Archiv für Mai 2008

Gizeh (IV)

Sonntag, 25. Mai 2008

gizeh

Auch der literaturbeflissene Arzt im Ruhestand Geoffrey Braithwaite, Ich-Erzähler in Julian Barnes’ Roman Flaubert’s Parrot (1984), hat sich seine Gedanken gemacht, was genau in der Morgendämmerung des 8. Dezember 1849 auf dem Plateau der Cheopspyramide geschah: „Die aufgehende Sonne ließ die obersten Steine der Pyramide aufleuchten, und als Flaubert an sich hinunterblickte, bemerkte er eine kleine festgepinnte Geschäftskarte. ,Humbert, Frotteur‘, stand dort zu lesen sowie eine Adresse in Rouen.“ (Julian Barnes: Flauberts Papagei. Roman. A. d. Engl. v. Michael Walter. Zürich: Haffmans Verlag, 1987, S. 97.) – Merkwürdig, in meiner Übersetzung der Reisetagebücher von Flaubert ist von Rouen nichts zu lesen.

Braithwaite fährt fort: „Ein Moment perfekt ins Ziel gelenkter Ironie. Und ein modernistischer Moment: Wie hier das Alltägliche ins Erhabene hineinpfuscht, ist doch die Art von Wechselspiel, die wir als typisch für unser abgebrühtes, nicht übers Ohr zu hauendes Zeitalter beanspruchen. Wir danken Flaubert, daß er das aufgegriffen hat; die Ironie existierte gewissermaßen erst dann, als er sie wahrnahm. Andere Besucher hätten in der Geschäftskarte vielleicht nur ein Stück Abfall gesehen – sie hätte jahrelang dort bleiben können, die Stecknadeln wären langsam vor sich hin gerostet; aber Flaubert verlieh ihr eine Funktion.“ (Ebd., S. 97 f.) – In einem Punkt irren Braithwaite resp. Barnes. Es gab zuvor mindestens einen „anderen Besucher“, sensibel genug für die Empfindung, dass an diesem erhabenen Ort Werbung für Bohnerwachs und fürs Bohnern zu treiben einem Akt kaum noch zu überbietender Profanierung gleichkommt. Sein Name: Gérard de Nerval.

Der folgende Absatz von Braithwaite resp. Barnes gibt mir ein Rätsel auf: „Jetzt kommen wir zur Ironie der Ironie. Aus Flauberts Reisenotizen geht hervor, daß Monsieur Frotteur die Geschäftskarte nicht selbst dort festgepinnt hat; der wendige und vorsorgliche Maxime Du Camp brachte sie an; er war in der violetten Nacht vorausgeflitzt und hatte diese kleine Mausefalle für seines Freundes Sensibilität aufgestellt. Mit diesem Wissen verschieben sich die Gewichte in unserer Reaktion: Flaubert wird schwerfällig und berechenbar; Du Camp wird zum geistreichen Kopf, zum Dandy, der dem Modernismus ein Schnippchen schlägt, noch bevor sich der Modernismus erklärt hat.“ (Ebd., S. 98.) – Ich konnte trotz gründlicher Suche keine Stelle in Flauberts Reisenotizen entdecken, aus der dergleichen hervorginge. Vielleicht handelt es sich ja nur um einen kleinen Flüchtigkeitsfehler und die Quelle für diese Täuschungsgeschichte heißt in Wahrheit Les lettres d’Egypte (1965)? Der nächste Absatz aus Flauberts Papagei könnte jedenfalls darauf hindeuten:

„Greifen wir zu Flauberts Briefen, dann entdecken wir, daß er einige Tage nach dem Ereignis seiner Mutter über die sublime surprise dieser Entdeckung schreibt. ,Und wenn ich mir überlege, daß ich diese Karte eigens von Croisset mitgenommen und sie nicht einmal selbst dort angebracht habe! Der Halunke [Maxime Du Camp] hat meine Vergeßlichkeit ausgenutzt und diesen Glücksfall von Geschäftskarte auf dem Boden meines Chapeau claque entdeckt.‘ Es wird also noch merkwürdiger; als Flaubert von zu Hause aufbrach, bereitete er schon die special effects vor, die dann später als so überaus typisch für seine Art, die Welt wahrzunehmen, wirken würden.“ (Ebd., S. 98 f.)

Da ich – offenbar im Unterschied zu Braithwaite resp. Barnes – die ältere Stelle von Nerval kenne („[...] ein Bohnerwachshändler von der Piccadilly hat sogar auf einem ganzen Block sorgfältig die Vorzüge seiner durch das improved patent von London geschützten Erfindung eingravieren lassen.“), wage ich mal die Vermutung, dass Flaubert sie ebenfalls kannte und durch sie dazu inspiriert wurde, in seinem Chapeau Claque die Visitenkarte des Bohnerers aus Rouen von Croisset auf die Spitze der Pyramide zu tragen. Noch einmal Braithwaite resp. Barnes: „Ironien breiten sich aus; Realitäten weichen zurück. Und, nur mal interessehalber, warum eigentlich nahm er seinen Chapeau claque mit zu den Pyramiden?“ – Pourquoi pas!

Gizeh (III)

Samstag, 24. Mai 2008

miserables

Wer kennt sie nicht, Les Misérables, seit sie zu Beginn der 1980er-Jahre die Musical-Bühnen der Welt eroberten. Seither haben mehr als fünfzig Millionen Menschen das Stück gesehen, das in 38 Ländern und 227 Städten zur Aufführung kam. Damit es alle verstanden, wurde es in 23 Sprachen übersetzt. Auf den Programmzetteln konnte man lesen, dass es auf dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo „basiert“. Diesen Roman, der in der vollständigsten deutschen Übersetzung 1500 Seiten dick ist, auf eine Spieldauer von drei Stunden zu verkürzen, das ist ungefähr so, als wollte man die Schöpfungsgeschichte in einem einzigen Satz zusammenfassen: Es werde Licht!

Wenn nach einer der zahlreichen Aufführungen des Spektakels von Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto) das Licht angeht, dann wissen die Zuschauer weniger als nichts von diesem Jahrhundertbuch. Der sing- und tanzbare Extrakt, der sich mit viel Pomp und wenig Geist zum Ticketpreis von 30 Euro für mittlere Plätze farbenprächtig und klangvoll über das nun frenetisch applaudierende Publikum ergossen hat, ist im Lichte der Lektüre von Victor Hugos Roman aus dem Jahre 1862 betrachtet nur der schwache Abglanz eines fahlen Schattens: ein Nichts. Zum gleichen Preis wären in jeder gut sortierten Buchhandlung zehnmal mehr Stunden intensivsten Lesevergnügens zu erstehen gewesen. Aber lassen wir das, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen.

Im ersten Buch des dritten Teils seines Romans, „Paris in einem Sonnenstäubchen“ überschrieben, singt Hugo das Loblied auf die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, wie Walter Benjamin Paris einmal genannt hat: „Paris kennt keine Grenzen. […] Wie wunderbar ist solch eine Stadt! […] Paris besitzt einen unübertrefflichen Frohsinn. […] Es ist gewaltig. […] Es macht aus seiner Logik den Muskel des einmütigen Willens. Es vervielfacht sich in allen Formen des Erhabenen. […] Es ist überall, wo die Zukunft anbricht, […] es strahlt das Hochherzige über die Erde aus. […] Seine Bücher, sein Theater, seine Kunst, seine Wissenschaft, seine Literatur und seine Philosophie sind die Handbücher der Menschheit. […] Es läßt seine Sprache die ganze Welt sprechen, und diese Sprache wird der Logos. Es bildet in allen Geistern den Fortschrittsgedanken heraus. Die befreienden Lehren, die es erdenkt, tragen die Generationen im Herzen, und mit der Seele seiner Denker und Dichter sind seit 1789 alle Helden aller Völker gezeugt.“ (Victor Hugo: Die Elenden. A. d. Frz. v. Paul Wiegler u. Wolfgang Günther. Berlin: Verlag Volk und Welt, 1990, Zweiter Band, S. 23 – 25.)

Wie will man das singen? Wie will man das tanzen? Und wie soll man den plötzlichen Bruch auf einer Musicalbühne darstellen, der mit dem nächsten Satz wie Blitz und Donner mitten in diese Lobeshymne niederfährt. Dieser Satz lautet in der Übersetzung: „Demungeachtet führt es sich wie ein Gassenjunge auf, und dieses gewaltige Genie, das Paris heißt und die Welt durch sein Licht verändert, schmiert mit einem Stück Kohle Bouginiers Nase auf die Mauer des Theseustempels und schreibt ,Crédeville ist ein Dieb‘ auf die Pyramiden.“

Da hat sich also Victor Hugo aus Gérard de Nervals Voyage en Orient (1851) bedient und dabei kurzerhand das anonyme Grafitto der Nase von Bouginier – wer mag das wohl gewesen sein? – von der Plattform der Cheopspyramide bei Gizeh aufs athenische Hephaiston verlegt, das auch Thesaion oder Theseum genannt wird. So ein kleiner diebischer Gassenjunge und Fälscher, dieser Victor Hugo!

Gizeh (II)

Freitag, 23. Mai 2008

birne-louis

Was meine Bibliothek mal wieder hergibt! Eben entdecke ich, dass auch Gustave Flaubert die Cheopspyramide erklommen hat. Er brach in Gesellschaft seines Freundes Maxime Du Camp als 28-Jähriger Anfang November 1849 zu seiner Orientreise auf, nur sieben Jahre nach Gérard de Nerval und auf der gleichen Route: von Marseille aus mit Zwischenaufenthalt auf Malta über Alexandria nach Kairo. Am Samstag, dem 8. Dezember in der Frühe beginnt der Aufstieg des korpulenten und schwächlichen Stubenhockers auf die Cheopspyramide:

„Von den Steinen, die in einer Entfernung von zweihundert Metern die Größe von Pflastersteinen zu haben scheinen, sind selbst die kleinsten drei Fuß hoch; meist gehen sie einem bis an die Brust. Wir steigen an der linken Kante hinauf (der, die der Chephren-Pyramide gegenüber liegt); die Araber schieben mich, ziehen mich, ich kann kaum vorwärts; es ist zum Verzweifeln vor Anstrengung. Ich mache fünf oder sechs Mal unterwegs halt; Maxime ist vor mir und kommt schnell vorwärts. Endlich lange ich oben an. Wir müssen eine gute halbe Stunde auf den Aufgang der Sonne warten. […] (Auf der östlichen Seite finde ich ,Humbert Frotteur‘, mit Stiften an den Stein geheftet. – Erregter Zustand Maximes, der das sogleich herbeigeholt und vor Atemlosigkeit umzukommen geglaubt hatte.) […] Man ärgert sich über die Menge Namen von Dummköpfen, die überall angeschrieben sind: oben an der großen Pyramide steht ein Buffard, Rue Saint-Martin 79, Tapeten-Fabrikant, in schwarzen Buchstaben; ein enthusiastischer Engländer hat ,Jenny Lind‘ angeschrieben; weiter sieht man eine Birne, die Louis-Philippe vorstellt […].“ (Gustave Flaubert: Die Reisetagebücher 1849 – 1850. A. d. Frz. v. Eduard Wilhelm Fischer. Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1993, S. 71 – 75.)

Wie sich die Bilder gleichen. Was aber ist genau ein Frotteur? Nach Meyers Konversationslexikon ist das „einer, der frottiert, auch den Fußboden bohnt“ (Leipzig und Wien: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1885 – 1892, 6. Bd., S. 754). Erinnert insofern Monsieur Humbert nicht sehr an den namenlosen „Bohnerwachshändler von der Piccadilly“ bei Nerval? Welch merkwürdiger Zufall!

Die schwedische Nachtigall Jenny Lind, für die u. a. Hans Christian Andersen längere Zeit entflammt war, hatte seit ihrem ersten Auftritt in Berlin 1844 in halb Europa als Opernsängerin für Furore gesorgt. Dass Louis-Philippe, der letzte König der Franzosen, vorzugsweise als Birne karikiert wurde, ist ja allgemein bekannt.

Wie sagt doch der Prediger Salomo: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, / und was man getan hat, wird man wieder tun: / Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ In den 1980er-Jahren war es ein deutscher Herrscher, dessen Kopfform die Karikaturisten an das Kernobst erinnerte. Und als vor wenigen Jahren der Reisende Rolf Potts die Stufenpyramide von Sakkara besuchte, musste er feststellen, dass Graffitikünstler noch immer ihre respektlosen Spuren auf den ehrwürdigen Zeugnissen des Altertums hinterlassen: „At Zoser‘s step pyramid, my thoughts are interrupted by a fresh carving in the limestone near the bottom: ‘Edward, 1/1/2000,’ it reads. And beneath that, ‘Fuck you.’“ (Uncovering Cairo, 2003.)

Was ist das denn jetzt?

Donnerstag, 22. Mai 2008

insekt

Wann immer sich in meine Arbeit Routine einschleicht, werde ich misstrauisch. Das kann es doch noch nicht gewesen sein. Dann lege ich die Latte, wenngleich nicht ohne Bangigkeit, etwas höher. Die täglichen Intimitäten fließen mir mittlerweile verdächtig leicht aus den Flossen in die Tasten. Höchste Zeit also, eine neue Kategorie anzulegen.

Der Erfolgsroman des zwielichtigen Freikorpskämpfers Ernst von Salomon ist Grund genug, meinen Hürdenlauf über die Interrogativpronomina – wer, wen, wem, welche, wessen, was, wann, warum, wieso, weshalb, wozu, womit, wodurch, wie, wo, woher, wohin, wieviel – vorzugsweise englisch zu benamsen.

Andererseits sind solche Vorbehalte doch selbst wieder fragwürdig. Schließlich ist der Verfasser des ersten Bestsellers der Nachkriegszeit zehn Jahre später reumütig bei den Kranichfaltern eingekehrt. Diese Frage bleibt vorläufig offen – der Titel steht dennoch fest: Questionnaire. Eine unregelmäßige Irritation.

Gizeh (I)

Donnerstag, 22. Mai 2008

gerard_de_nerval

Den Reisekoffer habe ich vor Jahren schon zum Blumenkasten umfunktioniert. In Istanbul war es mir viel zu heiß und in Oslo viel zu kalt. Außerdem fehlte mir meine Bibliothek, vom ersten bis zum letzten Tag jeder meiner wenigen touristischen Eskapaden. Neapel sehen und sterben? Ach was, dieses widerstrebt mir fast noch mehr als jenes, sein einziger Vorteil ist demgegenüber seine Vermeidbarkeit. Zudem spart meine anachronistische Immobilität Geld und schont die Umwelt. Auch Psalm 37 bekräftigt mich in meiner Reiseaskese: „Hoffe auf den Herrn und tue Gutes, / bleibe im Lande und nähre dich redlich.“

Das durchs Daheimbleiben gesparte Geld habe ich in den Erwerb kostbarer und köstlicher Bücher gesteckt, auch in etliche Reisebeschreibungen früherer Zeiten, als die heute üblichen heuschreckenschwarmartigen Heimsuchungen aller bekannten Sehenswürdigkeiten unseres Planeten noch nicht zur globalen Erwärmung beitrugen und Treibhauseffekte allenfalls in den Orangerien des europäischen Hochadels zu beobachten waren.

So brach Anfang des Jahres 1843 ein gewisser Gérard Labrunie, der sich seit 1831 Gérard de Nerval nannte und unter diesem Namen in die Literaturgeschichte eingegangen ist, zu einer Reise in den Orient auf. Zwei Jahre zuvor hatten sich erste Anfälle von Wahnsinn bei dem Dichter und Faust-Übersetzer bemerkbar gemacht. Von Marseille aus erreicht er über Malta Alexandria und Kairo. Bevor er sich von dort aus Mitte Mai 1843 auf den Weg nach Beirut begibt, besucht er noch die Pyramiden von Gizeh. „Je näher man herankommt, desto kleiner werden die Kolosse. Das ist ein perspektivischer Effekt, der zweifellos daher rührt, daß sie ebenso breit wie hoch sind. Erreicht man jedoch ihren Fuß, den Schatten dieser von Menschenhand geschaffenen Berge, ergreift einen Bewunderung und Schrecken zugleich. Um zur Spitze der ersten Pyramide zu gelangen, heißt es eine Treppe zu erklimmen, von deren Stufen jede ungefähr einen Meter hoch ist. […] Ich bekam vier Leute zu meiner Führung und um mir während meines Aufstiegs behilflich zu sein. Zuerst konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie ich Stufen erklimmen sollte, von denen mir allein die erste bis zur Brust reichte. Doch im Handumdrehen hatten sich zwei der Araber auf dieses gigantische Fundament geschwungen und meine Arme ergriffen. Die beiden anderen schoben mich unter den Achseln an, und alle vier sangen bei jeder Bewegung dieses Manövers im Gleichklang den mit dem alten Refrain Eleyson endenden arabischen Vers. Ich zählte auf diese Weise zweihundertundsieben Stufen, und es dauerte kaum mehr als eine Viertelstunde bis zur Plattform. […] Die Aussicht von dieser Plattform ist überwältigend, wie sich denken läßt. […] Hört man jedoch mit dem Bewundern auf und läßt seine Blicke über die Steine der Plattform wandern, wird dieses Übermaß an Begeisterung sogleich gedämpft. Alle Engländer, die sich an diesen Aufstieg heranwagten, haben natürlich ihre Namen in die Steine eingekritzelt. Spekulanten sind auf den Gedanken verfallen, der Öffentlichkeit ihre Adresse zu hinterlassen, und ein Bohnerwachshändler von der Piccadilly hat sogar auf einem ganzen Block sorgfältig die Vorzüge seiner durch das improved patent von London geschützten Erfindung eingravieren lassen. Es erübrigt sich zu sagen, daß man hier auch den heute so aus der Mode gekommenen Crédeville voleur antrifft, die Karikatur von Bouginier und andere verrückte Dinge, die unsere reisenden Künstler als Kontrast zur Monotonie der großen Denkmäler dort angebracht haben.“ (Gérard de Nerval: Reise in den Orient. Werke I. A. d. Frz. v. Anjuta Aigner-Dünnwald. München: Winkler Verlag, 1986, S. 258-261.)

Mit dem Buch, aus dem dieses lange Zitat entnommen ist, wollte sein Autor sich selbst und der literarischen Welt in Paris beweisen, dass er bei völliger geistiger Gesundheit wäre und die Wahnsinnsanfälle nur vorübergehender Natur gewesen seien. Doch nach seiner Heimkehr, auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Aufbruch, stellten sich bald erneut geistige Zusammenbrüche ein. Bei klirrender Kälte erhängte er sich in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1855 in der düsteren, heute nicht mehr existierenden Rue de la vieille Lanterne – allerdings wohl nicht an einer Laterne, wie gelegentlich zu lesen ist, sondern an einem Gitter.

Gérard de Nerval wurde heute vor 200 Jahren in Paris geboren.

Geschützt: Schwanengesang (I)

Mittwoch, 21. Mai 2008

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Vanitas

Dienstag, 20. Mai 2008

eier

Ich habe mir zeitlebens etwas darauf zugute gehalten, den scheinbar widersprüchlichsten Geistesgrößen der Vergangenheit und Gegenwart mit gleicher Aufgeschlossenheit zu begegnen. Warum sollte ich nicht Platon und Aristoteles, Hegel und Schopenhauer, Marx und Bakunin, Karl Kraus und Alfred Kerr, Thomas Mann und Theodor Lessing, André Breton und Antonin Artaud gleichermaßen mein schlichtes Herz und meinen neugierigen Geist öffnen? Mochten sie einander im Leben noch so sehr spinnefeind gewesen sein – die Nachwelt durfte es besser wissen. Und heißt es nicht auch: Gegensätze ziehen sich an?

Unter den Autoren der mir vorangehenden Generation schienen mir Jörg Schröder (Jahrgang 1938) und Walter Kempowski (Jahrgang 1929) immer ein besonders interessantes Gegensatzpaar. Beide zogen mich in ihren Bann, durch ihre obsessive literarische Produktion, durch ihre Außenseiterrolle im Literaturbetrieb, durch die vielen Feinde, die sich an ihnen verschlissen und sich dabei auf sehr unterhaltsame Weise lächerlich machten. Zu beiden hatte ich vorübergehend persönlichen Kontakt. Und zu beiden stellte ich mir vor, sie würden es mir schwer verübeln, wenn sie von meiner freundlich-aufgeschlossenen Haltung gegenüber dem jeweils anderen wüssten.

An beiden erkannte ich bald ein gerüttelt Maß Eitelkeit, jene trotzige Selbstbehauptung, die keinen Besseren neben sich dulden kann. Aber das verzieh ich ihnen gern, denn ohne diese archaische Triebkraft hätte wohl kein wirklich Großer sein Werk gegen die ach so trivialen Widerwärtigkeiten des Alltags vollbringen können. Der Zufall will es, dass jetzt diese sich scheinbar so fremden Solitäre der deutschen Nachkriegsliteratur in ihren jüngsten Werken ihre Eggheads aneinander stoßen. Ich überlasse es dem geneigten Leser zu entscheiden, welche Schale dabei bricht.

Kempowski schreibt unterm Datum vom 12. November 1991 in seinem soeben posthum veröffentlichten Tagebuch Somnia: „Wellershoff sagte, Jörg Schröder sei damals ein unglaublich geltungsbedürftiger Mensch gewesen. (Ich lese gerade wieder [Schröders Buch] Siegfried). Besaß ein Schloß und einen handzahmen Leoparden. KF [Kempowskis Sohn Karl-Friedrich] hat ihn auf der [Frankfurter Buch-]Messe mal angesprochen, da war er ganz vernünftig.“ (S. 454) – Und Schröder bechreibt in seiner eben erschienenen elften Folge der „Schwarzen Serie“ von Schröder erzählt den im vorigen Jahr verstorbenen Kempowski als einen, „den ich als radikalen Chronisten bewundere, wegen seines unbestechlichen Blicks und – kein Gegensatz! – trockenen Humors. Außerdem schätzte Kempowski Siegfried und schanzte mir 1981 für Cosmic sogar den Bertelsmann-Club-Preis zu, immerhin dreißigtausend Mark. Den Preis konnte ich nicht annehmen, obwohl wir das Geld damals gut hätten gebrauchen können. […] Um so betrüblicher fand ich, daß Walter Kempowski, der jahrelang in der Presse rauf und runter gelobt wurde, dem eine große Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste ausgerichtet wurde, dessen Werke man verfilmte – sie liefen zigmal wiederholt im Fernsehen –, dessen Verleger sogar das ökonomisch wahnwitzige Echolot-Projekt realisierte, noch immer unzufrieden war. Mit dem Sekundärmaterial zu diesem Autor kannst du vierzig Marbacher Kästen füllen, aber das war ihm alles nicht genug. Er beklagte sich bitter, weil man ihm den Büchner-Preis vorenthalten hatte. Grämlich moserte er noch wenige Wochen vor seinem Tode, daß er nicht so berühmt sei wie Grass und Walser. Ja, da hätte er eben schlechter schreiben müssen!“ (Eitelkeit auf Eitelkeit, S. 29 f.)

Na, wenn das kein beschauliches Stelldichein ist, über den Tod hinaus. Ich liebe sie beide, Walter Kempowski und Jörg Schröder. Und ich nenne diese beiden Königskinder des Trotzes und der Eitelkeit – kein Gegensatz! –, die zueinander nicht kommen konnten, mit verschmitztem Übermut in einem Atemzug: ganz Große!