Archiv für Mai 2008

Adolf Goers

Montag, 19. Mai 2008

goers

Nachdem Hans Siemsen im Januar 1934 die Flucht nach Paris geglückt war, lernte er dort im Februar 1936 den ebenfalls aus Deutschland geflohenen 21-jährigen Walter D. kennen und verliebte sich in ihn. Im Jahr darauf verarbeitete Siemsen dessen Erlebnisse in der Hitlerjugend zu seinem letzten Buch: Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers. Obwohl sich Alfred Döblin für eine Publikation verwendet, erscheint dieser entlarvende Bericht über die Methoden des NS-Staates bis zum Kriegsende lediglich in einer englischen Übersetzung (Hitler Youth, 1940). Als der Düsseldorfer Komet-Verlag 1947 endlich die deutschsprachige Originalausgabe auf den Markt bringt, findet das Buch kaum noch Leser. Die Deutschen haben nach dem verlorenen Krieg andere Sorgen und wollen ihren schrecklichen Irrtum so schnell wie möglich vergessen.

Über die Geschichte der Hitlerjugend gibt es mittlerweile mehrere ausführliche Monographien, die die Organisationsstruktur und die demagogischen Erfolgsrezepte dieser nationalsozialistischen Jugendorganisation in allen wesentlichen Details transparent werden lassen. Siemsens Erfahrungsbericht eines Betroffenen übertrifft jedoch in seiner subjektiven Unmittelbarkeit, in der beklemmenden Schilderung der Gewissensnöte eines Heranwachsenden naturgemäß jede dieser nüchternen, streng sachbezogenen Darstellungen der HJ.

Zudem thematisiert das Buch, für seine Zeit ein zusätzliches Wagnis, die Homosexualität als verdrängte und doch untergründig wirksame Triebkraft solcher männerbündischen Zusammenschlüsse. „Ich komme nun zu einem peinlichen und heiklen Kapitel.“ So leitet Siemsen diese Passagen gegen Ende seines letzten Buches ein. „Ich spreche nicht gern davon. Aber es muß sein. Die Homosexualität spielt in der HJ eine große, eine wichtige, nicht eine nur zufällige Rolle.“ (Dass Klaus Theweleit 1977 in seinen Männerphantasien diese Passagen von Siemsens Buch nicht berücksichtigt hat, kann ich mir nur damit erklären, dass er es schlicht nicht kannte.)

Vielfach musste Siemsen Personennamen fälschen, um niemanden, der noch im „Dritten Reich“ lebte, zu gefährden. Manchmal trog ihn auch sein Gedächtnis, so z. B. als er den jugendlichen Hauptdarsteller im Propagandafilm Hitlerjunge Quex (1933) Jürgen Ried nennt. Das war vielmehr der Titel eines Romans von Erich Ebermayer (1931). Tatsächlich hieß der spätere Geliebte des Reichsjugendführers Baldur von Schirach Jürgen Ohlsen. An vielen überprüfbaren Stellen beweist der Autor hingegen ein gutes Gedächtnis für Namen und Zusammenhänge, so im Falle des ohne sein Wissen der SS einverleibten Turnierreiters Axel Holst. Man kann Siemsen vertrauen, dass seine Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers größtenteils auf Tatsachen beruht.

Im Juni 1941 traf Hans Siemsen, dem zuvor mit knapper Not die Flucht von Paris nach Marseille gelang, in New York ein. Auch sein Freund Walter D. entkam über den Atlantik den Verfolgern, landete aber in Kuba. Die Trennung von seinem Geliebten gab Siemsen vermutlich den Rest. Er verfiel dem Alkohol, kehrte erst Ende der 1940er-Jahre nach Deutschland zurück und starb am 23. Juni 1969 in einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt in Essen-Holsterhausen, ohne je wieder eine Zeile veröffentlicht zu haben.

Heftig

Sonntag, 18. Mai 2008

Alle paar Jahre überraschen mich meine Söhne mit einem neuen Adjektiv zur modischen Bekräftigung ihrer Begeisterung oder Entrüstung – wobei nicht immer trennscharf zwischen diesen gegensätzlichen Gemütsbewegungen zu unterscheiden ist.

Ob „geil“ oder „cool“ oder „krass“ – unsereiner kann selbst aus dem Vergleich des jeweiligen kontextuellen und situativen Umfelds keine Schlussfolgerungen auf die präzise Bedeutung dieser jugendsprachlichen Modewörter ziehen.

„Voll peinlich“ finden die Nachwachsenden es, wenn wir Gruftis solche Vokabeln in unseren altertümlichen Sprachschatz übernehmen. Das kann ich gut verstehen, oder, um ein Modewort aus meiner Jugend zu gebrauchen: nachvollziehen. Solche linkischen Anbiederungsversuche der Elterngeneration nötigten mir auch allenfalls ein müdes Lächeln ab, als ich im Alter meiner Söhne war.

Jemand aus der Großvätergeneration, der das noch nicht begriffen zu haben scheint, kündigt nun an, die Welt in Bälde mit einer „heftigen Rede“ aus den Fugen bringen zu wollen. Sein Name? Osama bin Laden, Jahrgang 1957. Da klingeln mir doch die Ohren. Finden nicht meine Söhne seit einigen Monaten so allerlei „ziemlich heftig“?

Aber vermutlich handelt es sich hier um einen Übersetzungsfehler – oder der Autor des Spon-Artikels ist ein Praktikant, Jahrgang 1987. Ich persönlich werde das Adjektiv „heftig“ jedenfalls auch künftig nur in einem einzigen kontextuellen und situativen Umfeld gebrauchen: wenn es verhältnismäßig stark regnet.

Achtzüger

Sonntag, 18. Mai 2008

Neulich gelang mir in der Schacharena als Schwarzer ein Matt in nur acht Zügen, gar gegen einen Kontrahenten mit höherer ELO-Zahl. Ich begnete dem Königsspringerspiel

1. e2 – e4 1. e7 – e6

2. Sg1 – f3

mit der Philidorverteidigung

2. d7 – d6,

benannt nach dem berühmten französischen Schachtheoretiker François-André Dancian Philidor (1726 – 1795). Die übliche Erwiderung hierauf wäre 3. d2-d4 gewesen, aber mein Gegner zog stattdessen

3. Lf1 – c4.

Dies hat, wie ich später nachlas, ein gewisser Rodzinski 1913 in Paris gegen den späteren Weltmeister Aljechin versucht, und wie Letzterer antwortete ich mit

3. Sb8 – c6.

Statt nun aber wie seinerzeit Rodzinski mit 4. c2 – c3 fortzusetzen, spielte mein Gegner den Damenbauern:

4. d2 – d3.

Anschließend zeigte sich wieder einmal, wie perplex routinierte Spieler werden können, wenn die in grauer Theorie ausgetretenen Pfade verlassen werden:

4. Sg8 – f6

5. Sf3 – g5 5. Sf6 – g4

6. Sg5 x f7 6. Dd8 – h4

7. g2 – g3 7. Dh4 – f6

8. Sf7 x h8 8. Df6 x f2 matt.

Einerseits schade, denn es hätte mich schon interessiert, wie die Partie nach einem sinnvolleren weißen Zug wie 8. f2 – f3 weitergegangen wäre.

Andererseits freut einen ja ein solcher Husarenstreich abseits der Hauptkampflinien doch über alle Maßen. Dilettantenschach ist in seltenen Glücksfällen und auf unerforschten Nebenwegen wie diesem gelegentlich amüsanter als das schnurgerade Spiel der Großmeister.

[Diesen Beitrag widme ich Gerd Gockel-Feldmann.]

Geschützt: PBF I

Samstag, 17. Mai 2008

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Siemsen über Chaplin

Donnerstag, 15. Mai 2008

chaplin

Vorgestern habe ich so allerlei von Hans Siemsen aus Antiquariaten über ZVAB bestellt. Endlich war zum Beispiel die dreibändige Werkausgabe aus dem Essener TORSO-Verlag im Angebot, nicht billig, aber in bester Erhaltung, nahezu wie neu. Eine Stunde später schellte das Telefon. Ein Essener Antiquar war dran und fragte, ob ich das eben georderte Chaplin-Bändchen von Siemsen nicht persönlich bei ihm abholen wolle. Schließlich seien es ja nur zehn Minuten zu Fuß und so würde ich mir doch die Portokosten sparen. Das nenne ich Service.

Gestern dann hielt ich das noch nicht mal 50 Seiten starke Heftchen von 1924 in Händen, die erste Veröffentlichung über Chaplin in deutscher Sprache überhaupt, erschienen im Feuer-Verlag zu Leipzig, mit 18 Bildern nach Film-Ausschnitten, „Der Sammlung Meister zweiundzwanzigster Band“. Der vordere Umschlag war leicht knickspurig, der schmale Rücken etwas lädiert, der Preis aber völlig angemessen.

Ich setzte mich auf eine Parkbank im nahen Stadtgarten und las: „Ich muß von Osnabrück nach Bremen fahren.“ Das ist als erster Satz in einem Büchlein über den berühmtesten Stummfilmstar der Welt einigermaßen ungewöhnlich. Weiter geht ’s: „Und ich habe nicht soviel Geld, daß ich D-Zug fahren kann.“ Aha, da lässt sich ein Zusammenhang immerhin vorstellen. Charlie tritt ja in seinen Slapsticks vorzugsweise als Habenichts auf. Gibt es nicht einen Film, in dem er als Hobo, als „schwarzer Passagier“, auf dem Tender durch die Lande reist?

Nun aber folgen Siemsens dritter und vierter Satz: „Das heißt, vielleicht habe ich soviel Geld. Ich darf es nur nicht für den D-Zug ausgeben.“ Indem ich das lese, sehe ich den Autor an einer klapprigen Schreibmaschine sitzen, an einer ,Gabriele‘ von Triumph oder an einer ,Erika‘ von Seidel & Naumann. Nachdem Siemsen fein säuberlich und tippfehlerfrei seine ersten beiden Sätze zu Papier gebracht hat, fällt ihm ein, dass der zweite Satz eigentlich, „vielleicht“ nicht ganz den Tatsachen entspricht. Und so schreibt der um Wahrheit bemühte Schriftsteller einen dritten und vierten Satz, um die Sache zurechtzurücken.

Und heute? Ich z. B. würde den zweiten Satz im Handumdrehen auf dem Monitor löschen und nun schreiben, wie es sich tatsächlich verhielt. Aber was ginge dabei verloren! Die kleine Flüchtigkeit, deren Korrektur doch gerade den Charme dieses Erzählens ausmacht – sie verschwände auf Nimmerwiedersehen im digitalen Nirwana. Wenn ich Siemsens Prosa lese, dann wird mir bewusst, dass unser heutiger Schreibkomfort neben vielen Vorzügen auch seine Nachteile hat. Diese Umwegigkeit, diese sanften Schlenker, wie er mal rechts, mal links vom Pfad abkommt, um dann über Stock und Stein zurückzufinden – das entspricht doch eigentlich dem Wesen eines Flaneurs weit eher als die Gradlinigkeit, der Zeilengehorsam meiner disziplinierten Schreibweise am „Rechner“. Tempi passati! Wenn die Not nicht mehr herrscht, sind auch die aus ihr geborenen Tugenden unrettbar verloren.

Frauenmarathon

Mittwoch, 14. Mai 2008

hilary

Etliche Läufer, die zwei Stunden zuvor putzmunter an den Start gegangen waren, lagen bereits keuchend am Rande der Strecke. Der weite Abstand zwischen dem Spitzenreiter und seiner Verfolgerin blieb nahezu unverändert. Selbst ihre eigenen Betreuer zuckten nur noch mit den Achseln, wenn sie von den wegelagernden Reportern nach den Gewinnchancen der Zweitplatzierten befragt wurden.

Der Blick der Verfolgerin war starr nach vorn gerichtet. Je aussichtsloser die Aufholjagd für sie wurde, desto verbissener glaubte sie an den Sieg. Sie musste jetzt siegen, sie hatte alles auf eine Karte gesetzt. Und war sie nicht schon einmal durch die Hölle völliger Aussichtslosigkeit gegangen, als niemand daran glaubte, dass sie noch die Spur einer Chance hätte, den Sieg gegen einen offenbar übermächtigen Gegner davonzutragen? Und war ihr damals denn nicht genau dieses „Unmögliche“ geglückt?

Freilich war der Unterschied nicht zu übersehen. Damals war ihr Widerpart die öffentliche Meinung gewesen, angeheizt aus dem Lager des Feindes. Jetzt aber kämpfte sie nicht gegen den eigentlichen Feind, sondern gegen einen Teamkollegen auf dem Weg zur Qualifikation für den Endlauf. Dies war schließlich erst das Semifinale, das Rennen um die Landesmeisterschaft stand ja noch bevor.

Der Mann da vorn musste sich ebenso verausgaben wie sie. Würde sie aufgeben, dann könnte er Kräfte sparen für das Finale. Aber sie konnte nicht das Handtuch werfen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Wer hatte das noch gesagt? Horaz? Es war ein weiter Weg gewesen bis zu diesem vorläufig zweiten Platz, den sie nur erreichen konnte, weil sie in tausend ähnlich aussichtslosen Situationen durchgehalten hatte. Und selbst wenn er längst uneinholbar vorn lag, so konnte er ja immer noch stolpern und straucheln.

Auf Leben und Tod. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, / nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ Aber doch hieß es auch in einem Märchen: „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal.“ Sie hörte ihr eigenes Hecheln wie von sehr weit her. Gab es überhaupt ein Ziel? Es musste ja ein Ziel geben. Wo sonst sollte sie die ehernen Worte sprechen, die ihr schon so lange auf den Lippen lagen: „Freut euch, wir haben gesiegt!“ Und so lief sie dahin.

Achtziger

Dienstag, 13. Mai 2008

ich

Ich bin gebeten worden, für Westropolis einen Blogbeitrag über die Literatur der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu schreiben. Abgesehen mal davon, dass es ja zweifelhaft scheinen könnte, Literaturgeschichte nach der Willkür des Dezimalsystems zu strukturieren; abgesehen auch davon, dass fälschlicherweise die Jahrzehnte nach der Zehnerziffer gerechnet werden, tatsächlich aber z. B. das vorletzte Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends nach Christi exakt vom 1. Januar 1981 bis zum 31. Dezember 1990 dauerte; abgesehen davon, dass Literatur ein eher unscharfer Begriff ist und fraglich bleibt, ob damit nun ausschließlich die sog. „Schöne Literatur“, also die Belletristik, gemeint sein oder ein viel weiteres Feld abgeschritten werden soll – die Aufgabenstellung hat ja trotz (oder vielleicht gerade wegen?) dieser Ungenauigkeiten durchaus ihren Reiz.

In den 80ern war ich ein junger Mann, zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig. War ’s die beste Zeit meines Lebens? In diesen schon so fernen Jahren, von 1980 bis 1991, kamen meine fünf Kinder zur Welt. Ich arbeitete als Buchhändler bei Baedeker an der Kettwiger Straße, in wechselnden Positionen. Unsere junge Familie zog in unserer Heimatstadt Essen zweimal um: von Holsterhausen nach Werden, von Werden in den Stadtwald. Ich begann die Veranstaltungsreihe meiner „Literarischen Soireen“. Und unterdessen fand ich noch genug Zeit zum Lesen, denn schon damals verzichtete ich dankend auf minderwertigen Zeitvertreib. Man lebt schließlich nur einmal.

Und sonst? Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan und der Beginn des ersten Golfkriegs zwischen Iran und Irak lassen das Dezennium mit Säbelgerassel beginnen, die Wahl eines B-Movie-Revolverhelden zum Präsidenten der USA folgt auf dem Fuße. Die Anerkennung von AIDS als epidemische Seuche lässt sich global ebensowenig vermeiden wie national Kohls Kanzlerschaft. Gorbatschow verkündet zur Halbzeit des Jahrzehnts Glasnost und Perestroika und läutet damit das Ende des „Kalten Krieges“ ein, bevor im ukrainischen Tschernobyl der Kommunismus russischer Prägung seinen Todesstoß empfängt und der Kommunismus chinesischer Prägung sich nicht anders zu helfen weiß als mit einem Massaker auf dem „Platz des himmlischen Friedens“. Dann fällt die Berliner Mauer. Das war ’s.

War ’s das? Vielleicht im großen Rahmen der Politik. Im kleinen Rahmen, in unseren Wohnzimmern und Küchen fanden andere Veränderungen statt. Anrufbeantworter, Videorekorder und Mikrowelle halfen uns bei der ökonomischen Verwaltung unserer Arbeits- und Freizeit. Weil die Zeit immer knapper wurde, bekam McDonald’s als erste Fastfood-Kette seine Chance auch in “Old Europe” – und nutzte sie: „Gut, daß es McDonald’s gibt.“ So lautete 1982 der Slogan in Deutschland; und 1987: „Der Platz wo Du gern bist, weil man gut ißt.“ Das Privatfernsehen sorgte mit seinen Werbeunterbrechungen dafür, die Generation A (für Adipositas) heranzuzüchten, während das Krümelmonster aus der Sesamstraße in den Öffentlich-Rechtlichen vormachte, wie der Kalorienfraß ins Maul gestopft wird. Alles eins?

Der Rückblick auf die Literatur dieses Jahrzehnts gewährt eine der wenigen trostspendenden Perspektiven, die ich meinen besten Lebensjahren, unabhängig vom Paradies der Privatheit, abzugewinnen vermag. Aber davon werde ich, „wie gesagt“, an anderer Stelle berichten. Die genialste Erfindung der 1980er-Jahre war aus meiner Sicht übrigens Rubik’s Cube, ebenso zwecklos wie simpel – die literarischen Erfindungen dieses Jahrzehnts allerdings nicht gerechnet.