Foul

abseits

Ich interessiere mich nicht für Fußball. Dieses schlichte Bekenntnis bedarf allerdings der Relativierung: Ich interessiere mich insofern nicht für Fußball, als mir herzlich egal ist, ob die deutsche oder die österreichische Mannschaft bei der Europameisterschaft den Einzug ins Viertelfinale schafft. Ausgesprochen interessant finde ich aber, dass diese Frage offenbar für die überwältigende Mehrheit meiner Zeitgenossen und Landsleute in diesen Tagen an allererster Stelle steht.

Warum ist gerade dieses Mannschaftsspiel in Europa und Südamerika so überaus populär, während die US-Amerikaner Baseball, American Football und Basketball, die Kanadier und Russen Eishockey, die Inder und Pakistani Feldhockey bevorzugen? Warum haben Polo, Radball oder Unterwasserrugby nie aus ihrem Schattendasein herausgefunden? Und ließe sich nicht ein völlig neues Mannschaftsspiel ersinnen, dass an Attraktivität für den Zuschauer alle bisher bekannten überträfe?

Das entscheidende Kriterium für den Massenerfolg einer Sportart ist seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ihre Medientauglichkeit. Tischtennis zum Beispiel hat den Vorzug, dass sich jedermann mit geringem Kostenaufwand das Spielfeld in den Garten oder Keller stellen kann. Ein Volkssport par excellence also. Als Fernsehvergnügen eignet sich dieses Ballspiel aber leider gar nicht, dazu ist der weiße Zelluloidball einfach zu klein und zu schnell. Dieses Manko schmälert auch das Vergnügen beim Ansehen von Eishockey-Spielen auf dem Bildschirm erheblich.

Wesentlich für die Durchsetzungsfähigkeit eines Mannschaftsspiels ist zudem die Einfachheit seiner Spielregeln. Deshalb konnte zum Beispiel das wunderbare Cricket der Briten in der übrigen Welt kaum Anhänger finden. Und selbst beim verhältnismäßig schlicht geregelten Fußballspiel verhinderte die Abseitsregel lange Zeit, dass auch die Zuschauerinnen Geschmack an der Sache finden konnten. Das lag natürlich an den männlichen Fußballfans, die nicht willens oder in der Lage waren, ihren Frauen diese Regel zu erklären.

Nachzudenken lohnt es sich für mich auch über die Rolle des Fouls im modernen Fußball. Hier lohnt der Vergleich mit einem anderen in den Medien äußerst erfolgreichen Sportspektakel: dem Formel-I-Rennen im Autosport. Ich konnte mich des Verdachts nie erwehren, dass dessen Faszinationskraft entscheidend von der jederzeitigen Möglichkeit eines schweren Unfalls ausging. Ganz offensichtlich tritt dieses niedere Motiv der Zuschauer ja in den Boxarenen zu Tage. Ein Sieg nach Punkten im Ring ist niemals so befriedigend wie ein blutiger Knock-out. Dass in der Liste der Qualifikationsmerkmale für die K.-o.-Runde bei der Europameisterschaft im Fußball das Fairplay-Verhalten der Mannschaften, also die Zahl der gelben und roten Karten, erst an letzter Stelle vor dem Losentscheid steht, ist eine Konzession an die Sehbedürfnisse und primitiven Instinkte der Zuschauer. Ohne skandalöse Fouls wäre Fußball nur halb so schön. Nicht umsonst firmiert eine der interessantesten Websites zum Thema unter dem ehrlichen Namen „Blutgrätsche“.

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