Eccentrics (III)

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Was die rechte Lebensweise angeht, im besonderen Falle die Frage der richtigen Ernährung, verhält es sich so. Im Mittelpunkt der Normalität formulieren die Diätetiker das Ideal größtmöglicher Ausgewogenheit, „nichts zu viel und nichts zu wenig“. Sie berechnen pro Kilogramm Körpergewicht den idealen Tagesbedarf an Fett, Kohlenhydraten, Proteinen, Vitaminen, Spurenelementen und Ballaststoffen und bereiten uns dann, den Kochlöffel in der Rechten und die Nährstofftabelle in der Linken, unsere täglichen Mahlzeiten.

An den Rändern der Exzentrizität hingegen plädieren messianische Gesundheitsapostel für mehr oder weniger radikale Verzichtserklärungen, für Rohkost, Instinctotherapie, Vegetarismus, Veganismus und eine unüberschaubare Vielzahl von speziellen Diäten, von der Hayschen Trennkost bis zum Heilfasten nach Franz Xaver Mayr. Während letztere sich in aller Regel aber als zeitlich befristete Übergangsphasen zur Gewichtsabnahme, Entgiftung und „Entschlackung“ empfehlen, gehen manche Küchenexzentriker noch einen Schritt weiter und fordern die maßlose Reduktion des Speiseplans gleich lebenslänglich – wie lange auch immer ein solches Leben in der bewussten Beschränkung währen mag.

Ich kannte zum Beispiel mal eine junge Frau, nennen wir sie Liane, die sich etliche Jahre alltäglich ausschließlich von sehr vielen Bananen, wenigen Zitrusfrüchten und mehreren Litern Früchtetee ernährte. Liane war außergewöhnlich schlank, aber durchaus muskulös und geistig auf der Höhe, verfügte, etwa beim Radfahren, über große Ausdauer und litt unter keinerlei chronischen oder akuten Krankheiten. So hatte sie z. B. schon seit Jahren keine Erkältung mehr gehabt. Auf die Frage, ob sie die Eintönigkeit beim Essen nicht als sehr langweilig empfinde, gab Liane sinngemäß zur Antwort: „Essen dient doch nicht der Unterhaltung! Nach Abwechslung verlangt nicht mein Verdauungstrakt, sondern mein Gehirn.“ Ihre eigenwillige Dauerdiät war sehr billig und sparte zudem viel Zeit, die üblicherweise für Einkäufe und Zubereitung draufgeht. Leider kann ich nicht berichten, ob dieser wagemutige Selbstversuch auch langfristig zu keinen Mangelerscheinungen geführt hat, denn ich verlor Liane bald aus den Augen.

Ich musste kürzlich wieder an sie denken, als ich einen Wikipedia-Artikel über den „Aussteiger“ August Engelhardt (1875 – 1919) las. Was für Liane die Bananen, das waren für diesen Exzentriker die Kokosnüsse. Der Nürnberger Sektengründer, der im Alter von 32 Jahren in die Südsee ausgewandert war und das zu Neuguinea gehörige Eiland Kabakon erworben hatte, nannte seine Beschränkung auf ein einziges Nahrungsmittel „Kokovorismus“ und predigte: „Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.“ (Hier zit. nach Johannes W. Grüntzig u. Heinz Mehldorf: Expeditionen ins Reich der Seuchen. München: Elsevier, 2005, S. 233.)

Schon nach wenigen Jahren praktiziertem Kokovorismus musste Engelhardt allerdings ins Hospital von Herbertshöhe auf Papua-Neuguinea eingeliefert werden. Er „wog bei einer Körpergröße von 1,66 Metern nur noch 39 Kilo, litt am gesamten Körper an Krätze, hatte zahlreiche Hautgeschwüre und konnte vor Entkräftung nicht mehr gehen.“ Aber ein überzeugter Heilsbringer lässt sich von solchen Rückschlägen nicht entmutigen. Nach seiner Wiederherstellung fühlte er sich dem erstrebten ätherischen Zustand nur umso näher und setzte seine Kokosnussdiät fort. August Engelhardt starb im Alter von 49 Jahren auf Kabakon, seine Todesursache ist ebenso unbekannt wie seine Grabstätte.

2 Responses to “Eccentrics (III)”

  1. Matta Schimanski Says:

    Vielleicht ist er in eine schmale Erdspalte geflutscht.

  2. Revierflaneur» Blogarchiv » Sonntag, 28. Dezember 2008: Narratorium Says:

    […] Gemüseverneiner, Extrem-Vegetarier, Kokosnußprediger, Kokovorist, Welterlöser” August Engelhardt (S. 284 f.) haben wir bislang gemeinsam auf unserer Liste. (Zugegeben: Ich las diesen Artikel mit […]

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