Karnivoren

biene

Neulich auf der Geburtstagsparty meiner Tochter. – S., weiblich, 45 Jahre alt, kinderlos, Vegetarierin (Ausnahme: Fisch), begutachtet die Geschenke. Eine Pappdose fällt ins Auge. Inhalt: Samen für fleischfressende Pflanzen.

Aufgemacht und reingeschaut. Ein paar kleine Plastiktütchen mit Samen kommen zum Vorschein. Erst sehe ich aber gar keine Samen, bis ich ganz wenige unterstecknadelkopfgroße Körnchen entdecke.

Ausdruck meiner Enttäuschung: „Das ist aber spärlich!“ Dann, nach kurzem Bedenken: „Aber beim Menschen, wenn man ans Sperma denkt, ist es ja auch nur ein Klacks.“ Darauf S., schlagfertig wie immer: „Bei T. aber nicht.“ (T. ist ihr Ehemann.)

Darauf hätte ich, männlich, 51 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und Allesfresser (Ausnahme: Muscheln und Schnecken), nun ebenso schlagfertig antworten können: „Na, viel gebracht hat dieser Reichtum ja nicht!“ Aber ich verkneife mir solche Repliken neuerdings, seit ich bemerkt habe, dass diese Zurückhaltung meiner Kreativität zuträglich ist. Statt ein Bonmot abzusondern, das nahezu ungehört auf einer Party verpufft und bloß Zwietracht sät, lasse ich die Erinnerung an Schnappschüsse dieser Art lieber drei Tage lang gären und fixiere sie dann im Säurebad meines Journal intime.

So trägt jeder und jede zum Aussterben unserer Art bei: der eine, indem er sich was erlaubt, die andere, indem sie sich was verbietet. Die lachenden Dritten sind am Ende die fleischfressenden Pflanzen.

3 Responses to “Karnivoren”

  1. Günter Landsberger Says:

    Schon mein Vater wusste: “One drop only.” – Im Übrigen gehe man ins Stucksdorfer Moos und suche den naturgeschützten Sonnentau.

  2. Susanne Says:

    Da will ich mir die Zeit bis zum nächsten Fußballspiel ein wenig vertreiben und komme durch Zufall auf diesen Eintrag.
    Da hast Du aber einiges durcheinandergebracht, nicht wahr? Ich habe nie Samen von fleischfressenden Pflanzen geschenkt bekommen, und an den schlagfertigen Satz “Bei T. aber nicht” kann ich mich nun wirklich nicht erinnern. Als ob ich auf meiner Geburtstagsparty über T.s Sperma referiere…
    Viele Grüße
    Schwesterherz

  3. Revierflaneur Says:

    Eine Bemerkung ist kein Referat, weder der Länge nach noch was die Adressaten betrifft. Referate hält man coram publico und bittet zuvor noch um Aufmerksamkeit. Deine Bemerkung hingegen war mehr so untern Tisch gesprochen. Dein Erinnerungsvermögen vom 7. Juli 2010 zurück zum 22. Mai 2008 kann fraglos eher trügen als meins über gerade mal sechs Tage hinweg. Übrigens solltest Du aber doch lesen können: Nicht Du, sondern J. hat die Samen geschenkt bekommen. Schließlich war es ja ihr Geburtstag. Wenn es keine fleischfressenden Pflanzen waren, dann wurden sie von der Schenkenden jedenfalls als solche vorgestellt. – Und außerdem: Das ist kein Dokumentarstreifen, in dem Kleinigkeiten exakt stimmen müssen. Es geht mir mehr um die größeren Wahrheiten.

    Gruß zurück, Big Brother

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