Kostbar

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Weil unwiederbringlich, jede Sekunde. Davon hat die Minute 60, die Stunde 3.600 und der Tag exakt 86.400. Das stimmt aber nicht ganz, vielmehr ebenso wenig, wie dass das Jahr 365 Tage hat, denn hin und wieder wird, heimlich, still und leise, eine Schaltsekunde eingefügt.

Bei den Schalttagen sind wir da ja noch im Bilde, einen 29. Februar gibt es in allen durch vier teilbaren Jahren, allerdings nicht in den durch 100 teilbaren, aber in den durch 400 teilbaren dann doch wieder. (Darum gab es einen 29. Februar 2000, einen 29. Februar 1900 hingegen nicht.)

Aber die Schaltsekunden folgen leider keiner so gut einprägsamen Regel. 1972 gab es gleich zwei von ihnen, die erste tickte zwischen 23:59:59 Uhr am 30. Juni und 00:00:00 Uhr am 1. Juli; und die zweite quetschte sich zwischen den 31. Dezember 1972, 23:59:59 Uhr, und 00:00:00 Uhr am 1. Januar 1973. In den folgenden sieben Jahren gab es Schaltsekunden jeweils zum Jahreswechsel, 1980 gar keine, dann drei Schaltsekunden in der Jahresmitte usw. Offenbar gehorcht diese Sekundenschalterei keinem einfachen Gesetz. Seit 1999 wurden wir nur mit einer einzigen Schaltsekunde beglückt, nämlich zwischen 1998 und 1999, als die Korken knallten und sich kein Mensch für sie interessierte.

Unterm Datum vom 30. März 1991, das Wetter in Nartum war „schön“, notierte Kempowski in seinem Tagebuch: „Habe heute, Mitternacht, darauf gewartet, daß unsere Funkuhr sich umstellt, tut sie nicht. Die haben eine Zeit herausgesucht, in der man garantiert schläft. Man soll das nicht mitkriegen, daß sie einen eigenen Willen hat.“ (Walter Kempowski: Somnia. Tagebuch 1991. München: Albrecht Knaus, 2008, S. 123.) Die Umstellung von der Winter- auf die Sommerzeit erfolgte eben erst am 31. März um 2:00 Uhr. Wer zusehen will, wie die Zeiger unterm Diktat aus Braunschweig tanzen, muss halt zwei Stunden länger wach bleiben.

Zuletzt hätte man in der Sylvesternacht von 2005 auf 2006 die Chance gehabt, punkt Mitternacht ein einsekündiges Stocken der Funkuhr zu betrachten. Oder kreisten auch da alle drei Zeiger nach einem unerfindlichen Plan? Ich weiß es nicht, ich habe den kostbaren Augenblick verpasst. Seit dem 1. Januar 1970 tickt uns allen ja die Unixzeit. Am vergangenen Mittwoch zeigte diese Uhr die kuriose Zahl von 1.213.141.516 Sekunden an. Darin sind die 23 seither zwischengeschobenen Schaltsekunden natürlich enthalten. – Carpe diem!

3 Responses to “Kostbar”

  1. Günter Landsberger Says:

    Wenn man sich auch nur minutenlang damit befasst, sind die kostbaren Sekunden erst recht vorbei.

  2. Revierflaneur Says:

    Aber doch gut genutzt, oder?

  3. Günter Landsberger Says:

    Warum sollte ich das nicht zugeben? – “Es ist alles Chimäre, aber mich unterhalt’s.”

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