Gizeh (I)

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Den Reisekoffer habe ich vor Jahren schon zum Blumenkasten umfunktioniert. In Istanbul war es mir viel zu heiß und in Oslo viel zu kalt. Außerdem fehlte mir meine Bibliothek, vom ersten bis zum letzten Tag jeder meiner wenigen touristischen Eskapaden. Neapel sehen und sterben? Ach was, dieses widerstrebt mir fast noch mehr als jenes, sein einziger Vorteil ist demgegenüber seine Vermeidbarkeit. Zudem spart meine anachronistische Immobilität Geld und schont die Umwelt. Auch Psalm 37 bekräftigt mich in meiner Reiseaskese: „Hoffe auf den Herrn und tue Gutes, / bleibe im Lande und nähre dich redlich.“

Das durchs Daheimbleiben gesparte Geld habe ich in den Erwerb kostbarer und köstlicher Bücher gesteckt, auch in etliche Reisebeschreibungen früherer Zeiten, als die heute üblichen heuschreckenschwarmartigen Heimsuchungen aller bekannten Sehenswürdigkeiten unseres Planeten noch nicht zur globalen Erwärmung beitrugen und Treibhauseffekte allenfalls in den Orangerien des europäischen Hochadels zu beobachten waren.

So brach Anfang des Jahres 1843 ein gewisser Gérard Labrunie, der sich seit 1831 Gérard de Nerval nannte und unter diesem Namen in die Literaturgeschichte eingegangen ist, zu einer Reise in den Orient auf. Zwei Jahre zuvor hatten sich erste Anfälle von Wahnsinn bei dem Dichter und Faust-Übersetzer bemerkbar gemacht. Von Marseille aus erreicht er über Malta Alexandria und Kairo. Bevor er sich von dort aus Mitte Mai 1843 auf den Weg nach Beirut begibt, besucht er noch die Pyramiden von Gizeh. „Je näher man herankommt, desto kleiner werden die Kolosse. Das ist ein perspektivischer Effekt, der zweifellos daher rührt, daß sie ebenso breit wie hoch sind. Erreicht man jedoch ihren Fuß, den Schatten dieser von Menschenhand geschaffenen Berge, ergreift einen Bewunderung und Schrecken zugleich. Um zur Spitze der ersten Pyramide zu gelangen, heißt es eine Treppe zu erklimmen, von deren Stufen jede ungefähr einen Meter hoch ist. […] Ich bekam vier Leute zu meiner Führung und um mir während meines Aufstiegs behilflich zu sein. Zuerst konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie ich Stufen erklimmen sollte, von denen mir allein die erste bis zur Brust reichte. Doch im Handumdrehen hatten sich zwei der Araber auf dieses gigantische Fundament geschwungen und meine Arme ergriffen. Die beiden anderen schoben mich unter den Achseln an, und alle vier sangen bei jeder Bewegung dieses Manövers im Gleichklang den mit dem alten Refrain Eleyson endenden arabischen Vers. Ich zählte auf diese Weise zweihundertundsieben Stufen, und es dauerte kaum mehr als eine Viertelstunde bis zur Plattform. […] Die Aussicht von dieser Plattform ist überwältigend, wie sich denken läßt. […] Hört man jedoch mit dem Bewundern auf und läßt seine Blicke über die Steine der Plattform wandern, wird dieses Übermaß an Begeisterung sogleich gedämpft. Alle Engländer, die sich an diesen Aufstieg heranwagten, haben natürlich ihre Namen in die Steine eingekritzelt. Spekulanten sind auf den Gedanken verfallen, der Öffentlichkeit ihre Adresse zu hinterlassen, und ein Bohnerwachshändler von der Piccadilly hat sogar auf einem ganzen Block sorgfältig die Vorzüge seiner durch das improved patent von London geschützten Erfindung eingravieren lassen. Es erübrigt sich zu sagen, daß man hier auch den heute so aus der Mode gekommenen Crédeville voleur antrifft, die Karikatur von Bouginier und andere verrückte Dinge, die unsere reisenden Künstler als Kontrast zur Monotonie der großen Denkmäler dort angebracht haben.“ (Gérard de Nerval: Reise in den Orient. Werke I. A. d. Frz. v. Anjuta Aigner-Dünnwald. München: Winkler Verlag, 1986, S. 258-261.)

Mit dem Buch, aus dem dieses lange Zitat entnommen ist, wollte sein Autor sich selbst und der literarischen Welt in Paris beweisen, dass er bei völliger geistiger Gesundheit wäre und die Wahnsinnsanfälle nur vorübergehender Natur gewesen seien. Doch nach seiner Heimkehr, auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Aufbruch, stellten sich bald erneut geistige Zusammenbrüche ein. Bei klirrender Kälte erhängte er sich in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1855 in der düsteren, heute nicht mehr existierenden Rue de la vieille Lanterne – allerdings wohl nicht an einer Laterne, wie gelegentlich zu lesen ist, sondern an einem Gitter.

Gérard de Nerval wurde heute vor 200 Jahren in Paris geboren.

3 Responses to “Gizeh (I)”

  1. Günter Landsberger Says:

    Nerval war auch einer der ersten im Ausland, der produktiv auf Jean Pauls “Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott mehr sei” reagierte. Er schuf den Sonettenzyklus “Les Chimeres” (mit accent grave!), der sich etwa zur Hälfte anteilig damit beschäftigt. Sein letztes Werk “Aurelia” (ein E.T.A. Hoffmannscher Name) fand seinerzeit zweisprachig Eingang in die Exempla Classica – TB-Reihe der Fischer Bücherei. “Der Traum ist ein zweites Leben.”, heißt der erste Satz. Von der “elfenbeinernen Pforte”, durch die man im Traum hindurchgehe, ist da auch gleich die Rede.

  2. Revierflaneur » Blog Archiv » Sonntag, 25. Mai 2008: Gizeh IV Says:

    […] Braithwaite fährt fort: „Ein Moment perfekt ins Ziel gelenkter Ironie. Und ein modernistischer Moment: Wie hier das Alltägliche ins Erhabene hineinpfuscht, ist doch die Art von Wechselspiel, die wir als typisch für unser abgebrühtes, nicht übers Ohr zu hauendes Zeitalter beanspruchen. Wir danken Flaubert, daß er das aufgegriffen hat; die Ironie existierte gewissermaßen erst dann, als er sie wahrnahm. Andere Besucher hätten in der Geschäftskarte vielleicht nur ein Stück Abfall gesehen – sie hätte jahrelang dort bleiben können, die Stecknadeln wären langsam vor sich hin gerostet; aber Flaubert verlieh ihr eine Funktion.“ (Ebd., S. 97 f.) – In einem Punkt irren Braithwaite resp. Barnes. Es gab zuvor mindestens einen „anderen Besucher“, sensibel genug für die Empfindung, dass an diesem erhabenen Ort Werbung für Bohnerwachs und fürs Bohnern zu treiben einem Akt kaum noch zu überbietender Profanierung gleichkommt. Sein Name: Gérard de Nerval. […]

  3. Revierflaneur » Blog Archiv » Sonntag, 1. Juni 2008: Gizeh VI Says:

    […] Linie um ein paar relativ neue Kritzeleien im alten Ägypten und den Niederschlag, den sie bei Gerard de Nérval, Gustave Flaubert und Victor Hugo (und vielleicht auch bei Vladimir Nabokov) gefunden haben, […]

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