte der 1970er-Jahre gab es in meiner Heimatstadt Essen ein ortsbekanntes Original, einen großen, dünnen Mann in schäbiger Kleidung, der schnellen Schrittes durch die Straßen lief und mit lauter Stimme den immer gleichen Satz deklamierte: „Deutschland hat keine Pferde mehr!“

Nie habe ich aus seinem Munde andere als diese fünf Worte gehört. Auf Vorhaltungen – „Schreien Sie doch nicht so!“ – und Fragen – „Ja, und?“ – reagierte er grundsätzlich nicht. Er wirkte völlig entrückt, wie ein fanatischer Missionar, der nur das eine Ziel hatte, öffentlich den Verlust des Pferdes zu beklagen.

Da von dem Exklamator selbst keine Auskünfte über seine Beweggründe erlangt werden konnten, waren hierüber unter den Bürgern der Stadt zahllose Theorien im Umlauf. Manche meinten, er habe in seiner Kindheit von einem Droschkengaul einen Hufschlag vor den Kopf erhalten. Andere waren überzeugt, dass er in seiner Jugend Stallbursche bei Krupp auf Villa Hügel gewesen sei und nach dem Krieg seinen Arbeitsplatz verloren habe. Ich gehörte eher zu jener Fraktion seiner Interpreten, die aus dem Satz einen allgemeinen Protest gegen die zunehmende Automobilisierung der Stadt herausdeuten wollten.

Immer spiegelte sich in den Reaktionen der teils erschreckten, teils belustigten, teils empörten Passanten auf den stereotypen Satz die ganze Vielfalt ihrer Meinungen und Haltungen wider, von freundlichem Mitleid über verstörtes Unverständnis bis hin zu aggressiver Intoleranz. Wer den „Pferdenarren“, wie er auch genannt wurde, schon kannte und von fern heraneilen sah, achtete nicht mehr auf ihn, sondern auf die Nichtsahnenden ringsum und ihr so unterschiedliches Verhalten, wenn er plötzlich losplärrte: „Deutschland hat keine Pferde mehr!“

Irgendwann verschwand er auf Nimmerwiedersehen. So wenig man über seine Herkunft, sein Leben und den Grund seines exzentrischen Auftretens gewusst hatte, so wenig erfuhr man nun über seinen Verbleib. Ob er gestorben war, um die weite Reise in den Pferdehimmel anzutreten? Immer wieder hatte ich von entrüsteten Zeitgenossen den Satz gehört: „Dass man so was noch nicht weggeschlossen hat!“ Vielleicht hatte man also den harmlosen Mann endlich für den Rest seiner Tage weggeschlossen, wer weiß? Damit es irgendwann zur Beruhigung der Normalen hierzulande heißen kann: „Deutschland hat keine Exzentriker mehr!“

9 Responses to “Eccentrics (VII)”

  1. Matta Schimanski Says:

    Das Verhalten dieses Mannes erscheint mir völlig harmlos (Weshalb also hätte man ihn wegschließen sollen? Aber in solchen Fällen sagt man ja oft gerne: Zu seinem eigenen Schutz. Wie albern, eigentlich dreist!), aber doch zwanghaft.

    Daher würde ich ihn nicht unbedingt in die Kategorie “Exzentriker” einordnen. Oder ist exzentrisches Verhalten zwanghaft? Wo ist die Grenze zur Paranoia? Sehr schwierig!

  2. Revierflaneur Says:

    Ach, “einordnen”! Das klingt so sehr nach Menschenphilatelie. So ordentlich eben, wo es hier doch gerade um Ordnungsverstöße geht, um Abweichungen vom wohlgeordneten Leben und vernüftigen Denken. Gehört er nun auf die Offene zu den Psychopathen oder in die Geschlossene, wo die Psychotiker untergebracht sind? Nein, diese Fragen will ich mir nicht stellen. Für mich ist jeder Exzentriker, der nicht in der großen, übergroßen Mitte haust. Das sind ja ohnehin nur wenige. Warum dann verfeinerte Maßstäbe anlegen?

  3. Matta Schimanski Says:

    Es ging mir doch nicht darum zu erörtern, in welche psychiatrische Abteilung er nun gesteckt werden sollte – gerade das nicht!

    Aber über Begrifflichkeiten sollte doch ein gewisses Einvernehmen herrschen, sonst ist keine Kommunikation möglich.

    Und Exzentriker werden meines Wissens halt nicht unbedingt mit Zwanghaftigkeit in Verbindung gebracht, eher das Gegenteil, eventuell sogar in Richtung Anarchie, oder?

    Wobei deine Definition – Exzentriker ist jeder, der der großen Mitte entfleucht ist – eigentlich eine gute, da dem Wort gemäße ist.

  4. Revierflaneur Says:

    “Sehr schwierig!”, wie Du gesagt hast. Die fixe Idee, dass man sich ausschließlich von Kokosnüssen ernähren sollte, hat doch auch in dieser Absolutheit etwas zwanghaftes, oder? Und andererseits ist für mich ein Musterbeispiel für Zwanghaftigkeit, wenn abermillionen Deutsche allabendlich Punkt acht Uhr auf die Fernbedienung tippen, um anschließend stundenlang vor der Glotze zu hocken. Zwanghaftigkeit vs. Freiheit – dieser Gegensatz scheint mir nicht geeignet, Normale und Exzentriker auseinander zu dividieren.

  5. Matta Schimanski Says:

    Ein gewiefter Diskutant würde nun zunächst einmal klären wollen, was denn eigentlich unter “normal” zu verstehen sei. Ich bin jedoch nicht gewieft, zumal bei dieser Art von Argumentation unweigerlich herauskommt, dass nichts und niemand wirklich normal sei und daher die Diskussion/Argumentation jeglicher Grundlage entbehre.
    Aber ich schweife ab.

    Ich sagte ja bereits, dass ich deine Definition sehr passend finde. Ich war nur ursprünglich von einer etwas anderen, die den Begriff nicht so wörtlich nimmt, ausgegangen.

    Bezieht sich dein Begriff des Exzentrikers denn ausschließlich auf das Verhalten?

  6. weltkind Says:

    obwohl um etwa die gleiche zeit in essen sued aufgewachsen, kann ich mich nicht an diesen mann erinnern. seltsam. aber er erinnert mich an eine alte frau und an einen jungen mann, die eine zeitlang mein leben in einer ostwestfaelischen kleinstadt begleiteten.

    die alte frau war leicht gehbehindert, und da es die zeit vor den rollatoren war, hatte sie sich eine sehr “exzentrische” gehhilfe beschafft: sie schob einfach einen stuhl vor sich her. dabei rief sie laut – aehnlich wie dein pferdeprophet – immer den einen satz: wie er lautete, habe ich vergessen. ich erinnere mich aber sehr gut an ihr halblanges und ungekaemmt um ihren kopf haengendes haar, an das sehr gruene kleid, das sie oft trug, ihren trotz gehhilfe stolzen gang und an ein ebensolches gesicht. sie wirkte voellig entrueckt. irgendwann starb sie.

    die ureinwohner der kleinen stadt, die sie lange kannten, sagten, sie sei einmal eine sehr schoene frau mit vielen liebhabern gewesen. als sie aus einer grossen in diese kleine stadt gezogen sei, nach dem krieg, sei sie schon so “ver-rueckt” gewesen. sie sei in einer bombennacht verschuettet worden und habe stundenlang unter den truemmern gelegen, bis rettung kam. da habe sich dieser eine satz – den ich vergessen habe – gleichsam stellvertretend fuer alle anderen saetze dieser welt in ihr hirn gebrannt und alle anderen ausgeloescht. sie war mit einem sprung stehen geblieben – wie eine uhr, wenn sie einen schlag erhaelt. die gefrorene zeit. vielleicht ist es bei “deinem” exzentriker aehnlich gewesen? die alte frau aus boells “nicht nur zur weihnachtszeit” faellt mir ein. boell, der koelner katholik, liebte die exzentriker ja auch sehr.

    der junge mann lief. er rannte. rannte tagtaeglich durch die kleine stadt, stundenlang, wie getrieben. dabei trug er fast immer dieselbe schmutzige kleidung, haare und fingernaegel waren lang. fast taeglich begegnete ich ihm – im wald, am fluss, zwischen den fachwerkhaeusern der stadt. er sprach mit niemandem, lebte im einfamilienhaus seiner eltern, die ihn einfach gewaehren liessen. es hiess, er sei in der pubertaet ueberfallen und mit einem messer fast zu tode verletzt worden. seit diesem traumatischen erlebnis sei er so. und laufe. rede mit niemandem.

    sieben jahre lang habe ich ihn so laufen sehen. dann zog ich fort. vor kurzem habe ich mich nach ihm erkundigt. er laeuft nicht mehr, hiess es. er rede wieder und hat einen job in einer gaetnerei. sei “normal”. er habe sich mit dem laufen selber “therapiert”, heisst es. ob er jetzt gluecklicher ist? eine geschichte, die ich nicht vergessen kann, ebensowenig wie den einsam und stumm seine bahnen ziehenden geher.

    in dieser kleinstadt habe ich uebrigens in den sieben jahren mehr exzentriker erlebt als jemals zuvor oder danach in grossstaedten. ein mikrokosmos der welt. ich empfehle das leben in kleinstaedten, vor allem den katholischen wie dieser. man ging dort ziemlich entspannt mit den stadtbekannten exzentrikern um und liess sie einfach gewaehren. sie gehoerten, obwohl beiseite stehend und lebend, dazu.

  7. Matta Schimanski Says:

    Das Gehen oder Laufen scheint unweigerlich dazu zu gehören.

    Hier in meinem Stadtteil von Moers läuft ein (relativ junger) Mann herum, immer schnellen Schrittes, immer alle freundlich anlachend. Ob er spricht, weiß ich nicht. Er trägt tagein, tagaus einen blauen oder grünen Overall und eine Umhängetasche. Er hat lange Haare und einen Vollbart, und er scheint immer ein Ziel zu haben, egal wo er sich gerade befindet.

    Ich wüsste gerne, wie und wovon er lebt, aber ich traue mich nicht zu fragen. Warum, weiß ich nicht.

  8. Revierflaneur Says:

    Sehr, sehr schade, dass der eine, einzige Satz der Verschütteten aus weltkinds Bericht vergessen ist, sozusagen “verschütt’ gegangen”. – Essener, die sich noch an den Pferdenarren erinnern, zitieren seinen Satz übrigens oft falsch: “Es gibt keine Pferde mehr in Deutschland.” Inhaltlich ist das ja nahezu das Gleiche. Aber wenn es um das Lebenswerk eines Menschen geht, sollte man ihm zu Ehren mit diesem Erbe schon genau sein.

  9. saraskati Says:

    Endlich noch jemand, der sich an den Pferdemenschen erinnert! Für mich – damals ein Kind/Teenager ein Einblick in eine “andere” Welt, so mitten auf dem Drehkarussel zwischen Hauptbahnhof und Burgplatz, dort sah ich ihn meistens, oft im Gegenstrom zum Einkaufsgetümmel. Sprach er zu mir? Erwartete er eine Antwort? Sollte ich etwas sagen? Wie soll ich mich verhalten?
    Erste Fragen für mich, die ich mich mit ein paar Kröten Taschengeld vom warmen elterlichen Herd in Essen Rüttenscheid für ein paar Stunden vom Acker machen wollte …
    Ja, dieser Mensch verschwand, genau wie alte Drehorgelmann mir dem Äffchen, mehrere Kriegsversehrte (Mama: Guck da nich`so hin!”), denen schon mal sichtbar eine Körperteil fehlte, weggeschossen im Krieg, die Postkarten für 50 Pfennig oder rollenweise Pflaster verkauften, oder der eine oder andere liebe Mensch der es sich gerne gegenüber von Baedecker mit einem Fläschchen Bier gemütlich machte.
    Nein: Deutschland hat keine Menschen mehr, die merken, dass es keine Pferde mehr hat.

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