Last Decision

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Wenn uns von der Natur schon die Entscheidung nicht überlassen wird, ob wir den Nachteil, geboren zu sein, für die irdischen Freuden gleich welcher Art in Kauf nehmen wollen, dann sollte uns das Heer der zum Tode Mitverurteilten doch wenigstens anheim stellen, ob wir uns von der gleichen Natur, die schon einmal unser Schicksal bestimmte, auch ein zweites Mal vergewaltigen lassen wollen – oder ob wir die Selbstbestimmungsrechte, die uns mit diesem unbestimmt befristeten Dasein an die Hand gegeben wurden, dazu nutzen wollen, Hand an uns zu legen und aus dem unbestimmten Datum unseres Abschieds ein bestimmtes, aus freiem Entschluss gewähltes zu machen.

Als immer gegenwärtige Möglichkeit jedes selbstbewussten Individuums unserer kurzfristig so erfolgreichen Spezies eröffnet der Freitod die vielleicht radikalste Perspektive auf das Ideal der Freiheit. Diesen Akt „Selbstmord“ zu nennen und gar als ein Verbrechen unter Strafe zu stellen, enteignet die Person noch ihres allerletzten, unveräußerlichsten, nacktesten Besitzstandes: seines Leibes; indem nämlich die Gemeinschaft dem Einzelnen damit das letztwillige Selbstverfügungsrecht über den eigenen Körper aberkennt – zu dem ja aber doch auch jenes Gehirn, in dem der Entschluss zum gewaltsamen und vorzeitigen Weggang reifte, untrennbar gehört.

Dieses Selbsttötungsverbot mag in früheren Epochen der Menschwerdung im Sinne des Kollektivs begründet gewesen sein, als die Gesamtpopulation von Homo sapiens noch um jedes einzelne Individuum verlegen war. Und selbst mit Blick auf die Zeit der ersten Hochkulturen an Nil, Euphrat und Tigris mag man verstehen, dass die Sklavenhalter ihrem Humankapital mittels schmerzhafter Körperstrafen drohen mussten, um es davor zurückschrecken zu lassen, sich auf kurzem und vergleichsweise schmerzlosem Wege der Arbeitspflicht zu entziehen. Da dies vermutlich nicht immer fruchtete, erfanden die Weltreligionen, allen voran das Christentum, jenseitige Sanktionen hinzu, um ihre Schäflein diesseits im Joch zu halten.

Ein paar tausend Jahre später ist das archaische Relikt des Selbsttötungsverbots – die fortdauernde religiöse und kulturelle Ächtung eines frei gewählten, schmerzlosen Rückzugs aus dem Leben – bloß noch absurd. Angesichts von mehr als 6.000.000.000 Menschen, deren Durst und Hunger, Bewegungsdrang und Unterhaltungsbedürfnis unbegrenzt sind und so die Ressourcen dieses begrenzten Planeten, ob erneuerbar oder nicht, in absehbarer Zeit definitiv verschlingen und vernichten müssen; angesichts dieser Zuspitzung eines unauflöslichen Widerspruches ist jeder frei gewählte, vorzeitige Tod eines Menschen objektiv eine Entlastung, ein kleiner Beitrag zum Naturschutz.

Die Exponentialkurve der „Bevölkerungsexplosion“ wurde durch die epidemischen, natur- oder kriegsbedingten Katastrophen in den letzten tausend Jahren nur schwach gebremst: kleine Knicke, keine Umkehr. Die Tendenz zur Selbstauslöschung unserer raren Spezies wurde durch Pest und Cholera, Erdbeben und Vulkanausbrüche, zwei Weltkriege, Auschwitz und Hiroshima kaum gemildert. (Carl Djerassi mit seiner Antibabypille und die Ein-Kind-Politik der Chinesen leisteten einen mindestens so großen Beitrag zum Ziel: eine durch den Menschen völlig aus der Balance gebrachte Biosphäre neu zu justieren.) Vielleicht ist die letzte Chance, einen auf längere Sicht auch vom Menschen bewohnbaren und von ihm kultivierten Planeten im Sonnensystem zu erhalten, wenn der Freitod künftig nicht mehr als ein Verbrechen und als eine Sünde, sondern als letzte Erfüllung eines frei bestimmten Menschenlebens erkannt wird.

7 Responses to “Last Decision”

  1. Günter Landsberger Says:

    “Vielleicht ist die letzte Chance, einen auf längere Sicht auch von Menschen bewohnbaren und von ihm kultivierten Planeten im Sonnensystem zu erhalten, wenn der Freitod künftig nicht mehr als ein Verbrechen und als eine Sünde, sondern als letzte Erfüllung eines frei bestimmten Menschenlebens erkannt wird.”

    Feiert hier der antike Philosoph Hegesias, der mir als “Peisithanatos”, um nicht zu sagen “Selbsttötungsepidemie-Entfacher”, immer unheimlich war, fröhliche Urständ?
    Sollen sich am Ende gar alle freiwillig umbringen, damit die Erde wieder frei wird vom Menschen? Oder gilt das auf andere Weise wahnhaft nur für einige, die sich uneigennützig zum Opfer bringen? Hier wird doch durch die Hintertür nicht wieder die heidnische Kategorie des Opfers (der wenigen um der vielen willen) eingeführt?

  2. Revierflaneur Says:

    Zu Zeiten des Hegesias betrug die Weltbevölkerung ca. 200 Millionen Menschen, die Einwohner des Stadtstaats Athen entsprachen nach heutigem Maßstab der einer kleineren Mittelstadt wie Apolda. Vor 2300 Jahren mag es berechtigt gewesen sein, Selbstmordepidemien als Bedrohung zu empfinden. Heute (und erkennbar eigentlich schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts) ist die bedrohlichste “Epidemie” auf der Erde für den Rest der Natur und damit auch für den Menschen selbst zweifellos seine ungezügelte Vermehrung. Ein freiwilliger Verzicht (der Lebensüberdrüssigen) wäre allerdings vielleicht die einzige Chance zur Rettung der wenigen, die unsere Biosphäre verkraftet. Stattdessen aber wird selbst jenen, für die nicht der Tod, sondern das Leben ein tägliches Opfer und eine beständige Qual bedeutet, der ersehnte, schmerzfreie Abschied vom Leben durch bewussten Entschluss nahezu unmöglich gemacht. Das Selbsttötungsverbot ist in meinen Augen tatsächlich ein archaisches Relikt aus Zeiten, in denen das Kollektiv noch vom Aussterben bedroht war. Das Überlebenwollen um jeden Preis ist ein starker Trieb, nicht aus unserer heidnischen, sondern aus unserer animalischen Vergangenheit. Und dass wir uns von diesem Trieb durch den freien Geist noch nicht emanzipiert haben, besiegelt vermutlich unseren Untergang.

  3. Günter Landsberger Says:

    Und wenn auch die menschenunwürdigen Tabus als solche verschwinden mögen, es darf dennoch nicht soweit kommen, dass ein pseudomoralischer Druck auf und gegen die erzeugt wird, die noch weiterleben WOLLEN. Es kommt doch wesentlich darauf an, WIE man lebt und weiterlebt. (Das Selbsttötungsverbot ist außerdem schon längst nicht mehr so starr, wie es noch vor Jahrhunderten war.)

  4. Günter Landsberger Says:

    Bist Du, lieber Manuel, denn allen Ernstes der Meinung, dass ein so hoher Prozentsatz der Menschheit an Lebensüberdruss leidet und sich nur von Tabus im Leben halten lässt? Und wenn dies in einigen Ländern der Erde nicht mehr der Fall wäre, wäre das dann ausgerechnet so in den bevölkerungsreichsten Regionen, wo allein sich das auf die weitere Gesamtentwicklung, wenn überhaupt, auszuwirken vermöchte? – Und welcher gelegentlich auftretende Lebensüberdruss ist ganz sicher ein so voraussehbar dauerhafter, dass ein Entschluss zum Freitod zu einem späteren Zeitpunkt nicht doch zurückgenommen werden würde, falls man es da noch könnte? – Den Freitod verantwortlich und autonom zu enttabuisieren ist eine andere Sache als die, von außen einen Erwartungsdruck erzeugen zu wollen. Niemand darf anderen vorschreiben, wann sie gefälligst Lebensüberdruss zu empfinden hätten. Dies wäre jenseits von Religion und Areligiosität und auch jenseits von befragten oder unbefragten geschichtlichen Überlieferungen zutiefst unmoralisch. Zumindest in meiner Beurteilung und für mein Gefühl.

  5. Günter Landsberger Says:

    Zugespitzt gesagt: Das Recht eines jeden Menschen auf den eigenen verantwortbaren Tod gäbe und gibt niemandem das Recht, jene Selbsttötung von einem anderen zu erwarten oder sie ihm direkt oder indirekt nötigend nahezulegen. Auch nicht um eines noch so hehren Menschheitszieles wegen. Die hoffnungsfrohe Verquickung einer zugegeben ernsten individualethischen Frage, die nicht nur die eigene Menschenwürde, sondern vehement auch die nähere und nächste Umgebung betrifft, mit einer ebenfalls ernsten Menschheitsfrage erscheint mir als höchst problematisch, ja als wahnhaft, was den auf diesem Wege erwarteten globalen Effekt angeht.

  6. Günter Landsberger Says:

    Auch Du hast (wie auch immer skeptisch) Deinen “Gott”, lieber Manuel, den einer ökologisch restabilisierten oder allererst zu installierenden Naturharmonie. Einen durchaus fragwürdigen Gott, sofern er von einem bestimmten Punkt ab (welchen subjektiv? welchen objektiv?) – zu welch hohem Zweck auch immer – freiwillige Menschenopfer erwarten zu können glaubt.

  7. Matta Schimanski Says:

    Dass die Selbsttötung einem jeden freigestellt sei, sollte meiner Meinung nach selbstverständlich sein.

    Dass das Leben einem jeden freigestellt sei, auch.

    Was ich mit mir selber mache, ist doch meine Sache (sollte es zumindest sein), solange niemandem sonst Schaden zugefügt wird. Und da fängt die Sache an, haarig zu werden. Ab wann füge ich, zum Beispiel meinen Kindern oder sonstigen mir sehr nahe stehenden Personen, durch meine Selbsttötung Schaden zu? Wann überwiegt der Schaden, den ich mir (und/oder anderen?) durch mein Weiterleben zufügen würde?

    Ich glaube außerdem nicht, dass das “Heer” der Selbsttötungswilligen so groß ist, dass sie bei Durchführung ihres Vorhabens bevölkerungspolitisch irgendetwas bewirken würden, wenn man mal diesen etwas sehr zynischen Blickwinkel einnehmen will.

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