Übermorgen in einem Jahr, am 23. Mai 2009, wählt die Bundesversammlung zum 13. Mal den Bundespräsidenten für die dann folgende fünfjährige Amtszeit bis 2014. Die Wahl ist geregelt nach dem Artikel 54 des Grundgesetzes, wonach jeder und jede Deutsche mit Wahlrecht für den Bundestag wählbar ist, soweit er oder sie das 40. Lebensjahr vollendet hat. Eine Parteizugehörigkeit ist also ebensowenig Voraussetzung für dieses hohe Amt wie das Geschlecht, wenngleich bisher alle neun Bundespräsidentinnen Männer waren und Mitglieder der großen Parteien. Parteilose Ohneglieder kamen nicht vor. Rein theoretisch könnten also ich und Du, soweit wir vor dem 23. Mai 1969 das Licht der bundesrepublikanischen Verfassungswirklichkeit erblickt haben, Bundespräsident bzw. Bundespräsidentin der Bundesrepublik Deutschland werden und mietfrei für mindestens fünf Jahre im Schloss Bellevue in Berlin wohnen, so komisch das klingt.
Wenn wir unsere Sache gut machten, könnten wir sogar anschließend mit Zustimmung der Bundesversammlung noch mal für die gleiche Zeit in die Verlängerung gehen. Definitiv Schluss wäre gemäß Absatz 2 des Artikels 54 dann allerdings am 1. Juli 2019. Bisher haben es aber nur drei Präsidenten – Theodor Heuss (F. D. P.), Heinrich Lübke und Richard von Weizsäcker (beide CDU) – auf die zehn Jahre verdoppelter Präsidentschaft gebracht. Das Durchschnittsalter der durch die Bank männlichen Präsidentinnen in den vergangenen sechs Jahrzehnten betrug beim Amtsantritt übrigens gut 63 Jahre. Für das höchste Staatsamt gelten also seit alters her offenbar ganz andere Qualifikationsmerkmale als für die gemeine Berufstätigkeit in der freien Wirtschaft, in der man heutzutage ab fünfzig Lebensjahren aufwärts nach dem unverschuldeten Verlust des Arbeitsplatzes kaum noch eine Chance auf Neueinstellung hat. Das klingt auch komisch, besonders dann, wenn man sich die alte Pardon-Schallplatte mit den Reden des Präsidenten Lübke aus seiner zweiten Amtszeit noch mal anhört.
Da muss man sich doch notgedrungen fragen, ob die vielen Väter und wenigen Mütter des Grundgesetzes nicht besser ein Höchst- als ein Mindestalter hätten festlegen sollen. „Sie können sich denken, dass ich lange nicht mehr in der Schule war. Ich meine, das geistige Niveau ist natürlich gleichermaßen gesunken.“ Wie überaus altersweise, Herr Lübke! Tja, alles geht den Bach runter, die Jugend von heute – und der eigene Verstand. Die Altersmindestmarke laut Grundgesetz schützt uns jedenfalls nicht vor einem heimlichen, unabwählbaren, den Proporz wahrenden Alzheimer auf dem Präsidentenstuhl. Das kann ja heiter werden für die Kabarettisten und Komiker deutscher Nation.
Als flanierender Magier ist es ja eine meiner leichtesten Übungen, das eine oder andere Karnickel aus meinem Zylinder zu zaubern, wenn mir danach ist – und erst recht, wenn mein Magen knurrt. Die SPD aber, der in der letzten Zeit weitaus billigere Taschenspielertricks missglückt sind, verblüfft uns nun damit, dass sie eine Schwan (zufällig gerade morgen wird sie 65 und tritt damit ins Rentenalter) aus dem Schlapphut zieht. Die blanke Not und der Hunger auf Macht machen erfinderisch. Wer hätte das gedacht in diesem großen Koalitionsallerlei, dass da in diesem kleinen Töpfchen auf der hinteren Kochplatte noch mal etwas Pfeffer an die fade Suppe kommt? Und nun brandet lautstarke Empörung auf aus den Reihen des Koalitionspartners CDU. „Was denn? Ein Gegenkandidat? Gar eine Gegenkandidatin? Die hatten wir doch schon, diese Gesine. Was soll das denn für eine Wahl werden, wenn tatsächlich eine mögliche Alternative zur Wahl steht? Das ist doch die schiere, blanke, unverfrorene Provokation.“ – Naja, wollen wir den Ball mal flach halten. Wenn ich der Presse entnehme, dass es im konservativen politischen Lager angeblich „Stürme der Empörung“ gibt, dann kippe ich mein stilles Wasserglas auf ex und bringe dazu den Trinkspruch aus: „Lachen ist die erste Bürgerpflicht!“
Wer Präsident wird oder Präsidentin, das ist für mich und den Rest der Welt, wie wir im Revier sagen, Schiskojenno. Dass aber nun die staatstragende CDU Entrüstung mimt, weil ihr konkurrierender Koalitionspartner nicht weniger findig ist als sie, selbst beim Missbrauch eines hohlen, aber wohlklingenden Attrappenamtes wie der Bundespräsidentschaft – das ist mindestens so komisch wie traurig – wenn man ’s recht bedenkt. Und mehr als dieser Schwanengesang auf die Ideale der Demokratie, wie sie 1947 ersehnt und erdacht und zu Papier gebracht wurden, will mir zu dieser Posse beim besten Willen nicht einfallen. Papier ist geduldig, die Balken biegen sich – und das Leben geht weiter.
[Das Titelbild zu diesem Beitrag habe ich aus Tomi Ungerers genialem Bilderbuch Der Hut geklaut. Ich bin mir sicher, er wird mich deshalb nicht vor den Richter ziehen. Ungerer – das wäre doch ein würdiger Bundespräsident. Wenngleich – zu alt?]
Die letzte Bundespräsidentenwahl ging doch recht knapp aus. Seien wir also naiv und tun einfach so, als hätte die nächste Wahl 2009 schon im Vorfeld ganz ohne Parteiengezänk und Machtspiele auskommen können.
Was wäre gewesen, wenn unser Bundespräsident Horst Köhler vor allem Hin und Her gesagt hätte, das letzte Mal habe er knapp gewonnen, nun lasse er der knapp Unterlegenen den Vortritt? Er wäre allem zuvorgekommen und hätte den jetzt Streitenden allen Wind aus den Segeln genommen. (Ich sag das auch als Generationsgenosse der beiden.)
Lieber Günter, wovon träumst Du denn? Die Vision eines einlenkenden, verzichtenden Köhler ist angesichts der Machtspiele in unserer auf den Hund kommenden Demokratie leider reiner Köhlerglaube. Würde mich nicht mein Pyramiden-Thema zurzeit mehr beschäftigen als die Rankünen zwischen den koalierenden Parteien, dann hätte ich bereits heute einen weiteren Beitrag zur Bundespräsidentschafts-Wahl veröffentlicht, deren traurige Heldin Gloria von Thurn und Taxis ist. – Auflösung folgt!
Hatte ich nicht geschrieben:
“Seien wir also naiv und tun einfach so, …”?
Das “Einlenken” hätte vorher, vor allem Gezerre, es souverän überspielend, stattfinden müssen und wäre nur dann ein präsidiales Lenken gewesen. Jetzt ist natürlich (?) nicht mehr daran zu denken.
Na, mit dem Einlenken haben es ja wohl die wenigsten Politiker.
Immerhin, wenn der amtierende Präsident noch eine zweite Amtszeit im Amte bliebe, sparte die Öffentlichkeit sogar etwas Geld. Für sein Ruhegehalt (wie im Falle Scheels, von Weizsäckers und Herzogs) müsste man noch nicht aufkommen, das ja zusätzlich fällig wäre zum Entgelt für die dann neue Präsidentin. Ob dieses Argument von sparwilligen Politikern welcher Parteien auch immer nicht noch ins Feld geführt werden wird?